Überblick über die Bedeutungen

Achtsamkeit hat viele Bedeutungen. Für die einen ist sie der Weg zu innerem Frieden, für die anderen öffnet sie das Tor zur Weisheit. Und manche sehen sie sogar als Kraft, die Gesellschaft zu transformieren. Birgit Stratmann gibt einen Überblick über verschiedene Zugänge zur Achtsamkeit – von MBSR bis Dalai Lama. Dabei bezieht sie auch die lauter werdende Kritik am Achtsamkeitstrend ein.

„Wir müssen uns jedes Atemzugs bewusst sein, jeder Bewegung, jedes Gedankens und Gefühls, all dessen, was in irgendeiner Beziehung zu uns steht“, schreibt der vietnamesische Meditationsmeister Thich Nhat Hanh in seinem berühmten Büchlein „Wunder der Achtsamkeit“ (1).

Diese Form der Achtsamkeit oder meditativen Haltung zum Leben kann überall geübt werden – im Gewühl der Großstadt und im Wald, im Kontakt mit anderen und in der Einsamkeit, in der Arbeit und im Fitnessstudio. Es geht darum innezuhalten, wahrzunehmen und anzunehmen, was im gegenwärtigen Moment ist.

Dabei kann der Atem als Anker im tosenden Meer der Alltagserscheinungen dienen. Wenn wir zerstreut sind oder auf der Oberfläche des Geistes heftige Stürme toben, hilft das Atmen, den erschöpften, zerstreuten Geist wieder einzusammeln und Körper und Geist zusammenzubringen.

Achtsamkeit hat ihre Wurzeln im Buddhismus und in den verschiedenen buddhistischen Traditionen unterschiedliche Ausprägungen (2). Sati (Pali) oder smrti (Sanskrit) bedeutet im Wesentlichen „sich erinnern, sich vergegenwärtigen, etwas im Bewusstsein präsent halten“, um so Ablenkungen und Zerstreutheit entgegenzuwirken. Achtsamkeit hilft, den Geist zu sammeln und bewusst auszurichten.

Doch Achtsamkeit kann mehr sein als nur ein Beruhigungsmittel; Ruhe zu finden ist eher ein angenehmer Nebeneffekt. Nach der buddhistischen Tradition ist sie das Tor zur Weisheit. In der Stille des gegenwärtigen Moments kann sich die Vernetztheit allen Lebens offenbaren: dass Leben Beziehung ist und sich nur als dynamisches Geschehen ereignet. Dies ist ein anderes Bewusstsein als der fragmentierte Alltagsgeist des Denkens, Wollens und Tuns.

MBSR und der Achtsamkeitsboom

Das achtsame Gewahrsein scheint nicht so recht in unsere quirlige Welt zu passen. Viele Menschen fühlen sich gestresst und überfordert, unzählige Reize prasseln auf sie nieder. Doch gerade heute boomt die Achtsamkeit.

Zukunftsforscher Matthias Horx (3) spricht vom „Achtsamkeitstrend“. Es war der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn, der Achtsamkeit aus dem buddhistischen Kontext herauslöste und in der westlichen Welt verbreitete. Er begründete Ende der 1970er-Jahre das achtwöchige MBSR-Training (Mindfulness-Based Stress Reduction, im Deutschen: Stressbewältigung durch Achtsamkeit).

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Es kombiniert verschiedene Elemente wie Body Scan, also eine Körperwahrnehmung, Atemmeditation, Yoga und Übungen für den Alltag. Ursprünglich hatte Kabat-Zinn das Programm für Menschen konzipiert, die unter Schmerzen litten. Heute wird MBSR in ganz unterschiedlichen Bereichen eingesetzt, etwa bei Depression, Burn-out und schweren Erkrankungen.

Achtsamkeit wirkt. Jedes Jahr erscheinen neue wissenschaftliche Studien, die belegen, wie wirksam diese Praxis für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen ist. Ein Überblick gibt die Meta-Studie von Professor Peter Sedlmeier. (4)

Hat Achtsamkeit etwas mit Ethik zu tun?

