Foto: Thomas Karsten
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Konstantin Wecker

„Zum Mitgefühl gehört tiefe Selbsterkenntnis“

Interview mit Konstantin Wecker

Der Verlust des Mitgefühls ist für den politisch engagierten Liedermacher und Pazifisten Konstantin Wecker das dringlichste ethische Problem unserer Zeit. Für das Netzwerk Ethik heute führte er ein Gespräch mit Michaela Doepke.

Michaela Doepke: Was stellt für Sie im Moment das größte ethische Problem in unserer Gesellschaft dar?

Konstantin Wecker: Das dringlichste ethische Problem ist für mich zurzeit der „Verlust des Mitgefühls“, – so der Titel eines Buches von Arno Gruen1. Wir leben in einer Gesellschaft, die das Mitgefühl fast schon aus der Sprache ausgeklammert hat. In den letzten Jahren ist mir vor allem beim Schreiben aufgefallen: Je mehr ich in der Lage bin, mich selbst und meine Schattenseiten zu reflektieren, desto mehr bin ich fähig, mitzufühlen.

Wichtig finde ich es in diesem Prozess, meine Ängste und meine Schwermut zuzulassen. Schon der Buddha sagt völlig zu Recht, dass das Leben Leiden sei. Auch eine Ablenkung durch Dauerparty kann nicht wirklich von dieser Erkenntnis befreien. Nur indem wir unseren eigenen Schmerz zulassen, ihn nicht verdrängen, können wir auch den Schmerz des anderen verstehen. Zum Mitgefühl gehört eine ganz tiefe Selbsterkenntnis.

Kleine Kinder haben von Natur aus Mitgefühl – das ist ja die These von Arno Gruen – aber es wird ihnen aberzogen. Als ich mit ihm auf einem Pazifismuskongress war, hat ein Journalist diese Aussage so kommentiert: „Aber Herr Professor Gruen, das ist doch schon seit Jahrtausenden so.“ Daraufhin hat Gruen mit dem coolen Satz gekontert: „Ja, ungefähr seit 6000 Jahren macht die Menschheit das schon falsch.“

In diesem Zusammenhang kommt einem auch der Gedanke, dass es die Menschheit schon viel länger gibt als das Patriarchat. Im Endeffekt geht der Verlust des Mitgefühls Hand in Hand mit dem Einsetzen des Monotheismus und des Patriarchats. Dem Erscheinen eines männlichen Gottes in der Weltgeschichte …

Interessant, dass Sie das als Mann so sehen.

Ein Beispiel, das mich immer wieder beeindruckt: In matriarchalen Gesellschaften, die es vereinzelt noch in Afrika und Südamerika gibt, werden Kinder vom ganzen Dorf großgezogen. Manchmal ist gar nicht klar, wer der Vater ist. Aus meiner Sicht beginnt das Patriarchat in dem Moment, wo man unbedingt wissen muss: Ist das mein Kind? Eigentlich ist das gar nicht so wichtig. Es ist ein Kind. Es gehört sich selbst.

„Die Schwermut ist die Schwester des Glücks“

Die Verantwortung wird in unserer Gesellschaft eher auf einzelne Personen wie die Eltern übertragen als auf die gesamte Gemeinschaft.

Ja, und dann bin ich plötzlich nicht mehr verantwortlich für andere Kinder. Ich werde nie vergessen, wie mein Vater einmal zu mir sagte, als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war: „Konstantin, du musst eines wissen. Ich liebe dich sehr. Aber wenn jetzt ein anderes Kind da ist, das meiner Hilfe bedarf, dann helfe ich dem ganz genauso. Ich helfe dir nicht mehr, bin nicht mehr für dich da, nur, weil du mein Sohn bist.“

Diese Aussage meines Vaters war zunächst sehr schmerzhaft für mich. Erst viele Jahre später habe ich verstanden, was das für ein großartiger Satz war.

An dieses bedingungslose Mitgefühl habe ich mich bei der Begegnung mit Eugen Drewermann2 wieder erinnert. Er nennt die Schwermut die Schwester des Glücks. Diese Thematik habe ich in meinem Lied über die Schwermut – „Alles das und mehr“ – verarbeitet.

Eugen Drewermann sagt, – und das sehe ich mittlerweile genauso: „Wenn wir die Schwermut nicht zulassen, dann werden wir keine Chance haben, mitfühlende Menschen zu werden.“ Die Schwermut bringt uns überhaupt erst auf die Idee des Mitgefühls.

