Christof Spitz
Christof Spitz

Ethik und Meditation

Wie eine heilsame Lebensweise und die Meditation einander bedingen

Meditation und achtsames Gewahrsein können, damit sie Teil des spirituellen Weges werden, damit sie eine befreiende Wirkung entfalten, nicht in einem geistigen, emotionalen und verhaltensbezogenen Zufallsumfeld stattfinden.

Es ist von großer Bedeutung, dass wir uns in einer respektvollen, ehrlichen und die Interessen anderer achtenden Lebensweise üben, eine Lebensweise, die nicht verletzt, nicht ausbeutet. Das ist vergleichbar mit den Wurzeln eines Baumes, die gesund und stark sein müssen, damit der Stamm, die Äste, die Blätter, die Blüten und die Früchte heranwachsen und reifen können.

Wenn wir für das Leben offen und frei sein wollen, scheint es unerlässlich, dass wir uns lebens­bejahend, beschützend und respektvoll verhalten. Dabei geht es keinesfalls um religiöse Gebote oder Regeln, sondern um grundlegendes menschliches Verhalten.

Ethik schafft Frieden im Herzen

Warum ist ein ethisches Verhalten wichtig? Erstens aus unserem ganz persönlichen Interesse daran, uns selbst zu schützen, denn un­ethi­sches Verhaltens wirkt auf uns selbst zurück. Und zweitens aus Mitgefühl für unsere Mitmenschen, die wir vor unserem unethischen Tun schützen möchten.

Wie verhalten wir uns ethisch: Wir bemühen uns, nicht absichtlich zu töten oder zu verletzen, nichts zu nehmen, das uns nicht gehört, wir gehen sensibel und verantwortungsvoll mit Beziehungen um, besonders intimen Beziehungen, wir bemühen uns um Ehrlichkeit, und wir gehen verantwortungsvoll mit Drogen und Alkohol, mit Geld und mit Macht um.

Derlei Verhaltens-Grundlagen machen uns zu vertrauenswürdigen und glaubwürdigen Mitmenschen. Sie verleihen uns selbst innerlich Ruhe und äußerlich Offenheit. Beides sind Vor­aussetzungen, um Herz und Geist tatsächlich in relevanter Weise transformieren zu können.

Natürlich werden die meisten von uns nicht töten, stehlen oder lügen. Aber es gibt viele Ebenen dieser Praktiken und viele Grauzonen, etwa den Umgang mit Steuern, eine gewisse Unsorgfältigkeit in Beziehungen, verletzendes Reden, Übertreibungen etc. , etc. Ein weites Feld der Veredelung unseres Verhaltens.

Wie sehr uns eine unethische Verhaltensweise beengen und einschränken kann, illustriert die fol­gende bekannte Anekdote: Ein Mann schreibt an das Steueramt: „Ich kann kaum mehr schlafen, weil ich bei den Steuern ge­schummelt habe. Da ich nicht mein tatsächliches Einkommen deklariert hatte, sende ich ihnen nun 3000 Euro. Sollte ich weiterhin nicht schlafen können, würde ich ihnen den Rest auch noch über­weisen.“

Die Aufforderung, sich ethisch zu verhalten, klingt vielleicht in den Ohren mancher Zeitgenossen kleinkariert, altmodisch. Nicht so ‘in‘, nicht cool, nicht zeitgemäß. Daher ist es gut, dass wir uns fragen, wozu die Ethik dient, und erkennen, dass sie wesentlich dazu beiträgt, in unseren Herzen Frieden zu stiften und uns innere Freiheit zu ermöglichen. Darüber hinaus trägt sie zu harmonischen Beziehungen mit anderen Menschen bei, sei es in unserem engsten Umfeld oder auf der Arbeit.

Ethik und Achtsamkeit

Gerade auch in den therapeutischen und meditativen – auf Achtsamkeit basierenden – Kontexten wie MBSR, MBCT und bei Menschen, die Achtsamkeit in unserer Gesellschaft etablieren, sind die ethischen Aspekte sehr wichtig. Ohne eine heilsame Motivation könnte die Achtsamkeit missverstanden und miss­braucht werden. Das haben wir bereits sehen können, etwa wenn Achtsamkeitstraining vor Armee-Kampfeinsätzen geübt wird, wie es in der amerikanischen Armee schon geschieht. Oder wenn Achtsamkeit in Firmen praktiziert wird und ausschließlich zu Effizienz-Steigerung und Gewinn-Maximierung führen soll.

Ethisches Verhalten ist für eine wirkungsvolle spirituelle Praxis etwa das, was ein schadstoff-freier, nährstoff-reicher Boden für das Wachstum von gesunden Pflanzen ist. Und Ethik ist Ausdruck unserer inne­ren Weisheit. Ethik und Achtsamkeit gehören zusammen. Sie helfen uns, im Alltag unser Verhalten auch in brenzligen Situationen, in der Hektik, bei Verlangen oder Ärger, aufrecht zu halten.

Wenn wir ethisches Verhalten üben, ist es wichtig, dass wir den Unterschied – und die unterschiedliche Wirkungs­weise – von heilsamen und unheilsamen Absichten oder Motivationen kennen. Die Achtsamkeit kann uns helfen, die Absichten und Motivationen hinter unserem Denken, Reden und Handeln zu sehen.

