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Verkörperte Weisheit

Interview mit Jon-Kabat-Zinn

Achtsamkeits-Lehrer sollten nicht ständig über Achtsamkeit reden, sondern achtsam sein, fordert Jon Kabat-Zinn. Im Interview äußert sich der Begründer der MBSR-Bewegung über selbsternannte Achtsamkeitscoaches und notwendige ethische Standards für MBSR-Lehrer. 

 

 

 

Das Interview führte Michaela Doepke, Redakteurin bei Ethik heute. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Marx.


Frage: Was empfehlen Sie Menschen, die Achtsamkeitskurse geben? Über welche Charaktereigenschaften sollte ein Lehrer oder eine Lehrerin verfügen?

Jon-Kabat-Zinn: Jemand, der Achtsamkeit unterrichtet, sollte wissen, wie schwierig es ist, achtsam zu sein, und wie leicht es ist, unachtsam zu sein sogar, wenn es um Achtsamkeit geht.

Und das ist kein konzeptuelles Wissen. Es ist Achtsamkeit, es ist Bewusst-Sein. Wichtig ist, dass man sich seiner eigenen Impulse bewusst ist, der Impulse für Gier, Hass, Täuschung, Selbstzentriertheit.

Wenn man sich jedoch selbst als den Mittelpunkt des Universums betrachtet und denkt: „Ich bin ein toller Mensch, ich mache tolle Sachen, schaut mich an!“, – jeder tut das bis zu einem gewissen Grad – … und sich dessen nicht bewusst ist, dann richtet es Schaden an. Man schadet nicht nur sich selbst, sondern auch seiner Familie und allen anderen.

Es gibt viele Kinder, die ihre Eltern hassen. Warum? Weil die Eltern ihre Kinder noch nie wirklich als einzigartige Menschen betrachtet haben. Sie haben sie immer im Zusammenhang mit ihren Bedürfnissen oder Wünschen gesehen, oder sie haben sie überhaupt nicht gesehen, weil sie zu beschäftigt waren. Das führt zu großem Leid. Leid, das viele Familien betrifft.

Achtsamkeit heißt Herzlichkeit

Mehr Achtsamkeit und liebevolle Zuneigung wären in allen Bereichen sehr hilfreich. Ich denke, in diesem Zusammenhang ist es interessant, dass das Wort für „Herz“ und „Geist“ in den meisten asiatischen Sprachen dasselbe ist. Wenn ich also „Achtsamkeit“ sage und Sie nicht gleichzeitig „Herzlichkeit“ verstehen, und zwar nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen, dann verstehen Sie es nicht wirklich.

Nur wenige scheinen in diese Tiefen vorzudringen …

Ja, das ist alles leicht gesagt, es umzusetzen nicht so einfach. Ich glaube auch, dass die Kritiker manchmal auch nicht ganz begreifen, dass wir eigentlich über unvorstellbare Tiefen des Dharma1 sprechen.

Nehmen Sie den Hippokratischen Eid.  Dieser ist in gewissem Sinne das Pendant zur christlichen Nächstenliebe oder zum Bodhisattva-Ideal des Buddhismus. Praktizierende verpflichten sich dazu, alle Wesen zu retten. Das ist unmöglich!

Warum verpflichtet man sich dazu, etwas zu tun, das völlig unmöglich ist? Weil man sich der Unendlichkeit hingibt, um völlig selbstlos zu werden. Dann muss man nichts mehr erreichen, hat keine Bedürfnisse mehr. Man verkörpert bereits das, wonach man sein Leben lang gesucht hat. Das ist eine Erkenntnis, ein Moment der Erkenntnis.

Nicht über Mitgefühl reden, mitfühlend sein

Man könnte sagen, na ja, das ist aber nur eine kleine Erkenntnis. Aber das ist auch wieder dualistisch! Authentische Erkenntnis ist ein Augenblick, ein Moment des Verstehens, ein Moment verkörperter Weisheit.

Ich rede hier nicht über irgendetwas Abgehobenes: Genauso sollten MBSR-Lehrer beobachten, was sich in jedem Augenblick im Schulungsraum abspielt. Eine solche Sicht sollten sie auf ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben. Sie müssen nicht unbedingt so reden, denn dann würde sie keiner verstehen. Es geht ums Sein.

Man redet nicht über Mitgefühl, bla, bla, bla… Man ist mitfühlend. Man sagt nicht ständig Achtsamkeit, Achtsamkeit,  Achtsamkeit … Man sollte das Wort am besten kaum verwenden, weil es zu abgenutzt ist. Wie wäre es mal mit „Wachheit“, „Gewahrsein“ oder „Herzlichkeit“? Wenn man zu viel über Achtsamkeit spricht, wird es brrrrrrr…. Ist man aber achtsam, dann spüren das die Menschen sofort. Sie sagen einem dann Dinge wie: „Oh, Sie sind so präsent!“

Und warum? Weil fast niemand präsent ist. Wir sind alle ständig abgelenkt. Und heute werden wir durch die modernen Kommunikationstechnologien sogar immer mehr abgelenkt. Wir müssen ständig überprüfen, ob wir auf Facebook genug Fans haben, unser Leben ist beherrscht davon, zu prüfen, wie viele Likes wir auf Facebook bekommen.

