Luise Reddemann

Warum sich groß machen?

Luise Reddemann über Machtmissbrauch durch Meditationslehrer

„Der Unfehlbarkeitsgedanke in Bezug auf Meditationslehrer entstammt patriarchalem Denken“, so die Psychotherapeutin Luise Reddemann. Im Gespräch mit Ethik heute äußert sie sich besorgt über Lehrer-Schüler-Beziehungen, bei denen Risiken und Nebenwirkungen von Meditation ausgeblendet werden.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Frau Reddeman, was wäre für Sie als Psychotherapeutin ein verantwortungsvoller Umgang von Meditationslehrern mit ihren Schülerinnen und Schülern?  Viele traditionelle Lehrer gehen nicht individuell auf die Ängste, Sorgen und Nöte der Meditierenden ein.

Reddemann: Nicht auf Sorgen und Nöte einzugehen, halte ich für problematisch, weil sich Meditierende sonst nicht gesehen fühlen. Wie in der Psychotherapie könnte nach Abklärung von wichtigen Fragen eine vertrauensvolle Lehrer-Schüler-(Therapeuten-Patienten)-Beziehung hergestellt werden, um auf Unangenehmes, das in der Meditation auftauchen kann, vorzubereiten. Abzuraten von Meditation wäre in jedem Fall, wenn jemand sehr instabil erscheint. Und Teilnehmer sollten ermutigt werden, sich zu melden, wenn es ihnen nicht gut geht.

Aufklärung über Risiken 

In jedem Fall ist es heute Pflicht für jede Psychotherapeutin, ihre Patientinnen genauestens darüber aufzuklären, was in der Behandlung auf sie zukommt, auch über Risiken und Nebenwirkungen; und wenn die Patientin nicht zustimmt, darf die von der Therapeutin vorgesehen Behandlung nicht durchgeführt werden. 

Meines Erachtens könnten die Grundzüge dieser heute üblichen Forderungen an Psychotherapeuten auch für Meditationslehrer und -lehrerinnen gelten. Der Unfehlbarkeitsgedanke stammt aus patriarchalem Denken und sollte infrage gestellt werden. Nur weil ein Lehrer, eine Lehrerin einen Wissens-und Erfahrungsvorsprung hat, sind sie nicht unbedingt klüger als die, die lernen wollen. Manchmal sind Schüler – wie Patienten – auch weiser, als die, die meinen, ihnen etwas zu lehren oder zu helfen.

Es gilt natürlich, dass eine Therapeutin niemals die Würde ihrer Patientin verletzen darf. Und wenn ich den Dalai Lama richtig verstanden habe, gilt das auch für Meditiationslehrer.

Sollten Meditationslehrer generell mehr mit Psychotherapeuten im Dialog sein, damit sie wissen, was Meditation in den Schülern und Schülerinnen auslösen kann? Und sollten diese mehr Für- und Nachsorge durch Meditationslehrer erhalten?

Reddemann: Zu meditieren ist eine tief in die Psyche eingreifende Erfahrung, der der Mensch sich wenigstens annähernd gewachsen fühlen sollte. Daher halte ich Vorgespräche und Aufklärung für wichtig. Zu Freuds Zeiten war das in der Psychotherapie auch anders.

Freud sagte in seinen Ratschlägen für den Arzt, man solle dem Patienten nur sagen, dass er sich auf die Couch legen solle und dieser solle mitteilen, was ihm durch den Kopf geht. Man weiß inzwischen, dass das gefährlich sein kann und oft überhaupt nicht hilfreich ist. Entsprechend könnten Meditationslehrer sich auch fragen, ob sie sicher sind, dass sie ihren Schülern nicht schaden.

Abhängigkeit und sexuelles Fehlverhalten

Eine Frage der Beziehung zu Meditationslehrern: Wie können wir frei bleiben? Wie gute von schlechten Lehrern unterscheiden? Wie Abhängigkeiten vermeiden, gerade auch im religiösen Kontext?

Reddemann: Abhängigkeit hat vor allem mit einem aus der Kindheit stammenden Bedürfnis nach gesehen, versorgt und angenommen werden zu tun. In unserer Kultur gibt es sehr viele Menschen, die das als Kinder nicht oder nicht ausreichend erlebt haben. Treffen sie nun auf jemanden, der den Eindruck erweckt, hier kann ich endlich Geborgenheit und Angenommensein erfahren, dann könnte der kritische, erwachsene Geist schnell verschwinden.

Es ist aber wichtig, dass wir die Verantwortung dafür übernehmen zu spüren, wenn uns etwas nicht guttut, ein Mensch, eine Lehre. Das fällt leider vielen Menschen schwer. Mir hat der Hinweis des Buddha, dass man alles selbst überprüfen solle und nicht blind glauben, seit Jahrzehnten geholfen und Mut gemacht. Ich würde mir wünschen, dass das alle Lehrerinnen und Lehrer beherzigen und ihre Schüler zu dieser Haltung ermutigen.

Wie kann es sein, dass Meditationslehrer, u. a. auch buddhistische wie der weltbekannte tibetische Lehrer Sogyal Rinpoche, Jahrzehnte meditieren, Ethik-Regeln propagieren und dann sexuell so entgleisen?

Reddemann: Meiner Ansicht nach ist das keine „sexuelle Entgleisung“, sondern ein Machtmissbrauch, der vermutlich damit zu tun hat, dass dieser Mensch andere ausbeutet, um sich selbst mächtig und groß fühlen zu können und seine Unsicherheit und seine Minderwertigkeitskomplexe, z.B. auch gegenüber der Religion, Gott, etc. auszugleichen.

