Ein Film über den Pflegenotstand in Krankenhäusern

Unser Gesundheitswesen ist am Limit. Der Film „Der marktgerechte Patient“ geht den Ursachen der Misere auf den Grund. Krankenhäuser sind zu Wirtschaftsunternehmen geworden. Orthopädische Eingriffe lohnen sich, chronische Krankheiten bringen Defizite. Eine Umkehr ist nötig: Gesundheit gehört in staatliche Hände, so die Botschaft.

 

Wir haben es in der Zwischenzeit alle mitbekommen: In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Die Leidtragenden sind unterversorgte Patientinnen und Patienten, aber auch überlastetes Gesundheitspersonal. Wussten Sie, dass in den letzten 15 Jahren 50.000 Stellen im Krankenhausbereich abgebaut worden sind? Kennen Sie die Hintergründe dafür?

Hier setzt der Film “Der marktgerechte Patient” an, der im November 2018 in ausgewählten Kinos gezeigt wird, und geht den Ursachen auf den Grund. Wie ist unsere Gesellschaft so geworden, dass sie ihre Schwächsten, die kranken Menschen, so im Stich lässt? Der Film erklärt, wie es zum Primat der Ökonomie in der Medizin kam und welche Auswirkungen dies auf das Geschehen in den Krankenhäusern hat.

Durch eine Vielzahl von Interviews mit unterschiedlichen Krankenhausmitarbeitern und Patientinnen entsteht wie in einem Puzzle ein immer vollständigeres Bild der Situation und Zusammenhänge werden erkennbar. Auch Angestellte der Krankenhausverwaltung, Medizinjournalisten, ein Bürgermeister und der Medizinethiker Giovanni Maio kommen zu Wort. Dies geschieht auf einer Art und Weise, die auch dem medizinischen Laien verständlich ist. Der Preis hierfür ist an manchen Stellen der Verzicht auf weitere Differenzierung.

„Der marktgerechte Patient“ ist aber auch ein emotional dichter Film. Die Schicksale rütteln auf, gehen ans Herz. Einzelne Szenen, in denen die Defizite in der Versorgung aufgezeigt werden, sind dokumentarisch, zum Teil nachgestellt. Die Auswirkungen der Ökonomisierung werden auf die ganz konkreten Erfahrungen Einzelner heruntergebrochen und so spürbar und nachvollziehbar gemacht. Den Filmemachern Leslie Francke und Herdolor Lorenz, die schon zuvor sozial engagierte Dokumentationen gedreht haben, ist es wichtig, aufzuklären und aufzurütteln.

Mit Fallpauschalen zum Profit

2004 wurde das alte Abrechnungssystem der Krankenhäuser mit den Krankenkassen, in dem tatsächlich erbrachte Leistungen abgerechnet wurden, durch sogenannte Fallpauschalen (DRGs, Diagnose Related Grouping) ersetzt. Das neue Abrechnungssystem sollte einen Anreiz schaffen, ökonomischer zu arbeiten und zu einer „Verschlankung“ führen.

Im alten System wurden real entstandene Kosten abgerechnet, lange Liegezeiten zahlten sich aus. Mit Einführung der Fallpauschalen ergab sich überhaupt erst die Möglichkeit, durch geschicktes Wirtschaften Gewinne zu machen. Da der Erlös für die Behandlung eines Patienten mit einer bestimmten Diagnose über die Fallpauschale festgeschrieben ist, besteht für den Krankenhausträger ein Anreiz, die nötigen Leistungen möglichst effizient zu erbringen: Das heißt, möglichst wenig Personal-, Material- und Zeitressourcen zu verbrauchen.

Über Vorgaben für die jeweilige Verweildauer sollten die Liegezeiten verkürzt werden. Deshalb taucht in vielen Krankenhäusern im PC eine Ampel auf, die zeigt, ob man den Patienten noch länger stationär behandeln darf. Vorbereitet wurde die Einführung der Fallpauschalen bereits in den 1990er Jahren, um der „Kostenexplosion im Gesundheitswesen“ entgegenzuwirken. Man glaubte, dass nur ein freier Markt in der Lage sei, Gesundheitsversorgung weiter bezahlbar zu halten.

