Ein Interview mit Telse Iwers

Introvision ist ein Verfahren der mentalen Selbstregulation, besonders für innere Konflikte. Man wendet sich achtsam dem zu, was man eigentlich vermeiden möchte. Prof. Dr. Telse Iwers erklärt die Methode, die hilft, tief sitzende Glaubenssätze sichtbar zu machen, um im Alltag mehr Handlungsoptionen zu haben.

Das Gespräch führte Birgit Stratmann

Frage: Introvision ist eine Methode zur mentalen Selbstregulation. Was ist über die Wirksamkeit bekannt?

Iwers: Studien zeigen positive Wirkungen von Introvision z. B. auf Migräne, Verspannungen, Tinnitus und andere körperliche Belastungen. Ich selbst habe im Bereich Depression, Selbst- und Sozialkompetenz sowie Beratungskompetenz gearbeitet– mit positiven Ergebnissen. Aktuell forsche ich zur Gestaltung von Unterricht.

Wie genau wirkt sich Introvision aus?

Iwers: Unsere Interaktionen werden maßgeblich von dem bestimmt, was wir „subjektive Imperative“ nennen. Das sind Gedanken wie „Etwas muss so oder so sein!“ und „Etwas darf auf keinen Fall so oder so eintreten!“. Auf eine Lehrerin bezogen hieße das z.B.: „Es darf nicht sein, dass der Schüler Max dieses oder jenes über mich sagt“. Er hat es aber gesagt, und dann gerate ich in einen inneren Konflikt.

In der Introvision erforschen wir, was diesem Konflikt in uns zugrunde liegt. Wir fragen: Was ist das Schlimme daran, dass der Schüler so über mich spricht? Das hat ja etwas mit mir zu tun. Das, was darunter liegt, nennen wir die „Sub-Kognition“, in diesem Fall zum Beispiel die Befürchtung, dass andere über mich lachen. Und hier haben wir den nächsten Imperativ: „Es darf nicht sein, dass andere über mich lachen!“.

So geht es Schicht für Schicht immer tiefer, bis wir zum Kern kommen, zum Beispiel meine Angst, mich zu blamieren. Dieser Angst bin ich mir aber nicht bewusst, denn ich kleide meine subjektiven Imperative in den Satz „Max darf nicht so über mich sprechen!“

Die zugrunde liegende Angst schauen wir achtsam an. Dann erst können wir sie integrieren und in die Situation neu hineingehen mit der Möglichkeit: „Es kann sein, dass ich mich blamiere“. Dieses Blamieren muss ich nach einer erfolgreichen Introvision nicht mehr unbedingt ausklammern, sondern kann mich ihm zuwenden und es annehmen.

Können Sie noch ein Beispiel geben?

Iwers: Der amerikanische Autor Michael Crichton hat einen Reisebericht geschrieben. Er war in der Wüste unterwegs und schreibt, wie er in seinem Zelt liegt und plötzlich Geräusche hört. Er hat Angst und denkt: „Es könnte sein, dass ein Elefant in der Nähe ist.“ Dann entsteht Panik, wir kennen das alle. Er dreht sich in die Gedanken hinein und erstarrt förmlich in dieser Spannung. Er wird regelrecht hysterisch, kann aber nichts tun.

Er ist dann an einem Punkt angelangt, an dem er denkt, ich muss etwas tun, sonst werde ich verrückt. Er öffnet die Zelttür und da steht ein Elefant. Es ist eingetreten, was er befürchtet hat. Allerdings kann er seine Gedanken jetzt darauf fokussieren, mit der Situation umzugehen, anstatt die Möglichkeit, einen Elefanten anzutreffen, permanent ausklammern zu müssen. Diesen Schritt zu tun ist Introvision. Wir blicken dem, was wir fürchten, was uns schmerzt oder hindert, ins Auge und werden dadurch wieder handlungsfähig.

