Tradition und Start up verbinden

Wachstum und schneller Erfolg – das ist dem Unternehmer Evgeni Kouris nicht genug. Er will mit seinen Initiativen Impulse geben, um mittelständische Unternehmen neu aufzustellen. Es gilt, Tradition mit Innovation und Nachhaltigkeit zu verbinden. Das Ziel: mit Ideen aus Startups die Welt ein bisschen besser machen.

Die Erfahrungen der Corona-Zeit haben gezeigt, dass unsere Arbeitswelt wandelfähiger ist als viele dachten. Mit Home-Office und Video-Meetings haben flexible Arbeitsformen regen Zuspruch bekommen. Solche beweglichen Formen der Zusammenarbeit und des Wirtschaftens werden unter dem Begriff „New Work“ seit einigen Jahren vor allem in der Startup-Welt erprobt.

Mit New Work ist meist eine dynamische, flexible Arbeitsweise in kreativen, innovativen, vernetzten Teams mit flachen Hierarchien gemeint. Evgeni Kouris kennt diese Welt gut und er setzt sich heute dafür ein, sie im Sinne einer ethischen und sinnstiftenden Neuorientierung zu gestalten.

Nach der Tätigkeit als Unternehmensberater und einer Musiker-Karriere mit der Indie-Rockband „Timid Tiger“ gründete der gebürtige Russe in Berlin mehrere Startups. Diese wurden schnell finanziell erfolgreich, ohne aber den Status eines Unicorns zu erreichen – Glück im Unglück reflektiert Kouris heute. Denn dann wäre er heute wohl nicht auf dem innovativen Weg, den er für sich gefunden hat. Als Unicorn oder Einhorn werden Startup-Unternehmen bezeichnet, die extrem schnell finanziell sehr erfolgreich werden, wie beispielsweise Zalando, Airbnb oder Facebook. Also der Traum jedes Gründers.

Für Evgeni Kouris war dieser Traum nicht genug. Er fragte sich: „Wenn wir als Startup-Gründer ganz positiv sagen: ‚Wir wollen die Welt besser machen,‘ dann ist die Frage: ‚Für wen?‘“ Denn für Kouris ging es bei der Gründung nicht nur um finanziellen Erfolg. Seine Firma Toywheel.com sollte beispielsweise dazu beitragen, mit digitaler Technik kreative Erfahrungsräume des Spielens für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Er wollte sein unternehmerisches Handeln mit einer Sinnorientierung und einer sozialen Aufgabe verbinden.

Dieses Bewusstsein entstand auch aus einer Zusammenarbeit mit der „Projektfabrik“ aus Witten/Herdecke, einer sozialen Organisation, die erfolgreich arbeitslose Jugendliche mit Hilfe von Theater als Kunstprinzip ausbildet, um in den Arbeitsmarkt zu kommen. Aus dieser Erfahrung heraus wollte Kouris die Kraft sozial-künstlerischer Prozesse in der Arbeitswelt erproben. Daraus ist auch seine Initiative „New Mittelstand“ inspiriert.

Dynamik und Nachhaltigkeit

Die Bewegung „New Mittelstand“, ein loser Zusammenschluss von mittelständischen Unternehmen, reflektiert über die soziale und ethische Verantwortung unternehmerischen Handelns. In Familienunternehmen und mittelständischen Betrieben wird eine bodenständige, häufig regional verwurzelte Ethik gelebt, eine Verbundenheit mit Mitarbeitenden, dem sozialen Umfeld und der ökologischen Umgebung. Kouris will dieses Potenzial von Verantwortungsgefühl und Gemeinwohlsinn mit der Dynamik und Kreativität der Startup-Welt verbinden.

