„Die Digitalisierung entfremdet uns“

PixOne/ shutterstock.com
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Interview mit Christoph Quarch

Die Digitalisierung ist ein Produkt des Machbarkeitsdenkens, so Christoph Quarch. Der Philosoph spricht im Interview über unsere Abhängigkeit von Maschinen, neue Menschenbilder und den Verlust menschlicher Würde. „Wir können Wegbereiter einer neuen Kultur werden, wenn wir mit der Welt und den Menschen im Gespräch bleiben,“ so Quarch.

Das Interview führte Birgit Stratmann. Es nimmt Bezug auf drei Artikel, die Christoph Quarch bei Ethik heute veröffentlicht hat: Big Data und Big Business, Die Macht der Künstlichen Intelligenz, Mit Biotech den neuen Menschen designen.

Frage: Sie haben sich in drei Artikeln mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Mensch und Gesellschaft beschäftigt. Was ist Ihr Resumée?

Quarch: Wenn ich mir überlege, wohin die derzeitigen Entwicklungen im Silicon Valley langfristig führen, bin ich zutiefst besorgt. Die Digitalisierung beraubt uns unserer Menschlichkeit. Sie nimmt uns die Freiheit, unserem Leben Tiefe zu verleihen und echte Begegnungen zu erleben, sie raubt unsere Lebendigkeit und entfremdet uns von unserer Sterblichkeit und Verwundbarkeit.

Ich spreche hier nicht nur die Digitalisierung an, sondern auch die Human Enhancement-Bewegung mit ihren Unsterblichkeits- und Machbarkeitsfantasien. Hier wird die Denaturierung des Menschen betrieben. Das wiederum führt dazu, dass uns unsere natürliche Umwelt immer gleichgültiger wird. Es ist eine Verlagerung des Menschen aus der physischen in die digitale Welt. Das ist aus meiner Sicht die Perversion des Menschlichen.

Wenn wir uns Big Data, Biotechnologie und Künstliche Intelligenz anschauen, so gibt es eine Verquickung von Technologie, Kapitalismus und Machtstreben der Internetkonzerne, die das Leben der Menschen bestimmen wollen. Sind wir naiv, dass wir nicht sehen, wie wir als User ausgenutzt werden?

Quarch: Ja, wir sind naiv, aber wir dürfen uns zugutehalten, dass es kaum möglich ist, den Versuchungen der IT-Giganten zu widerstehen. Das hängt damit zusammen, dass sie es auf nachgerade perfide Weise verstehen, die Befriedigung tiefster menschlicher Sehnsüchte in Aussicht zu stellen etwa nach menschlicher Verbundenheit. Tatsächlich aber trägt die digitale Vernetzung eher zu Vereinzelung und Isolierung bei.

Das heißt: Wir lassen uns täuschen. Man redet uns ein, wir könnten in den digitalen Welten kreativ sein und unsere Potenziale entfalten. In Wahrheit bewegen wir uns in vorformatierten Zusammenhängen, die uns letztlich unsere Freiheit rauben.

Der Mensch macht sich zum Objekt

Yvonne Hofstetter weist in ihrem Buch „Sie wissen alles“ darauf hin, dass Big Data nicht nur das Sammeln und Kombinieren von Daten ermöglicht, sondern auch das Entscheiden – eigentlich ein Akt menschlicher Selbstbestimmung. „Intelligente“ Maschinen sollen uns immer mehr Entscheidungen abnehmen. Beim Börsenhandel ist dies schon gang und gäbe. Auch das Gesundheitarmband geht in diese Richtung. Wohin mag diese Entwicklung in der Zukunft führen?

Quarch: Wir machen uns abhängig von den Maschinen, die wir selbst gebaut haben. Auf diese Weise verlieren wir unsere Menschlichkeit. Computer und Maschinen sind überall dort, wo man rechnen und quantifizieren muss. Dafür sind sie gemacht. Was unser menschliches Leben aber gerade so lebendig macht, ist das Unberechenbare, das Irrationale, das Spielerische, die Offenheit für das, was geschieht.

Das Wesen des Menschen ist es, ein Subjekt zu sein. Werden wir durch unsere Aktivitäten im Internet zu Objekten?

Quarch: Der Mensch macht sich selbst zum Objekt. Das Drama ist, dass wir anfangen, uns selbst und unsere Lebenswelt nach Maßgabe der Maschinen zu deuten und entsprechend einzurichten.