Vermeidungstaktik hilft nicht weiter

Ist Introvision damit das Gegenteil von Vermeidung?

Iwers: Ja, genau, und dadurch löst sich die innere Anspannung. Es kann sein, dass ich blamiert werde. Ich schaue dieser Möglichkeit achtsam ins Auge. In der Gestaltarbeit sprechen wir von Gewahrsein (engl. awareness) – und zwar nicht nur gegenüber den positiven Dingen, zu denen es mich hinzieht, sondern zu allem, was ist, einschließlich der Dinge, die ich vermeiden möchte, ablehne usw.. Die Introvision ist ein Weg, dieses Gewahrsein zu entwickeln.

Die eigenen Sub-Kognitionen werden immer weiter zurückverfolgt, bis ich zum Kern vordringe, an dem es bedeutsam ist, manchmal auch unangenehm. „Es darf nicht sein, dass ich mich wieder so fühle wie damals!“ Wenn ich diese Möglichkeit aber zulasse, dass ich mich wieder so fühle wie in einer zurückliegenden unangenehmen Situation, dann kann ich mich dazu in Beziehung setzen. Ich kann dann angemessen handeln und z.B. sagen: „Du Max, wollen wir nach dem Unterricht mal kurz reden?“

Das Vermeiden macht das Entstehen von subjektiven Imperativen aus, die dann dazu führen, dass wir unangemessen reagieren, z.B. im Fall der Situation in der Klasse, indem ich Max unangemessen anspreche, ihn des Unterrichts verweise oder so tue, als hätte ich seinen Satz nicht gehört.

Möglicherweise war es nicht die Absicht von Max, mich zu blamieren. Ich habe es nur in meiner mentalen Verengung so gedeutet. Oder er wollte mich blamieren, weil er mir etwas mitzuteilen hatte. Beides kann ich aber nicht erkennen, wenn ich nicht reflektiere, sondern sofort die innere Schranke kommt: “Es darf nicht sein, dass…!“

Braucht man für die Introvision einen Therapeuten?

Iwers: Das kommt darauf an. In der Introvisionsberatung vermitteln wir den Menschen erst einmal das Verfahren. Wenn sie die Methode kennengelernt haben, werden sie in den ersten Sitzungen begleitet. Danach können sie Introvision eigenständig anwenden und bei Bedarf eine Introvisionsberatung in Anspruch nehmen. Wichtig ist uns die Autonomie der Ratsuchenden. Sie entscheidet, ob sie es allein anwendet oder Beratung dazu holt.

Die eigenen Glaubenssätzen sichtbar machen

Würden Sie Introvision als eine Form der Achtsamkeit verstehen? Sie benutzen ja den Begriff „Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmung (KAW)“.

Iwers: Ja, Introvision ist eine Form der Achtsamkeit. Beim Konstatieren geht es darum, frei von Bewertungen wahrzunehmen. Wir fangen an bei Geräuschen. Egal, ob ein Auto vorbeirast oder ein Vogel singt, wir üben uns darin, alles gleichwertig wahrzunehmen, ohne das Hören mit Gedanken zu überladen. Man kann z.B. fünf Minuten so den Alltagsgeräuschen folgen.

Wenn wir das geschult haben, ist der nächste Schritt, Umgebungen wahrzunehmen: „Erinnere dich, wie du auf einer Blumenwiese gestanden hast. Stell den Blick ganz weit: Was gibt es da alles zu sehen. Bleibe nur bei der Aufmerksamkeit.“ Das kann man einige Minuten üben. Dann stellt man sich einen grauen, verregneten Sonntag vor, mit allem was dazu gehört, und verfährt genauso wertfrei. Dieses Konstatieren muss man lernen.

Erst danach wendet man sich den subjektiven Imperativen zu. Zum Beispiel: Ich komme in die Klasse und rege mich fürchterlich auf, weil Max abfällig über mich spricht. Ich untersuche: Was daran darf nicht sein? Was müsste sein, hat aber nicht stattgefunden? Und was liegt darunter? Das ist nicht immer leicht zu sehen.

