„Wir müssen die Migration neu und nachhaltig gestalten“

Stuart Isett/Fortune
Stuart Isett/Fortune

Interview mit dem indischen Buchautor Parag Khanna

Migration ist ein großes Menschheitsthema. In Zukunft werden viel mehr Menschen unterwegs sein, ist der indische Politikwissenschaftler Parag Khanna überzeugt. Im Interview spricht er über die globale Klimakrise, demografische Schieflagen und seine Vision einer „Zivilisation 3.0“: dass Mobilität und Solidarität mehr zählen als Nationalität.

 

Parag Khanna ist Autor des Buches „Move: Das Zeitalter der Migration“, Rowohlt 2021

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: In Ihrem Buch weisen Sie darauf hin, dass die Migration in Zukunft ein entscheidendes Thema für die Menschheit sein wird. Können Sie etwas zu den globalen Trends sagen?

Khanna: Ich spreche von fünf großen Kräften, die die menschliche Mobilität in der Vergangenheit angetrieben haben und dies auch in Zukunft tun werden: Klimawandel, das demografische Ungleichgewicht, politische Instabilität, wirtschaftliche Umbrüche und die Technologie.

Alle diese Kräfte sind heute wichtiger denn je, aber aus ethischer Sicht möchte ich mich auf die Demografie und den Klimawandel konzentrieren. Noch nie gab es ein größeres Ungleichgewicht zwischen alten und jungen Menschen auf der Welt. Die alten Menschen leben in Nordamerika, Europa, Japan und Russland, die jungen Menschen in Afrika, der arabischen Welt und Asien.

Die Orte, die am meisten vom Klimawandel betroffen sein werden, sind die Orte, an denen die jungen Menschen leben. Und an den Orten, die lebenswerter werden oder stabil bleiben, leben vor allem die alten Menschen. Dies ist die größte geografische Fehlentwicklung und die größte ethische Herausforderung, vor der wir weltweit stehen.

Die jungen Menschen sind die Zukunft, aber sie befinden sich an den falschen Orten. Die ethische Initiative muss daher meiner Meinung nach darin bestehen, jungen Menschen zu ermöglichen, an lebenswerte Orte zu leben. Auf diese Weise würden wir eine neue menschliche Geografie gestalten.

Diese Aussicht weckt viele Ängste in den reicheren, nördlichen Ländern. Was glauben Sie, wie diese Länder auf eine solche Dynamik reagieren könnten?

Khanna: Das erste Szenario, das ich sehe, heißt „regionale Festungen“. Es ist der Status quo, also die derzeitige Situation: ohne eine hohe Zahl von Migranten. Die Investitionen in die Nachhaltigkeit konzentrieren sich geografisch weitgehend auf Nordamerika, Europa und Ostasien.

Ein weiteres Szenario wäre das „neue Mittelalter“. Hier sind die Investitionen in die Nachhaltigkeit lokal begrenzt und die Migration ist gering. Wir ziehen uns auf das lokale Überleben zurück.

Wenn dann noch internationale Instabilität, Kriege und Ressourcenkonflikte hinzukommen, entsteht das dritte Szenario der „Barbaren vor den Toren“. Denn wenn es für Afrikanerinnen und Afrikaner nicht mehr möglich ist, in ihrer Heimat zu überleben, wird der Migrationsdruck unweigerlich zunehmen.

Das vierte und einzige positive Szenario nenne ich „die Nordlichter”. Darin würden wir eine schrittweise Umsiedlung der Weltbevölkerung nach zwei Prinzipien vornehmen: Mobilität und Nachhaltigkeit. Es wäre eine Welt, in der die Menschen dorthin ziehen können, wo sie gebraucht werden und wo sie gut leben können.

Wenn wir die Migration nicht mobiler und nachhaltiger gestalten würden, gäbe es eine Gegenreaktion, weil die Menschen befürchten, dass die Einwanderung ihre wertvollen natürlichen Ressourcen zerstört. Wir müssen also Wohnraum und Infrastruktur so gestalten, dass die Menschen in mobilen Unterkünften leben und sich ökologisch selbst versorgen, indem sie beispielsweise Aquaponik, Landwirtschaft und Solarenergie nutzen.

„Wir müssen die Migration auf lokalen Ebenen organisieren“.

Wie stellen Sie sich die Infrastruktur vor, mit der mehr Menschen auf nachhaltige Weise an einem Ort zusammenleben können?

