Mehr Mut zur Demokratie

Foto Uschi Oswald
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Christian Felber, Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie, ist auch Tänzer.

Ein Interview mit Christian Felber

Christian Felber, Begründer der Gemeinwohl-Ökonomie, träumt von einer Gesellschaft, die ökologisch nachhaltig, sozial gerecht und friedvoll ist. Im Interview fordert er mehr direkte Demokratie, mehr Partizipation und Teilhabe am Reichtum. So könne man den Rechtspopulisten das Wasser abgraben und neue Visionen Wirklichkeit werden lassen.

 

Das Gespräch führte Birgit Stratmann

Frage: Sie sind Gründungsmitglied von Attac Österreich und Begründer des Projekts Gemeinwohl-Ökonomie: Was treibt Sie an, welche Gesellschaft schwebt Ihnen vor?

Felber: Mir schwebt eine Gesellschaft vor, in der Menschen sich selbst gut kennen – ihre Gefühle und Bedürfnisse – und mit ihrem Körper im Kontakt sind. Und dadurch sich mit anderen verbunden fühlen, empathisch in Resonanz gehen, emotional kompetent und beziehungsfähig sind, aber auch demokratie- und konfliktfähig.

Damit hätten wir die Voraussetzung, um ein erfülltes, glückliches Leben zu führen. Und so können Beziehungen sowie Gemeinschaft und Gesellschaft gelingen. Wir könnten eine ökologisch-nachhaltige, menschliche Zivilisation und eine Friedenskultur aufbauen. Wir lebten materiell bescheidener als heute und würden nicht mehr irgendwelchen Illusionen nachjagen wie Geld, Macht, Erfolg.

Wir würden uns wohler fühlen in unseren blühenden Städten, es würde Spaß machen, in einen Laden zu gehen und nachhaltige, regionale Produkte einzukaufen. Wir hätten Orte des ganzheitlichen Menschseins und erfüllten Daseins. Wir würden auch nur noch 20 Stunden Erwerbsarbeit leisten und hätten genügend Zeit, uns kreativ zu entfalten, unsere Beziehungen zu pflegen, in der Natur zu sein usw..

Eine wundbare Vision, aber warum klingt das so illusorisch?

Felber: Weil viele Menschen nicht so mit sich verbunden sind, dass sie sich ihrer tieferen Wünsche und Bedürfnisse bewusst wären. Wer nicht mit sich selbst im Kontakt ist, hat auch nicht den Freiheitswillen, so eine Gesellschaft anzustreben, obwohl man ahnt, wie gut es einem täte. Und dann gibt es Menschen, denen es bewusst ist und die es anstreben, aber dennoch nicht umsetzen können, weil herrschende Macht- und Wirtschaftsstrukturen dem entgegen stehen.

In der kapitalistischen Marktwirtschaft ist es zum Beispiel schwierig, alternative Unternehmen zu gründen. Außerdem ist unser Demokratiemodell erstarrt, es beruht auf Parteien und Parlamenten. Wir werden zwar „Souverän“ genannt, können jedoch nicht selbst entscheiden, was uns gut täte oder was wir uns mehrheitlich wünschen.

Zudem haben wir ein Rechtssystem, das privates Eigentum mehr schützt als alles andere. Alternative Formen des Zusammenlebens und Miteinander-Wirtschaftens werden erschwert. Wir versuchen gerade in Österreich, eine Gemeinwohl-Bank zu gründen, die nach den Grundsätzen der Gemeinwohlökonomie arbeitet. Das ist unglaublich schwer, weil es viele gesetzliche Auflagen gibt, Behörden-Zulassungsverfahren, die so ein Unternehmen mühsam und teuer machen.

Ideal wäre eine ganzheitliche Entwicklung

Muss man erst die Rahmenbedingungen ändern oder erst das individuelle Verhalten, damit Ihre Vision Wirklichkeit werden kann?

Christian Felber, Gemeinwohl-ÖkonomieFelber: Sowohl als auch, alles gleichzeitig – aus einer ganzheitlichen Perspektive. Aber nicht jeder muss alles machen. Wenn wir wissen, wohin wir wollen, kann sich der Einzelne spezialisieren und das entwickeln, was seiner Neigung entspricht, zum Beispiel das politische Engagement oder die innere Arbeit. Aber wenn ich das eine tue, habe ich im Blick, dass es die anderen Dinge gibt, die auch wichtig sind. Und ich unterstütze diejenigen, die in anderen Feldern dem Gemeinwohl dienen.

