Professor Stefan Schmidt

Achtsamkeit stellt uns anders in die Welt

Eine Replik auf Hartmut Rosa von Stefan Schmidt

Hartmut Rosa hat auf Ethik heute die Achtsamkeit kritisiert. Meditationsforscher Stefan Schmidt fordert in seiner Antwort mehr Mut im wissenschaftlichen Diskurs und skizziert Berührungspunkte zwischen Achtsamkeit und Resonanz. Achtsamkeit kann eine Graswurzelbewegung sein, so Schmidt.

 

Der Psychologe Dr. Stefan Schmidt antwortet im Folgenden auf ein Interview von Hartmut Rosa im Oktober 2016 auf Ethik heute.

Hartmut Rosa beschert uns mit seiner demonstrativ vorgetragenen Achtsamkeitskritik einen spannenden Diskurs, der für alle Seiten bereichernd sein kann. Ausgangspunkt ist das Dilemma, dass seine Theorie der Resonanz Erfahrungen und Bedürfnisse aufgreift, die in seiner eigenen Disziplin – der Soziologie – nicht hoffähig sind, in psychologisch- und achtsamkeitsorientierten Kreisen aber umso mehr Resonanz erzeugen.

Also muss er sich klar öffentlich distanzieren und sowohl auf Spiegel Online als auch auf Ethik heute die Achtsamkeitspraxis und Meditationsforschung als unwissenschaftliche, esoterische, kommerzielle und unpolitische Wohlfühltrends abwerten. All dies – und das wird schon beim ersten Lesen der Kritik offensichtlich – ohne sich den Themen je auf Sichtweite genähert zu haben.

Solche Abgrenzungsdiskurse mit Blick auf die eigenen Kolleginnen und Kollegen sind für die Diskussion der Sache nicht hilfreich. Sie sind eher beschämend für die Wissenschaft. Wenn die Disziplin der Disziplinen ein Hinausdenken über die Ränder der eigenen Wissenschaftskonzeptionen verhindert, dann wird Wissenschaft selbst-reproduzierend, innovationsfeindlich und in meinen Augen auch langweilig.

Man mag Hartmut Rosa fast zurufen: „Fürchte Dich nicht vor Kritik und Ausgrenzung, traue Dir selbst und Deinem eigenen Entwurf!“ Die Professorinnen und Professoren sind letztendlich auch deshalb in Deutschland mehrheitlich verbeamtet, damit sie ein Maximum an akademischer Freiheit haben.

Einfluss auf das eigene Erleben nehmen

Hinter der Abgrenzungsrhetorik von Hartmut Rosa verbirgt sich offensichtlich das Bedürfnis des Denkers nach Berührung und Bezogenheit in der Welt – als Gegenentwurf zur Entfremdung. Diese Resonanz entfaltet sich gemäß seiner Selbstbeobachtung mehrheitlich beim Musikhören oder in der Natur und hat meist einen leiblichen Bezug. Es stellt sich die Frage, um was es sich bei diesem Erleben handelt, das so anders ist als die Alltagserfahrungen?

Hätte sich Hartmut Rosa aufgemacht und den Kontakt mit Fachleuten aus der Psychologie für diese Fragestellungen gesucht, dann wäre er vermutlich unter anderem auf die Praxis der Achtsamkeit oder die Rolle des Erfahrungsbezugs gestoßen. Stattdessen hat er einen eigenen Entwurf geschaffen, sein Resonanzkonzept. Dahinter steht der Wunsch, die Lücke zwischen soziologischer Theorie der Gesellschaft und eigenem Erleben zu schließen, und genau darin steckt ein ungeheurer Wert.

Aus einer buddhistisch geprägten, psychologischen Sichtweise ist die Rosa’sche Resonanz dem nahe, was in der Achtsamkeitspraxis als Erfahrungsbezug bezeichnet wird. Es ist ein Unterschied, ob ich etwas über die Welt weiß oder ob ich in einen erfahrungsbezogenen, direkten Kontakt mit ihr gehe. Ein Beispiel: Selbst wenn man schon alles über Schokolade weiß, erfährt man etwas substantiell Neues, wenn man zum ersten Mal Schokolade isst.