 Offensichtlich kann ein Meditierender trotz lebenslanger Praxis einen Teil von sich abspalten, verdrängen, dissoziieren oder Jahrzehnte mit so einem ethischen Zwiespalt leben. Für mich ist das erschreckend. Wie sehen Sie das?

Reddemann: Viele verletzte Menschen können Unangenehmes bei sich abspalten. Ursprünglich ist das eine Schutzreaktion, die aber zur Gewohnheit werden kann. Lehrer hätten hier eine größere Verantwortung, in Betracht zu ziehen, dass so etwas relativ häufig geschehen kann, und sie sollten deshalb regelmäßig Feedback erbitten, auch zur Kritik einladen.

Devise für Lehrtätigkeit: „Niemals schaden“

Eine andere Sache ist, wenn an der Hierarchie einer Gemeinschaft ein autoritärer Machtmensch sitzt, der von niemandem in seiner Gemeinschaft infrage gestellt wird.  

Reddemann: Da wäre wohl eine kritische Aufarbeitung im Sinne der Aufklärung nötig, wie sie in psychotherapeutischen Schulen seit Jahrzehnten immer wieder stattfindet. Es müsste klar sein, dass eine Entwicklung nicht um den Preis von Abhängigkeit geschehen sollte und dass dies auch nicht hilfreich ist, sondern schadet. Niemals schaden wäre eine brauchbare Devise und Orientierung.

In der Psychotherapie gibt es zumindest die Praxis der Supervision durch einen anderen Therapeuten, denn den eigenen Schatten kann man ja nicht erkennen.

Reddemann: Doch, das kann man ein Stück weit lernen, z. B. durch Selbstanalyse. Aber es ist auch gut, sich immer wieder dem Feedback zu stellen und den Rat derer zu suchen, die mehr Erfahrung haben als man selbst.

Vielleicht ist es ein Grundübel, dass geglaubt wird, Lehrer seien etwas Besseres, Größeres, etc. Ein wirklich weiser Mensch weiß um seine Beschränkungen und hat gelernt, sie zu akzeptieren und genau hinzusehen. Er weiß auch um die Verbundenheit und  um die Buddhanatur von jedem anderen Menschen.

Selbstüberschätzung vorbeugen

Wozu sich groß und bedeutend machen? Wer in sich ruht, hat das gar nicht nötig. Das hieße also, dass Lehrer sich selbst genau ansehen sollten und die eigenen Schwächen und Begehrlichkeit einigermaßen kennen.

Spirituelle Gemeinschaften sollten das mehr sicherstellen. Dem steht vielleicht die Meinung entgegen, dass einmal erleuchtet immer erleuchtet bedeutet. Doch stimmt das? Es braucht Nüchternheit, diese Dinge anzusehen. Heißt Menschsein nicht auch für so genannt fortgeschrittene Meister, dass sie Fehler machen können? Gibt es wirklich unfehlbare Menschen? Wir wünschen uns das, aber trifft es zu?

Warum genügt es uns eigentlich nicht, dass wir Menschen sind und menschlich, also auch irrend und fehlend?

Welche Meditationen – Achtsamkeitsmeditationen, Visualisierungen, Zen – können Ihrer Erfahrung nach besondere Ängste bei Teilnehmern auslösen und warum? Was sollten Meditationslehrer in dieser Hinsicht beachten?

Reddemann: Jede der genannten Formen kann für Menschen schwierig sein, die, aus welchen Gründen auch immer, viel in sich unterdrückt haben. Wenn sich die Schutzmechanismen lockern, kommen die Zusammenbrüche, weil auf einmal auf eine geradezu überflutende Weise viel zu viel hochkommt, mit dem der Mensch nicht umgehen kann.

Mehr Einzelbegleitung für Meditierende

Gerade zum MBSR-Achtsamkeitstraining aber auch zu spirituellen Gruppen kommen ja vielfach psychisch belastete und gestresste Menschen. Sie erhoffen Glück und Zufriedenheit von der Meditation und sind manchmal erschrocken, dass sie stattdessen Ängste und Chaos in ihrem Kopf vorfinden.

Reddemann: Darauf müsste man sie vorbereiten. Man sollte sie fragen, wie sie mit Problemen in ihrem Leben umgehen und ob sie das Gefühl haben, diese meistern zu können, oder ob sie eher davor ausweichen. Der Wunsch nach Glück und Zufriedenheit ist ja legitim.

Eine gute Lehrerin, ein guter Lehrer sollten sehr achtsam und mitfühlend auf ihre Schüler schauen und einladen, dass diese sich melden, wenn sie sich überfordert und allzu verstört fühlen. Aus meiner Sicht müssten gefährdete Meditierende viel mehr einzeln begleitet werden, als das in der Regel der Fall zu sein scheint.

Luise Reddemann ist Fachärztin für Nervenheilkunde und Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin. Sie ist Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und Medizinische Psychologie an der Universität Klagenfurt. Von ihrer Meditationslehrerin Sylvia Wetzel fühlt sie sich seit Jahrzehnten gut begleitet.  www.luise-reddemann.de

Buchtipp: Mitgefühl, Trauma und Achtsamkeit in psychodynamischen Therapien, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag 2016.

Lesen Sie auch das Interview mit Jon Kabat-Zinn über selbsternannte Achtsamkeitscoaches und notwendige ethische Standards für MBSR-Lehrer.

 

 

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