Sarah Holmlund/ shutterstock.com
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Die Macht der künstlichen Intelligenz

Wie die Technik den Menschen beherrscht

Google sammelt nicht nur Daten, sondern ist auch treibende Kraft im Bereich Künstlicher Intelligenz. Werden in Zukunft intelligente Maschinen die Geschicke auf der Erde bestimmen? Der Philosoph Christoph Quarch erklärt, was die Visionen der It-Giganten für uns bedeuten könnten.

 

Der Philosoph Dr. Christoph Quarch ordnet in einer Artikel-Serie neueste technologische Entwicklungen ein. Im 1. Teil ging es um Big Data, im 2. Teil um Biotechnologie

Experten gehen davon aus, dass mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis zum Jahr 2075 eine Maschine entwickelt wird, die dem Menschen in all seinen kognitiven Fähigkeiten ebenbürtig ist. Also nicht nur im logischen Denken, sondern auch in Kreativität, Intuition und der Fähigkeit zur strategischen Planung.

Da eine solche Superintelligenz sich selbstständig verbessern könnte, prophezeit Nick Bostrom, der Direktor des Future of Humanity Institute in Oxford und Begründer der World Transhumanist Association 1 (WTA) in naher Zukunft eine finale Intelligenzexplosion, die sich innerhalb von Wochen oder nur Stunden vollziehen2 könne. Niemand könne diese mehr stoppen, da nun die künstliche Intelligenz selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen werde.3 „Das“, sagt er, „könnte das Ende der Menschheit bedeuten.“4 Daher hält er es für erforderlich, schon jetzt daran zu arbeiten, dass künftige Denkmaschinen nicht nur selbständig lernen, sondern auch über so etwas wie ein Wertesystem verfügen, das sie daran hindert, den Menschen auszurotten.

Dass ein echter Kenner und renommierter Künstliche-Intelligenz-Forscher solche Gedanken hegt, stimmt nicht wirklich optimistisch. Auch nicht seine Aussage, die treibenden Kräfte auf dem Weg zur Superintelligenz – allen voran Google und IBM – führten sich auf „wie Kinder, die mit Dynamit spielen“5, zumal dann, wenn sie ihre virtuellen Superhirne auch noch in körperähnliche Maschinen pflanzen und Roboter aus ihnen machen. Alles Phantasterei oder Science fiction? Von wegen.

Cyborg: Verschmelzung von Robotern und Menschen

Robotik ist ein Markt der Zukunft. Seit 2013 betreibt Google acht Unternehmen im Bereich der Roboter-Technologie, darunter die Firma Boston Dynamics, ihres Zeichens Marktführer im Bereich von Militärrobotern – ein Unternehmen, von dem bekannt ist, dass es eng mit dem Pentagon zusammenarbeitet.6 Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… Google ganz sicher nicht. Gegenüber der New York Times erklärte Andy Rubin, Leiter von Googles Roboter-Abteilung, dass das Unternehmen einfach nur „den Alltag der Menschen einfacher machen wolle.“7 Na, da können wir ja durchatmen.

Brisant wird es da, wo optimierte Robotertechnologie und Mensch verschmelzen. Dabei haben wir es mit einer Symbiose von Technik und Organismus zu tun – einer „organischen Konstruktion“. Ernst Jünger erkannte darin bereits 1932 den Wesenszug dessen, was er die „totale Mobilmachung“ nannte: eine Aufrüstung des Menschen um der Weltherrschaft eines neuen Menschentyps willen.8 Glaubte Jünger noch daran, dieser neue, zur Weltherrschaft berufene Menschentyp sei der mechanische Maschinenmensch namens Arbeiter, so wissen wir heute, dass es der homo digitalis sein wird: der digitale Maschinenmensch oder auch Cyborg.

Das Wort Cyborg leitet sich her vom englischen cybernetic organism. Es meint ein „Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine“ und bezeichnet zumeist einen Menschen, dessen Körper um künstliche Bauteile ergänzt ist.9 Ein Cyborg ist also der Sprössling der Liaison von organischem Wesen und digitaler Konstruktion. Er ist der technisch perfektionierte Mensch, der mittels implantierter Computer-Chips seine physischen Mängel überwindet und seine Organfunktionen technisch optimiert.

