ina.mija/photocase.de
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„Würde ist unsere geistige Nahrung“

Gedanken der Psychoanalytikerin Luise Reddemann

Niemand kann uns unsere Würde nehmen. Die Psychotherpeutin Luise Reddemann verteidigt Würde als Menschenrecht, das wir uns selbst zuerkennen und zur Grundlage unseres Handelns machen sollten.

Eine Grundannahme: Menschen besitzen allein durch ihr Sein als Menschen immer schon Würde und haben ein Recht auf deren Anerkennung.

Würde ist für mich ein elementares Grundbedürfnis, gleichberechtigt mit anderen Grundbedürfnissen und mit dem Recht auf Erfüllung. Dieses Recht gilt sowohl für den Umgang mit uns selbst wie für den Umgang mit anderen. Ich bin davon überzeugt, dass wir in jeder Hinsicht einen Nutzen daraus ziehen, wenn wir Würde mehr zur Grundlage unserer Überlegungen und unseres Handels machen. Ich meine einen bewussteren Umgang mit Würde.

Jede und jeder kann Würdeverletzungen ausgesetzt sein, nicht nur durch andere, sondern auch durch Lebensereignisse, die wir als entwürdigend empfinden. Solche Ereignisse rufen uns ausdrücklich auf, uns unserer Würde bewusster zu werden und sie gerade in Zeiten der Entwürdigung und – vermeintlicher – Würdelosigkeit zu verteidigen, auch und gerade vor uns selbst. Bei der Würde geht es immer auch um die so genannte Goldene Regel: Tue einem anderen nichts an, von dem du nicht möchtest, dass es dir angetan wird.

Wir brauchen wechselseitige Anerkennung, um uns wohl fühlen zu können. Das heißt, wir schaden uns, wenn wir das Bedürfnis nach Anerkennung bei uns selbst und anderen ignoireren. Schon Albert Schweitzer forderte uns auf, andere Menschen lebendig sein zu lassen und ihnen nichts in den Weg zu stellen, was ihre Lebendigkeit untergräbt.

Würdeverletzungen zur Kenntnis nehmen

Würde braucht Unrechtsbewusstsein. Können wir gut leben, ohne dass wir gesellschaftlich bedingte Würdeverletzungen zur Kenntnis nehmen? Wir sollten ihnen nachgehen und sie benennen, um uns anschließend um Veränderung zu bemühen. Ja, sich zu mühen – das ist nicht leicht, aber nur so behalten wir unsere Würde. Die Überlegung, dass ein Mensch sich auch selbst Würde zubilligt, halte ich für zentral.

Schiller hat diesen Gedanken als erster in der Geschichte des Abendlandes in seinem Drama Don Carlos ausgesprochen. Zunächst hat er allerdings den Schutz der Menschenwürde als Staatsaufgabe gefordert. So lässt er Marquis Posa zu König Philipp sagen: „Ich höre, Sire, wie klein, wie niedrig Sie von Menschenwürde denken …“, und später fordert er: „Stellen Sie der Menschheit verlorenen Adel wieder her …“ Schiller scheint als einer der wenigen seiner Zeit begriffen zu haben, dass man entweder alle Menschen in das Menschenrecht der Würde einschließt oder damit scheitert.

Sich selbst die Würde zurückgeben

Als Psychotherapeutin sehe ich es als eine der wichtigsten Aufgaben an, meine PatientInnen zu ermutigen, sich selbst ihre Würde zurückgeben. Dies geschieht, indem sie lernen, sich selbst mitfühlend zu begegnen. Es geht in diesem Prozess der Selbstannahme oft darum, dass Patienten sich vom Hass derer, die ihnen geschadet haben, befreien – das heißt, dass sie sich dadurch auch von ihrem Selbsthass befreien.