Staat und Kommunen zogen sich immer mehr aus den Bereichen zurück, die bis dahin zur Daseinsfürsorge zählten. Öffentliche Einrichtungen, auch Krankenhäuser, wurden privatisiert. Aus Sozialsystemen wurden Wirtschaftssysteme. Der Anteil der privaten Krankenhausträger in Deutschland liegt heute bei 30 Prozent. Tatsächlich liegt der Anteil der für das Gesundheitswesen ausgegebenen Kosten immer noch stabil bei 10 bis 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, auch heute noch. Das Wort „Kostenexplosion“ war ein medienwirksamer Versuch, die Bevölkerung auf die Umformung des Gesundheitswesens einzustimmen.

Rendite aus unseren Krankenkassenbeiträgen

Der Film zeigt Beispiele für die Privatisierung, etwa in Hamburg, wo kurz nach Einführung der Fallpauschalen gegen den Willen der Bürger alle Krankenhäuser des Landesbetriebs für einen vergleichsweise geringen Betrag an den privaten Träger Asklepios verkauft wurden. Wir erfahren, dass private Träger eine Rendite von ca 12 Prozent pro Jahr erwarten. Diese Gewinne werden erwirtschaftet aus dem Geld, das die Krankenkassen aus unseren Beiträgen an die Krankenhäuser zahlen.

Um über Fallpauschalen abrechnen zu können, ist eine gute Dokumentation unerlässlich: Nur was dokumentiert ist, gilt als erbracht. Schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der Arbeitszeit einer Pflegekraft gehen in die Dokumentation. „Wir bräuchten eigentlich gar keine Patienten mehr, die Dokumentation ist wichtiger, der Patient Mittel zu Zweck,“ sagt eine Pflegekraft im Film.

Im System der Abrechnung über Fallpauschalen wird der Personalschlüssel nicht am tatsächlichen Arbeitsaufwand festgemacht, sondern an der Höhe der erwirtschafteten Erlöse. Sinken die Erlöse, weil z.B. aus Personalmangel Betten gesperrt werden, wird als Folge weiteres Personal eingespart.

Manches, was die Interviewten im Film berichten, ist für viele Laien neu. So erfahren wir zum Beispiel, dass bestimmte Fallpauschalen sich lohnen, weil das Krankenhaus die Leistungen günstig erbringen kann; mit anderen macht das Krankenhaus Verluste. Kardiologische und orthopädische Eingriffe etwa werden prinzipiell besser vergütet als die Behandlung chronischer Erkrankungen, die einen häufigen Arzt-Patientenkontakt erfordern, z.B. Diabetes. Patienten mit mehreren behandlungsbedürftigen Begleiterkrankungen oder überdurchschnittlich hohem Verbrauch an Ressourcen, z.B. Polytraumen, bringen fast immer finanzielle Verluste.

Alle zeitaufwendigen Behandlungen, wie sie sich z.B. bei Kindern, alten Menschen und Geburten ergeben, werden nicht kostendeckend vergütet. Notaufnahmen und Kreißsäle sind defizitär, weil immer Personal vorgehalten werden muss, unabhängig von der Auslastung. In den letzten 15 Jahren wurde ein Drittel aller geburtshilflichen Abteilungen geschlossen.

Kommunale Häuser reagieren auf den Druck im Zuge der Fallpauschalen: Sie versuchen, Abteilungen mit ungünstigen Fallpauschalen durch Abteilungen mit günstigen Fallpauschalen aufzufangen. Sie geraten aber durch private Träger unter Druck, die zunehmend – gerne kardiologische oder orthopädische – Fachkliniken eröffnen, in denen gut planbare Eingriffe erbracht werden, die ertragreich sind.

