Interview mit Petra Zöllner

In Krankenhäusern herrscht Personalmangel. Laut einer Studie sind die Hälfte der Pflegekräfte Burnout-gefährdet. Ausbilderin Petra Zöllner vermittelt Selbstfürsorge und Mitgefühl für Pflegekräfte, um Tendenzen von Verbitterung und Aggressivität entgegen zu wirken und Resilienz zu stärken.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Frage: Frau Zöllner, Sie sind seit über 30 Jahren als Lehrerin für Pflegeberufe tätig. Derzeit fehlen rund 80.000 Pflegende in den Krankenhäusern. Warum ist der Pflegeberuf heute nicht mehr attraktiv?

Petra Zöllner: Eine Vielzahl von Stressfaktoren führt dazu, dass der Pflegeberuf weniger attraktiv ist. Ein Grund für den Pflegenotstand ist u. a. die Schichtarbeit, die oft junge Frauen mit Familie dazu bringt, nach durchschnittlich fünf Jahren aus dem Beruf auszusteigen. Viele junge Menschen sehen nur geringe Aufstiegschancen im Pflegeberuf.

Permanenter Zeitdruck, geringe Bezahlung, mangelnde Wertschätzung, unzureichende Einarbeitung, Wochenenddienste und fachliche Überforderungen führen durch körperliche und psychische Dauerbelastungen häufig in den gefährlichen Zustand von Distress.

Zusätzlich, zu diesen genannten Belastungen, beobachte ich, dass Pflegekräfte dennoch einen hohen Anspruch an sich selbst haben. Sie möchten immer alle Tätigkeiten, die in einer Schicht anfallen, selber und zum Wohle des Patienten ausführen. Wenn dies den Pflegenden nicht gelingt, sind sie mit sich selber unzufrieden und stressen sich hierdurch selbst noch mehr.

Burnout-out: Frust statt Altruismus

Bleibt da nicht vielfach die ethische und ursprünglich altruistische Einstellung auf der Strecke?

Petra Zöllner: Aus altruistischen Motiven heraus, aus Freude am Helfen und Sinnvolles zu tun, sind viele Pflegende zu diesen Berufen gekommen. Jedoch steigt unsere Frustration, wenn Faktoren wie wenig Zeit und wenig Geld den in uns verankerten Altruismus überdecken. Die Spannungen können sogar zu Depressionen bzw. zum Burn-out führen.

In meiner Arbeit als Seminarleiterin kann ich häufig beobachten, dass die von starken Belastungen Betroffenen ihrer Umwelt zunehmend zynisch, verbittert und mit Härte begegnen. Und in weiterer Folge beginnen einige sich abzukapseln, andere sich in Grüppchen zu sammeln, um über den Beruf zu klagen.

Ungeduld, Intoleranz, latente und/oder offene Aggressivität prägen dann den Umgangston. Somit kann sich z. B. die ethische Grundhaltung in der Kommunikation bis hin zur Herabsetzung anderer verändern und Konfliktsituationen eskalieren. In Einzelfällen kann das zum Mobbing Einzelner führen.

Unter dem hohen Zeitdruck entstehen Empathiemüdigkeit und sogenannter Caregiver-Stress. Können Sie diese Stressphänome näher beschreiben?

Petra Zöllner: Unter hohem Zeitdruck gelingt es immer weniger, die Situation der Patienten zu verbessern. Dies erzeugt eine Form von posttraumatischem Stress. Viele sind müde vor lauter Mitleiden. Man spricht auch von einer Empathiemüdigkeit, der mit hohem Energieverlust einhergeht.

Als Gegenwehr auf diese emotionalen Überforderungen reagieren gerade empathische und mitfühlende Menschen auf Dauer mit Caregiver-Stress, indem sie sich durch Zynismus, Gereiztheit usw.  distanzieren, womit sie ihr eigenes Herz-Kreislaufsystem selbst belasten und somit zum Burn-out neigen.