„Unsere Aufgabe ist es, mitfühlend zu helfen, damit Patienten ein bisschen Hoffnung entwickeln.“

Philosophen und auch unser Rechtssystem formulieren den Anspruch des Menschen, nicht entwürdigt oder erniedrigt zu werden. So wie Menschen Nahrung brauchen, um zu leben, sehe ich Würde als „geistig-seelische Nahrung“, die wir alle dringend benötigen.

Wenn wir uns auf andere einlassen, machen wir die Erfahrung, dass der und das Andere ganz und gar anders ist, dass ich ihn/sie niemals ganz erfassen kann. Und das fordert meinen Respekt.

Jedoch geht es mehr um das „kleine Gute“, die Güte, mit der man auch „unter einem leeren Himmel noch eine vernünftige und gute Welt“ suchen kann …, ohne der Tyrannei des „großen Guten zu verfallen“, wie es Wolzogen in Bezug auf Emanuel Lévinas formuliert hat. Das Große, das man nie erreichen kann und einen in die Resignation und Müdigkeit führt, ist gefährlich für unser Miteinander.

Offen sein für das Andere im Anderen

Dem Philosophen Levinas ging es um ein radikales Fragen nach jeder Art von Gewalt, z. B. in Fragen der Identität in unseren Vorstellungen, unserem Handeln sowie um subtile Formen von Gewalt.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty empfiehlt eine Schule des Mitgefühls, ähnlich wie das heute z. B. der Dalai Lama sagt. Mitgefühl ist etwas, das helfen kann, andere Menschen in ihrer Würde zu achten, aber auch uns selbst, denn wir brauchen auch Mitgefühl mit uns selbst. Wie Lévinas fordert auch Rorty, dass wir offen sein sollten für das Andere im Anderen.

Rorty hoffte, dass unterschiedliche Menschen einander gut genug kennen lernen, um nicht mehr so leicht in Versuchung zu geraten, diejenigen, die sich von ihnen selbst unterscheiden, für bloße „Quasimenschen“ zu halten, und daraus dann das Recht ableiten, sie wie Untermenschen zu behandeln. Man kann das durchaus auch auf das eigene kleine Leben beziehen.

Rorty vertritt, dass es um Bindungsfähigkeit geht, die auf emotionaler Resonanz gründet, und diese erscheint mir für das Recht auf Würde zentral. Wenn wir uns in andere Menschen einfühlen und mit ihnen fühlen, erkennen wir, dass wir alle aus dem gleichen Stoff sind, dass wir alle leiden, und dass es uns wohler tut, miteinander freundlich umzugehen.

Eine Lebenseinstellung, die in allem auch unser aller Endlichkeit mit bedenkt, kann dazu beitragen, dass wir mit uns selbst und anderen mit Würde umgehen. Viele Menschen tun so, als seien sie nicht nur unsterblich, sondern auch noch unverletzlich. Warum tun sie das? Weil die Frage nach der Endlichkeit ängstigt. Und dann tut man so, als gebe es weder Verletzlichkeit noch Endlichkeit. Es gibt ja genug andere Themen.

Akzeptanz der eigenen Vergänglichkeit

Matthias Claudius gab seinem Sohn den Rat, jeden Tag so zu leben, als sei es sein letzter. Ist das unbrauchbar, weil schon vor ein paar hundert Jahren gedacht? Ich denke, dass dies immer noch gelten sollte. Wir können uns immer noch fragen, würde ich so mit einem Menschen oder einem Problem, umgehen, wenn ich morgen tot wäre? Der Mensch, der sein Leiden und Sterben akzeptiert, ist für mich ein Vorbild in Würde, Würde auch angesichts scheinbarer Würdelosigkeit.

Es geht darum anzuerkennen, dass wir nicht alles bestimmen und beeinflussen können, denn wir sterben, wann Gott will oder der Tod, nicht, wann wir wollen. Ich mag Sätze wie „Ach Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, weil sie mir zeigen, dass Menschen schon immer mit ähnlichen Themen beschäftigt waren.

