Interview mit der Pädagogin Vera Kaltwasser

Computer, Whatsapp, Playstation – wie lernen Kinder heute, mit all den Reizen umzugehen? Ethik heute befragte die Pädagogin Vera Kaltwasser dazu. Sie hat als Pionierin ein wissenschaftlich fundiertes Rahmencurriculum für eine kontinuierliche Achtsamkeitspraxis an Schulen entwickelt.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Michaela Doepke: Was hat Sie als Gymnasiallehrerin motiviert, eine kontinuierliche Achtsamkeitspraxis an Schulen anzuregen?

Vera Kaltwasser: Für mich ging es darum, Lehrerinnen und Lehrer zu befähigen, mit Begeisterung ihr jeweiliges Fach zu unterrichten und eine wertschätzende Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern aufzubauen. Meiner Ansicht nach brauchen die meisten Schüler heute Begleitung auf ihrem Weg der Persönlichkeitsentfaltung.

In diesem Sinne fügt sich die Weiterbildung von Lehrern in der Haltung der Achtsamkeit und die Vermittlung dieser Haltung an Schüler durch das Curriculum AISCHU – Achtsamkeit in der Schule  – nahtlos in die pädagogischen Wertvorstellungen ein, Schülerinnen auf dem Weg zu mehr Selbstbestimmung und Verantwortung zu begleiten.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Stressforschung auf dem Gebiet der Psychologie und Hirnforschung haben das Bewusstsein dafür geschärft, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche dabei anzuleiten, wie sie mit  ihrer unmittelbaren Reaktivität auf Reize umgehen können und wie sie sich selbst regulieren lernen. Dazu bedarf es einer gezielten Schulung der Selbstwahrnehmung, der Einsicht in die Wechselwirkung von körperlichen und geistigen Prozessen sowie einer kontinuierlichen Übungspraxis.

Wie nachhaltig Achtsamkeitsübungen für Stressbewältigung und Aufmerksamkeitssteuerung sind, das belegen die umfassenden Forschungen zur Wirkung von MBSR-Interventionen.

Die größten Stressfaktoren für Schüler

Was würden Sie im Moment als die größten Stressfaktoren für Schüler in Deutschland bezeichnen?

Kaltwasser: Kinder und Jugendliche werden heutzutage von einer Flut von äußeren Reizen überschwemmt wie z. B.: Whatsapp-Gruppen, sozialen Netzwerken, Computerspielen. Dazu kommen die inneren Leistungsanforderungen, die sie durch das Vorbild der Eltern verinnerlicht haben, und in der Folge an sich selbst stellen. Auffallend bei Mädchen ist der Fokus auf das Aussehen, auf die Figur. Wir erleben, dass schon 6.-Klässlerinnen sich mit Diäten kasteien, um so auszusehen wie angesagte Models.

Entwicklungspsychologisch gesehen sind Selbstzweifel, Orientierungssuche und die Sehnsucht nach Akzeptanz in der Peergroup ganz normal. Das war schon immer so. Heute werden diese inneren Spannungen jedoch auf vielfältige Weise  kommerziell ausgenutzt, indem vermeintliche Spannungslöser zuhauf zur Verfügung stehen: Das neue Smartphone, die angesagte Kleidung, Musik, Spiele etc. Außerdem wächst auch der Leistungsstress, weil die Eltern stets „das Beste“ für ihre Kinder anstreben, wobei das „Beste“ in der Umsetzung des äußeren Erfolges gesehen wird.

Liegt der Fehler bzw. die Stressursache nicht im Schul- bzw. im Bildungssystem selbst? Wäre es nicht effektiver, sich gesellschaftspolitisch für mehr Humanität in der Schule einsetzen?

Kaltwasser: Das Potenzial der Achtsamkeit im Schulalltag zur Wirkung zu bringen, bedeutet ja, die Schüler und Schülerinnen zu ermächtigen, sich selbst eine Meinung zu bilden, sich bewusst einzubringen und ihre Wahrnehmungsautomatismen zu erkennen. Gerade im Hinblick auf Vorurteilsstrukturen gibt es hier gute Beispiele dafür, wie zum Beispiel die Form des Achtsamen Dialogs das Bewusstsein der Schüler für die vorschnellen Einordnungen des Gegenübers schärft.