Verena Bahlsen, die sich mit dem Familienunternehmen Bahlsen als Teil der New Mittelstand-Bewegung sieht, erklärt: „Mittelstand ist kein ‚anderes‘ Wirtschaftsmodell als ein Startup. Er befindet nur in auf einem anderen ‚Grad der Reife‘, sodass man kaum sieht, dass beide denselben Ursprung haben. Startups sind nicht automatisch ‚sexier‘ als der Mittelstand. Wir glauben an die Kraft des Mittelstands, wenn wir es jetzt schaffen, ihn für die heutige Zeit neu zu denken.“

Verena Bahlsen hat vor kurzem als aktive Gesellschafterin die langfristige Ausrichtung des Familienunternehmens übernommen. Ausgehend von dem Purpose des Unternehmens arbeitet sie beispielsweise mit dem Startup HERMANN’S in Berlin an der Vision für die Zukunft von Bahlsen ­­– „for a good future of food“.

Zebras statt Einhörner

Evgeni Kouris, Foto: privat

Inspiriert wird Kouris nicht nur von dieser neuen Generation des Mittelstandes wie Verena Bahlsen oder Max Viessmann, sondern auch von der Bewegung Zebras Unite. Diese hat sich in den USA gebildet, um der Idee der „Einhörner“ eine andere unternehmerische Vision entgegenzusetzen.

„Hier wird gefragt: Was wäre, wenn ein Startup kein Unicorn wäre, sondern ein Zebra, also ein pluralistisches, gestreiftes Wesen, das Profit und Purpose verbindet. Ein Unicorn kann es ja nur einmal geben, aber Zebras bilden eine Gemeinschaft und können gemeinsam die Welt verändern“, erklärt Kouris.

Im Kontrast zur reinen Profitorientierung, die sich auch in der dynamischen Startup-Wirtschaft mit dem Ziel exponentiellen Wachstums verbreitet hat, wird hier eine Idee organischen, sinnhaften, kooperativen Wachstums als Alternative formuliert und gelebt.

In der Zebra-Bewegung möchten Unternehmerinnen ihr wirtschaftliches und gestaltendes Interesse mit einer nachhaltigen und sinngebenden Wirkung auf Umwelt und Mitwelt verbinden: Profit und Purpose. Und diese Ziele sollen nicht durch Konkurrenz und Monopolstellung, sondern durch Kooperation und Ko-Kreation erreicht werden. Hier zeigt sich ein Paradigmenwechsel wirtschaftlichen Handelns, der zum Kern des New-Work-Gedankens gehört.

Ständige Innovationsbereitschaft

Die Erfahrungen mit neuen Formen der Führung und Zusammenarbeit möchte Kouris für den Mittelstand erschließen. Mit New Mittelstand ergibt sich eine neue Form des Wirtschaftens und Arbeitens: Das Ziel solcher Unternehmen ist ein nachhaltiges Wachstum mit ständiger Innovationskraft, die für ein Ziel im Sinne des Gemeinwohls in Kooperation mit anderen Unternehmen und Interessengruppen entwickelt wird.

Die Arbeitsweise verändert sich in Richtung partizipativer Prozesse mit einem Einbezug der Mitarbeitenden, mit Räumen der Ko-kreation und einer Orientierung auf die Ganzheit des Menschen und die Bestärkung individueller Potenziale in Prozessen der Selbstführung. Dieses wirtschaftliche Handeln soll den Mitarbeitenden, den Kunden, aber auch der Gemeinschaft und der Umwelt dienen – und damit zu einem regenerativen Wachstum beitragen.

Nach Ansicht der New Mittelstand-Botschafterin Prof. Dr. Nadine Kammerlander, die an der Otto Beisheim School of Management den Lehrstuhl für Familienunternehmen innehat, „können Familienunternehmen aufgrund ihrer Flexibilität sehr innovativ sein. Doch sie leiden am sogenannten ‚Family Innovator’s Dilemma‘ – einer Kombination aus strukturellen, kognitiven und emotionalen Barrieren, die radikalen Wandel hindern.”

Daher will New Mittelstand das „Family Innovator’s Dilemma“ überwinden helfen und diesen Wandel durch eine Strategie aus drei Schritten unterstützen: Erstens soll durch Events, Seminare und Online-Inhalte und -Kurse Inspiration für den Wandel vermittelt werden.