Also dieser Verlust des Mitgefühls, den wir alle spüren, macht mir eigentlich am allermeisten zu schaffen. „Ich kümmere mich jetzt mal in erster Linie nur um meine Familie und Freunde, die mir am nächsten sind, dann noch um meine Nation, und alles andere ist mir egal.“ – Solche Sätze hört man immer häufiger und sie bergen für mich faschistisches Potenzial.

Aber beobachten Sie in unserer Gesellschaft und besonders bei Jugendlichen nicht ähnliche Tendenzen zu einem Rückzug auf Freizeit und Privatleben?

Ja, das sind alles Vorstufen eines reaktionären und undemokratischen Systems, das vom Neoliberalismus in den letzten zwanzig Jahren systematisch eingefädelt wurde, – durch Thinktanks erdacht, durch Promotion, durch Werbung lanciert in den Medien. „Die Diktatur ist nicht ganz ausgereift, sie übt noch“, habe ich in meinem Lied mit dem Titel „Empört euch!“ geschrieben.

„Der Papst bewegt mich“

Aber wie sehen Sie die jüngste Entwicklung, dass renommierte NeurowissenschaftlerInnen wie Tania Singer Empathie und Meditation wissenschaftlich erforschen? Diese Erkenntnisse werden heute bereits in Ansätzen etwa beim Thema Stressbewältigung im Gesundheitswesen, in Medizin, Pädagogik, Forschung und Arbeitswelt heilbringend umgesetzt. In dieser Richtung gibt es doch eine Bewegung.

Ja, es ist überhaupt eine Bewegung da. Was ich am spannendsten finde: Diejenigen, die sich selbst aus rein spirituellen Gründen noch vor zehn Jahren am liebsten zurückgezogen haben, sind jetzt plötzlich viel mehr bereit, sich zu engagieren. Bei den Themen „Spiritualität und politisches Engagement“, die mich seit langem stark beschäftigen, tut sich wirklich etwas zurzeit. Sowohl bei den eher spirituellen Menschen als auch bei streng marxistischen Freunden ist heute eine ganz andere Offenheit da. Vor zehn, fünfzehn Jahren, hätte es den meisten meiner marxistischen Freunde schon die Zehennägel aufgerollt, wenn ich nur das Wort Spiritualität erwähnt hätte.

Diese Offenheit kann man neuerdings auch bei religiösen Führern wie z. B. dem Dalai Lama beobachten. Seiner Ansicht nach ist es aufgrund der Situation auf unserem Planeten heute wichtig, sich vermehrt für eine säkulare Ethik bzw. menschliche Werte unabhängig von Religion einzusetzen, weil sie alle Menschen vereinen können.

Ähnlich sehe ich das auch. Ich fand es auch interessant, wie die Reaktionen waren, als ich neulich etwas über den neuen Papst gepostet und meine Bewunderung für seine mutigen Sätze über den kriegstreibenden Kapitalismus ausgesprochen habe. Er wird mich zwar nicht zum Wiedereintritt in die Kirche bewegen, aber er bewegt mich.

Ich dachte, da bekomme ich vielleicht ein paar Likes oder so und war sehr überrascht, wie viele Menschen das Thema bewegt hat. Ich habe da eine Sehnsucht von den Leuten gespürt, christliche Werte wieder zu entdecken, selbst wenn sie aus guten Gründen mit der Institution Kirche nichts mehr zu tun haben wollen.

In meinem neuen Buch „Mönch und Krieger“ habe ich darüber geschrieben. Großartig finde ich in dieser Hinsicht Renate Winds Bonhoeffer-Biografie3. Sie schreibt, dass dieser anfangs sehr konservative Kirchenmann kurz vor seiner Inhaftierung durch die Nazis für ein Christentum ohne Kirche plädiert habe. Für mich ist das Erstaunliche an Christus, dem Mann aus Nazareth, dass er die Idee der bedingungslosen Liebe in eine Welt trägt, die über Jahrtausende von Soziopathen regiert wurde, – das ist das wirklich Revolutionäre dieses Mannes Jesus.

Ich glaube, es gibt ganz wenige Ausnahmen unserer Staatenlenker oder Armeeführer, die nicht in Wirklichkeit echte Soziopathen waren. Also Menschen, die keine Ahnung davon hatten, wie man mit Menschen menschlich und mitfühlend umgeht. Ich denke daran, wie uns noch in der Schule Alexander der Große als Supertyp präsentiert wurde, der mit 24 Jahren die halbe Welt erobert hat. Dass er währenddessen Hunderttausende von Menschen abgeschlachtet hat, das wurde uns eher nebenbei erzählt und sachlich als notwendig hingestellt …

So wurden mir in der Schule die großen Führer der Geschichte als vorbildhafte Helden dargestellt. Es waren keine Helden, es waren Soziopathen. In diese Menschheitsgeschichte kommt dann die Idee von Jesus Christus hinein, der die Frauen gleichwertig behandelt, der zu den Aussätzigen geht – was damals ein unerhörter Tabubruch gewesen sein muss – und die Idee der Nächstenliebe, des Mitgefühls in die Welt trägt.