In Bezug auf die Außenwelt und auf den eigenen Körper ist dieser Erfahrungsbezug immer sinnlich und damit auch leiblich, wie dies Rosa auch betont. Aber es gibt in der Achtsamkeitspraxis auch eine erfahrungsbezogene Perspektive auf die eigenen Emotionen und Gedanken, die psychologisch auch als metakognitiv bezeichnet wird und sich hinsichtlich des Erlebens zentral von einem theoretisch-kognitiven Nachdenken unterscheidet.

Aus dieser Sicht kann das Üben in Achtsamkeit tatsächlich die Wahrscheinlichkeit für ein Resonanzerleben erhöhen; wer ein bisschen Erfahrung in dieser Meditation hat, wird vermutlich sogar relativ direkt auf das zugreifen können, was Hartmut Rosa als Resonanz bezeichnet.

Das Besondere an der Achtsamkeitspraxis ist, dass man gewisse Haltungen und Erfahrungen durch Übung eher ermöglichen kann. So wie das Üben des Gitarrespielens die Wahrscheinlichkeit für ein Resonanzerleben in der Musik erhöhen – wenn auch nicht erzwingen – kann, so vermag eine meditative Praxis in Bezogenheit zum Erleben auch den Selbst- und Weltbezug verändern. Warum dies so gut funktioniert, wird in der Psychologie gerade ausgiebig erforscht.

Freiraum für Veränderungen

Vor dem Hintergrund, dass man seine Haltung zur Welt und damit sein eigenes Erleben beeinflussen und verändern kann, können wir auch die Popularität der Achtsamkeit, mit all ihren negativen Folgen verstehen. Viele der Menschen, die sich der Achtsamkeitspraxis zuwenden, suchen in einer kognitiv überdrehten, weil beschleunigten Welt einen Erfahrungsbezug, ein Resonanzerleben, vielleicht auch Muße.

Und gerade diese Popularität, die ich als eine Selbstregulationsstrategie der Gesellschaft begreife, scheint nun der Achtsamkeitsbewegung den Boden wegzuziehen. Der Kapitalismus hat sich seit jeher jede populär gewordene Kapitalismuskritik einverleibt, indem er diese erfolgreich vermarktet. Ein ähnliches Muster ist hier auch zu sehen. Zu Recht ist Hartmut Rosa von vielen medialen Darstellungen und Kontextualisierungen von Meditation und Achtsamkeit abgestoßen.

Ich persönlich kann die am Strand sitzende, junge, schlanke meditierende Frau mit nach oben zeigenden Fingerspitzen sowie die rundgeschliffenen Kieselstein auf den MBSR-Flyern schon länger nicht mehr ausstehen. Aus dieser Art der Vermarktung sollten wir jedoch nicht auf den Inhalt schließen. Denn in der ursprünglich buddhistischen Achtsamkeitspraxis verbirgt sich eine sehr weise Praxis und Weltsicht, die es sich aus einer modernen psychologischen Perspektive zu betrachten lohnt.

Durch die unerwartete Popularität steht die Achtsamkeit nun vor einer neuen Herausforderung. Wird diese Bewegung zur Systemoptimierung in das Effizienzstreben unserer Kultur eingepreist? Gehört es schon bald zum guten Ton, sich mit effizienten meditationsbasierten Stressbewältigungstechniken den Herausforderungen unserer Gesellschaft stellen zu können? Wird Meditation zum Desiderat für Führungskräfte und MBSR zur Standardweiterbildung für stressgeplagte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Firmen, die sich einem globalen Konkurrenzkampf ausgesetzt sehen?

Folgt man der Logik solcher Entwicklung, dann wird – wie in Rosas Beschleunigungstheorie – die so erzielte Effizienzsteigerung schnell zum generellen Standard und es ist damit nichts gewonnen und viel verloren. Eine so gelagerte Kritik ist pointiert im Artikel von Purser und Loy (1) beschrieben worden. Der dort geprägte Begriff McMindfulness als Ausdruck, dass Achtsamkeit zum bloßen Junk-Food verkommen ist, ist mittlerweile ein feststehender Begriff, den selbst Jon Kabat-Zinn jüngst in den Titel seines Vortrages aufnahm.