Natürlich müssen sich auch die äußeren Bedingungen verändern, angefangen von der Lehrerausbildung bis hin zu so anscheinend banalen Dingen wie intakten Schulgebäuden mit funktionierenden Toiletten.

Veränderungen im Bildungswesen anstoßen

Worum geht es genau bei dem Curriculum AISCHU – Achtsamkeit in der Schule –, das Sie entwickelt haben?

Kaltwasser: Mir ist es wichtig, von einem Rahmencurriculum zu sprechen, das ein Vorschlag unter vielen möglichen ist. Wir brauchen nicht noch mehr „Programme“, die kurzfristige Erfolge zum Beispiel für die Aufmerksamkeitssteuerung versprechen, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Ich scheue etwas den Begriff „Paradigmenwechsel“. Aber letztlich bedarf es einer tiefgreifenden Veränderung im Bildungswesen, angefangen beim Studium und der Lehrerausbildung.

Wege der Selbstwahrnehmung und Beziehungsschulung sollten Teil des ganz normalen, täglichen Unterrichtes werden. Die Haltung der Achtsamkeit eröffnet hier Umsetzungsmöglichkeiten für Stressbewältigung, Emotionsregulation, Aufmerksamkeitssteuerung und eine tiefgreifende Verbesserung von Beziehungen gepaart mit dem Fokus auf eine bewusste Werteorientierung.

AISCHU ist ein praxiserprobtes Curriculum mit einzelnen Elementen, die kontinuierlich von ausgebildeten Lehrerinnen in den täglichen Unterricht eingefügt werden können. Aspekte wie die Verfeinerung der Selbstwahrnehmung, Psychoedukation1, Beziehungsschulung, stille und bewegte Achtsamkeitsübungen und Erfahrungsaustausch werden dabei altersgerecht von der 5. Klasse bis zum Abitur in den Unterricht eingeflochten.

Wichtig ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer selbst die Haltung der Achtsamkeit verkörpern und gut ausgebildet sind. Dann können Sie mit der Essenz des Curriculums eigenverantwortlich arbeiten und je nach Bedarf eine „eigene Mischung“ herstellen. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Kolleginnen kann hier eine Veränderung der Schulkultur bewirken.

Achtsame Schulkultur: Innehalten und Selbstreflexion

Wie kann AISCHU die Schüler unterstützen? Können Sie ein Beispiel für eine Achtsamkeitsübung nennen, die den Schülerinnen hilft, sich zu konzentrieren und Stress abzubauen?

Kaltwasser: Es geht darum, dass Innehalten, Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion Teil der Schulkultur werden. Wenn ich wahrnehme, wie ich mich selbst unter Druck setze, wie ich mich in Gedankenschleifen der Selbstentwertung hineinmanövriere, wenn ich verstehe, dass Grübeln mich unter Stress setzt, dann kann ich – unter Anleitung und durch Übung – lernen, den „Modus“ zu wechseln, zum Beispiel mich mit meinem Atem zu befreunden.

Aus der Forschung zur Wirkung von Atemmeditation wissen wir, dass trainiert werden kann, aus Gedankenschleifen auszusteigen, sich selbst gut zuzureden und den Parasympathikus zu stärken, indem wir uns bewusst mit dem Atem verbinden.

„Auf den Atem achten, ohne ihn zu verändern. Immer, wenn die Gedanken abschweifen, die Aufmerksamkeit wieder auf den Atem lenken“ – diese einfache Übung verknüpft mit einer aufrechten Sitzhaltung und – wenn möglich – geschlossenen Augen, beruhigt. Und sie hat über die formale Übungszeit hinaus eine messbare Wirkung, d.h. die Schüler können ihre Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum fokussieren und sich selbst steuern, wenn ihre Aufmerksamkeit zu erlahmen droht.

Besonders Lehrern kommt heute eine verantwortungsvolle Aufgabe in der Erziehung zu, weil häufig beide Elternteile berufstätig sind. Ist das nicht eine Überforderung und Dauerüberlastung für Lehrer und Kindergärtnerinnen?

