Portraits gegen das Vergessen

Luigi Toscano reist um die Welt, um Überlebende des Holocaust zu porträtieren und die Erinnerung, an das, was sie erlebt haben, wachzuhalten. Für sein Engagement wurde der Fotograf mehrmals ausgezeichnet. Im Interview mit „Ethik heute“ spricht er über das Projekt, seine persönlichen Grenzen und rechte Anschläge auf seine Kunst.

 

Das Gespräch führte Agnes Polewka, Fotos von Luigi Toscano

Frage: Sie reisen seit 2014 um die Welt, um mit Holocaust-Überlebenden zu sprechen und sie zu fotografieren. Brauchen wir im Jahr 2021 noch eine Ausstellung wie „Gegen das Vergessen“, die uns an Menschlichkeit und demokratische Werte erinnert?

Toscano: Antisemitismus gab es schon immer und wird es wohl auch immer geben. Wir haben allerdings die Aufgabe – ich sage bewusst „wir“ – unsere Demokratie zu schützen. Deswegen dürfen wir nicht aufhören, aufzustehen und unsere Stimme zu erheben. Ich mache das mit meiner Kunst.

Die erste Frau, die ich porträtiert habe, hat mir das Zitat eines südamerikanischen Philosophen mit auf den Weg gegeben: „Wenn man die Vergangenheit vergisst, sind wir verdammt, sie zu wiederholen.“ Dieses Zitat drückt so vieles aus, was gerade passiert, in der Welt und speziell bei uns in Deutschland.

 

Die Geschichten, die die Überlebenden erzählen, ähneln heutigen Entwicklungen. Der Holocaust hat auch nicht mit Mord und Todschlag begonnen, sondern als schleichender Prozess – unter dem Deckmantel der Demokratie. Nur ein Gedankenspiel: Was würde bei uns passieren, wenn morgen Bundestagswahl wäre und die AfD eine absolute Mehrheit erzielen würde?

Was hat Sie ganz konkret dazu bewegt, das Projekt „Gegen das Vergessen“ zu initiieren?

Toscano: Vor „Gegen das Vergessen“ habe ich an einem ähnlichen Projekt gearbeitet, mit Asylsuchenden. Das fiel in die Zeit , als viele Flüchtlinge zu uns kamen. Gleichzeitig wurde die AfD immer stärker und zog in diverse Landtage ein.

Da habe ich mir die Frage gestellt: Was kann ich tun? Wo kann ich ansetzen, um mich dagegen zu wehren und meine Stimme zu erheben? Ich selbst bin zu emotional, um auf die Straße zu gehen. Deshalb habe ich die Macht der Kunst genutzt.

Die Fotoinstallation „Heimat Asyl“, bei der ich großflächige Porträts in den Fenstern der Alten Feuerwache in Mannheim ausgestellt habe, war für mich das erste Mal, dass ich meine Kunst im öffentlichen Raum gezeigt habe. Und ich habe festgestellt, was ich damit bewirken kann.

Danach wollte ich noch einen Schritt weitergehen und die Menschen zeigen, die den Holocaust überlebt haben, der das Resultat einer Sache war, die ganz schön aus dem Ruder gelaufen ist.

„Dieser Mann war so alt wie ich, als er seine Familie im KZ verloren hat.“

„Gegen das Vergessen“ ist wie „Heimat Asyl“ im öffentlichen Raum zu sehen. Auf öffentlichen Plätzen, an Bahnhöfen, in Schulen. Warum nicht in Museen und Galerien?

Toscano: Ich möchte jeden mit dem Thema konfrontieren, der sich im öffentlichen Raum bewegt. Es kann sein, bzw. es soll passieren, dass auch rechtsgerichtete Personen diese Ausstellung sehen. Das führt zu Diskussionen, ist aber auch gut so. Wir wollen im wahrsten Sinne des Wortes Gesicht zeigen.

 

Mit Erfolg?

Toscano: Bis jetzt haben etwa eine Million Menschen die Ausstellung gesehen, wobei viele davon ohnehin an diesen öffentlichen Plätzen gewesen wären und nicht unbedingt eigens wegen ihr da waren. Das Wichtigste ist, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet. Wir haben jetzt auch einige Schulen bespielt, und auch hier scheint das Experiment aufzugehen.

Inwiefern?

Toscano: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese jungen Menschen es sehr gut schaffen, sich gegenseitig über das Thema aufzuklären, wir geben ihnen nur die Impulse. Das fasziniert mich sehr. Wir hatten in Mainz eine Schulklasse, die für andere Schüler Führungen übernommen hat.

Gleichzeitig habe ich mir – wie bei jedem Ausstellungsort – die Mühe gemacht, Holocaust-Überlebende aus der Stadt ausfindig zu machen und sie in die Ausstellung einzubinden. Und dann gab es da diesen Gänsehaut-Moment, in dem der Schüler, der durch die Ausstellung geführt hat, dem Überlebenden gegenüberstand und sagte: „Dieser Mann war so alt wie ich, als er seine Familie im KZ verloren hat.“

Die Begegnung mit dem Zeitzeugen hat den Schüler berührt. Was haben die Reisen zu den Überlebenden mit Ihnen gemacht?