Woher kommt das? Natürlich haben die IT- Konzerne ein Interesse daran, uns zu Objekten zu machen, denen sie Dinge verkaufen können. Andererseits gibt es diese Ambitionen nicht erst seit der Digitalisierung.

Quarch: Nein, diese Entwicklung ist viel älter. Die IT-Konzerne setzen auf neuzeitlichen Entwicklungen auf. Dass Menschen nach den Kriterien von Rentabilität, Produktivität, Effizienz leben, entstand im Zuge der Industrialisierung, also als Produkt einer Entwicklung, die im ausgehenden 16. Jahrhundert anfing. Seitdem glaubt der Mensch, er sei „der Wolf des Menschen“ (Hobbes) und der Konkurrenzkampf der Menschen untereinander sei unser natürlicher Zustand. So hat sich ein Menschenbild herausgeformt, das uns weiß macht, wir seien unserem Wesen nach rationale Egoisten und Konkurrenten, die ihre Erfüllung darin finden, sich Objekte anzueignen bzw. gegen andere Objekte durchzusetzen.

Wir haben jedes Maß verloren

Dann ist aber die Digitalisierung nicht Ursprung, sondern Ausdruck dieses Menschenbildes.

Quarch: Die Digitalisierung ist eine weitere Konsequenz, mit der die Entfremdung des Menschen von seiner Natur auf die Spitze getrieben wird. Der homo digitalis ist das, was dabei herauskommt, wenn sich der homo faber (der Mensch, der seinen Lebensinhalt darin sieht, immer mehr und immer Neues zu machen) mit dem homo oeconomicus (der Mensch, der seinen Lebensinhalt darin sieht, sich auf dem Markt zu behaupten und maximalen Profit zu machen) paart.

Mit Hilfe der digitalen Technik will der homo oeconomicus seinen Traum vom grenzenlosen Wachstum verwirklichen. Die digitale Welt erlaubt ihm, über alle Grenzen zu wirtschaften. Damit aber werden vor allem die Grenzen des Menschlichen überschritten.

Sie würden aber sagen, dass wir es hier mit einer geistigen Krise zu tun haben?

Quarch: Ja natürlich. Die geistige Krise besteht in unserer Maßlosigkeit. Wir haben jedes Maß verloren. Natürlich ist es faszinierend, zu jeder Zeit, von jedem Ort mit anderen zu kommunizieren und sich über alle physischen Grenzen hinwegzusetzen.

Aber alles, was lebt, braucht sein Maß. Das wusste schon Aristoteles. Heute haben wir das vergessen. Das zeigt sich in vielen Bereichen: in der Flüchtlingspolitik, in der Europapolitik, in der globalen Wirtschaft usw. Die digitalen Medien sind deshalb so bedrohlich, weil sie uns eine Grenzenlosigkeit und Unendlichkeit suggerieren, die sich mit dem Leben nicht verträgt.

Empfinden Sie sich selbst auch als maßlos?

Quarch: Ja sicher. Allein, wenn ich meine Mobilität betrachte, wie viele Kilometer ich pro Jahr zurücklege, auch mit dem Flugzeug. Ich ignoriere die Grenzen meines Körpers, wenn ich zu viel arbeite. Davon bin ich nicht frei. Wer lebt schon maßvoll – nach Maßgabe dessen, was genug ist?

Sie haben einmal geschrieben, der „digitale Mensch“ erfahre sich nicht mehr „als Angesprochener von etwas“. Was bedeutet das?

Quarch: Wir sind zu Konsumenten geworden. Das, was uns begegnet und widerfährt, nehmen wir als Information oder Unterhaltung, aber nicht als etwas, das uns existenziell etwas zu sagen hat. Nur aus dieser Konsumentenhaltung heraus ertragen wir überhaupt Medien, Horrorfilme, Facebook usw. Wenn wir uns davon berühren ließen, müssten wir zerbrechen.

Und weil das, was wir konsumieren, uns nicht tief berührt, bekommen wir davon nie genug. Wir gieren nach mehr. Das ist natürlich für eine auf Wachstum gedrillte Wirtschaft großartig, denn die Firmen können produzieren ohne Ende und immer neue „Bedürfnisse“ ins uns wecken.

Die digitalen Medien verstärken die Konsumentenhaltung, weil sie eine Distanz schaffen zu dem, was uns begegnet. Wir sind nicht mehr hautnah mit Leib und Seele berührt von dem, was um uns herum geschieht. Alles wird uns digital zubereitet, es kommt durch einen maschinellen Filter zu uns.