Selbstwertschätzung bei Pflegenden stärken

Können Sie dieser Empathiemüdigkeit mit Ihren Seminaren über Selbstmitgefühl in den Weiterbildungen für Pflegekräfte entgegenwirken?

Petra Zöllner: Mein Anliegen in den Seminaren ist es, die Selbstreflexion, Selbstwertschätzung und Selbstachtung bei den Pflegenden zu stärken. Dass die Teilnehmer erkennen, wie wichtig sie und ihr professionelles Verhalten in einem gesellschaftlich relevanten Beruf ist. Und wie unabdingbar dieser Beruf für unser gesellschaftliches Zusammenleben ist.

Das Ziel ist in meinen Ein- bis Zwei-Tagesseminaren, durch Übungen und theoretischen Input Mitgefühl und Selbstfreundlichkeit für sich selbst erst einmal wahrzunehmen, was häufig eine neue Erfahrung für den Einzelnen ist.

Die Tools dazu habe ich aus dem achtsamkeitsbasierten MSC-Kurs (Mindful Self-Compassion) übernommen und didaktisch in die Seminare integriert.

Warum gibt es einen Mangel an Selbstmitgefühl und warum muss es wieder erlernt werden?

Petra Zöllner: Pflegekräfte suchen wie alle Menschen nach Anerkennung. Diese erhalten sie von Patientinnen, Vorgesetzten, Ärzten etc. Das erfordert aber vom einzelnen Pflegenden viel zwischenmenschliche Beziehungsarbeit. Zudem fehlen häufig Erfolge, denn Patienten können trotz professioneller Pflege weiter leiden oder sterben.

Wenn nun von den Teilnehmenden erkannt wird, dass hinter dem Wunsch der Anerkennung durch andere der Wunsch nach Liebe steht, und sie sehen können, dass sie sich auch Liebe in Form von Selbstmitgefühl selber geben können, ist eine Quelle der Selbstwertschätzung und Selbstliebe erkannt. Für den Einzelnen wird es möglich, Kraft aus dieser Quelle zu holen, z.B. mit Mitgefühlsübungen.

Durch Achtsamkeitsübungen können sie lernen, ihr eigenes seelisches und körperliches Ausbrennen rechtzeitig wahrzunehmen und sich dann selbst mit dem wärmenden Mitgefühl begleiten, das sie vor der eigenen körperlichen und seelischen Überlastung schützen kann.

Jedoch, das wissen alle Praktizierenden, dass Achtsamkeit täglich geübt werden muss. Der Autopilot hin Richtung Anerkennung durch Andere ist sehr stark.

Resilienz durch Mitgefühlstraining

Warum ist Empathie und Mitleiden im Umgang mit Patienten oft nicht hilfreich? Warum ist die Haltung von Mitgefühl sinnvoller?

Petra Zöllner: Empathie ist nach dem amerikanischen Neuropsychologen Rick Hanson die Grundlage für sinnstiftende Beziehungen durch ein Mitfühlen mit dem anderen. Menschen können durch Spiegelneurone und die Insula mit anderen fühlen. Die Insula „horcht“ förmlich in den Körper hinein, wie es ihm geht.

Jedoch hat die Gehirnforschung nachgewiesen, dass das Gehirn eigenen Schmerz und den von anderen nicht unterscheidet. So entwickelt sich im Pflegenden Leid in Form von Mitleid, also mit dem Patienten leiden.

Aber es gibt einen Ausweg: Neurologische Forschungsarbeiten lieferten das Ergebnis, dass das Gehirn die Fähigkeit besitzt, aktiv von dem stressreichen Vorgang des empathischen Mitleidens zu den drei Mitgefühlszuständen umzuschalten: liebende Güte, Mitgefühl für Leid und universelles Mitgefühl. Diese drei Arten des Mitgefühls können vor allem durch die ursprünglich buddhistische Metta-Meditation erzeugt werden. Mitgefühl ist, anders als Empathie, der Wunsch, dass andere von Leiden frei sein mögen. Dies kann kognitiv erzeugt werden und geht über das bloße Mitfühlen, Empathie, hinaus.

