Foto: Archiv Victor van Kooten
Foto: Archiv Victor van Kooten
Angela Farmer und Victor van Kooten

Work-in statt Work-out

Reportage: „Kreatives Yoga“ für Schullehrer

Die Yoga-Koryphäen Victor van Kooten und Angela Farmer aus den USA, berühmt als ehemalige Iygengar-Schüler, waren zu Gast im Achtsamkeitszentrum Osterloh. Sie unterrichteten ein kreatives Yoga für Schullehrer.

Die Meditationshalle im idyllisch gelegenen Haus der Achtsamkeit in Osterloh, das nahe Traunstein liegt, atmet Licht und Wärme. Die Yoga-Lehrer Angela Farmer und Victor van Kooten leiten die Teilnehmer zu Paarübungen an, die den Körper sanft öffnen und die Energien wieder fließen lassen.

Die grazile, hochgewachsene Angela Farmer, eine Grande Dame, weit über siebzig Jahre, ist eine Alterschönheit. Wenn sie mit ihren langen Armen wellenartig die Flügelbewegungen eines Vogels nachahmt, sind die Zuschauer von ihren eleganten Bewegungen fasziniert und bezaubert. „Spürt, wo tiefe Anspannungen in euren Schultern sitzen“, so Farmer. „Wenn der Schmerz durch eine bestimmte Person verursacht wurde, dann werft diese ab und fühlt euch frei.“

Die Leiterin des Hauses in Osterloh, Maria Kluge, selbst Yoga- und Achtsamkeitslehrerin, ist begeistert von der unkonventionellen und einfühlsamen Art, wie das Ehepaar ein neuartiges, inneres Yoga vermittelt. Sie möchte dies aus ihrem Mitgefühl heraus besonders Lehrern und Schulkindern nahebringen. Oftmals lädt sie ganze Schulklassen auf ihren Hof ein und regt die Kinder u. a. bei vegetarischem Essen am runden blumengedeckten Tisch zu Achtsamkeitsübungen an. Ihre Vision:„Ich möchte Yoga in Schulklassen einführen und den Schülern durch Achtsamkeit in Bewegung mehr Raum und Sicherheit vermitteln.“

Die beiden gefragten Reiseyogalehrer Angela & Victor, die ihren festen Wohnsitz auf der griechischen Insel Lesbos haben, hat Maria Kluge schon das dritte Mal engagiert. „Lasst uns in diesem Jahr Teilnehmer einladen, die es wirklich brauchen“, regte sie an. So lud sie rund 40 Lehrerinnen und Lehrer zu diesem Spezial-Yogaunterricht ein.

Aus den USA bzw. den Staaten Baltimore, Charlottsville und New York reisten 18 Lehrerinnen und Lehrer auf Anregung der jeweiligen Schuldirektoren zu dem fünftägigen Weiterbildungskurs „Kreatives Yoga“ im Juli an. Die anderen Teilnehmer kamen aus der Gegend um Traunstein, teils Yoga-Lehrer in Kindergärten, teils Hebammen aus Maria Kluges Kursen.

Wenn Schüler mit Fußfesseln in die Schule kommen

Chris Scholz, Werklehrer an der Patterson High-School in Baltimore-Marryland, kam ebenfalls nach Osterloh. Er unterrichtet zum Teil kriminelle Schüler, die mit elektronischen Fußfesseln zur Schule kommen. „Wenn sie stören, schicken wir sie in den Achtsamkeitsraum“, so Scholz. „Dort leiten wir leichte Yoga- und Atemübungen der Baltimore Boys von der Holistic Foundation an, die alle Lehrer an unserer Schule unterrichtet haben.“

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Chris Scholz, Lehrer aus den USA

Von ursprünglich 23 Schülern aus dieser Problemklasse waren am Ende nur 14 übrig, „aber denen hat es gut getan“. Anfangs war Chris Scholz von dem Mindful-Programm etwas überfordert, das die Lehrer der High School aufgedrückt bekamen. Einmal dachte er auch für sich: Der Dirktor hat es leicht. Er schließt die Tür und ist achtsam. „Viele Lehrer leben doch in einer heilen Welt“, so sein Kommentar. Doch am Ende haben ihn die Achtsamkeitsübungen nicht nur in der Schule unterstützt.

„Ich profitiere jetzt auch privat davon und gewinne bei Konflikten schneller Abstand als früher.“ Nun ist er glücklich, bei der Weiterbildung in Osterloh mit dabei zu sein. Er möchte viele Anregungen mit nach Hause nehmen, um den heftigen Gewalttaten an seiner Schule wirksamer begegnen zu können.

„In der Erziehung erlauben wir uns meistens nicht, zu fühlen.“

In ihren Kursen unterrichtet Angela normalerweise viele Yoga-Lehrer und keine Anfänger, so wie hier in Osterloh. „Häufig sind Lehrer nicht sehr freundlich, aber die Lehrer in dieser Gruppe lieben ihre Kinder“, findet sie. Bereits 1968 führte die gebürtige Engländerin Yoga erfolgreich an Londoner Schulen ein.

„Die Kinder waren begeistert, der Direktor auch, aber die Lehrer konnten mit Yoga damals nichts anfangen“, erzählt Angela. In Osterloh will Angela den Lehrerinnen und Lehrern helfen, in einen inneren Dialog mit Körper zu kommen und ruhig zu werden, so dass sie sich wieder fühlen können.

