Zwischen Apokalypse und Hoffnung

apokalypse

Ein Selbstversuch zum Konsumverzicht

Greta Taubert wollte es wissen: Aus Angst vor der Apokalypse erkundete sie ein Jahr lang, wie man anders leben kann. Sie sprach mit Aussteigern und Visionären und schildert in ihrem Buch, wie man mit wenig Ressourcen auskommt.
Greta Taubert ist eine Frau mit starken Emotionen. Als die Journalistin im Oktober 2014 auf dem Podium des „Zukunftscamps“ der ZEIT-Stiftung mit der Frage konfrontiert wird: „Ist es schon zu spät“, merkt man ihre Kraft. Im Kreise dreier Männer (Meinhard Miegel, Reinhard Klingholz und Steve Emmott) war sie die einzige, die ein positives Bild von der Zukunft entwarf. Die Zukunft hat schon begonnen, so ihre Argumentation, wir müssten nur die vielen Bemühungen für einen anderen Umgang des Menschen mit den Ressourcen wahrnehmen und uns zum Vorbild nehmen.
Genau davon handelt ihr Buch „Apokalypse jetzt!“, das bezeichnenderweise den Untertitel trägt „Wie ich mich auf eine neue Gesellschaft vorbereite“. Zu den stärksten Emotionen, die den Menschen sowohl hemmen als auch antreiben kann, gehört die Angst. Und auch bei Greta Taubert stand am Anfang ihres Selbstversuchs, von dem sie auf mehr als 280 spannend geschriebenen Seiten zu berichten weiß, die Angst – die Angst vor der Apokalypse. Ist die Welt tatsächlich schon am Ende?
Als Greta Taubert im Herbst 2012 wieder mit ihrer Angst konfrontiert war, ekelt sie sich vor allem, was in ihrem unmittelbarem Umfeld Wohlstand bedeutet: „In dieser Wohnung und in diesem Lebensstil zu verharren ist, als ob ich während eines aufziehenden Gewitters unter dem höchstem Baum Platz genommen hätte“ schreibt sie. Ihr ist klar, die westliche Idee vom Wohlstand ist überkommen und führt unweigerlich zu noch mehr Angst, Unsicherheit und Elend in dieser Welt.

Anbauen, jagen, nähen

Greta Taubert macht sich auf. Sie will unabhängig werden vom „Ist-Zustand, vom Kapital, vom System“. Der Selbstversuch zum Konsumverzicht beginnt. Ein Jahr ist sie unterwegs, um herauszufinden, wie sie ihre Bedürfnisse herunterschrauben oder anders befriedigen kann. Sie sucht sich Lehrer, Menschen, die jetzt schon anders leben, die sich gelöst haben und anders handeln.
In 15 Kapiteln nimmt sie den Leser mit auf ihre Reise. Alle Stationensind von der Praxis geleitet und drehen sich um die Fragen, wie wir als Einzelne auf Konsum so weit wie möglich verzichten können. Sie tragen die Titel von bekannten Tätigkeiten menschlichen Wirtschaftens: Anbauen, Jagen, Bauen, Nähen, usw.
Taubert zeigt uns Utopien vom Überleben mit Kräutern, aber auch die nahen Welten des städtischen Gemüseanbaus. Und wie kann man sich Kleidung besorgen, ohne sie zu kaufen? Der Leser kann lernen, wie es anders geht. Er kann sich Inspirationen holen und wird am Ende vielleicht sagen: Das ist interessant, das kann ich in mein eigenes Leben integrieren.
Nach einem Jahr der Erkundgung hat Greta Taubert die Angst überwunden. Sie hat sich selbst ermächtigt und gesehen, dass es eine andere Welt längst gibt: „Vielleicht sind wir von einem Land gar nicht mehr so weit entfernt, in dem Ansehen, Status und Respekt nicht mehr daraus erwachsen, was wir selbst haben, sondern was wir der Gemeinschaft geben.“
Greta Taubert ist mittendrin in der Debatte über eine Postwachstumsgesellschaft, in der das Wachstum qualitativen Zielen weicht, in der man nachdenkt über eine Welt, in der das Weniger zum Mehr wird. Und sie macht weiter, denn ein Zurück gibt es nicht. Obwohl das Buch mit der Angst beginnt, macht es am Ende Hoffnung, denn eine andere Welt ist möglich. Die Zukunft hat bereits begonnen.
Stefan Ringstorff

Greta Taubert: Apokalypse jetzt. Wie ich mich auf eine neue Gesellschaft vorbereite. Eichborn Verlag, Köln 2014. 288 Seiten, 16,99 Euro

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