Wissenschaftlerinnen wie Olga Klimecki und Tania Singer konnten beobachten, dass sich der Zustand des Mitgefühls stark von der Empathie für das Leid anderer unterschied. Weitere Arbeiten, die Hirnmessungen vor und nach dem Mitgefühlstraining untersuchten, zeigten, dass ein anderes Hirnnetzwerk für das Mitgefühl aktiviert wird. Dieses Netzwerk wird mit positiven Emotionen, Zugehörigkeit und Liebe sowie Belohnung in Verbindung gebracht.

Mitgefühl wird jedoch als Strategie beschrieben, die trainiert werden muss, um das Netzwerk zu aktivieren. Durch dieses Üben können negative Erfahrungen durch Resilienzstärkung überwunden werden. Beim Üben von Mitgefühl wird für den Einzelnen spürbar, dass er oder sie, wenn dem anderen Mitgefühl entgegengebracht wird, selbst positive Gefühle wie Optimismus, Freude und Glück hervorrufen kann.

Roboter: kein Ersatz für Pflegekräfte

Was halten Sie eigentlich vom Einsatz von Robotern in der Pflege?

Petra Zöllner: In der Altenpflege kann durch Robotik die Selbstständigkeit der Betroffenen erhöht werden, damit sie  solange wie möglich zu Hause bleiben können.

Es werden derzeit smarte Möbelstücke entwickelt. Zum Beispiel ein Sekretär, der mit Lautsprechern, Kameras, Mikrophonen und einem großen Display ausgestattet ist, und beispielsweise dabei helfen kann, an die Einnahme von Medikamenten zu denken. Oder ein Waschtisch der aufmerksam macht, wenn keine Zahncreme auf der Zahnbürste ist.

Nach Bart de Witte, KI-Experte, ist die künstliche Intelligenz noch weit davon entfernt, ein Bewusstsein zu entwickeln, und ohne Bewusstsein gibt es keine Empathie. Eine Pflegekraft kann jedoch nicht ersetzt werden – wenn z. B. emotionale Reaktionen wie Traurigkeit ausgelöst wird. Es braucht den menschlichen Bezug und die Einfühlung, dieses Gefühl beim Menschen zu sehen und zu begleiten. Bart de Witte würde bei Pflegerobotern von Pflegeassistenten sprechen und vermeiden, die Patienten-Pflege-Interaktion zu digitalisieren.

Der Focus sollte m. E. auf den bürokratischen Aufgaben im Krankenhaus gelegt werden. Z. B. bei der Entlastung von Dokumentations- und Administrationsaufgaben mit Spracherfassung. Und so gewinnen wir Zeit für die Mensch-Mensch-Interaktion und Beziehung.

Sind die Seminare letztlich nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Müsste man nicht das System verändern und Krankenhäuser wieder unter staatliche Leitung bringen?

Petra Zöllner: Ja, die Seminare sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Nein, ich glaube nicht, dass eine staatliche Leitung von Krankenhäusern die Idee der Gewinnmaximierung verändern würde. Eher sehe ich eine Lösung darin, das bestehende DRG System (Diagnosis Related Groups) hin zu einem nicht an Krankheit – und  gewinnorientierten Abrechnungssystem zu ändern.

Zudem müsste die Lobbyarbeit von Pharmaindustrie, Medizingeräteindustrie und Ärztearbeit im Gesundheitswesen überdacht werden. Und das Wohl der Mitarbeiter, der nicht an Burnout erkrankt, würde einem Klinikum bis zu 100.000 Euro pro betroffenen Mitarbeiter ersparen.

Petra Zöllner ist Ausbilderin und Lehrerin für Pflegeberufe, zeritfizierte MBSR-Lehrerin, Coach, Kunst- und Gestalttherapeuthin, freiberufliche Trainerin
https://www.ars-medico.de

 

 

 

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