Kabat-Zinn definiert Achtsamkeit in seinem Buch: “Gesund durch Meditation – Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR” (5) so: “die Bewusstheit, die sich durch gerichtete, nicht wertende Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Augenblick einstellt”.

Danach geht es darum, das, was es an inneren Bewegungen gibt, aufmerksam wahrzunehmen, sich der Urteile, die das Gehirn in jedem Moment erzeugt, bewusst zu sein und sich davon zu lösen. Denn oft liegt im Bewerten ein Festhalten und Trennen, das zu Leiden führt.

Der Aspekt des Nicht-Bewertens wird in der traditionellen buddhistischen Praxis von sati nicht betont. (6) Denn hier ist die Achtsamkeit Teil einer Lebenspraxis mit verschiedenen Elementen und der Ethik als Grundlage.

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Das Nicht-Bewerten hat in der buddhistischen Meditation zwar seinen Platz – in dem Sinne, dass das achtsame Gewahrsein alles wahrnimmt, was es an inneren Bewegungen gibt, ohne etwas abzulehnen oder festzuhalten. Dadurch entsteht mehr innere Freiheit. Aber es ist nicht der Kern der buddhistischen Form der Achtsamkeit. Diese ist eindeutig auf heilsame, förderliche Kräfte des Geistes gerichtet wie ein ethisches Bewusstsein oder Mitgefühl.

Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu MBSR: Die moderne Achtsamkeit zielt erst einmal nicht auf ethisches Verhalten ab, sondern dient vor allem der Beruhigung und Fokussierung des Geistes. Dadurch wird die innere Balance wiederhergestellt. Und das ist es, was Stress abbaut und Zufriedenheit schenkt. Zwar kann im Prozess des Übens von MBSR ein Gewahrsein von Verbundenheit mit anderen und Weisheit entstehen, muss aber nicht.

Es ist auch möglich, dass Achtsamkeit selbstbezogen geübt, für egoistische Ziele oder als bloße Technik eingesetzt wird, um effektiver in dem zu werden, was man will und tut. Wenn etwa Unternehmen Achtsamkeitskurse anbieten, so kann dies zum Ziel haben, die Leistung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu steigern. Denn wer achtsam und damit weniger abgelenkt ist, arbeitet effektiver und kann seine Ziele besser erreichen.

Der Dalai Lama: Sich auf innere Werte zurückbesinnen

Aus Sicht des Dalai Lama braucht Achtsamkeit ein ethisches Fundament, das heißt, eine innere Haltung, anderen nicht zu schaden oder ihnen sogar zu dienen. Er definiert in seinem Buch „Rückkehr zur Menschlichkeit“ (7) Achtsamkeit so: „Achtsamkeit ist die Fähigkeit eines Menschen, sich geistig zu sammeln und auf diese Weise auf seine zentralen Werte und seine innere Motivation zurückzubesinnen“.

Achtsamkeit bedeutet demnach, sich immer wieder im Alltag neu auszurichten und an die eigenen ethischen Ideale zu erinnern. Unter Ethik versteht der Friedensnobelpreisträger: “die anderen als Brüder und Schwestern zu sehen”, also sich ihnen nahe zu fühlen und ihre Interessen zu berücksichtigen. Wer achtsam ist, erinnert sich nach dieser Lesart in Interaktionen mit anderen an diese Verbundenheit und das Mitgefühl und handelt dann im Einklang mit diesen Werten.

Diese Form der Achtsamkeit setzt ein gutes Urteilsvermögen voraus. Es ist kein „nicht-bewertendes Gewahrsein“. Denn wer sich ethisch verhalten will, braucht Urteilskraft. Er muss beurteilen können, was ethisch angemessen ist und was nicht.

Er muss in sich selbst forschen, welche Motive, Impulse und Gedanken vorherrschend sind. Und dann bemerken, wenn er im Begriff ist, anderen zu schaden oder die Bedürfnisse anderer zu übergehen. Das Erkunden und Urteilen bildet die Grundlage für sein ethisches Handeln. Dies ist, legt man die Definition des Dalai Lama zugrunde, die eigentliche Praxis der Achtsamkeit.