Kaltwasser: Ja – der Lehrerberuf ist anstrengend, aber auch sehr erfüllend. Allerdings sind die Lehrerinnen und Lehrer zwar fachlich hervorragend ausgebildet.  Aber oft sind sie nicht genügend vorbereitet darauf, wie sie wertschätzende Beziehungen zu den Schülern aufnehmen können. Lehrer brauchen ein hohes Maß an Selbstreflektion und auch psychologischer Ausbildung, um sich nicht in Projektionen zu verstricken oder in Machtkämpfe mit den Schülern zu verheddern.

Hilfe für erschöpfte Lehrer

Es gibt immer mehr Lehrer, die an einem Burn-out erkranken. Inwiefern verspricht AISCHU da Entlastung?

Kaltwasser: Besonders engagierte Lehrerinnen brennen oft aus, sind erschöpft und verlieren die Freude am Beruf. Gerade im Lehrerberuf verwischen sich die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit. Das Wochenende wird oft zum Korrigieren benutzt. Der Wunsch, allen Anforderungen von Schülern, Lehrern und Kollegen gerecht zu werden, vereinnahmt die Lehrperson oft über Gebühr.

Hier kann durch eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis zunächst eine Schärfung der Wahrnehmung für die eigenen Grenzen, für die Bedürfnisse des Körpers, für die persönlichen Stressoren und die automatisierten Wahrnehmungsmuster erzielt werden.

Lehrerinnen, die – vielleicht aus dem persönlichen Motiv der Überforderung heraus – gelernt haben, sich die Haltung der Achtsamkeit anzueignen, haben dann oft ganz natürlich den Wunsch, diese Haltung an die Schüler weiter zu vermitteln. Hier kommt dann das Rahmencurriculum „Achtsamkeit in der Schule“ zum Tragen.

Im Februar 2018 erschien die zweite Auflage des Buches „Persönlichkeit und Präsenz – Achtsamkeit im Lehrerberuf.“ Lehrer bekommen hier Einblick in die Stressmechanismen und die wissenschaftlichen Hintergründe der Achtsamkeit einerseits und werden in einem achtwöchigen Programm der Selbstbeobachtung angeleitet, ihren täglichen Schulalltag unter die Lupe zu nehmen, Stressoren ausfindig zu machen und ihre Resilienz mit den angebotenen Übungen auszubilden.

Hier können die Lehrerinnen und Lehrer sich einmal in der Woche treffen und unter Anleitung gemeinsam die Haltung der Achtsamkeit einüben. Nur wenn sie selbst die Haltung der Achtsamkeit verkörpern, können sie diese auch authentisch an die Schüler vermitteln.

Anmerkungen:

1.Psychoedukation ist eine systematische und strukturierte Vermittlung von Wissen, das wissenschaftlich fundiert ist und sich auf Gesundheitsinformationen zu psychischen Erkrankungen bezieht.

 

Infos zum Thema:

Audiointerview mit Vera Kaltwasser im Premium-Bereich dieser Website. Kaltwasser spricht über die Lehrerfortbildung für AISCHU, wissenschaftliche Studien zum Curriculum und in welchen Bundesländern AISCHU bisher praktiziert wird. Alle Mitglieder des Freundeskreises können es sich herunterladen. Zum Freundeskreis

Bücher von Vera Kaltwasser:

  • Praxisbuch Achtsamkeit in der Schule. Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit als Basis von Bildung, Weinheim, Beltz 2016
  • Persönlichkeit und Präsenz, Achtsamkeit im Lehrerberuf, Beltz 2018

Dokumentarfilm „Schule der Achtsamkeit“ kostenlos anschauen

 

Foto: Jörg Ladwig

Foto: Jörg Ladwig

Vera Kaltwasser, Oberstudienrätin, Theaterpädagogin und in der Lehrerfortbildung tätig. 2007 nahm sie ein Sabbatjahr und begann u. a. bei Jon Kabat-Zinn, dem Begründer der Achtsamkeitsbewegung, in den USA ihre Ausbildung zur MBSR-Lehrerin (Mindfulness-Based-Stress-Reduction). Weitere Ausbildungen: Qigong und Freiburger Lehrercoaching (Prof. Bauer). Mehr über Vera Kaltwasser und die AISCHU-Lehrerfortbildung: vera-kaltwasser.de