Michael von Brück

„Ich versuche zu sein“

Ein persönliches Interview mit Michael von Brück

Professor Michael von Brück ist Religionswissenschaftler, Zen-Lehrer, Autor und gefragter Redner. In diesem sehr persönlichen Interview spricht er über den Einfluss von Christentum und Buddhismus auf sein Leben, die Kunst zu sein, seine Ideen zur Ethik und ein neues Projekt: die Gründung einer Palliativ-Spirituellen Akademie in Bayern.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Was motiviert Sie, gesellschaftlich so aktiv zu sein? Fühlen Sie eine spirituelle Berufung in sich?

Meine spirituelle Berufung hängt stark damit zusammen, dass ich in meinem Leben geradezu unfassbar großartige Kontakte knüpfen konnte mit Menschen aus vielen Bereichen des Lebens, aus der Wissenschaft, der Spiritualität, der Religion, der Kunst, die die ganz Großen unseres Jahrhunderts sind, wie dem Dalai Lama, Krishnamurti, David Bohm, Carl Friedrich von Weizsäcker und vielen anderen.

Dieses so gesammelte Weisheitswissen möchte ich weiter geben in einer Zeit, in der so viel Konfusion ist, in der gerade auch die jüngere Generation Orientierung sucht und nicht findet. Ich habe wirklich das Glück, die Gnade, das Karma gehabt, genau zur rechten Zeit und am rechten Ort den Menschen zu begegnen, die mich dann geprägt haben.

Was heißt Christ sein, Buddhist sein?

Wenn ich mich recht erinnere, sagten Sie einmal in einem Zeitungsinterview, Sie seien Christ und Buddhist. Trifft diese Aussage heute noch auf Sie zu?

Die Schwierigkeit der Aussage steckt im Hilfsverb ich „bin“. Ich versuche, zu sein. Was heißt das, Christ sein? Was heißt, Buddhist sein? Ich bin da sehr sensibel und sehr genau. Meine kulturelle und religiöse Muttersprache ist das protestantische Christentum und die Musik Johann Sebastian Bachs und Heinrich Schützens. Das ist meine Grundprägung. Und die ist natürlich von den Texten, von den liturgischen Einbindungen her christlich-evangelisch. Das hat mich geprägt.

Das Studium hat mich geprägt. Die Sprachen, die ich zunächst studiert habe, waren zunächst Griechisch und Latein, Hebräisch. Diese Texte habe ich versucht, zu lesen und zu verstehen. Und ich versuche (!) nach den christlichen Maximen zu leben.

Dann habe ich auf verschlungenen Wegen indische Texte und Religionen kennen gelernt. Während des Studiums bin ich dem christlichen Zen-Meister Hugo M. Enomiya-Lassalle begegnet und konnte bei ihm die Zen-Praxis erlernen. Danach habe ich einige Jahre in Indien gelebt und bin dann nach Japan gegangen, um meine Zen-Studien weiter zu vertiefen.

Das heißt, meine spirituelle Praxis ist ganz und gar buddhistisch. Ich versuche nun in meinem Leben, aus beiden Traditionen eine für mich stimmige Lebenspraxis zu machen. Wenn Sie eine Sprache lernen und dann eine andere, dann hat das jeweils wechselseitige Wirkungen. Und genauso geht es mir mit den Religionen.

Religion ist nicht Privatsache

Stimmen Sie als Religionswissenschaftler der Aussage des Dalai Lama zu: „Religion ist Privatsache, aber Ethik betrifft die ganze Menschheit“?

Nein, so möchte ich es nicht formulieren. Der Dalai Lama und ich sind seit Jahrzehnten freundschaftlich miteinander verbunden, aber in manchen Überlegungen durchaus auch unterschiedlicher Meinung. Ich denke: Religion ist natürlich Privatsache in dem Sinne, dass mir, zumindest in unseren westlichen modernen Gesellschaften, niemand vorschreiben kann, was ich im tiefsten Inneren für wichtig halte.

Aber ich werde ja geprägt durch meine Sprache, durch meine Kultur, durch mein Umfeld, auch durch meine Religion. Das heißt, die Art und Weise, wie ich die Welt sehe und wie ich in die Welt schaue, ist abhängig von meiner Umwelt, meinen Erfahrungen in der frühen Kindheit, von den Menschen, die mich geprägt haben.

Und zwar sowohl von dem, was ich für mich für richtig halte und annehme, als auch in Bezug auf das, was ich ablehne bzw. womit ich Konflikte durchgestanden habe. Das heißt also, mein Weltbild, meine Lebensform, meine Lebensprägung sind ganz vernetzt und abhängig von der Gesellschaft. Insofern ist meine Religion also nicht Privatsache, sondern das Produkt dieser Begegnungen.

Das weiß der Dalai Lama natürlich ganz genau. Was der Dalai Lama meint ist, dass in modernen westlichen Gesellschaften jeder Mensch die Freiheit hat, selbst über seine religiösen Bindungen zu entscheiden, während die Ethik für ihn etwas Rationales ist, etwas Einsehbares.

