TK0920/ shutterstock.com
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Mit Biotec den neuen Menschen designen

Google auf Einkaufstour

Google sammelt nicht nur Daten, sondern kauft auch Biotechnologie-Firmen. Das Ziel: das menschliche Ergbut manipulieren und Körper kreieren, die frei sind von Krankheit, Behinderung, vielleicht sogar dem Tod. Lesen Sie den 2. Teil der Artikelserie von Christoph Quarch über die Visionen der It-Giganten.

 

Der Philosoph Dr. Christoph Quarch ordnet in einer Artikel-Serie neueste technologische Entwicklungen ein. Im 1. Teil ging es um Big Data.

Behinderte wird es in Zukunft nicht mehr geben. Nein, nicht Josef Mengele spricht so, sondern dies ist die Vision jener Forscher, Mediziner und Futurologen, die sich dem Projekt Human Enhancement gewidmet haben. Zwar würde das niemand der entsprechenden Personen so sagen, in ihrem Tun jedoch bekunden sie just dieses Vorhaben: Behinderung und Krankheit abschaffen; den Menschen nach Maßgabe der landläufigen Vorstellungen von Gesundheit, Erfolg, Attraktivität (und nicht zu vergessen: Wirtschaftlichkeit) zu perfektionieren – Big Data macht es möglich. Die Rechenkapazitäten dafür sind schon da.

Gesundheits-Apps von Google oder Apple (1) sind wohl nur ein schwacher Vorgeschmack auf das, was im Silicon Valley derzeit ausgeheckt wird. Es ist bekannt, dass Google seit einigen Jahren auf Einkaufstour in der Biotech-Branche ist. Eine ganze Reihe von Unternehmen aus den Bereichen Genforschung und Medizintechnik hat sich der Konzern schon einverleibt.

Hotspot des Geschäftszweigs ist offenbar die eigens für Googles Human-Enhancement-Projekte gegründete Firma Calico (Californian Life Company) (2), der allein im Gründungsjahr 2013 ein Budget von acht Milliarden US-Dollar bereitgestellt wurde. 300 Milliarden sollen es insgesamt werden. Chef des Unternehmens ist Arthur D. Levinson, gleichermaßen Vorstand bei Apple und Ex-CEO des Biotech-Riesen Gentech, heute eine Roche-Tochter.

Ein anderes Großprojekt des Google-Empire (3) ist die Firma 23andME, bei der man die DNA minutiös auf Krankheitsrisiken etc. analysieren lassen konnten. Der Spaß kostete etwa 100 Dollar, wurde gerne aber auch gratis angeboten. Warum wohl? Vielleicht ist es ja nützlich, über die genetische Information möglichst vieler User zu verfügen. Die US-amerikanische Behörde verbot das Verfahren.

Roboter sollen in der Blutbahn Krankheitserreger eliminieren

Worum mag es dabei gehen? Um big business, so viel ist sicher. Aber welche Richtung soll das nehmen? Einer, der die Richtung kennt, ist Raymond Kurzweil, Technischer Direktor bei Google, bekennender Human-Enhancement-Fan und Chef-Ideologe der Transhumanisten (4). In seinen zahlreichen Vorträgen erläutert er, wohin Googles BioTech-Reise gehen soll:

Nachdem es mit Hilfe der avancierten IT gelungen ist, das menschliche Genom zu entschlüsseln, so Kurzweil, werde es in der nächsten Runde darum gehen, bestimmte Gene ein-oder auszuschalten; oder so zu manipulieren, dass sie den oben genannten Zielen nützlicher sind. Das menschliche Erbgut, die DNA wird so zum Experimentierfeld menschlicher Optimierungsgelüste – Human Enhancement im Gen-Labor. Und wenn das noch nicht für die ewige Gesundheit reicht, dann sollen Nano-Roboter zum Einsatz kommen, die in der Blutbahn gleich vor Ort unliebsame Erreger exekutiere (5).

Aber nicht nur dort findet es statt. Human Enhancement kommt schon jetzt überall da zur Anwendung, wo die Wirklichkeit des menschlichen Leibes mit dem Wunsch des menschlichen Willens kollidiert. Besonders häufig ist das da der Fall, wo es um Jugend und Alter, Leben und Tod geht – oder auch um Attraktivität. Das jedenfalls scheint die treibende Kraft jenes eigentümlichen Starlet am transhumanistischen Himmel zu sein, das unter dem Namen Natasha Vita-More zu einiger Berühmtheit gelangt ist. Immerhin wurde sie von der New York Times als „the first female philosopher of transhumanism“ geadelt. (6).

Die Dame ist die Gründerin und Kreativ-Direktorin der von ihr gegründeten Firma esDESiGN und Produzentin des H+TV Internetkanal. Her research concerns the design aesthetics of human enhancement and radical life extension, with a focus on emerging and speculative sciences and technologies” (7), sagt sie über sich.