Toscano: Ich durfte unheimlich viel dazu lernen, auch zwischenmenschlich. Ich habe wunderbare Menschen getroffen. Menschen, die unerträgliches Leid erleben mussten. Wir haben eine Grundbildung über den Holocaust – aus der Schule, aus Dokumentar- oder sogar Hollywoodfilmen. Aber Menschen gegenüber zu sitzen, die das tatsächlich erlebt haben, ist nochmal etwas ganz anderes. Es ist schwer, die richtigen Worte dafür zu finden, was es mit einem macht.

Sind diese Begegnungen manchmal mitunter auch schwer auszuhalten?

Toscano: Absolut. Du kannst in den Gesprächen natürlich auch nicht einfach aufstehen und sagen: „Ich gehe jetzt, das ist mir zu viel“. Ich kann nicht aufzählen, wie oft ich mitgeweint habe. Ich selbst wurde auch krank – durch die Arbeit am Projekt. Weil ich vergessen hatte, mich selbst zu schützen und richtig mit all dem umzugehen. Ich erlitt einen Hörsturz und hatte auf einmal Schluckprobleme, eine psychosomatische Sache. Inzwischen habe ich gelernt, mich besser abzugrenzen.

„Wir haben uns nicht beugen lassen.“

Besonders dramatisch ging es 2019, als 19 Ihrer Bilder in Wien mit einem Messer zerschnitten wurden. Wie sind Sie damit umgegangen?

Toscano: Es gab insgesamt drei Anschläge. Angefangen von Schmierereien mit Hakenkreuzen bis hin zum Herausschneiden der Gesichter. Das war für uns der Supergau. Ich habe immer damit gerechnet, dass so etwas passieren wird. Aber was sich in Wien ereignet hat, war sehr dramatisch.

Nach Anschlägen auf die Bilder helfen Passanten beim Reparieren. Foto: Luigi Toscano

Ich hatte zu der Zeit drei Ausstellungen gleichzeitig laufen – in Mainz, San Francisco und Wien. Ich war damals ständig unterwegs und bin von San Francisco nach Wien geflogen, um für den Rest der Ausstellung dort zu sein.

Ich bin um halb sieben, am frühen Morgen, gelandet und bekam um sieben Uhr die Nachricht, dass es wieder passiert. Beim ersten Anschlag hatte ich es noch unter dem Deckel gehalten, weil ich den Zauber der Eröffnungen nicht ruinieren wollte.

Ich stand dann völlig fassungslos vor meinen Bildern. Und dann kam eine junge Frau vorbei, mit Tape-Band. Sie hat geweint und wollte die Bilder reparieren. Ich habe in dem Moment gar nicht realisiert, was das für eine wunderschöne menschliche Geste das war.

Spätestens beim zweiten Anschlag wussten Sie, dass Sie etwas tun mussten. Wie ging es weiter?

Toscano: Zunächst habe ich bei der Polizei angerufen, von der habe ich mich aber gar nicht geschützt gefühlt. Außer dem Angebot, Anzeige zu erstatten, kam da nicht viel. In meiner Verzweiflung habe ich auf Facebook einen Post abgesetzt: „Österreich, was ist los mit dir?“

Und dann war ich drauf und dran abzubauen. Ich konnte es nicht länger tragen, die Hakenkreuze im Gesicht dieser Menschen zu sehen, weil ich wusste, dass die Überlebenden das mitbekommen würden. Und dann kamen auf einmal unglaublich viele Menschen.

Warum?

Toscano: Sie begannen, die Bilder zu reparieren, die zerschnittenen Fotografien wieder zusammen zu nähen. Sie haben Mahnwachen abgehalten. Sie haben Zelte aufgebaut und die Ausstellung 24 Stunden lang beschützt. Die umliegenden Restaurants haben die Menschen mit Essen versorgt.

Da ist es Unglaubliches losgetreten worden, das medial um die ganze Welt ging. Die New York Times hat sich bei mir gemeldet. Ich war fast nur noch damit beschäftigt, Interviews zu geben. Zwei Wiener Museen haben, um den Moment festzuhalten, zwei der zerstörten Bilder unter Denkmalschutz gestellt und ausgestellt.

Und dann haben mich Überlebende angerufen. Und sie haben gesagt: Luigi, du lässt dich nicht beugen. Wir haben uns auch nicht beugen lassen.

Sie wurden als erster Fotograf überhaupt von der UNESCO zum Botschafter des guten Willens, Artist for Peace und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Hilft das gegen das Vergessen?

Toscano: Das ist eine schöne Anerkennung, aber ich bilde mir darauf nichts ein. Beide Auszeichnungen helfen durch die mediale Aufmerksamkeit natürlich gegen das Vergessen. Mir ist es ein Anliegen, beide Auszeichnungen den Überlebenden zu widmen. Das sind eigentlich die Menschen, die mit Medaillen und Anerkennung zugeschüttet werden müssten.

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Der Autodidakt Luigi Toscano kam über Umwege zu Fotografie und Film. Nach Tätigkeiten als Dachdecker, Türsteher und Fensterputzer in Mannheim entdeckte der Sohn italienischer Gastarbeiter die Fotografie für sich. Seine Kunst stellt den Menschen in den Mittelpunkt, gleichsam möchte er sich mit ihr klar positionieren und gesellschaftspolitische Zeichen zu setzten. Für sein Engagement wurde er von der UNESCO und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zu seiner Website