Wenn wir herausgefunden haben, ob es einen Kernimperativ gibt und wie er lauten könnte („Ich darf mich nicht blamieren!“), richten wir darauf die konstatierende Aufmerksamkeit.

Ist das eine Analyse oder nur eine nicht bewertende Wahrnehmung?

Iwers: Wenn wir rückverfolgen, welche Imperativkette einem inneren Konflikt zugrunde liegt, analysieren wir. Sobald wir den Kernimperativ gefunden haben, stellen wir das Bewusstsein weit und nehmen nur noch wahr. Wir betrachten die Gesamtsituation. Meistens kommt dann ein inneres Bild.

Konkret: Ich betrachte innerlich die Situation, dass ich blamiert werde. „So ist es also. So fühlt es sich an. Mit diesen Gedanken ist es verbunden, …“. Es ist am Anfang nicht so einfach, diesen Modus des akzeptierenden Wahrnehmens aufrechtzuerhalten. Aber je mehr ich es anschaue – in all den verschiedenen negative und ggf. auch positiven Aspekten, die es für mich hat – um so mehr kann ich es integrieren. Was ich integrieren kann, muss ich nicht vermeiden oder bekämpfen.

Die Introvision unterscheidet sich von analytischen Verfahren dadurch, dass es hier um Akzeptanz geht. Das Ziel ist nicht, etwas zu erklären, sondern anzunehmen.

Achtsamkeit, verbunden mit Wertschätzung

Ist das KAW vergleichbar mit dem „nicht-bewertenden Gewahrsein im gegenwärtigen Moment“, wie Jon Kabat-Zinn es für MBSR definiert?

Iwers: Ja, wir nehmen nicht bewertend wahr: Situationen, Bilder, Irritationen. Dann nehmen wir diese an. Das ist eine Achtsamkeit in meine eigene Biografie hinein. Im nächsten Schritt entwickle ich Achtsamkeit in Bezug auf mein Gegenüber. Denn ich muss mich nicht mehr verengen und mich in eigenen Gedanken fixieren, sondern kann mich selbst und den anderen empathisch wahrnehmen.

Benutzen Sie den Begriff Achtsamkeit in der Introvision?

Iwers: Ja klar. Ich komme aus der Gestaltpädagogik. Hier arbeiten wir mit Gewahrsein (awareness), einer Vorstufe zur Achtsamkeit. Das Spezifische an Achtsamkeit in der Reflexion ist: Es geht nicht nur um Gewahrsein, um bloßes Wahrnehmen im Hier und Jetzt, sondern sie ist immer gekoppelt mit Wertschätzung. Achtsamkeit hat hier eine positive Konnotation. Ich gehe rücksichtsvoll, akzeptierend mit mir selbst und meinem Gegenüber um.

Aus welcher Quelle kommt diese Bedeutung von Achtsamkeit?

Iwers: Aus vielen Theorien zur Achtsamkeit in der westlichen Welt, insbesondere im Kontext von Psychotherapie. Auch in der Pädagogik wird es so beschrieben, etwa von Vera Kaltwasser. Achtsamkeit im fernöstlichen Kontext hat noch andere Bedeutungen. Was alle Achtsamkeits-Methoden gemeinsam haben, ist das Ziel, Grübelschleifen zu durchbrechen. Das ist übrigens essenziell für Menschen mit Depression oder depressiven Verstimmungen.

Introvision nicht Teil der Lehrerausbildung

Die Methode der Introvision wurde von Prof. Wagner an der Universität Hamburg entwickelt. Ist Introvision Teil der Ausbildung von Pädagogen?