Ist der Patient Kunde?

Mittlerweile sind besonders qualifizierte Pflegekräfte knapp geworden, so dass immer häufiger gerade auf Intensivstationen Betten gesperrt werden müssen. Dies hat längerfristig über die verringerten Erlöse wieder Einfluss auf den Personalschlüssel. Es wird versucht, über teure Leiharbeitskräfte diese Lücken zu schließen.

Der Film zeigt, dass es auch anders gehen kann, ein Beispiel sind die städtischen Kliniken in Dortmund. Ihr Geschäftsführer hat sich von den Beraterfirmen getrennt: „Die wollen schnelle Erfolge, die nicht nachhaltig sind. Wenn wir unsere Lösungen zusammen mit unseren Mitarbeitern erarbeiten, dauert das zwar länger, hat dann aber auch länger Bestand und alle sind zufrieden. Die Vorgaben der Beraterfirmen machen die intrinsische Motivation der Mitarbeiter kaputt. Wir haben auch keine Verweildauersteuerung; wir treffen den Durchschnitt, das reicht.“

Die Mitarbeiter der Charité in Berlin haben für mehr Personal gestreikt. In Hamburg gab es 2018 eine Volksinitiative, die 30.000 Stimmen aufgebracht hat. Sie will einen Volksentscheid für mehr Personal in Krankenhäusern initiieren. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hat 2016 ein Positionspapier herausgegeben mit dem Titel: “Der Patient ist kein Kunde, das Krankenhaus kein Wirtschaftsunternehmen”. Eine Pflegestärkungsgesetz ist auf den Weg gebracht, das allerdings kontrovers diskutiert wird. Es tut sich also was im Lande.

Die Akteure des Films teilen ihr Fazit und ihre Lösungsvorschläge mit: Der Arbeitsmarkt ist leer, weil keiner unter diesen Bedingungen und dieser Bezahlung arbeiten will. Sie fordern, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie lebbar sind und man nicht davon krank wird. Um diese Ziele zu erreichen, könnte geschlossenes gemeinsames Auftreten aller Krankenhausmitarbeiter außerordentlich viel bewirken.

Das Gesundheitswesen darf kein Markt sein. Wir verkaufen keine Krankheiten und keine Behandlungen, und der Patient kann sich seine Behandlung nicht aussuchen. Der gedankliche Hintergrund vor der Durchökonomisierung war der Glaube, dass der Markt besser soziale Aufgaben erfüllen könne. Das ist ein Gedankenfehler: Gesundheit ist Daseinsfürsorge und gehört wieder zurück in den Besitz der öffentlichen Hand.

Der Film „Der marktgerechte Mensch“ zieht in seinen Bann, ich wünsche ihm ein großes Publikum. Barbara Jahn

 

Foto: Stülpnagel

Barbara Jahn war Assistenzärztin an Hamburger Krankenhäusern in den Fachrichtungen Chirurgie und Gynäkologie, 1986 bis 1989 arbeitete sie mit dem Deutschen Entwicklungsdienst in Zimbabwe. 1993 bis 2015 war sie Oberärztin einer großen geburtshilflichen Abteilung. 2003 Abschluss einer Ausbildung in Gestalttherapie.

 

 

 

 

 

 

Infos zum Film

Der Film wurde vollständig über Crowdfunding finanziert, die Filmemacher freuen sich über Spenden. Sie können den Film auch als DVD über www.gemeingut.org beziehen.

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Die Filmemacher Leslie Francke und Herdolor Lorenz skizzieren ihre Gedanken zu dem Film

Tipps zum Lesen

Giovanni Maio. Geschäftsmodell Gesundheit. Wie der Markt die Heilkunst abschafft. Suhrkamp Taschenbuch, 2. Auflage 2016

Giovanni Maio. Werte für die Medizin. Warum die Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen. Neu herausgekommen diesen Herbst bei Kösel