Das Verhalten und die dahinter liegenden Absichten sind ein äußerst relevanter Aspekt der Praxis. Sie tangieren nicht nur unser Umfeld und unsere Mitmenschen. Heilsame oder unheilsame Absichten haben auch eine starke Wirkung auf die handelnde Person, auf uns selbst und unser emotionales Wohlergehen – eine Tatsache die bei konsequenter Meditationspraxis offensichtlich wird.

Wir brauchen eine ethisch ausgerichtete Achtsamkeit

So ist es wesentlich zu verstehen, dass Achtsamkeit im Sinne bloßer Präsenz im gegenwärtigen Moment allein nicht genügt, um heilende oder befreiende Wirkungen zu schaffen. Es muss ‚richtige oder rechte‘ Achtsamkeit sein. Und das heißt vor allem: heilsame, ethisch positive Achtsamkeit.

Ethisch positiv oder heilsam ist Achtsamkei, wenn sie mit inneren Qualitäten und Absichten verbunden ist wie Großzügigkeit, Güte, Mitgefühl, weises Vertrauen, wirklichkeits-gemäße Erkenntnis und andere mehr. Diese wirken aufbauend, heilend, verbindend, klärend und befreiend auf die Person, die sie kultiviert und lebt.

Umgekehrt gelten Eigenschaften und Absichten wie Ärger und Hass, Verlangen und Anhaften, Neid und Eifersucht, Dünkel und Verblendung mit all ihre groben und subtilen Spielarten als ethisch nega­tiv bzw. unheilsam (oder destruktiv), weil sie für die Handelnden inneres Leiden schaffen – und natürlich für die betroffenen Mitmenschen auch nicht erfreulich sind.

Betrachten wir das konkret: Es gibt eine unheilsame Form der Achtsamkeit, die verwerflichen Zwecken dient, etwas wenn ein Einbrecher achtsam und konzentriert eine Wohnungstür aufbricht, in der Absicht, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Verlangen, Begehren motivieren sein Tun.

Sehr viel subtiler, aber ebenfalls nicht hilfreich ist eine achtsame Meditationssitzung, während der wir ständig versuchen, die gerade gegenwärtige Erfahrung zu verändern, zugunsten einer ande­ren, wünschenswerteren und angenehmeren Erfahrung. Wir sind zwar achtsam, aber nicht wirklich in Kontakt mit der momentanen Erfahrung, sondern lehnen uns nach vorn in die Zukunft, in den nächs­ten Moment, mit dem Verlangen, etwas anderes zu haben als das, was gerade da ist. „Ich will mehr Sammlung, mehr Tiefe, mehr Erkenntnis oder einfach angenehmere Gefühle.“

Achtsamkeit kann auch ethisch neutral sein: Wir überqueren achtsam die Straße. Wir lenken achtsam ein Auto. Wir steigen achtsam aus der U-Bahn.

Oder sie kann ethisch positiv, heilsam sein: Achtsam und hilfsbereit erklären wir jemandem den Weg zum Bahnhof (vorausgesetzt wir kennen ihn auch tatsächlich). Wir arbeiten achtsam mit unseren Klientinnen oder unseren Patienten, weil wir interes­siert daran sind, sie zu unterstützen und sie zu heilen.

Oder wir üben die Meditation der liebenden Güte, nicht etwa in der Absicht, eine angenehme, erfreuliche Erfahrung für uns zu erzeugen, wie das oft vorkommt, sondern mit der Motivation, unsere Fähigkeit zu kulti­vieren, liebevoller und unterstützender mit den Menschen umzugehen. Eine heilsame Absicht, die sich hilfreich auf uns selbst auswirkt – und natürlich auch auf unsere Mitmenschen.

Alles hängt von unseren Absichten ab

Alles hängt von der Absicht ab, die hinter unserem Tun (also hinter unserem Denken, Reden und Han­deln) – und die hinter unserer Achtsamkeit wirkt! Achtsames Gewahrsein, damit es zur ‚Überwindung von Kummer und Leiden führt‘ wie der Buddha es ausdrückte, muss von heilsamen Absichten moti­viert sein. Dann (und nur dann) ist es ‚rechte oder heilsame Achtsamkeit‘.

Dazu braucht es ständiges Bemühen, aber es ist möglich. Der Buddha sagte:

„Gebt auf, was unheilsam ist! Man kann Unheilsames aufgeben. Wäre es nicht möglich, würde ich euch nicht bitten, es zu tun. Weil aber das Aufgeben des Unheilsamen Nutzen und Glück bringt, Deshalb sage ich: Gebt auf, was unheilsam ist.

Kultiviert das Gute! Ihr könnt das Gute kultivieren. Wäre es nicht möglich, würde ich euch nicht ermuntern, es zu tun. Weil das Kultivieren des Guten Nutzen und Glück bringt, sage ich: Kultiviert das Gute.“ (Anguttara-Nikāya)

Achtsamkeit gehört derzeit zu den am meisten erforschten Meditationen. Es wäre begrüßenswert wenn auch andere Aspekte des heilsamen ethischen Verhaltens wissen­schaftlich untersucht würden. So wie das Vertrauen in die Achtsam­keit durch die positiven wissenschaftlichen Befunde in unserer Gesellschaft gewachsen ist, könnte dies auch in Bezug auf andere zentrale menschliche Qualitäten ermöglicht werden.

Fred von Allmen

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