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Über den Horizont des Lebens hinausschauen

Plädoyer gegen den ärzlich assistierten Suizid

Befürworter des ärztlich assistierten Suizids von Todkranken argumentieren mit dem Recht auf Selbstbestimmung. Lisa Freund, seit 1990 in der Hospizbewegung aktiv, hat eine andere Sicht: Wer gut betreut und schmerzfrei ist, sehnt nicht den Tod herbei, sondern hat mehr Lebensqualität.

 

Befürworter des ärztlich assistierten Suizids haben große Angst vor dem Verlust der Selbstbestimmung am Lebensende, dem Ausgeliefertsein der Hilflosigkeit, die niemand erleben möchte. Geht es nicht vielen Menschen so?

Es könnte sein, dass ein Mensch, der Pflegenotstand und infolgedessen Vernachlässigung am Lebensende erlebt, voller Verzweiflung um seine Tötung fleht, weil die Lebensbedingungen unerträglich geworden sind. Wenn er sich selbst nicht töten kann, will er, dass der Arzt es tut, was bei uns verboten ist.

Dies wäre dann auch ein Ausdruck vom Pflegenotstand und unethischem Umgang mit Patienten. Ist es da nicht sinnvoll, alles zu tun, um die Fürsorge am Lebensende auf allen Ebenen mitfühlend, kompetent und umfassend zu gewährleisten? Hierzu dient die palliative Versorgung, die jetzt auch ambulant immer besser ausgebaut werden soll. Wir stecken noch in den Anfängen und werden hoffentlich mehr und mehr Missstände in der Zukunft überwinden.

Es gibt noch einen anderen Blickwinkel: In mir ist etwas Unversehrtes, Unverwundbares, das mir keiner nehmen kann. Dorthin ziehe ich mich zurück, wenn ich mich bedroht fühle, das Leben zu Ende geht. In der Not vertraue ich darauf. Das schafft inmitten des Infernos inneren Raum. Viktor Frankl, ein österreichischer Psychiater, hat mit dieser Einstellung das Konzentrationslager überlebt.

Angst vor unwürdigem Sterben

Angst vor unwürdigem Sterben und dem Tod entwickeln auch gesunde Menschen: Wer gesund ist, fürchtet den Autonomieverlust auf Basis der vorhandenen Freiheiten. Wir haben zwar jetzt Vorstellungen davon, wann ein Leben nichts mehr wert ist und wann es noch wertvoll ist. Wenn dann die letzte Lebensphase kommt, verändern sich diese Wertvorstellungen. Das habe ich bei Sterbenden sehen können.

Ein sterbenskranker Mann macht die Erfahrung, dass es die kleinen Dinge sind, Momente des Glücks, ein Lachen, der Vogel auf dem Balkongeländer, der Sonnenstrahl im Gesicht, der zeternde Enkel auf dem Bett, die das Leben lebenswert machen. Seine innere Wahrnehmung hat sich gewandelt. Er urteilt anders als früher. Er ist schmerzfrei und sagt sinngemäß:

„Es geht mir um das Genießen, das Genießen von dem, was noch geht, die Lebensfreude. Wenn es dann aus ist, geht das nicht mehr. Das Medikament, mit dem ich mich töten kann“, er zeigt es mir, indem er die Schublade des Nachtschränkchens öffnet, “habe ich, doch ich werde mich wahrscheinlich nicht umbringen. Wozu auch? Noch hat das Leben mir was zu bieten. Ich nehme es mit, bis nichts mehr geht. Ich will die Wahl haben, selbst entscheiden können.“

Wir wissen, wenn Fürsorge und Pflege empathisch und sachkundig sind, Schmerzfreiheit gewährleistet ist und die Lebensqualität wieder steigt, dann gibt es für die meisten von uns keinen Grund, das Leben vorzeitig zu beenden. Wissenschaftliche Studien belegen dies.

Uwe-Christian Arnold beschreibt in seinem Buch „Letzte Hilfe“ die Tatsache, dass es eine Entlastung für den Kranken darstellt, das Medikament, welches das Leben beendet, griffbereit zu haben. Er fühle sich nicht mehr ausgeliefert, habe theoretisch die Möglichkeit, es zu nehmen, könne es aber auch bleiben lassen.

Die Mehrzahl der Menschen nimmt es nicht ein. Wozu dann das Mittel im Schrank haben, frage ich mich? Die Verfechter antworten: Es ermöglicht Entscheidungsfreiheit und die entlastet im Sinne von: Ich habe das Gefühl selbst bestimmen zu können, wann mein Leben endet. Der Kranke ist gelassener, weil das Medikament im Nachtschrank ist. Auf diese Weise trägt der Todescocktail zum Geistesfrieden bei. Kann man etwas dagegen haben?

Eine andere Sichtweise

Es gibt auch eine andere Sichtweise, wie die folgende kleine Geschichte zeigt: Eine Nachbarin besucht ihre alte Freundin im Hospiz. Diese hat eine Muskelerkrankung und kann nur noch den Kopf bewegen, sprechen, klar denken und fühlen; ansonsten ist sie vollständig auf Pflege angewiesen. Ich treffe die Nachbarin auf dem Nachhauseweg nach dem Krankenbesuch.