Iwers: Nein, es ist nicht Teil der Ausbildung. Da Introvision aber so hilfreich ist, versuchen wir, die Methode immer mehr bekannt und zugänglich zu machen. Ich biete es z.B. in universitären Seminaren an oder auf Tagungen, etwa als Methode für Fallreflexion. Auch in der Lehrerfortbildung wird Introvision angeboten. Das alles sind aber Zusatz-Angebote, sie sind nicht Teil eines bestehenden systematischen Curriculums.

Liegt es daran, dass es unter Pädagoginnen und Pädagogen eine Skepsis gegenüber solchen „inneren“ Methoden gibt? Auch Achtsamkeit wird hier vielfach kritisch gesehen.

Iwers: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Wir an der Universität sind im Grunde nicht der richtige Ort für die Schulung von praktischen Selbstregulationsverfahren. An der Hochschule werden zunächst theoretische Ansätze und empirische Befunde zur Unterrichtsgestaltung oder zu allgemeinen Forschungsbereichen, etwa zur Entwicklung des Menschen, zum Lernen usw. vermittelt. Es geht also mehr um Theorie und theoriebasierten Reflexionsmöglichkeiten, weniger um die praktische Verfahren zur Persönlichkeitsentwicklung.

Ist das nicht schade? Es geht doch beim Lernen immer auch um Selbsterkenntnis und gerade bei Lehrerinnen und Lehrern um Beziehung.

Iwers: Das sieht die Universität nicht als ihre vordergründige Aufgabe an. Universitäre Reflexionen legen ihren Schwerpunkt auf Bildung, kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien und empirischen Befunden und einen so basierten subjektiven Bezug. Praktische Anwendungen und subjektive Reflexionsverfahren werden in diesem Zusammenhang nur begrenzt virulent.

Ich sehe hier allerdings auf jeden Fall Bedarf, denn die verschiedenen Dimensionen der Professionalisierung beziehen sich auch auf (inter-)subjektive Kompetenzen. Gemeinsam mit der Kollegin Ulrike Graf gebe ich gerade ein Buch heraus zum Thema „Beziehungen bilden“. Da geht es genau um die Schnittstelle. Ich muss eine Beziehung bilden, um mich in Beziehung bilden zu können. Das wird in der universitären Bildung in Teilen noch vernachlässigt.

Aber nicht nur da, sondern auch in der Schule. Wo lernen Kinder und Jugendliche, mit inneren Konflikten umzugehen und gute Beziehungen zu pflegen?

Iwers: Ja, und aus diesem Grund haben wir die Ringvorlesung „Achtsamkeit in der Pädagogik“ im Sommersemester 2019 initiiert. Uns beschäftigt die Frage: Wie können achtsamkeitsfördernde Methoden zur Beziehungsfähigkeit beitragen und soziale Kompetenz stärken.

Was hat sich in Ihrem Berufsalltag durch Introvision verändert?

Iwers: Ich bin viel gelassener geworden, nicht unbedingt in Stresssituationen, aber immer dann, wenn es um Kritik geht, wenn jemand meine Kompetenz in Frage stellt. Ich kann mich offen mit meinen Stärken und Schwächen befassen. Ich kann überlegen, welche Kompetenzen mir noch fehlen und was der nächste Schritt sein könnte, sie zu erwerben.

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Iwers, Telse, Prof. Dr. ist Professorin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Master of Higher Education, Gestalttherapeutin, Supervisorin, Gründungsmitglied der Forschungsgruppe Introvision, Gründungsmitglied der Forschungsgruppe „Cooperation for educational development between Germany & Ghana (CEGG)“, Sprecherin der Kommission Pädagogik und Humanistische Psychologie in der Sektion 13 der DGfE, Prodekanin für Studium und Lehre an der Fakultät für Erziehungswissenschaft / Universität Hamburg. Forschungsschwerpunkte: Innere Blockaden und Introvision, interkulturelle Reflexion subjektiver Theorien, Beratungswissenschaft, Achtsamkeit. telse.iwers@uni-hamburg.de