 

Meine persönliche Empfehlung wäre, dass jeder und jede sich auf das fokussiert, was den eigenen Neigungen entspricht und Freude macht, denn dann sind wir am wirksamsten. Gleichzeitig setze ich einen kleinen Teil meiner gesellschaftlichen Veränderungsenergie dort ein, wo es mir nicht so viel Spaß macht – einfach um die Erfahrung von Ganzheitlichkeit zu machen und um diejenigen besser zu verstehen, die sich in diesen Bereichen engagieren.

Basiert die Gemeinwohl-Ökonomie darauf, dass man innere Arbeit macht und der Mensch sich selbst verändert?

Felber: Ja, das ist in dem Kapitel über die Bildung erhalten (Christian Felber, Gemeinwohl-Ökonomie, Deuticke 2014). Da kommen sieben Grundlagen für die Menschheitsbildung vor: von emotionaler Kompetenz bis zu Spiritualität. Auch haben wir die Gemeinwohl-Bilanz für Individuen entwickelt. Ideal wäre die gleichzeitige innere und äußere Veränderung. Das wäre eine ganzheitliche Entwicklung, die beide Pole des Lebens integriert: innen und außen, individuell und sozial.

Alle beteiligen, nicht nur die Gebildeten

Ein Mittel, Veränderungen zu erreichen, ist für Sie die Neugestaltung demokratischer Prozesse. Wie erleben Sie Demokratie heute? Und was soll sich ändern?

Felber: Die Politikwissenschaft spricht heute von einer Post-Demokratie: Formal sind alle Ordnungselemente eines demokratischen Systems vorhanden, aber sie wirken nicht. Denn faktisch ist der Souverän, also die Bürgerinnen und Bürger, die eigentlich die höchste Instanz und der Zweck der Demokratie sind, nicht an den politischen Entscheidungen beteiligt. Daher brauchen wir mehr Beteiligung, mehr Mit-Entscheidung und mehr Wirtschaftsdemokratie – das sind die drei großen Reformschienen, die ich sehe.

Mehr Beteiligung heißt, dass wir eine andere Arbeitsteilung haben – und zwar so, das nicht mehr alle Gesetzgebungsarbeit vom gesetzlichen Vertreter gemacht wird, sondern der Souverän mitwirken kann, zum Beispiel an der Verfassung. Ein weiteres Element wären Volksinitiativen, die zu verbindlichen Volksabstimmungen führen.

Mit-Entscheidung können wir stärken, indem wir ein Demokratiekonto anlegen und über das Internet betreuen. Auf diesem Konto erfahre ich, welche Beschlüsse mein Gemeinderat, mein Landtag, meine Bundesregierung, das Europäische Parlament und die UNO trifft. So bekomme ich Informationen, kann Eingaben machen, mitentscheiden und auch selbst Prozesse initiieren. Das ist im Internetzeitalter aus meiner Sicht ein demokratischer Mindeststandard.

Beim Punkt Wirtschaftsdemokratie stelle ich mir vor, dass Unternehmen eine bestimmte Größe nicht überschreiten dürfen und wenn sie es tun, die Entscheidungsprozesse demokratisiert werden. Außerdem wünsche ich mir, dass die öffentlichen Güter nicht von den Regierungen verwaltet werden, sondern unter der Kontrolle der Bürger stehen. Zum Beispiel Wasser, Energie und Geld.

Sitzen wir dann nur noch in Gremien?

Felber: Deutlich seltener als viele von uns heute im Flugzeug: Jede Bürgerin und jeder Bürger sollte zum Beispiel einmal in ihrem Leben im Aufsichtsrat einer öffentlichen Allmende, etwa der kommunalen Wasserwerke, mitarbeiten. Weiter müsste jeder einmal im Leben an einem kommunalen Wirtschaftskonvent, Geld- oder Handelskonvent und zwei Mal im Jahr an drei Volksabstimmungen teilnehmen. Das wäre ein Modell mit Maß für die Gestaltung der Souveränen Demokratie, es gibt auch andere.

Eine Öko-Diktatur kann niemand wollen

Stichwort „Souveräne Demokratie“. Könnte es nicht sein, dass die Mehrheit den Prozessen fernbleibt und sich Minderheiten durchsetzen?