Doch es gibt auch die gegenteilige Perspektive. Sie betont, dass die Achtsamkeitspraxis als eine sowohl reflektierende als auch erfahrungsbezogene Auseinandersetzung mit der Welt den Menschen selbst anders in die Welt stellt. Dies gilt umso mehr, wenn die ethischen Aspekte, mit der die Achtsamkeit eng verbunden ist, und die im Zuge der Säkularisierung oft übersehen wurden, aufscheinen. In diesem Sinne kann Achtsamkeit eine radikale Grasswurzelbewegung sein, die in den sozialen Kontexten, in denen sie nun so oft implementiert wird, auch entsprechende Diskurse anstößt.

Auch liegt in der ursprünglichen spirituellen Orientierung der Achtsamkeitspraxis eine Handlungsmotivation, die stets über das eigene Wohlergehen hinausgeht. Viele der Praktizierenden, Lehrenden und Forschenden in der Achtsamkeitsbewegung haben erkannt, dass es im Zuge ihrer überraschenden Popularität zentral ist, die Achtsamkeit nicht einer Vermarktung als Stressbewältigungs- und Selbstoptimierungstechnik zu überlassen.

Resonanz nach Rosa ist nicht gleich Achtsamkeit, aber die Konzepte haben zusammen mit ähnlichen Begriffen wie Muße, Flow oder Immersion einiges gemein. Es geht um Gegenwartsbezug, Entfunktionalisierung und Sinnstiftung, es geht um Erfahrungs- und Körperbezug. Und die vielfache Sehnsucht nach diesen Aspekten wird von einer sozial beschleunigten und entfremdenden Gesellschaft genährt.

In Zukunft kommt es darauf an, diese Bedürfnisse auch immer im Zusammenhang zu den gesellschaftlichen und sozialen Verhältnissen zu begreifen und gleichzeitig auf der individuellen Ebene Praktiken zur Verfügung zu stellen, die den Menschen einen Freiraum für Veränderung geben. Das eine wird ohne das andere nicht gelingen. Und das muss auch in einer nach Disziplinen sortierten und sozialisierten Wissenschaft irgendwann erkannt werden.

Stefan Schmidt

(1) Purser R, Loy D. Beyond McMindfulness [Internet]. Huffington Post. 2013 [zitiert 22. Oktober 2014]. Verfügbar unter: http://www.huffingtonpost.com/ron-purser/beyond-mcmindfulness_b_3519289.html

PD Dr. phil. Stefan Schmidt, Psychologe, ist Leiter der Sektion Komplementärmedizinische Evaluationsforschung an der Uniklinik Freiburg. Er leitet dort die Forschungsgruppe für Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie. Er war Stiftungsprofessor an der Humanistischen Universität Utrecht und bis 2016 Juniorprofessor an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder). Seine Forschungsschwerpunkte sind Achtsamkeit und Gesundheit, Meditationsforschung, Komplementärmedizin und Forschungsmethodik. http://prof-stefan-schmidt.info/cv

Eine weitere Antwort auf Hartmut Rosa hat der Soziologe Alan Schink in seinem Soziologie-Blog verfasst

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3 Gedanken zu „Achtsamkeit stellt uns anders in die Welt

  1. Ein ganz großer Dank an Stefan Schmidt für diesen Beitrag, der deutlich macht, dass die Ausübung von Achtsamkeit und die Vermarktung von Achtsamkeit zwei sehr unterschiedliche Dinge sind.

    Beim Vortrag von Hartmut Rosa hatte ich den Eindruck gewonnen, dass ihm die (eigene) Erfahrung mit Achtsamkeitsübung(en) bzw. Ausübung von Achtsamkeit praktisch fehlt. Er sprach davon wie ein „Blinder von der Farbe“, so dass ich ihm gerne zugerufen hätte: „Probieren Sie es bitte einmal (am besten in einem spirituelle Umfeld) aus!“

    Liebe Grüße ans „Netzwerk“

  2. Eine auf das Kollektive gerichtete Achtsamkeitspraxis, die den Körper und explizit eine (wie auch immer geartete „nachhaltige“ ) Ethik integriert – wäre das eine Brücke zu Rosa? So eine Art engagierter Green Yoga, der den Boden bereitet für die Emergenz eine „weltzentrischen Bewusstseins“ (Ken Wilber)?

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