Das reicht bis in die feinsten Nuancen unserer Kommunikation. Mehr und mehr folgt sie den Gesetzen der Digitalisierung. In der Folge verliert die Sprache ihre gemeinschaftsbildende Kraft. Sprache wird durch die digitalen Medien darauf reduziert, Informationen von A nach B zu übertragen. Wir sind immer weniger in der Lage, unsere Gefühle und das, was uns bewegt, auszudrücken.

Erklärt das vielleicht den Erfolg der Achtsamkeitsbewegung, dass die Menschen die Sehnsucht haben, den Geschmack des Lebens zu schmecken?

Quarch: Das Bedürfnis ist sicher da – und auch das Bedürfnis nach Liebe und Verbundenheit. Nur wird es oft oberflächlich und trügerisch beantwortet. Die Achtsamkeit ist ambivalent. Ich weiß, dass sie in Unternehmen „eingesetzt“ und auf eine Konzentrationstechnik reduziert wird. Dann unterstützt sie Mitarbeiter darin, fokussiert, effizient und noch zielgerichteter zu sein. Dadurch wird nichts besser.

Ich verstehe Achtsamkeit anders: als Empfänglichkeit, Offenheit für das, was uns die Welt, die Menschen zu sagen haben. Achtsamkeit ist für mich eine Übung des Lauschens und Hörens. Wenn sie auf Konzentration und Mentaltraining reduziert wird, dient sie falschen Zwecken. Dann entfremdet sie uns noch mehr von uns selbst, denn wir sind keine Maschinen, die nur funktionieren, sondern bewegen uns chaotisch, spielerisch durch die Welt.

Die Technik verändert unser Bewusstsein

Manche Zeitgenossen wenden ein, dass die Technik an sich weder gut noch böse sei, sondern ethisch neutral. Wenn sie mit Werten wie Demokratie und Menschenrechten verbunden würde, sei das ungefährlich. Was ist Ihre Einschätzung?

Quarch: Es ist ein Irrglaube, dass wir frei und autonom über die Technik verfügen können. Heidegger hat recht mit dem Satz: „Nicht wir haben die Technik, sondern die Technik hat uns.“ Wir definieren uns nach Maßgabe der Maschinen, die wir bauen. Wir interpretieren unsere Kommunikationsformen, angepasst an das, was in der digitalen Welt Usus ist. Die Technik ist nicht neutral, sie macht etwas mit uns und verändert unser Bewusstsein, unser Verhältnis zur Welt.

Wir haben darüber hinaus auch gar nicht mehr die Freiheit, uns zur Technik nach eigenen Vorstellungen zu verhalten. Das sehe ich zum Beispiel an meinen Kindern: Es gibt den totalen Druck, ein Smartphone zu besitzen und nicht nur das: Man soll auch bei WhatsApp sein, weil die Kinder dort in Gruppen miteinander kommunizieren, z.B. der Fußballverein meines Sohnes. Von den Geräten geht Zwang aus: ein gesellschaftlicher Zwang, ein Gruppenzwang. Sie rauben uns die Freiheit.

Bei der Künstlichen Intelligenz geht das noch weiter: Man kreiert Maschinen, die intelligent sein sollen. Woher weiß man eigentlich, dass sie sich nicht irgendwann gegen den Menschen richten, ohne sein Zutun?

Quarch: Natürlich weiß das niemand. Die Maschinen könnten irgendwann selbst Maschinen produzieren und das Schicksal auf der Erde bestimmen. Und dann gibt es noch Leute, die in die Roboter Ethik-Programme einbauen wollen.

….zum Beispiel der Philosoph Thomas Metzinger.

Quarch: Das ist völlig absurd. Denn keine Ethik kann für sich den Anspruch erheben, mit wissenschaftlicher Genauigkeit ethisches Handeln zu formatieren. Das geht gegen die Grundidee der Ethik. Sie lässt sich nicht in Algorithmen abbilden. Ethik ist nur dort sinnvoll, wo man die Freiheit hat, sich so oder so zu verhalten. Und darin liegt die Würde des Menschen, dass er frei ist zu handeln, dass er jederzeit etwas anderes tun könnte. Ethik beruht auf der Freiheit.