Felber: Genau das haben wir zurzeit, diese sogenannte Demokratie gibt es in vielen europäischen Ländern. Die Beteiligung an den Parlamentswahlen ist teilweise mager, in der Schweiz sind es 60 bis 70 Prozent, bei der EU-Wahl in vielen Ländern unter 50 Prozent. Die daraus resultierenden Regierungen entscheiden dann aber bis zur nächsten Wahl alles, inklusive Verfassungsänderungen!

Zum anderen beteiligen sich an den Volksabstimmungen in der Schweiz zwar im Schnitt nur um die 30 Prozent der Bevölkerung. Über das Jahr gesehen und wenn man alle Volksentscheide zusammen nimmt, beteiligen sich aber fast alle Bürgerinnen und Bürger – an Entscheidungen mit, die ihnen wichtig sind.

Wäre nicht eine Gefahr, dass man damit jene an den rechten und linken Rändern der Gesellschaft stärkt, die politisch aktiv sind, zum Beispiel weiße Männer?

Felber: Das ist eine Befürchtung, aber ich kenne dazu keine empirischen Ergebnisse. Dann wäre noch zu untersuchen, wo es Direkte Demokratie gibt: zurzeit in der Schweiz und in den USA, da könnten Sie mit Ihrer Vermutung richtig liegen.

Das spricht aber nicht gegen Direkte Demokratie, sondern dafür, es anders zu machen. Wir schlagen weitergehende Partizipation vor, als es das bisher in der Schweiz gibt, und haben auch Ideen, alle zu beteiligen und nicht nur die Gebildeten und politisch Aktiven.

Wie weit geht Ihre Toleranz? Wären Sie auch für Souveräne Demokratie, wenn dadurch bestehende Systeme gestärkt werden, z.B. der Wachstumskurs der Wirtschaft, der Freihandel oder eine restriktive Politik gegenüber Flüchtlingen?

Felber: Ja natürlich, denn die Alternative wäre so etwas wie eine Öko-Diktatur, das kann niemand wollen. Ich bin auch sicher, dass bei rigiden Systemen noch viel schlechtere Entscheidungen herauskämen als bei einer parlamentarischen Demokratie. Erdogan steht nicht für Umweltschutz.

Den Populismus austrocknen durch mehr Gerechtigkeit

Ihrem Buch über den Ethischen Welthandel nach scheinen Sie optimistisch zu sein, dass Ihre Vorschläge zur Umgestaltung des Handels den Rückhalt der Bevölkerung hätte. Woher nehmen Sie diese Gewissheit?

Felber: Aus ersten empirischen Laborversuchen. Auf Veranstaltungen in den letzten fünf Jahren mit insgesamt 50.000 Menschen aus 25 Staaten habe ich Tests gemacht. Ich lasse das Publikum zum Beispiel über die Begrenzung der Ungleichheit abstimmen. Meistens kommt ein Ergebnis um den Fakor 10 heraus: also dass die Reichen nicht mehr als zehn Mal so viel wie die anderen besitzen dürfen. In der Realität sind es der Faktor 6.000 in Deutschland und 360.000 in den USA.

An der Wirtschaftsuniversität Wien habe ich die Frage des Welthandels viele Male mit Studierenden durchgespielt. Bei dieser Klientel war ich fest davon ausgegangen, dass der Freihandel gewinnt, aber er hat deutlich verloren – aufgrund der Kraft der Argumente.

Aber Menschen entscheiden oft nicht nach Vernunft, sondern nach Emotionen und torpedieren auch schon mal gute Dinge, wenn sie sich schlecht fühlen.

Felber: Das trifft auf Personenwahlen für ganze Staaten zu: Berlusconi, Trump, aber auch Merkel. Die absurdeste aller demokratischen Entscheidungen ist, wenn die Entscheidung über alle Politikfragen – Handels, Energie-, Agrar-, Sicherheitspolitik usw. – durch die Wahl einer Person oder Partei getroffen wird. Das ist maximale demokratische Ineffizienz!

In der Souveränen Demokratie werden die wichtigsten Themen einzeln behandet, daher kommt es nicht zu dem Frust auf einzelne Politiker oder Parteien. Wenn ich zwischen Freihandel, Protektionsmus und Ethischem Welthandel entscheiden darf, bleiben mir nur die Argumente.

Wie setzen Sie sich mit den Rechtspopulisten auseinander, die ganz andere Entwürfe haben als Sie und in Europa Auftrieb bekommen?

