Ein Buch für alle, die etwas ändern wollen

Jede Handlung zählt, wenn wir Gesellschaft verändern wollen, ist Cyril Dion, ein französischer Aktivist und Schriftsteller überzeugt. In seinem Buch erklärt er, wie lokale Initiativen große Veränderungen bewirken können, was jeder Einzelne gegen Ohnmacht und Trägheit tun kann und wie man starke Gemeinschaften baut.

Ein Buch, das hält, was es im Titel vollmundig verspricht. Ungewöhnlich und berührend, wie uns der Autor Cyril Dion, ein französischer Aktivist, Schriftsteller und Regisseur (“Tomorrow”), bei Selbstverständlichem abholt. Dann führt er uns durch kluge Gedanken zu Umweltschutz und sozialer Kooperation, um uns am Ende an unsere Verantwortung zu erinnern. Das alles auf 160 voll gepackten Seiten.

Sein Anliegen beschreibt er so: „In diesem Buch habe ich versucht, die besten Strategien zusammenzustellen, mit denen wir Widerstand leisten können. Nach zwei Jahren Recherche, Lektüre und Begegnungen in über 18 Ländern habe ich rückblickend festgestellt, dass die wirksamsten Strategien nicht unbedingt diejenigen sind, an die wir vielleicht im ersten Moment denken. Demonstrieren, Petitionen unterzeichnen, lokal handeln, anders konsumieren, spenden, sich für etwas einsetzen, Orte besetzen, Dinge boykottieren.

All diese Vorschläge finden wir in unzähligen Werken, Artikeln, Sendungen und sozialen Netzwerken, doch sie sind nutzlos oder nahezu nutzlos, solange sie nur isoliert vom Einzelnen umgesetzt werden. Meiner Ansicht nach geht es nicht darum zu den Waffen zu greifen, sondern wir müssen unsere Art, wie wir die Welt betrachten, verändern. Seit jeher waren es vor allem die Geschichten, die Narrative, die philosophische, ethische oder politische Veränderungen bewirkt haben.“

Das Buch beginnt mit einem Narrativ und endet damit: Wir alle sind Akteure in einer Welt, die entweder aggressiv, ausbeuterisch und inhuman funktioniert oder kooperativ, im Einklang mit unseren Mitkreaturen und friedlich. Eine Welt, die unser Leben liebkost, erfüllt, uns lachen und lieben lässt.

Wer jetzt meint, das wäre trivial, ist auf dem Holzweg. Es geht dem Autor um was! Nicht die Erde wird untergehen, die lacht über die Krankheit homo sapiens. Wir Menschen haben die Macht, uns selbst und viele andere Arten auszulöschen. Und tun es bereits! Jede Minute sterben Lebewesen, die wir noch gar nicht kennen. Das alles aus reiner Unkenntnis und Hybris.

Viele Ursachen sind bekannt, und das skizziert Cyril Dion in “Eine kurze Anleitung zur Rettung der Erde”. Das Argument, es wäre doch schon zu spät, zählt bei ihm nicht. Es ist eine Ausrede, bestenfalls eine Hypothese. Denn: Wir wissen es nicht, können es nicht wissen. Und deswegen stehen wir in der Verantwortung, klug und besonnen zu handeln und laut und heftig gegen falsche Entwicklungen, Gesetze und Umweltfrevel zu protestieren. Wobei das alles allein nicht reicht, wie oben aus dem Zitat des Vorworts hervorgeht.

Eine Gegenkultur schaffen

Wichtig ist: In unserem täglichen Handeln sollten wir Vorbilder sein. Wir dürfen Gegengeschichten zum Mainstream-Lamento “Ich einzelner kann doch nichts tun!” erzählen. Wir dürfen die falschen Produkte im Kaufhausregal stehen lassen, unserem Nachbarn helfen, statt nach einem weiten Flug am Strand von wer weiß wo unseren üblichen Egoismen zu frönen.

Das ist alles kein Muss! Wer Erholung braucht, kann es sich in der Sonne gut gehen lassen. Aber eben nicht nur! Und jeder findet seinen eigenen Weg: Der eine protestiert, der andere schützt die Natur, ein dritter kümmert sich um Hilfsbedürftige. Und das alles kann Spaß machen, erfüllt und nährt die Seele. Das Wichtigste an all diesen Aktionen ist das Zusammenarbeiten, das Sich-inspirieren, eine Gegenkultur zu schaffen, die auffällt und weitergetragen wird.

Bereits der Blick ins Inhaltsverzeichnis – hier nur einige markante Punkte – verrät wohin die Reise geht, die Cyril für erfolgversprechend hält: Jede Handlung zählt, Eine neue Geschichte schreiben, um den Lauf der Geschichte zu verändern, Was die aktuelle Fiktion aufrecht erhält, Wie man neue Fiktionen entwickelt.

Auch setzt sich Cyril mit unseren Widerständen auseinander, eine neue Geschichte zu erzählen. Klug sieht er, dass es die Rahmenbedingungen sind, die Alltäglichkeiten, die wir unhinterfragt wiederholen; drei davon sind: die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, die Gesetze und die Algorithmen, die uns immer wieder nur das auf unserem Computer anbieten, was wir in der Vergangenheit gewählt haben, die also nur das bestätigen, was sowieso unsere Routine ist.

Und diese Bedingungen verstärken sich gegenseitig, sie halten uns im Gewohnten. Da ist ein Gegenangehen ziemlich anstrengend. Und genau das ist erforderlich, wenn man nicht mit dem Strom schwimmen, wenn man dem Verordneten trotzen möchte. Wer verordnet hier eigentlich wem? Wie gut sind die Entscheidungen, die wir ausgelagert haben? Sollten wir dafür nicht selbst die Verantwortung übernehmen?

Starke Gemeinschaften bauen

Und noch mal Cyril: „Zusammenzuarbeiten bedeutet nicht, abzuwarten, bis sich alle einig sind. Vielmehr muss jeder seinen Teil dazu beitragen, diese neue Fiktion zu gestalten: indem wir z.B. unsere Lebensweise verändern, unsere berufliche Tätigkeit neu ausrichten, indem wir eine starke Gemeinschaft um uns herum aufbauen helfen, indem wir uns politisch einmischen, indem wir kommunizieren und informieren, erfinden, neugestalten.

Wir können unsere Energie nur aus unserem Enthusiasmus schöpfen, aus unserer Fähigkeit, die richtige Person am richtigen Ort zu sein, unsere Talente zu entfalten und das zu tun, wofür wir uns begeistern und was uns dazu antreibt, jeden Morgen wieder aufzustehen.

Einfluss auf uns und unsere nahe Umgebung auszuüben, ist kein Selbstzweck, sondern der Auftakt zu größeren Vorhaben. Jeder Tag ist ein kleiner Kampf, den es zu führen gilt, aber auch die Chance, eine neue Wirklichkeit zu gestalten. Fangen wir noch heute damit an.“

“Eine kurze Anleitung zur Rettung der Erde” ist schnell gelesen und verstanden, aber zur Umsetzung braucht es jeden. Und das ist kein Pappenstil sondern bedarf des Durchhaltevermögens. Ich wünsche uns allen viel Erfolg!

Anja Oeck

Cyril Dion:Kurze Anleitung zur Rettung der Erde. Reclam, Philipp, jun. 2019