Jens Nagels
Jens Nagels

Meditation der Sammlung

ist eine der bekanntesten Meditationsformen, aber nicht zu verwechseln mit Einsichtsmeditation.

Auf der Grundlage einer heilsamen Motivation und ethischen Verhaltens wird die Sammlung kultiviert, manchmal auch Konzentration genannt. Ich bevorzuge die Begriffe ‚Sammlung‘ oder ‚ruhevolles, gesammeltes Verweilen‘, weil wir in unserer Gesellschaft mit der Bezeichnung ‚Konzentration‘ das Gefühl einer harten, angestrengten Aktivität verbinden. Und das wäre hinderlich für die Meditation.

Die Sammlung ist heute wohl die bekannteste Meditationsform. Es ist das, was die meisten Menschen meinen, wenn sie von ‘Meditation‘ sprechen. Manche sind so sehr darauf fixiert, dass andere, auch tiefgründigere Meditationsmethoden gar nicht mehr wahrgenommen werden. Oft wird die Sammlungsmeditation sogar mit Vipassana (Einsicht, Erkenntnis) verwechselt. Das ist ein fast nicht aus der Welt zu schaffendes Missverständnis.

Denn es gibt verschiedene Arten der Meditation. Im Wesentlichen unterscheiden wir Sammlung und Weisheit. Bei der Meditation der Sammlung oder Ruhe geht es um eine konzentrative Meditation, wobei Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Wachheit notwendig sind. Diese sind die Grundlage jeder Art der Meditation. Bei der Einsichtsmeditation liegt der Fokus auf der Entwicklung von Erkenntnis und Weisheit, und darin liegt der eigentliche Weg zur Befreiung von leidverursachenden Faktoren im Geist.

Im ruhevolles Verweilen wird der Geist auf ein einziges Objekt gerichtet

Im gesammelten, ruhevollen Verweilen wird die Aufmerksamkeit auf ein Objekt gerichtet: seien es die Atemempfindungen oder bestimmte andere Körperempfind­ungen. In manchen Traditionen kann es auch ein visuelles, vorgestelltes Objekt oder ein Mantra sein. Auch Qualitäten der Güte oder des Mitgefühls können Objekte dieser Meditation sein, und diese Erfahrungen werden dann vertieft und verstärkt.

In der Sammlungsmeditation übt man, den Geist kontinuierlich auf ein Objekt zu richten, unabgelenkt und stabil. Wie macht man das? Michelangelo soll einst gefragt worden sein, wie er einen Elefanten bildhauern würde. Er antwortete: „Ich würde einen großen Stein nehmen und alles, was nicht Elefant ist, davon wegnehmen“.

Wir üben uns, alles, was nicht das Objekt ist, gehen zu lassen. Wir lassen das los, was in diesem Zusammenhang unwichtig und ablenkend ist, seien es Sinneserfahrungen, Emotionen oder Gedanken. Und wir konzentrieren uns einsgerichtet auf das Objekt.

In dieser Meditation des gesammelten, ruhevollen Verweilens hat das, was wir lose als ‘Achtsamkeit‘ bezeichnen, verschiedene Funktionen. Folgender Vergleich illustriert das: Wir haben einen Pfosten, der im Boden eigerammt ist, an dem ein Schaf mit einem Seil festgebunden ist. An einem etwas erhöhten Ort sitzt der Hirte und wacht darüber, dass dem Schaf nichts Gefährliches zu nahe kommt.

Das achtsame Gewahrsein, die Aufmerksamkeit hält den Geist beim Objekt – das entspricht dem Seil. Gleichzeitig ist eine etwas andere Achtsamkeitsfunktion aktiv, oft bezeichnet als ‘Wissensklarheit‘; diese wacht darüber, dass der Geist, der Fokus, nicht durch Sinneseindrücke oder Gedanken gestört oder abgelenkt wird. Dies entspricht dem Hirten, der über dem Ganzen wacht. Beides sind Funktionen der Achtsamkeit.

Wir können nicht in tiefer Versenkung durch den Alltag gehen

Die Meditation der Sammlung kann von ausdauernden und talentierten Meditierenden bis zu tiefen Versenkungsstufen kultiviert werden. Dazu braucht man allerdings eine feste Zielsetzung, eine große Entschlossenheit und Ausdauer. Man spricht dann von ‘Versenkungsstufen‘ oder ‘Vertiefungen‘.

Wer die Sammlung intensiv kultiviert, kann spezielle Zustände erfahren: Stille, Tiefe, Freude, ja sogar Zustände mystischer Art. An solchen Meditationszuständen sollte allerdings nicht angehaftet werden, denn auch sie sind vergänglich wie alle anderen Dinge unseres Daseins. Man kann auch nicht in tiefer Versenkung durch den Alltag gehen.

Wichtig zu wissen ist auch, dass Zustände tiefer Sammlung die unangenehmen, oft unerwünschten und Leiden schaffenden Emotionen wie Begierde, Ärger, Wut, Hass, Eifer­sucht und Neid temporär ausblenden, ja sogar verdrängen. Solange die Sammlung anhält, sind diese Emotionen nicht manifest.

Aber wir sollten uns nicht täuschen: Diese Emotionen sind nach wie vor fest in unserem Geist zu Hause. Das merken wir manchmal, wenn wir das Kissen verlassen und, ehe wir uns versehen, Wut oder Gereiztheit aufkommen.

Sammlungsmeditation ist wichtig, um den Geist zu stabilisieren. Aber wenn die schwierigen Emotionen in der Meditation permanent verdrängt werden, können wir sie nicht überwinden. Dazu bedarf es weiterer Meditationsformen, in denen wir lernen, diesen Emotionen unmittelbar zu begegnen, ihnen direkt ins Auge zu blicken und weise und geschickt damit umzugehen. Nur so können wir dauerhaft Frieden und Befreiung erlangen.

Mit der Meditation der Sammlung können wir uns zeitweilig aus dieser oft schwierigen Wirklichkeit verabschieden. Aber nur, wenn wir darüber hinaus Formen der Einsichtsmeditation üben, können wir schwierige Emotionen, die uns und anderen Leiden verursachen, wirklich überwinden.
Fred von Allmen

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