Wenn wir klug werden, bestehen wir unser Leben in Würde. Der Tod kann uns Würde geben. Die Dinge des Lebens und Sterbens zu akzeptieren bedeutet, klug zu sein. Die Vorstellung alles meistern zu können, ist ein Irrweg. Es wäre hilfreich, wenn wir bereit wären zu lernen, mit Unlösbarem, Uneindeutigem zu leben.

Im Märchen „Der Gevatter Tod“ klingt an, worin das Problem bestehen könnte: in der Angst vor jeglicher Art von Schwäche. Wenn unser innerer Arzt, unsere innere Ärztin, aus Angst vor Ungenügen immer mehr der Suche nach Macht, Einfluss, Ruhm und Geld geopfert werden, verlieren wir uns und unsere Würde und verletzen die von anderen. So gilt für mich in meiner therapeutischen Arbeit anzuerkennen, dass man nicht alles durch Machen verändern kann, dass es auch ums Stillwerden und ums füreinander Dasein gehen sollte.

Jeder Stimme Raum geben

Würdeorientierung fordert dazu heraus, jeder Stimme Raum zu geben. Dabei geht es nicht immer gleich um Konsens, sondern darum, dass „Entscheidungen nicht die Stimmen jener ersticken, deren Interessen vielleicht nicht in das Korsett der offiziellen Sprachregelungen passen …“, wie Seyla Benhabib, Professorin für politische Theorie, schreibt.

Auch in eher alltäglichen Auseinandersetzungen behaupten Menschen, was die jeweils anderen vorzutragen hätten, sei irrelevant. Für Benhabib liegt die Lösung in der kommunikativen Ethik, die auch Würdeorientierung im Umgang miteinander ermöglicht. Es bedeutet, im Gespräch und neugierig auf die Sichtweisen anderer zu bleiben.

Eine Möglichkeit, sich dem Würdethema anzunähern, sehe ich auch in einer Praxis der Achtsamkeit. Nehmen wir uns selbst und andere achtsam, freundlich und mitfühlend wahr, erkennen wir unser Bedürfnis nach Würde immer genauer. Wir erkennen, wie sehr es uns verletzt, wenn wir unsere eigene Würde nicht achten oder wenn sie von anderen missachtet wird. Vor allem dann ist es wichtig, dass wir uns bewusst werden, dass uns niemand, wirklich niemand und nichts unsere Würde nehmen kann.

Nicht weil wir Helden sind, etwas Besonderes sind, sondern weil wir lebende Wesen sind.

 

Reddemann28Luise Reddemann ist Nervenärztin, Psychoanalytikerin und Buchautorin. Sie entwickelte die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT). Besondere Verdienste erwarb sie sich in der Behandlung von chronisch und komplex traumatisierten Patientinnen. Luise Reddemann setzt sich seit Jahren besonders für eine „frauengerechte Psychotherapie“ ein. Seit Juni 2007 ist sie Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und psychologische Medizin an der Universität Klagenfurt.
Infos unter: www.luise-reddemann.de

 

 

 

Mehr Information
Luise Reddemann: „Würde – Annäherung an einen vergessenen Wert in der Psychotherapie“, Klett-Cotta 2008
Lesen Sie auch die Rezension des Buches „Eine Art zu leben – über die Vielfalt menschlicher Würde“ von Peter Bieri

 

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Ein Gedanke zu „„Würde ist unsere geistige Nahrung“

  1. Wenn schon gleich zu Anfang Würde gleichgesetzt wird mit dem Bedürfnis nach Würde – wie soll ich hoffen, aus dieser verkorksten definitorischen Prämisse wieder herauskommen? Warum soll ich mir die Mühe machen, hier weiterzulesen? Warum soll ich mich nicht auf der Suche nach etwas Substantiellem und sorgfältiger Erstellten einem anderen Element des Datenstroms zuwenden?

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