Khanna: Technologische Innovationen wie Solarenergie oder hydroponische Landwirtschaft sind der beste Weg, um sicherzustellen, dass die Umwelt nicht geschädigt wird, auch wenn Millionen von Menschen auf engerem Raum zusammenleben.

Und ich denke, es geht auch um eine neue Aufteilung der Lebensräume. In Europa und Russland gibt es zig Millionen Quadratkilometer ungenutzter Fläche. Es gibt auf der Welt 150 Millionen Quadratkilometer Land, auf denen wir leben könnten.

Das Problem ist die Verteilung, und das ist eine wirtschaftliche Frage, eine Frage der Planung und der Politik. Und natürlich ist es auch eine ethische Frage: Wer verdient es, wo zu wohnen? Wie viele Menschen können wo untergebracht werden?

Wie können Länder wie Deutschland oder Europa als Kontinent dieses Szenario wahrscheinlicher machen? Oder ist das nur durch eine globale Anstrengung möglich?

Khanna: Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich glaube nicht, dass es jemals eine globale Anstrengung geben wird. Wir leben in einer Welt souveräner Nationalstaaten, und diese werden niemals eine fremde Kontrolle ihrer Einwanderungspolitik zulassen. Wir müssen uns auf lokale Lösungen konzentrieren, eine nach der anderen.

Deutschland hat 2015 zwei Millionen Syrer und Iraker aufgenommen, das ist ein Beispiel dafür, wie dies Schritt für Schritt geschehen kann. Und es wird geografische Kooperationen geben, Länderpaare, die in größerem Umfang miteinander migrieren, wie Afrikaner in Frankreich, Inder in Russland, Latinos in Amerika. In Kanada zum Beispiel wächst die Zahl der Migranten jedes Jahr um 400.000 Menschen.

Die Bevölkerung Europas nimmt ab. Europa hat einen Mangel an Arbeitskräften. Die meisten Afrikaner, Araber und Asiaten, die nach Europa kommen, können in die Wirtschaft, in die Politik und in die Systeme integriert werden, und zwar auf eine Art und Weise, die zwar kulturell schwierig, aber wirtschaftlich notwendig ist.

Das ist, was ich in Europa gerne sehen würde. Und es geschieht weltweit in dem Sinne, dass die Länder global um junge Talente konkurrieren. Sie brauchen junge Menschen; die Frage ist, ob sie diese jungen Menschen auf eine Weise aufnehmen können, die politisch machbar und wirtschaftlich vorteilhaft ist.

Deutschland hat es geschafft, das ist nicht hypothetisch. Ich möchte, dass andere Länder von Deutschland und Kanada lernen, sie sind echte Vorbilder.

Menschen dort aufnehmen, wo sie gebraucht werden und leben möchten.

Das bedeutet, dass die Menschheit viel mobiler sein wird. Sehen Sie auch, dass wir die Mobilität in der Zukunft anders organisieren müssen?

Khanna: Ja, wir brauchen einen weniger bürokratischen Ansatz für die Mobilität. Wir haben die Migration bürokratisiert. Und ich glaube, dass wir das viel weniger tun sollten.

Wie können wir das erreichen? Ich denke, in erster Linie durch Technologie, wenn wir es den Menschen leichter machen, ihre Identität nachzuweisen und zu zeigen, was sie studiert haben und welche Art von Arbeit sie ausüben.

Aber wir sollten nicht mit bestimmten Zielgrößen arbeiten, denn immer wenn man eine Zahl nennt, wird sie politisch. Haben wir die Quote erfüllt? Es sollte nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben organisiert werden.

Wir nehmen die Menschen dort auf, wo sie gebraucht werden und wo sie leben möchten. Dabei leiten uns wirtschaftliche, soziale, ethische und humanitäre Gründe und Fragen der Klimagerechtigkeit.

Aber die Durchführung muss gut organisiert werden, sie muss reibungslos und effizient sein. Deutschland und die Schweiz waren erfolgreich, weil sie die Migration auf effiziente Weise gestalten konnten.

Es war auch zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Vorteil, erfolgreich, wenn auch nicht schmerzfrei. Das ist wichtig, denn man wird keine Unterstützung für ein moralisches Ziel erreichen, wenn man es nicht auf eine Art und Weise umsetzt, die die gesellschaftliche Stabilität aufrechterhält.