„Wenn er auf ein bisschen Staub blickt, sieht er das ganze Universum“

Auch der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh sieht die Achtsamkeit im Kontext einer ganzheitlichen Lebenspraxis. Das achtsame Gewahrsein bringe Weisheit hervor: „Einsicht entsteht nicht als Ergebnis des Denkens. Sie ist das Ergebnis eines langen Prozesses bewussten Gewahrseins.“ (8)

Welche Einsicht ist hier gemeint? Es ist die Einsicht in die Verbundenheit allen Lebens. Jeder Mensch ist Teil des lebendigen, dynamischen Lebens, das sich in jedem Moment neu in ihm entfaltet. Gleichzeitig wirkt er selbst auf das Ganze ein. Diese wechselseitige Bedingtheit zu erkennen ist hier das eigentliche Anliegen der Achtsamkeitspraxis. Mit den Worten Thich Nhat Hanhs: „Wenn ein erwachter Mensch auf ein bisschen Staub blickt, sieht er das ganze Universum“. (9)

Wer auf der Basis von Achtsamkeit und meditativer Sammlung erkennt, dass alles miteinander verbunden ist und sich gegenseitig durchdringt, überwindet Vorstellungen von Trennung: ich und andere, sie und wir, eins und viele, gleich und verschieden.

So ein Mensch kann anders in der Welt aktiv sein, weniger selbstbezogen, mehr am Wohl anderer orientiert. Er entdeckt, dass „das Leben aller Wesen eins ist“. Man werde, so schreibt Thich Nhat Hanh, „von Mitgefühl für sie alle überwältigt sein“. Und: „Wenn du Liebe empfindest, dann weißt du, dass deine Meditation Früchte bringt“. (10)

Damit ermöglicht die Achtsamkeit ein tieferes Bewusstsein, das Trennung, Fragmentierung und Dualismus des Alltagsbewusstseins transzendiert. Schon ein Atemzug kann die Erkenntnis reifen lassen, dass kein Mensch sein Leben allein bestreiten kann, sondern ganz und gar in die Natur eingebunden ist.

Diese Bewusstseinsveränderung ist kein Selbstzweck, sondern dient einem höheren Ziel: „Eine vollständige Veränderung im Bewusstsein der Menschen ist erforderlich“, so der Zen-Meister, um die Probleme in der komplexen, globalisierten Gesellschaft zu lösen. (11)

Danach bräuchten wir das nicht-trennende, nicht-dualistische Gewahrsein, um gut zu handeln und mit unserem Tun dem Leben zu dienen, statt es zu zerstören. Und das fängt bei scheinbar kleinen Taten an: wie wir mit anderen sprechen, mit Kritik umgehen, was und wie viel wir konsumieren.

Das Ich hat keine Ränder

Wenn alles miteinander verflochten ist, kann eine egoistische Einstellung, die in „Ich und Andere“, „meine Nation, deine Nation“, „meine Stärke, deine Schwäche“ aufteilt, nicht funktionieren. Abschottung, Grenzen ziehen, Bereicherung auf Kosten anderer, Profit gegen Umwelt, Wissenschaft gegen Spiritualität verschärfen die Probleme, wie wir jeden Tag schmerzlich beobachten können.

Daher ist es lebenswichtig, ja überlebenswichtig, ein ganzheitliches Bewusstsein zu entwickeln, das integriert, statt zu trennen. Der Physiker Hans-Peter Dürr hat es so ausgedrückt:

„Ihr Ich ist umfassender als das, was Sie mit Ihrer geschichtlichen Individualität verbindet. Es ist ein Ich, das keine Ränder hat, das immer offen ist, letztlich bis ins Unendliche reicht, letztlich also den Kosmos ausfüllt. Es hat vielleicht jeweils einen Horizont, der jedoch keine Begrenzung ist, sondern eng und weit sein kann, je nachdem, ob Sie im Tal oder auf einem Berg sitzen.“ (12)