Bei näherem Hinsehen erscheint mir das Vorhaben, ethische Programm in eine Maschine zu schreiben, als eine faschistoide Idee. Es ist das, was die Sozialtechnologen mit ihren Gehirnwäscheprogrammen erreichen wollten. Es war noch immer der Traum eines jeden Diktators, in die Gehirne der Menschen gewaltsam ihre Verhaltensregeln einzubrennen.

Könnte es sein, dass wir dadurch, dass wir solche Gedanken hegen, den Maschinen immer ähnlicher werden?

Quarch: Das ist genau mein Punkt, dass wir uns nach Maßgabe der Maschinen zu verhalten beginnen und darin unsere Menschlichkeit verlieren. Ein Beispiel aus der Geschichte: Als im 18. Jahrhundert mechanische Maschinen entwickelt wurden, begann der Mensch, sich erst nach Maßgabe eines Uhrwerks zu deuten und dann dementsprechend zu verhalten.

Auch die politischen Systeme sollten so funktionieren: die großen Nationalstaaten des 18. Jahrhunderts mit ihrer Verwaltung und Administration bis hin zu den Sozialutopien des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Der Faschismus betrieb eine soziale Industriearbeit. Menschen sollten sich wie Maschinen in die die „gleichgeschaltete Gesellschaft“ einfügen.

Etwas Ähnliches geschieht hier und heute, nur dass wir uns nicht nach Maßgabe industrieller Produktion deuten, sondern nach Maßgabe von Netzwerken und Smartfactory. Der Grundgedanke bleibt totalitär. Aber Apple und Google übertünchen dies, indem sie uns einreden, dass das alles super cool, super chick und modern ist.

Wir können das Steuer nicht herumreißen

Moralische Appelle werden wohl wenig bewirken…. Was kann man der Macht aus Kapital, Technologie und Monopol der Internetgiganten entgegen setzen?

Quarch: Um mit Heidegger zu antworten: „Nur noch ein Gott kann uns retten“. Der Grund dafür ist einfach: Der Glaube, wir könnten jetzt wieder durch eigene Kraft, Anstrengung und Innovation das Ruder herumreißen, wurzelt genau in dem Denken, das diese digitale Revolution erst hervorgebracht hat. Hier spricht der homo faber, der glaubt, alles im Griff zu haben und die Dinge jetzt in eine andere Richtung lenken zu können.

Tatsächlich wird kein Einzelner, keine Politik, keine Ökonomie, die nach den herkömmlichen Prinzipien ausgerichtet sind, diese Dynamik stoppen können. Das ist in einem tieferen Sinne des Wortes unser Schicksal. Die einzige Kraft, die das Schicksal wenden kann, ist die Kraft des Heiligen, des Geistes, eine spirituelle Revolution.

Ich denke an eine andere Sprache, an ein anderes Bewusstsein, an eine radikale Veränderung. Wir brauchen ganz andere Parameter, nach denen wir leben, sprechen, denken. Aber das können wir nicht „machen“; es geschieht oder nicht. Es liegt nicht an uns, sondern am Geist, ob er sich, mit Hölderlin gesprochen, „am schönen Tage kommenden Jahren neu ausspricht.“

Das ist in poetischer Sprache das, was man heute „Makro shifts“ nennt. Und die gute Nachricht ist: So etwas hat es immer wieder gegeben, etwa vor 2800 Jahren beim Übergang vom Mythos zum Logos, also von einem mythischen zum rationalen Denken. Damit wurde einst alles anders, und diese Revolution bestimmt unser Leben bis heute.

Doch jetzt stehen wir an einer neuen Schwelle: vom Logos zum … ich weiß es nicht, ich ahne es allenfalls. Wie sich der Geist der Zukunft ausspricht, das wissen allenfalls die Götter. Ich jedenfalls glaube nicht an eine evolutionäre, lineare Entwicklung, wie die integrale Bewegung in der Tradition Hegels es annimmt. Dafür sehe ich keine Anhaltspunkte, man redet sich die Welt schön.

Mit einem radikalen Wandel geht immer auch das Alte verloren. Alles, was wir tun können, ist, dass wir empfänglich bleiben, offen und auf das hören, was die Welt uns mitzuteilen hat. Wir können Wegbereiter des Neuen werden, wenn wir mit der Welt und den Menschen im Gespräch bleiben. So zu denken ist der erste Schritt, denn dann hören wir endlich auf zu glauben, dass wir alles machen und organisieren könnten.

Foto: Nomi Baumgartl

Foto: Nomi Baumgartl

Dr. phil. Christoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit ZEIT-Reisen. www.christophquarch.de

 

 

 

 

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