Das ist mitnichten eine Zukunftsoption, sondern bereits heute Realität. Dabei ist nicht so sehr an schon jetzt im Einsatz befindliche Herzschrittmacher zu denken, die eine IP-Adresse haben und über eine App steuerbar sind. Vielmehr geht es um Phänomene wie auf dem Kopf befestigte Kameras, die mit dem Sehnerv verbunden sind, so dass ihr vormals farbenblinder Träger in der Lage ist Farben zu sehen10. „Ungefähr zehn Prozent der aktuellen Bevölkerung der USA sind vermutlich im technischen Sinn ‚Cyborgs‘“, schreibt N. Katherine Hayles in ihrem Cyborg Handbook 11.

Der störanfällige menschliche Körper

Für die Protagonisten und Pioniere der Cyborg-Industrie ist der menschliche Leib nichts anderes als ein ausgeklügelter, allerdings höchst störanfälliger und daher optimierbarer Robot-Computer. Sein größter Nachteil besteht darin, dass das Trägermaterial der ihn steuernden Intelligenz aus vergänglichen Aminosäuren besteht. Daran müsste man doch irgendetwas machen können – irgendwie diesen organischen Computer so aufrüsten, dass er eine längere Haltbarkeit erhält – eine unendliche Lebensdauer. Und eben das ist das erklärte Ziel.

Deutlich wird das bei einer Episode, die der französische Journalist Alexandre Lacroix im Philosophie Magazin erzählt. Er berichtet von einem Gespräch mit Elizier Yudkowsky – einem Programmierer am Machine Intelligence Research Institute (MIRI) in Berkley. Hier ein Ausschnitt:

„Er zeigt auf seinen Kopf. ‚Was sehen Sie? Einen Computer. Er ist aus Zellen gemacht, also aus Molekülen. Die lebende Materie ist aus 20 Aminosäuren zusammengesetzt. Es ist eine fragile Materie, und aus etlichen Perspektiven ist das menschliche Dasein ein Alptraum. Zunächst, weil wir sterblich sind. Dann, weil wir Raubtierinstinkte haben.

Jetzt stellen Sie sich vor, was passieren wird, wenn wir unsere Bewusstseine auf Festplatten überspielen können. Wir werden potenziell unsterblich und müssen bestimmte idiotische Szenen nicht mehr erleben, zum Beispiel die des betrunkenen Ehemanns, der seine Frau schlägt. Deshalb müssen wir eine Welt entwerfen, in der unsere Bewusstseine nicht mehr Aminosäuren als Träger haben, sondern Silizium.“12

Damit wären wir nun am Omega-Punkt angelangt: dort, wo sich all die beschriebenen High-Tech-Entwicklungslinien treffen, am heimlichen – oder auch unheimlichen – Graviationszentrum des Silicon Valley. Sein Name ist Unsterblichkeit.

Die Technik beherrscht den Menschen

Ob Big Data, Biotechnologie oder Künstliche Intelligenz: Der einzige „Wert“, den die Verfechter der neuen Technologien kennen, ist ein rein quantitatives Mehr: mehr Lebensdauer, mehr Gesundheit, mehr Intelligenz, mehr Information, mehr technische Leistungsfähigkeit.

Verfechter des Transhumanismus, einer philosophischen Richtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren überschreiten will, nehmen an nichts als dem leeren Mehr Maß. Sie hängen einer Ideologie der Maßlosigkeit, Vermessenheit und Anmaßung an.

Von den Propagandisten der neuen Technologien bekommt man oft zu hören, Big Data, Künstliche Intelligenz, Robotik, Human Enhancement könnten „for the better“ zum Einsatz gebracht werden, denn immerhin sei die Technik doch wertneutral, so dass es nur darauf ankomme, sie an die richtigen Werte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte etc. zurückzubinden.

Ja, sie gehen so weit zu behaupten, es könne ja sein, dass die Maßlosigkeit geradewegs zur Tugend gewandelt werden könne, gerade weil die Transhumanisten die von ihnen propagierten und genutzten Technologien mit keiner Wertordnung unterfüttern wollen. So zu denken ist beliebt. Aber so zu denken ist naiv. Es heißt die Gefahren zu verkennen.

Die Anmaßung des Transhumanismus zeigt sich vor allem darin, dass er davon träumt, der Mensch könne und solle sich vollkommen von der Natur entkoppeln. Ein „Wesen des Menschseins“ oder eine „menschliche Natur“ halten sie für pure Fiktionen.