Felber: Ich versuche mit vielen anderen aufzuzeigen, was den Rechten Nährboden gibt. Das sind vor allem: der Ausschluss von politischen Entscheidungen und der Ausschluss von Wohlstand. Professor Joachim Bauer zeigt aus neurobiologischer Sicht, dass Ausgrenzung eine traumatische Erfahrung für uns Menschen ist und wie das zu Frustration, Rache und Hass führt.

Daher ist das effektivste Mittel gegen Populismus von rechts und links, die Menschen stärker in die Entscheidungsprozesse unserer Gesellschaft und in die Verteilung des Reichtums einzubinden, zum Beispiel über das Grundeinkommen und Souveräne Demokratie. Das würde den Populismus austrocknen, da bin ich mir sicher.

Letztlich gilt: Wer Direkte Demokratie ablehnt, sagt damit zu bestimmten Menschen: Ihr seid nicht fähig mitzuentscheiden. Damit spricht er ihnen die Menschenwürde ab. Das ist selbst eine Menschenrechtsverletzung, auch wenn es den Protagonisten nicht bewusst ist.

„Die entscheidenden Informationen kommen aus dem Herzen“

Sie haben große Ideale, wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Felber: Scheitern gehört dazu. Ich nehme es sportlich, als Lern- und Entwicklungschance. Ich nehme es an und versuche, daraus zu lernen.

Vielleicht wäre es auch langweilig, nur Erfolg zu haben. Zu einem ganzheitlichen Leben gehören sowohl Erfolge als auch Niederlagen. Also nichts Besonderes, so wie es Sonne und Regen gibt.

Mit Ihrem Buch über den Ethischen Welthandel stellen Sie bestehende Konzepte in Frage. Nun sind Sie dabei, eine Gemeinwohlbank zu gründen. Wie kommen Ihnen eigentlich solche Ideen, die so anders sind als der Mainstream?

Felber: Ich habe ein großes Streben nach Erkenntnis, ich möchte die Dinge vom Grund her verstehen, ergründen. Das bedeutet für mich Freiheit, Freiheit im Geist. Und das motiviert mich.

Wenn ich mich öffne und in mich und ins Universum hineinspüre, dann kommen Informationen. Ganz viel von dem, was ich vorschlage, ist nicht Ergebnis eines Universitätsstudiums, von Buchlektüre, Kognition oder intellektueller Beschäftigung, sondern kommt aus dem Hinspüren und der Verbundenheit.

Die entscheidenden Informationen kommen aus dem Herzen. Was ich hier erfahre, ist nicht individuell, auf mich bezogen, sondern universell. Alle Informationen sind im Universum vorhanden. Wenn ich in der Lage bin, diese Verbindung zuzulassen, habe ich Zugang dazu.

Das geht aber nicht, wenn wir so viel arbeiten und permanent aktiv sind…

Felber: Genau! Deshalb bin ich für die 20-Stunden-Woche. Das erlaubt jedem, eine bessere Verbindung mit sich selbst und im Idealfall auch Zugang zum unfassbaren Reichtum des Kosmos zu bekommen.

Der Schatz des Universums ist unendlich. Als eine Person kann ich immer nur einzelne Elemente herausgreifen, zum Beispiel die Gemeinwohl-Ökonomie oder jetzt der Ethische Welthandel. Ich kann nur einen Bruchteil der kreativen Ideen, die aus der Verbindung strömen, überhaupt verfolgen.

Christian Felber, 44, unterrichtet an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Tänzer,  internationaler Referent und Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie sowie des Projekts Bank für Gemeinwohl in Österreich. Autor von 15 Büchern, zuletzt erschienen „Ethischer Welthandel. Alternativen zu TTIP, WTO & Co., Deuticke 2017“.

www.ecogood.org
www.mitgruenden.at
www.christian-felber.at

Lesen Sie den Artikel von Christian Felber: „Eine andere Ökonomie ist möglich“

 

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Ein Gedanke zu „Mehr Mut zur Demokratie

  1. Sehnsucht erfüllt mich, nachdem ich dieses Interview las.
    Es gibt sie, die heile Welt!

    Leider existieren aber auch „Die“, die vielen Menschen nicht nur das Glück,
    sondern sogar auch die “ Sehnsucht nach Glück“ absprechen;

    indem sie ohne jede Empathie und mit unglaublicher Gewalt und in größter Raserei, Menschen entwürdigen, Menschen benutzen, beschmutzen und sie lieber töten sollten, als ihr teuflisches Werk fortzusetzen!

    Jedes Tier wäre ein humanerer Mensch !

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