Es gibt also viele neue Arten von Leid und neue neurologische Herausforderungen, die durch Technologien entstehen. Viele Leute aus dem Silicon Valley versuchen sogar gerade, einige der Features, die sie selbst gezielt entwickelt haben, damit man davon abhängig wird, wieder rückgängig zu machen. Das finde ich interessant.

Sie sagten in einem Interview mit der Zeitschrift Flow, dass sich heute jeder als Achtsamkeits-Coach bezeichnen könne. Gibt es irgendwelche internationalen Standards für MBSR-Lehrer? Gibt es einen ethischen Kodex?

Strenge ethische Ausbildungsstandards

Ich kann mich nicht daran erinnern, das gesagt zu haben. Ich bin sicher, dass ich gesagt habe, heutzutage kann jeder, der es möchte, sich so nennen, ohne irgendeine Ausbildung gemacht zu haben.

Manche können das Wort Achtsamkeit vielleicht nicht einmal buchstabieren, haben überhaupt keine Ahnung, um was es dabei  geht. Psychologen denken oft, jetzt habe ich ein Buch über Achtsamkeit gelesen, dann kann ich es ja unterrichten, ich bin schließlich Psychologe, habe sogar einen Doktortitel. Ich lese etwas, dann kann ich Unterricht geben. Nein! Das ist realitätsfremd. Man muss Achtsamkeit selbst praktizieren. Es führt kein Weg daran vorbei.

Gibt es keine internationalen Standards?

Doch, die gibt es. Wenn man die Webseite des Center for Mindfulness aufruft, finden Sie dort ein Ausbildungsprogramm, das aus neun bis zwölf Einheiten besteht. Es dauert Jahre, das zu absolvieren, und es ist sehr intensiv und man nimmt an vielen Retreats teil.

„Mr. und Mrs. Mindfulness“

Es ist auf jeden Fall eine sehr strenge Ausbildung, und ethische Standards stehen im Mittelpunkt. Aber natürlich kann jeder das umgehen, eine Webseite aufmachen und sagen: „Ich bin Mr. Mindfulness!“ Und solche Dinge gibt es…  Mr. Mindfulness, Mrs. Mindfulness …

Und diese Menschen glauben, dass die Leute kommen, Geld ausgeben, ihre Programme mitmachen, während sie überhaupt keine Ahnung von Achtsamkeit haben. Das ist die Schattenseite. Für mich ist es aber ein Zeichen, wie erfolgreich wir sind, wenn all diese unethischen Leute die Idee ausnutzen wollen. Das ist toll! Lassen wir sie machen!

Sie fassen es als Kompliment auf?

Ja. Fast jeder, den ich kenne, der so etwas macht, macht es so, wie er es auf der Grundlage seiner Persönlichkeit eben kann.  Aber wir haben alle unsere Schwächen, unsere blinden Flecken, verfallen manchmal der Gier, verhalten uns abwehrend, unterliegen Täuschungen.

Den Spiegel vorhalten                                      

Deshalb brauchen wir die anderen, um uns einen Spiegel vorzuhalten und uns aufzuwecken. Mittlerweile unterrichte ich nicht mehr so wie früher, bzw. nenne ich es nicht MBSR und unterrichte auch nicht mehr in Kliniken. Aber als ich noch in Kliniken arbeitete, hatte ich immer das Gefühl, dass ich eigentlich die Patienten bezahlen müsste, denn, egal, wie viel ich ihnen beibringen konnte, lernte ich von ihnen doch viel mehr. Das war eine authentische Erfahrung, aus der ich viel gelernt habe.

Eine demütige Einstellung.

Es ist nicht wirklich Demut, eher eine Art gegenseitiges Erforschen der Natur des Geistes. Und wenn die Patienten dann über ihre Erfahrungen sprechen, oh, mein Gott! Sie haben gerade mal drei Wochen meditiert! Ich meditiere seit fünfzig Jahren! Und dann begreift man, dass Zeit gar nicht so wichtig ist. Manche Leute, sogar Mönche oder Nonnen der buddhistischen Tradition haben keine Weisheit, sehr wenig Mitgefühl. Und dann gibt es Leute, die drei Wochen lang meditieren und ein unglaubliches Mitgefühl entwickeln.

Anmerkung:
1) Kabat-Zinn versteht unter dharma – unabhängig vom buddhistischen Kontext – die Einsicht in universelle menschliche Wahrheiten und verkörperte Weisheit und Wachheit, die dazu befähigen, zum Wohl der Lebewesen zu handeln.

 

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Jon Kabat-Zinn, PhD, Begründer des Achtsamkeitsprogramms MBSR (Mindfulness Based Stress-Reduction). Professor Emeritus für Medizin an der University of Massachusetts Medical School und Begründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care, and Society. Autor zahlreicher Bestseller, die in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurden. Mehr unter: www.arbor-seminare.de

Dies ist der 3. Teil eines längeren Interviews von Michaela Doepke mit Jon Kabat-Zinn. Die beiden anderen Teile behandelten die Themen Achtsamkeit für die Gesellschaft und die Politik.

Das gesamte Audio-Interview auf Englisch mit Jon Kabat-Zinn können Sie in der Audiothek nachhören. Diese gehört zum Premium-Bereich dieser Website. Wenn Sie Mitglied im Freundeskreis Ethik heute werden (für 60 Euro im Jahr), erhalten Sie Zugang.

 

 

 

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