Gefragt, ob ihre Visionen nicht der menschlichen Natur zuwider liefen, sagt etwa Human-Enhancement-Aktivistin Natasha Vita-More: „Den Begriff [menschliche Natur] finde ich schwierig. Wenn wir von der menschlichen Natur sprechen, meinen wir oft die Natur um uns herum. Wir haben unser Bestes getan, um Mutter Natur in den Griff zu bekommen. Aber unsere eigene Natur ist anders, sie hängt mit unserer Biologie und unserer DNS zusammen. 13

Eine nihilistische Grundhaltung

Keine Rückbindung an die Natur, keine Rückbindung ans Leben. So verfällt man dem Nihilismus. Der Transhumanismus kennt keine Verbindlichkeiten, ist vollkommen unverbindlich – was ihn freilich dafür anfällig macht, sich mit fragwürdigen Ideologien oder Dynamiken wie dem digitalen Imperialismus US-amerikanischer IT-Unternehmen zu verbrüdern. Darin liegt sein Gefahrenpotenzial.

Dieses Gefahrenpotenzial ist deshalb so groß, weil sich der transhumanistische Immortalismus mit zwei weiteren Maßlosigkeitsdynamiken verbindet: dem globalen Kapitalismus mit seinem Glauben an grenzenloses Wachstum einerseits und dem Glauben an einen infiniten technischen Fortschritt andererseits.

Das bloße Mehr nach Maßgabe der Machbarkeit unterhöhlt dabei jedes Wozu und jedes Warum. Kein Maß gibt dem Fortschritt die Richtung, kein Warum begründet den Immortalismus, kein Wie gibt dem Human Enhancement die Orientierung. Tun, was man tun kann, die Lebensspanne verlängern, so lange es geht, die eigenen Interessen zu verfolgen – das ist alles.

Solcherart ins Maßlose und Grenzenlose gesteigert, werden sich die von Transhumanisten begrüßten und von Apple, Google & Co vorangetriebenen ökonomischen und technischen Wachstumsdynamiken unweigerlich verselbständigen. Doch gerade wo sie die Grenzen- und Maßlosigkeit zum Maß aller Dinge erklären, spotten Transhumanisten nicht nur ihrer menschlichen Natur und Leiblichkeit, sondern öffnen dem Tod Tor und Tür. Aus der Natur ist nur ein Phänomen ungezügelten Wachstums bekannt: das Wachstum einer Krebszelle. Der Transhumanismus läuft Gefahr, der Menschheit eine ähnliche Krankheit zu sein.

Und selbst wenn alle offiziellen Verheißungen nicht erfüllt werden sollten – Grenzenloses Wissen, Ewiges Leben, dauernde Gesundheit, perfektes humanes Design – steht zu erwarten, dass die inoffiziellen Ziele erreicht werden: Allwissenheit, Allmacht, Weltherrschaft, totale Kontrolle. Und das ist schlimm genug.

Christoph Quarch

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Foto: Nomi Baumgartl

Foto: Nomi Baumgartl

Dr. phil. Christoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit ZEIT-Reisen. www.christophquarch.de

 

 

 

Quellenangaben:

1 Seit 2008: „Humanity+“

3 Ursprünglich stammt die Vision der Intelligenz-Explosion von dem englischen Kryptologen I. J. Good aus dem Jahr 1965. Good notierte seinerzeit: „Let an ultraintelligent machine be defined as a machine that can far surpass all the intellectual activities of any man however clever. Since the design of machines is one of these intellectual activities, an ultraintelligent machine could design even better machines; there would then unquestionably be an ‚intelligence explosion,‘ and the intelligence of man would be left far behind. Thus the first ultraintelligent machine is the last invention that man need ever make. (I.J. Good, „Speculations Concerning the First Ultraintelligent Machine“, Advances in Computers, vol. 6, 1965.)

http://web.archive.org/web/20090420061605/

http://www.aeiveos.com/~bradbury/Authors/Computing/Good-IJ/SCtFUM.html

8 Ernst Jünger: Der Arbeiter, Abs. 53.

11 N. Katherine Hayles: The Life Cycle of Cyborgs: Writing the Posthuman. In: Chris Hables Gray (Hrsg.): The Cyborg Handbook. New York/London 1995, S. 321–335.

12 Alexandre Lacroix: Unternehmen Unsterblichkeit, in: Philosophie Magazin 03/2015, S. 27-33.

13  Zitat aus „The European, 22. April 2013, s.o.

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