Auf der Suche nach Alternativen zum menschlichen Körper

1983 schrieb sie ein Transhumanismus-Manifest, worin sie einen Kodex „transhumaner Rechte“ meinte proklamieren zu müssen: „Das erste der transhumanen Rechte ist die morphologische Freiheit. Damit will ich sagen, dass eine Person das Recht hat, mit allen Mitteln ihren Körper zu verbessern oder ihr Leben zu verlängern, solange sie den Körper oder die Lebensdauer anderer nicht beeinträchtigt.“ (zitiert bei: Lacroix, S. 32)

Um Sie mit dem Denken von Frau Vita-More bekannt zu machen, zitiere ich im Folgenden einen längeren Auszug aus einem Interview, das sie im April 2013 der Zeitschrift „The European“ gab:

The European: Weitere Möglichkeiten haben Sie in einer Konzeptstudie namens „Primo Posthuman“ festgehalten, dem Prototypen für einen zukünftigen Menschen. Dessen Haut schützt sich selbst vor UV-Strahlen, und er kann das Geschlecht wechseln. Ist das realistisch?

Vita-More: Ich habe dieses Konzept als Ganzkörper-Prothese entworfen, als Alternative zum menschlichen Körper im Sinne der Robotik, künstlichen Intelligenz und Neurowissenschaft. Es bietet kranken Menschen die Möglichkeit des „freiwilligen Todes“, bei dem das Gehirn in diesen Ersatzkörper verpflanzt wird. Wir haben bereits begonnen, Menschen fernab der Regieanweisungen unserer DNS zu entwerfen. Die Medizin weiß sehr viel über unser größtes Organ, die Haut. UV-Schutz ist bereits mit Sonnencreme möglich – eine einfache, aber fortschrittliche Anwendung, die jeder gewohnt ist.

The European: Und wie können wir unsere Haut so verbessern, dass Sonnencreme überflüssig wird?

Vita-More: Synthetische Haut kann im Labor gezüchtet werden und als Ersatzhaut dienen. Eine an der Stanford University entwickelte Plastikhaut ist berührungsempfindlich und kann sich bei Zimmertemperatur selbst reparieren. Wissenschaftler arbeiten daran, Haut mit 3D-Druckern zu erzeugen – ein lebendiges Konstrukt, das der menschlichen Haut entspricht.

The European: Haut ist sicherlich nicht das einzige Organ?

Vita-More: Wir könnten quasi jedes Gewebe drucken und damit kranke Körperteile ersetzen, zum Beispiel bei Krebs. Oder wir können Zellstrukturen manipulieren und die Organe in ihren Urzustand zurückversetzen. Wenn wir die Krebszellen aus einer Harnblase entfernen und das kranke Gewebe ersetzen, kann diese ihre Funktion ungestört wiederaufnehmen. Auch was das Geschlecht angeht, sind die Fortschritte beeindruckend: Wir heilen bereits Unfruchtbarkeit, frieren Embryos ein oder führen Geschlechtsumwandlungen durch. (8)

Die Vision der ewigen Jugend

Alle Visionen sind noch nicht umgesetzt, aber mit Unterstützung von Big Data und der erwarteten exponenziellen Zunahme von Information und Informationsverarbeitung muss damit gerechnet werden, dass der Weg in die Welt von Frau Länger-Leben nicht mehr so lang ist.

Lahme gehen immerhin schon jetzt: Wenn auch der Auftritt nicht so grandios ausfiel, wie seine Macher erhofften, konnten wir vor dem WM-Finale 2014 in Brasilien am Fernseher verfolgen, wie ein von der Hüfte abwärts gelähmter junger Mann mit Hilfe eines Exoskelettes den Spielball in Bewegung setzte (9). Seither ist die Forschung vorangeschritten. Vor allem in Japan. Ein riesiger Markt tut sich auf. Exosklette werden bald den Rollstuhl ersetzen.

Das also ist die schöne neue Welt von Human Enhancement und Transhumanismus: ewige Jugend, keine Krankheit, keine Behinderung – die Befreiung des Menschen von der Unbill des Leibes. Und seien wir ehrlich: Die Vision ist verführerisch.

Wer wollte es Menschen mit Behinderungen verbieten, mit Hilfe modernster Technologie zu laufen? Wer wollte es Krebskranken verbieten, mit Hilfe neuerster Technologie Organe zu ersetzen? Wer wollte es HIV-Infizierten verbieten, mit Hilfe von Nano-Robotern im Blut die Erreger zu exekutieren? Wer wollte solches wagen?

Die Chancen stehen also gut, dass die Human-Enhancement-Programme der Transhumanisten auf wenig Gegenwehr stoßen werden. Zu groß ist die Sehnsucht des modernen Menschen nach ewiger Jugend, Gesundheit und Unsterblichkeit, als dass damit zu rechnen wären, sie könnten diesen Versuchungen widerstehen. Denn der Preis, der für sie entrichtet werden muss, ist nur den wenigsten bewusst: die menschliche Würde, die erfüllte Zeit, die echte Lebendigkeit.

Gewiss, wir können auch ohne all das leben. Wir können die Zeit bis zu unserem Tod hinauszögern, wir können keimfreie Körper produzieren und faltenlose Oberflächen polieren – aber das Leben wird dann keine Tiefe mehr haben – und seiner Menschlichkeit verlustig gehen. Aber vielleicht ist ja gerade das gewollt. Denn wo der Mensch sich selbst abschafft, beginnt die schöne neue Welt der Roboter.

Lesen Sie den 1. Teil über „Big Data und Big Business – Wird der Mensch abgeschafft?“

 

Foto: Nomi Baumgartl

Foto: Nomi Baumgartl

Dr. phil. Christoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit ZEIT-Reisen. www.christophquarch.de

 

 

 

 

Anmerkungen

(3)  Zu den Wagniskapitalgebern gehört u. a. die Google Inc. die 2007 3,9 Millionen USD investierte.

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