Unsere Verbindung zu einem Ort und zum Land, wo wir leben, ist auch eine Quelle der Zugehörigkeit und Identität. Manche Menschen fühlen sich durch die Globalisierung entfremdet. Wie sehen Sie dieses Gefühl der Zugehörigkeit in einer Welt, die so mobil und dynamisch ist?

Khanna: Ich glaube, dass die Entfremdung der Menschen vom Land einfach durch die Urbanisierung entstanden ist. Aber der Sinn für den Ort ist nicht verschwunden. Land und Ort sind zwei verschiedene Dinge.

Aufgrund des Klimawandels werden wir das Land wegen der chaotischen Umwelt mehr zu schätzen wissen. Es gibt eine Bewegung von Menschen, die an Orten leben wollen, wo das Land fruchtbar ist, und die Landwirtschaft wird wieder wertvoller. Ich denke also, dass unsere Wertschätzung für das Land wieder zunehmen wird.

Es geht darum, den Wert der Mobilität und Solidarität über den Wert der Nationalität zu stellen.

Sie sagen, dass dieser ganze Prozess zu einer neuen Art von Zivilisation führen könnte. Welche Art von Bewusstsein ist für diesen Wandel zu einer kosmopolitischen Zivilisation, wie Sie es nennen, erforderlich?

Khanna: Für mich geht es darum, die Werte der Mobilität und der Solidarität über den Wert der Nationalität zu stellen. Die jungen Generationen im Westen bewegen sich mehr in Richtung dieser Werte.

Zumindest einige von ihnen sehen sich eher als Weltbürger oder sogar als globale Nomaden. Junge Menschen haben ein größeres Bewusstsein für globale Verantwortung und einen stärkeren Sinn für Solidarität.

Viele Umfragen zeigen, dass junge Menschen an die Grundsätze der Nachhaltigkeit, der Vernetzung und der Mobilität glauben. Wir müssen diesen Wertewandel unterstützen und diese neuen Werte nutzen, um die allgemeine Situation der Menschen zu verbessern. Ich hoffe, dass auf diese Weise durch die aktuellen Krisen eine neue Mentalität, ein neues Bewusstsein entsteht.

Wie sehen Sie die Szenarien, die Sie beschreiben, vor dem Hintergrund des jüngsten Krieges in der Ukraine, der damit einhergehenden geopolitischen Veränderungen und der daraus resultierenden Flüchtlingssituation?

Khanna: Der plötzliche Exodus von Flüchtlingen aus der Ukraine erinnert uns daran, dass es viele tiefgreifende und gleichzeitige Ursachen für die Umsiedlung von Menschen in großem Maßstab gibt, darunter Konflikte und der Klimawandel.

Selten, wenn überhaupt, gab es mehr als eine Million Flüchtlinge, die gleichzeitig aus einem halben Dutzend Konfliktsituationen – von Venezuela über die Ukraine und Syrien bis Afghanistan – vertrieben wurden.

Viele Ukrainer werden vielleicht irgendwann zurückkehren, aber es gibt eine ethische Verpflichtung, sie in der Zwischenzeit zu versorgen, wie es viele europäische Länder aus Mitgefühl tun.

Parag Khanna, geboren 1977 in Kanpur (Indien), ist Politikwissenschaftler, Strategieberater und Publizist. Er arbeitete u.a. für den Council on Foreign Relations, das Weltwirtschaftsforum und als außenpolitischer Berater der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama. Khanna ist CNN-Experte für Globalisierung und Geopolitik. Regelmäßig veröffentlicht er Artikel in der «New York Times», der «Washington Post»  u.a.. 2019 erschien sein Buch “Unsere asiatische Zukunft” und 2021 “Move – Das Zeitalter der Migration”, beide Spiegel-Bestseller.

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Warchi/ iStock

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Ein hoch interessanter Ansatz, der eine ehte Win-Win-Situation im Blick hat – vielleicht die einzig mögliche. Er zeigt aber auch, was für unglaubliche Veränderungen vor uns liegen. Insbesondere wir “Alten” müssen bereit sein, uns von der Offenheit der jungen Menschen anstecken zu lassen und mitfühlend genug sein, um auch nächsten Generationen ein gutes Leben auf dieser Erde zu ermöglichen. Parag Khannas Erkenntnisse und Ideen verdienen noch viel größere Verbreitung.