Sehen Sie Jesus als einen Revolutionär in seiner Zeit?

Absolut. Vor allem in Bezug auf das Mitlieben und Mitfühlen, die ursprünglich christlichen Werte.

„Meine Texte sind klüger als ich“

Sie transportieren diese Botschaften von Liebe und Mitgefühl als Liedermacher sehr engagiert durch Ihre Musik. Auch die Inhalte Ihrer politischen Texte bewegen Ihre Fans sehr emotional. Die Menschen hören Ihnen zu, und es imponiert ihnen, weil Sie mutig Ihre Meinung sagen, vielen aus dem Herzen sprechen und keine Angst zu haben scheinen.

Also die Angst – das ist wirklich wahr. Ich kann mich erinnern, dass ich als Schüler damals im Wilhelms-Gymnasium von ebenfalls dichtenden Freunden und Bekannten häufig gefragt wurde, ob ich denn keine Angst hätte, mich in meinen Texten so bloßzustellen. Und das Seltsame war: Ich habe immer gedacht, das tut jeder andere auch.

In dieser Hinsicht hatte ich wirklich nie Angst. Heute ahne ich, weshalb ich mich nie von diesem Weg habe abbringen lassen: Ich erfahre durch meine Texte einfach so viel über mich, weil ich sie mir nicht ausdenke, sondern weil sie mir passieren. Zu 90 Prozent ist mir alles, was ich schreibe, passiert. Und dadurch glaube ich ihnen auch. Und deswegen bin ich auch furchtlos. Weil meine Texte definitiv immer klüger sind als ich.

Ihnen ist als Künstler sicher auch eine Metaebene zugänglich, die sich nicht allen Menschen erschließt. Wie jeder große Künstler haben Sie ja wahrscheinlich auch Zugang zu einer Intuition, die Sie einfließt.

Dazu möchte ich kurz ausholen. In einem Buch von Josef Weinreb, einem 1980 in Berlin verstorbenen Kabbalisten, habe ich gelesen, dass man das Alte Testament nicht als Historie verstehen darf. Es seien nur innere Vorgänge, die beschrieben werden. Weinreb hat mir eigentlich als Erster das Alte Testament erklärt, bei dessen Lektüre ich immer gedacht habe, was soll denn der Quatsch, diese blutrünstige Kämpferei.

Und dann erinnert mich Weinreb daran, dass das Alte Testament Dichtung ist, Poesie, so wie die Odyssee, die Illias und die Divina Comedia, ja wie alle großen Werke der Menschheitsgeschichte: Dichtung, Poesie, aus der Intuition erschaffen. Alle diese Kriege und oft so grausame Geschichten – das passiert in uns selbst. Das Alte Testament ist also nichts anderes als ein weises Psychogramm der Menschheit.

Übrigens gibt es dieses schöne Beispiel bei Weinreb über David im Alten Testament. Gemeint ist nicht der aus der berühmten Geschichte von „David und Goliath“, sondern David, der Harfenspieler, der bekannt war für seinen Tanz und seine himmlischen Melodien. Dieser David hat seine Harfe nachts immer in den Wind gehängt. Am nächsten Morgen verfügte er über die Melodien, die ihm der Wind in die Harfe gespielt hat. Das ist genau das Gefühl, das ich habe, wenn ich das Glück habe, wieder kreativ sein zu dürfen. Für das Beste, was man als Künstler erschafft, kann man nichts, weil man es nicht selbst geschrieben hat. Es ist vom Wind in die Harfe gespielt worden.

Weitere Infos über Konstantin Wecker: www.wecker.de

Buchtipp:
Konstantin Wecker, Mönch und Krieger, Gütersloher Verlagshaus, München 2014

Hinweise:
1 Arno Gruen, Der Verlust des Mitgefühls: Über die Politik der Gleichgültigkeit, Deutscher Taschenbuch Verlag
2 Eugen Drewermann ist ein katholischer Theologe, suspendierter Priester, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Er ist als kirchenkritischer Publizist regelmäßig in den Medien präsent.
3 Dietrich Bonhoeffer (* 4. Februar 1906 in Breslau; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg) war ein lutherischer Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.

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