Aus dieser Erkenntnis heraus können wir neue, andere Möglichkeiten des Handelns entdecken – und zwar in allen Lebensbereichen: in Beziehungen, in der Familie, in der Arbeit ebenso wie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. So sieht es auch Jon Kabat-Zinn. Im Interview mit Ethik heute spricht sagt er: „Achtsamkeit kann die Gesellschaft heilen. (13) Seine Vision ist womöglich vielen, die MBSR unterrichten, gar nicht bewusst. Achtsamkeit solle einen Beitrag leisten auf dem Weg hin zu einer neuen Gesellschaft – hin zu mehr Frieden, Gerechtigkeit und dem schonenden Umgang mit unseren Lebensgrundlagen.

Das wäre genau das, was wir heute brauchen: die Verbindung von Achtsamkeit, persönlicher Entwicklung und gesellschaftlichem Engagement. Denn beide bedingen einander. Wir können als Individuen nicht glücklich leben, wenn es anderen schlecht geht und wenn die Gesellschaft dominiert ist von Gewalt, autoritären Strukturen und Ausbeutung. Anders herum: Nur wenn der Einzelne sich selbst versteht,  in innerem Frieden lebt und seine menschlichen Potenziale entfaltet, kann auch die Gesellschaft sich gut entwickeln.

Daher trifft die Kritik von Ronald Purser an Achtsamkeit als „McMindfulness“ (14), als Instrument des Kapitalismus, das globale Missstände lässt, wie sie sind, nur zum Teil: und zwar dann, wenn man Individuum und Gesellschaft auseinanderdividiert. Die Übergänge sind jedoch fließend.

Wenn sich der Einzelne verändert und etwa mit Hilfe der Achtsamkeit besser wahrnimmt und sich mit anderen verbunden fühlt, kann er dies auch außerhalb seiner vier Wände zum Ausdruck bringen. Vielleicht kann Achtsamkeit dann – im Sinne von Thich Nhat Hanh und Jon Kabat-Zinn – eine transformierende Kraft entfalten.

Dazu müssten Achtsamkeits-Übende bereit sein, sich gesellschaftlich zu engagieren und dabei ihre Einsichten und Erfahrungen aus der Meditation einzubringen. Wie Thich Nhat Hanh es formuliert: „Wir brauchen eine Art kollektiven Erwachens“. (15)

Birgit Stratmann ist Mitbegründerin des Netzwerks Ethik heute in Hamburg. Sie ist verantwortlich für die Redaktion des Online-Magazins ethik-heute.org und die Programmplanung. 2011 hat sie den internationalen Kongress „Achtsamkeit – eine buddhistische Praxis für die Gesellschaft heute“ mitinitiiert und federführend organisiert.

Quellenhinweise

(1) Thich Nhat Hanh, Das Wunder der Achtsamkeit. Einführung in die Meditation, Theseus 1995

(2) Michael Zimmermann, Christof Spitz, Stefan Schmidt (Hrsg.), Achtsamkeit, ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft, Hogrefe 2012

(3) Matthies Horx, „Der Achtsamkeitstrend“

(4) Peter Sedlmeier, Die Kraft der Meditation. Was die Wissenschaft darüber weiß, Rowohlt 2016

(5) Jon Kabat-Zinn, Gesund durch Meditation – Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR, Knaur MensSana TB 2013

(6) Christof Spitz, Achtsamkeit im Kontext des Bewusstseins. In: Achtsamkeit, ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft, s. Fußnote 4.

(7) Dalai Lama, Rückkehr zur Menschlichkeit. Neue Werte in einer globalisierten Welt, Bastei Lübbe 2013

(8-11) Thich Nhat Hanh, Die Sonne, mein Herz, Theseus 2012

(12) Hans-Peter Dürr, Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen. Die neue Beziehung zwischen Religion und Naturwissenschaften, Herder 2016

(13) Jon Kabat-Zinn auf Ethik heute

(14) Ronald Purser. McMindfulness. How Mindfulness Became the New Capitalist Spirituality. Repeater 2019

(15) Thich Nhat Hanh. Die Welt ins Herz schließen. Aurum Verlag 2009