Zum Zweiten soll eine Gemeinschaft sinnorientierter Beraterinnen und Berater entstehen, die Unternehmen auf dem Weg zur Transformation im Sinne des New Mittelstand unterstützen. Denn vielen mittelständischen Unternehmen fehlt laut Kouris der Fokus auf Innovation, den Möglichkeiten der Digitalisierung und agiler Managementformen. Zudem verstehen sie häufig nicht die Bedürfnisse von jungen Mitarbeitenden und Kunden aus den Generationen Y, Z oder Alpha.

Als Drittes soll durch ein Forum „von Mittelstand für Mittelstand“ die Zusammenarbeit gestärkt werden, die zum Teilen von Wissen oder gemeinsamen Projekten führt. Mit diesem Gedanken steht New Mittelstand auch nicht allein – insbesondere in Berlin entstehen weitere Räume, welche die Zusammenarbeit von Mittelstand und Startups fördern wie z. B. der „Maschinenraum“ von Viessmann oder „Kitchentown“ von Bahlsen.

Im Sinne des Grundgedankens von New Mittelstand kann eine radikale, nachhaltige Innovation neue Dynamik in Unternehmen bringen. Verena Bahlsen sagt über diesen Prozess: „Wir sind als Mittelstand so viele Generationen erfolgreich geblieben, weil wir Wert auf Unabhängigkeit, Werte und Kontinuität legen. Der Grund, wieso wir in dieser neuen Wirtschaftsphase gegenüber Startups verlieren, liegt darin, dass wir mehr mit dem Erhalt unseres jetzigen Erbguts beschäftigt sind als mit dem Entwickeln eines neuen. Beides muss parallel miteinander möglich sein.“ Aus diesem Grund wurde kürzlich das Marketing bei Bahlsen neu aufgestellt. Zwei neue zwei Teams sollen nun den Markenaufbau und die Entwicklung innovativer Produkte voranzutreiben.

Neue Formen der Führung

Um solch einen Wandel umzusetzen, müssen auch die Führungskräfte neue Prioritäten setzen. Selbststeuerung, Empathie und Flexibilität sind menschliche Fähigkeiten, die für innovativ-dynamische Unternehmen unerlässlich sind. Kouris zeigt hier eine „adaptive Führung“ auf, zu deren Merkmalen die Ermächtigung von Mitarbeitern, die Stärkung von Verantwortungsbewusstsein, Peer-to-Peer-Lernen und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit steht.

Die adaptive Kultur der New Mittelstand-Unternehmen fördert optimistische Experimente, wodurch z. B. ein anderer Umgang mit „Scheitern“ möglich wird und weniger Angst vor gewagten Ideen herrscht. Daraus entsteht eine Kultur des ständigen Lernens.

Entscheidend ist auch eine Stärkung der Vielfalt, denn „in Zukunft werden immer weniger Generalisten benötigt, da generalistische Aufgaben häufig effizienter von Maschinen übernommen werden können“, so Kouris. Deshalb ist es wichtig, die einzigartigen Potenziale der Mitarbeitenden zu heben und zur Entfaltung zu bringen. Ein drittes Element besteht darin, einen klar definierten Sinn, das „Warum“ des unternehmerischen Handelns zu formulieren und zu vermitteln.

Eine solche Transformation der Wirtschaft und der Arbeit versteht Kouris im Sinne eines künstlerischen Prozesses von Freiheit und Struktur, Unabhängigkeit und Eingebundensein, Selbstermächtigung und Verbundenheit, Selbstorganisation und adaptiver Führung. So kann ein ko-kreativer Raum entstehen, aus dem heraus unternehmerisches Handeln und die Arbeitsprozesse sinnerfüllt, gemeinwohlorientiert und wirtschaftlich erfolgreich gestaltet werden können.

Mike Kauschke

Mike Kauschke ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des Magazins evolveZu seiner Website

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