Insofern ist der Dalai Lama ganz und gar Kind der Aufklärung, denn die Vernunft ist universal. Sie ist bei einem Chinesen, einem Inder, einem Afrikaner, einem Europäer oder auch einem Tibeter jedenfalls im Prinzip gleich, ich betone „im Prinzip“. Denn die Vernunftstrukturen sind zwar gleich. Aber mit welchen Interessen wir denken, das ist natürlich abhängig vom sozialen Status, von ökonomischen Interessen, von kulturellen Prägungen.

Vor allem aber wissen wir: Menschen können einen ethischen Grundsatz einsehen und rational für notwendig halten. Aber sie handeln dennoch anders. Warum? Weil wir eben oft nicht rational handeln, sondern von Gefühlen gesteuert sind, von vorbewussten Strukturen, die mit unseren Verletzungen, Frustrationen, Hoffnungen, Erwartungen usw. zusammenhängen. Es sind die Religionen – und übrigens auch die Künste -, die in ihren Ritualen, Erzählungen und Übungspraxen darauf eingehen. Das Problem ist also komplex.

Der Satz, wie der Dalai Lama ihn formuliert, ist gut verständlich. Er besagt: Kümmert euch um eine gemeinsame Ethik. Es ist vor allen Dingen die Einforderung gemeinsamer Verantwortung und nicht die Beschreibung von Regeln.

Den inneren Schweinehund überwinden

Sie selbst plädieren für eine Ethik des Seins, die auf Abhängigkeit und Mitgefühl basiert.

Ja, vor allem aufgrund meiner eigenen Erfahrung mit mir selber und dann auch mit meinen vier Kindern und inzwischen auch den sechs Enkeln. Danach nützen gute Vorsätze wie „du sollst, du musst“ wenig, – manchmal sogar gar nichts.

Was mich motiviert, anders zu leben, anders zu handeln, vielleicht auch, den inneren Schweinehund zu überwinden, das ist Erfahrung der inneren Verbindung.

Ich nehme ganz bewusst wahr: Diese Blume, die jetzt hier blüht, oder Sie, die Sie mir gegenübersitzen, oder Menschen, mit denen ich zu tun habe und mit denen ich vielleicht auch im Clinch liege – sie alle sind zutiefst mit mir verbunden. Die Erfahrung, dass sie die gleiche Luft atmen, die ich atme, und dass ich die Luft ausatme, die sie einatmen, dass sie das Brot essen, das ich esse, das Wasser trinken, das ich trinke, das motiviert mich.

Es ist das Erleben, dass wir alle zutiefst miteinander verbunden sind, dass ich nicht eine Minute überleben könnte, ohne wechselseitig abhängig zu sein von und mit anderen Menschen.

Also Sie fokussieren immer die Einheit trotz der Gegensätze?

Ja, die Einheit und das Voneinander-abhängig-sein. Und das ist nicht nur ein Gedanke, sondern eine tiefe Erfahrung aus dem täglichen Leben, aber auch eine spirituelle Erfahrung. Diese ganz tiefe spirituelle und seelische Erfahrung, die bis in den Körper geht und bis in den Blutkreislauf. Und diese Einheit zeigt sich in aller Verschiedenheit der unterschiedlichsten Lebewesen. Diese Verschiedenheit darf und soll und muss gar nicht reduziert werden.

Das wirklich ganz zu verinnerlichen heißt Meditation. Dies verändert das Handeln. Und zwar nicht mit einem „du musst“ und einem säuerlichen Gesicht, sondern aus Freude. Nicht unter Druck entsteht ein ethisches Handeln, sondern aus einer Seinserfahrung heraus.

Ethisches Handeln durch Seinserfahrung

Aber um diese Ethik des Seins zu verwirklichen, muss ich ja wirklich ins Sein gehen. Also im Grunde kann ich diese Tiefe nur in der Meditation erlangen.

Fragt sich nur, was Meditation ist. Jetzt zum Beispiel, als Sie mir eben diese Frage stellten, bin ich, weil meine vorige Rede etwas länger war und ich mehr Atem verbraucht habe, mit meiner Wahrnehmung und Aufmerksamkeit kurz in den Bauch gegangen, habe mal richtig tief ausgeatmet, die Bauchmuskulatur losgelassen, mich innerlich aufgerichtet und entspannt.

Allein diese zwei bis drei Sekunden von Aufmerksamkeit auf den Körper und das Atemgeschehen haben mich innerlich wieder ruhig gemacht, ganz frei, offen für die neue Frage, die von Ihnen kommt, und zufrieden.

Es ist also nicht nur eine Meditation, die ich z. B. morgens von fünf bis sechs Uhr mache oder in einem Meditationskurs anleite, sondern dieses kurze Innehalten, dieses Bewusstwerden, die Aufmerksamkeit und dann vielleicht die Achtsamkeit bei allen unseren Tätigkeiten zu integrieren. Das ist eine Frage der Übung.