„In der Erziehung erlauben wir uns meistens nicht, zu fühlen.“ Typische Übungen, auch für Schulkinder: Was fühlst du, wenn du am Boden wie eine Schlange kriechst? Fange an, die Elemente zu spüren! Wenn Lehrer innere Schmerzen haben, wollen sie oft noch härter arbeiten. Dann ermutigt Angela, zu suchen, wo der Schmerz sitzt und damit zu bleiben! „Wenn Kinder Schmerz haben, was machst du da?“ fragt sie die Pädagogen. „Du gehst zu dem Kind und bleibst bei ihm und seinem Schmerz.“

Mittags bleibt ein wenig Zeit, um mit den beiden Yoga-Koryphäen Angela & Victor über ihr Leben zu sprechen. Beide glauben, dass Yoga ist ein kinetischer Prozess ist, der jede einzelne lebende Zelle bewegt. Sie ermutigen ihre Schüler, die eigene innere Energie zu erforschen und nach innen zu hören, um sie für tiefe Gefühle und die eigene Vitalität zu öffnen.

Frei werden von der rigiden Yogawelt

Angela Farmer unterrichtet Yoga nunmehr seit mehr als 35 Jahren. Wie ihr Mann Victor studierte sie bei dem legendären Yogameister B. K. S Iyengar in Indien über einen Zeitraum von zehn Jahren. Sie unternahm mehrere Reisen nach Indien, wo sie tiefe persönliche Transformationen durch Heilpraxis mit Indianern, Yogis und Heiligen erlebt hatte. Instinktiv entwickelte sie einen Bewegungsprozess dank einer inneren, mehr psychologischen Yoga-Praxis.

„Ich wollte frei werden von der herkömmlichen Yogawelt und einen Anfängergeist kultivieren“, begründet sie. Sie will heute keine Körpergrenzen mehr durchbrechen, sondern Yoga öffnen für alle Menschen. Den autoritären Unterrichtsstil von Altmeister Iyengar empfand sie meist als militärischen Drill. „Oftmals verletzten wir uns, wenn wir eine perfekte und exakte Pose einübten.“

Heute überträgt sie in ihren Workshops die Verantwortung auf ihre Schüler, die selbst wissen sollen, wann es genug ist, was ihnen gut tut und was nicht. Als Lehrer müsse man stets einen großen Raum halten und vermitteln, dass die Teilnehmer ihrem eigenen Körper trauen können. „Wenn man Yoga in dieser Weise praktiziert, ist das ein Geschenk.“ Yoga ist für sie eine Lebensreise.

„Was ist Yoga? Wer bin ich?“

Victor van Kooten, heute 74 Jahre alt, wurde in Holland geboren. „Mit 13 wollte ich Maler werden, mit 26 Jahren kam Yoga in mein Leben“, sagt er. Seine Zeichnungen erschienen ihm in seinen Träumen. Darin drückt er die tiefe Erfahrung aus, die Yoga für ihn bedeutet. Sein Credo: „Wenn man sich öffnet, kommen die Dinge von innen.“ Seit 1984 unterrichtet und bereist er gemeinsam mit seiner Frau Angela, die er 2008 geheiratet hat, als Yoga-Reiselehrer die Welt.

Einstmals waren Angela und er die ältesten von Iyengar in Indien ausgebildeten Yoga-Lehrer, quasi Meisterschüler. „Wir waren die top-zertifizierten Lehrer und als solche wollte uns Iyengar sie in sein Yoga-Imperium integrieren“. 1970 waren sie bereits die populärsten Iyengar-Lehrer und trainierten 1977 in dieser Mission als erste Ausbilder die Yogalehrer in Amerika. „Aber wir haben anders unterrichtet und wir experimentierten“, skizziert Victor die Entwicklung.

Beide waren gegen Instrumentalisierung und Zertifizierung. Als Iygengar-Lehrer hätten sie überall den roten Teppich ausgerollt bekommen. Aber in den Iyengar-Zentren fühlten sie sich von der Welt abgeschirmt. „Wir haben uns gefragt: „Was ist Yoga? Wer bin ich?“ Entschlossen hängte er sein Zertifikat eines Tages an eine Toilettenwand und startete mit Angela sein eigenes Ding. „Wir starteten klein, aber es fühlte sich wirklich und gut an.“

Auch ein anderes traumatisches Ereignis hatte ihn bewogen, sich von seinem früheren Yoga-Idol zu trennen. „Es war in Puna in Indien, als Iyengar 60 Jahre alt wurde“, berichtet Victor. Bei einer Übung hatte ihm der große Meister einen Rückenwirbel ausgerenkt und den Vagusnerv überdehnt. Zwei Monate war er wie gelähmt und hatte große Schmerzen. Er konnte weder sprechen noch laufen. Doch Iyengar tat es als Fieberkrankheit ab und wollte die Verletzung nicht zur Kenntnis nehmen, so Victor. Er ordnete Übungen mit Gewichten an, aber nichts half.

Yoga-Teachers Un-Training

Seit rund 30 Jahren unterrichten Angela & Victor nun im Team. Die große späte Liebe zwischen ihnen und die gegenseitige Wertschätzung spürt man. Angela lehrt die Übenden ein mehr psychologisches Yoga. Sie lehrt, das innere Kind zu heilen und individuell auf die inneren Bedürfnisse zu hören. Victor arbeitet dagegen mehr mit seinen Bildern. Victor: „Wir wollen lieber empfangen und zuhören, was für jede Person wichtig ist.“

In Osterloh ist jeder frei und kann sich auf die eigenen Bedürfnisse konzentrieren und für den Schulalltag wappnen. In Amerika lehrten sie ein Yoga-Teachers-Untraining, so der kreative Freidenker Victor. „Wir machen keine Work-outs, sondern eher Work-ins“.

Weitere Infos unter:
www.angela-victor.com und www.achtsamkeit-osterloh.org

Tipp: Jon Kabat-Zinn, Die MBSR-Yogaübungen
Stressbewältigung durch Achtsamkeit
Buch und CD, Arbor Verlag

 

 

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