Sie ist bleich und sichtlich aufgewühlt. „Warum gibt ihr keiner eine Spritze, damit sie sterben kann? Das ist doch kein Zustand. Das ist doch kein menschliches Leben mehr. Da ist man doch besser tot, als so eine Last zu sein für andere. Sie hat das Todes-Pulver in der Schublade. Ich hätte das schon längst genommen.“

Ich frage sie, wie die Kranke dazu stehe. „Das ist es ja, was mich so aufregt, sie sagt, sie freut sich über meinen Besuch, hat mir einen Witz erzählt und herzhaft gelacht. Sie findet alles gar nicht so schlimm. Wahrscheinlich bekommt sie Psychopharmaka. Da muss man doch was tun!“ Ich frage: „Soll man sie umbringen?“ Sie antwortet: „Das klingt hart, aber der Tod ist doch für sie eine Erlösung!“

Eine andere Nachbarin kommt, die gestern ebenfalls bei Frau A war. Sie berichtet von einem wunderbaren Gespräch und dass sie Frau A. eine Engels-Geschichte erzählt habe: „Das hat uns beiden gut getan. Sie ist ein Sonnenschein. Ich bewundere ihre Kraft. Irgenwann sagte sie: `Ich werde loslassen, wenn der Tod mich holt und dann meinem Schutzengel mitnehmen, wenn ich gehen muss.´ Frau A. ist einige Monate nach dieser Begegnung gestorben, in Frieden, wie die Angehörigen sagen, alleine und nachts.

Mut zur Vision

Die Angst vor Hilflosigkeit beruht auf Annahmen, inneren Haltungen und Einstellungen, die wir zu einem Erleben oder einem Sachverhalt haben. Grundlage ist die Furcht, am Lebensende die Kontrolle zu verlieren, ausgeliefert, ohnmächtig zu sein. Sie äußert sich in schlimmen Vorstellungen, die wir nach außen projizieren. Weil wir diese existenzielle Verunsicherung nicht aushalten, stellen wir Forderungen, äußern vielleicht den Wunsch, auf Verlangen hin getötet zu werden, wollen Sicherheiten, damit wir einen Zustand nicht erleben müssen, der in unserer Fantasie so schrecklich ist. Doch diese Gedanken können schon morgen in der Todesnähe null und nichtig sein..

Ich kann auch eine andere Vorstellung wählen und mir ausmalen, dass ich in meiner Hilflosigkeit liebevolle Fürsorge erlebe. Oder ich vertraue auf meine inneren Werte, mein schöpferisches Potenzial, weil es ein Ausdruck meines wahren Wesens ist, auch wenn ich unwürdig behandelt werde.

Mit dieser Einstellung geht es mir gut. So erweitere ich meinen Horizont. Statt der Angst, vertraue ich auf einen sich mir vielleicht nicht erschließenden Sinn, nehme die Herausforderung an, mich wertzuschätzen, zu sehen:  auch wenn ich gewindelt und gewaschen werde, bin ich eine liebenswerte Persönlichkeit. Es kann sein, es kommt anders. Bis dahin habe ich jedoch inneren Frieden erlebt. Das bedeutet mehr Lebensqualität bis zuletzt.

Es ist mein Körper, dem die schmerzhafte Auflösung widerfährt, geistig verbinde ich mich mit inneren Werten und entwickle Gelassenheit und Vertrauen, in das, was geschieht. Hilflosigkeit betrifft dann meinen Körper, innerlich fühle ich mich geborgen. Pflege wird erträglich, weil ich sie nehme, wie sie ist. So stimme ich mich ein in den Wandel, der kommt, von dem ich nicht weiß, wohin er mich führt. Im Leben und im Sterben sind mein ursprüngliches Wesen, mein Kern oder meine Seele oder wie man es nennen mag, unversehrt. Ich vertraue darauf, ein geistiges Wesen in einem menschlichen Körper zu sein.

Die Überzeugung, wertvoll zu sein, binde ich nicht an das Funktionieren meines Körpers. Ich darf so sein, wie ich bin, jetzt und in der Stunde meines Tode. Ich bin wertvoll – immer. Wenn ich leide, bitte ich darum, dass mir mit Respekt und Mitgefühl begegnet wird. Das steht mir zu.

Ist das nicht eine besondere Form der Selbstbestimmung bis zuletzt? Dies ist für mich ein Weg der Verwirklichung meines Rechts auf Unversehrtheit der Persönlichkeit bis in den Tod hinein. Verinnerlichen wir diese Werte, dann gehen wir mit Sterben und Tod friedvoller um, entspannter, reifer, hoffnungsvoller. Warum nicht die Freude zulassen, die eine Vision in sich birgt, die über den Horizont dieses Lebens hinausweist?

Lisa Freund

Foto Lisa neu-print-webLisa Freund ist seit 1990 aktiv in der Hospizbewegung und bildet Hospizhelfer aus. Sie hat ein eigenes Seminarprogramm entwickelt, in dem sie östliche Weisheit und westliches Wissen zum Thema Sterben und Tod lebenspraktisch miteinander verbindet. Mehr unter www.lisafreund.de  

Buchveröffentlichungen: „Das Unverwundbare“ (2011,) „Geborgen im Grenzenlosen“ (2012),  beide Bücher sind  im O.W. Barth Verlag erschienen; Die Mantrabox (2013 zusammen mit Anna Trökes) ist bei Gräfe Unzer erschienen.

 

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