Gründung einer Palliativ-Spirituellen Akademie

Nun zu Ihren Projekten: Was hat Sie zur Gründung und Leitung der Palliativ-Spirituellen Akademie im bayerischen Weyarn motiviert?

Zunächst hat das eine ganz biografische Ursache. Ich biete seit Jahren im Meditationshaus Domicilium in Weyarn Zen-Meditationskurse an. Dann haben die Gründer dieses Hauses –Familie Snela – ein Hospiz daneben gebaut.

Natürlich ist klar, dass sich die Sesshin-Arbeit und die Hospizarbeit auch überlappen. Das heißt, ich bin dann gelegentlich auch ins Hospiz gegangen, habe Menschen, die sich dort aufs Sterben vorbereiten, ein wenig begleiten dürfen, wenn sie mich gerufen haben. Das hat mich sehr beeindruckt, und das hat auch meine Lebenserfahrung vertieft.

Und als ich jetzt emeritiert wurde, dachte ich mir, es wird doch Zeit, dich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch mit dem letzten Lebensabschnitt zu beschäftigen. Ich habe mir gedacht, das ist eine gute Möglichkeit, auch andere Menschen auf diesem inneren Erfahrungsweg mitzunehmen, die sich um Sterbende und Palliativ-Medizin, die ja mit Sterbeprozessen zu tun hat, zu begleiten, von ihnen zu lernen und ihnen auch etwas zu geben.

Weisheitswissen über den Tod

Die Idee ist, mit dieser Ausbildung Ärzten, Krankenschwestern, palliativen Pflegekräften oder Menschen, die einfach ihre Verwandten, Angehörige sachkundig pflegen wollen, ein Forum zu bieten.

Wir bieten dort eine zweijährige Ausbildung an nach den Vorgaben der Gesellschaft für Palliativmedizin. Das Besondere an unserem Projekt ist, dass wir neben der medizinischen Seite auch die spirituelle Seite berücksichtigen mit Fragen wie: Was ist eigentlich der Sinn meines Lebens? Wie komme ich mit meinem Sterben zurecht? Wie kann ein solches Bewusstsein vom Sterben, das die Zukunft von uns allen betrifft, nicht morbide und traurig machen, sondern die Qualität des jetzigen Lebensaugenblickes vergrößern?

Sie haben diesen Tiefblick. Aber in unserer Gesellschaft werden die Themen Tod und Sterben doch immer noch tabuisiert. Was macht das mit unserer Gesellschaft?

Das macht die Gesellschaft oberflächlich. Das macht sie auch aggressiv, weil wir natürlich spüren, wir werden sterben und das, Thema gerne von uns weglenken. Was verdrängt wird, erzeugt Angst. Und Angst ist der Nährboden für Aggression.  Das hat alles psychosoziale Folgen.

Deshalb bieten wir eine solche Ausbildung an, in der wir auch Weisheitswissen aus anderen Kulturen über den Umgang mit dem Tod vermitteln. Das ist z. B. die Weisheit des „Tibetischen Totenbuches“, das wir zur Grundlage unserer Arbeit machen.

Das ist aber auch das Wissen über die ars moriendi, wie die Kunst des Sterbens im Mittelalter bei uns hieß –, die immer auch als eine Kunst des Lebens betrachtet wurde. Ars moriendi und ars vivendi, das waren bis ins 17. Jahrhundert hinein psychosoziale und psychische Stationen und Lebensformen, die die Menschen eingeübt haben, entweder in kirchlichen Ritualen oder dann auch in entsprechenden Liedern und Gesängen, in Fastenspielen, auch theatralisch.

Dieses Erfahrungswissen ist mit der Aufklärung verloren gegangen.  Und das wollen wir auf dem heutigen Niveau und dem heutigen Stand der Kenntnisse – sowohl der medizinischen Kenntnisse, als auch der spirituellen und religiösen Kenntnisse – neu bewusst machen.

Hinweis: Das ungekürzte Audio-Interview mit Michael von Brück können Sie in der Audiothek hören, wenn Sie Mitglied im Freundeskreis Ethik heute werden.

Veranstaltungshinweis: Vortrag und Studienkurs mit Prof. Michael von Brück „Buddhismus und Christentum im Dialog“ am 27. – 29. April 2018 im Buddhistischen Stadt-Zentrum e.V. in Hamburg

Michael von Brück, Dr. theol., Prof. für Religionswissenschaft. Studierte Evangelische Theologie, Sanskrit und Indische Philosophie in Rostock, Bangalore und Madras, fünfjährige Dozentur und Studium in Indien. Ausbildung zum Zen- und Yoga-Lehrer in Indien und Japan.

Bis September 2014 Gründer und Leiter des Studiengangs Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Honorarprofessor an der Katholischen Universität Linz. Regelmäßig Zen- und Yoga-Kurse in Deutschland und der Schweiz. www.michael-von-brueck.de

 

 

 

 

 

 

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