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“Man schützt Israel, indem man Gaza befriedet”

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Die Combatants for Peace engagieren sich gewaltlos |
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Interview mit einem Palästinenser und einem Israeli

Der Israeli Rotem Levin und der Palästinenser Osama Iliwat setzen sich in einer NGO für die friedliche Koexistenz beider Völker ein. Sie sind überzeugt, dass nur Gewaltlosigkeit Frieden bringen kann. Niemand ist frei und sicher, solange der andere nicht frei und sicher ist. „Traumatisierte Menschen brauchen keine Waffen“, sagt Levin, gerichtet an den Westen.

 

Der Israeli Rotem Levin (33) und der Palästinenser Osama Iliwat (45) waren früher am Kreislauf der Gewalt beteiligt – der eine als Soldat in der israelischen Armee, der andere als Kämpfer gegen die Besatzung. Doch dann legten sie die Waffen nieder, um den Weg der Gewaltlosigkeit zu beschreiten. Heute gehören sie den Combatants for Peace, CfP, an (Kämpfer für den Frieden) und engagieren sich für die Versöhnung von Israelis und Palästinensern. Das Gespräch führte Johannes Zang während einer Vortragstour in Deutschland

Frage: Wie beurteilen Sie als Palästinenser die Situation in Israel und Gaza, zwei Monate nach dem schrecklichen Terrorakt der Hamas?

Iliwat: Es macht mich traurig, dass viele Menschen in Israel ihr Leben verloren haben. Hamas hat die tiefste Wunde des jüdischen Volkes berührt. Juden sind in der Geschichte traumatisiert, verbrannt, massakriert worden. Menschen zu töten ist inakzeptabel und niemals gerechtfertigt.

Was am 7. Oktober 2023 geschehen ist, hat jedoch früher begonnen und nicht durch die Hamas. Dieses Mal war der Stärkere das Opfer. Ich bitte um Verzeihung, dass ich es nicht geschafft habe, genug Leute zu überzeugen und ausreichend Druck auszuüben vor dem 7. Oktober. Wir haben alle geschlafen.

Herr Levin: Die israelische Armee geht brutal in Gaza vor. Wie sehen Sie das?

Levin: Es ist schrecklich, wenn unschuldige Palästinenser getötet werden. Was kann man von ihren Verwandten erwarten? Dass sie die Israelis umarmen? Ich wünschte, die Menschen wären so. Aber wir empfinden Hass und wenn jemand uns wehtut, wollen wir ihn auch verletzen.

Sie rechnen also mit neuem Hass?

Levin und Iliwat auf ihrer Vortragstour in Deutschland, Foto: Zang

Levin: Wer aus Gaza kommt, hat nichts zu verlieren. Was für ein Leben hat man dort, wenn man seit 17 Jahren wie im Gefängnis lebt? Sie können nicht raus, nun haben sie nicht einmal Nahrung, Wasser und Strom. Sie sind bereit, ihr Leben zu verlieren.

Iliwat: Ich kann es nicht hinnehmen, dass die Staatengemeinschaft zum größten Verbrechen dieses Jahrhunderts schweigt: Zehntausende Menschen, mehrheitlich Kinder, wurden getötet oder unter Schutt begraben. Das Weiße Haus hat im Falle der Ukraine gesprochen. Warum geschieht nichts bei Gaza? Sind das keine Menschen?

Dies ist schon der siebte Krieg seit 2006. Sie, Osama, sprachen von einer Vorgeschichte zum 7. Oktober.

Iliwat: Ich verurteile jegliche Gewalt – die von Hamas, von Abbas und die der größten Demokratie in der Region. Hätte Israel das, was es im letzten Gaza-Krieg für Bomben ausgab, in Gaza investiert, wäre Gaza nun Paris.

Doch offenbar will man die Menschen dort im Gefängnis festhalten – es sind nun schon 17 Jahre. Würden Sie so festgehalten, würden auch Sie kämpfen. Wie sagte schon Mandela? Wenn man unter Besatzung lebt, ist Widerstand gerechtfertigt.

Levin: Nur indem man den Palästinensern in Gaza Hoffnung gibt, sodass sie etwas zu verlieren haben, schützt man die Israelis. Das ist der Weg.

Wir müssen den Kreislauf der Gewalt durchbrechen.

Nun sprechen Sie auf Ihrer Vortragstour in Deutschland allabendlich vor Hunderten von Menschen. Wie sehen Sie die Politik der Bundesregierung?

Levin: Ich verstehe und würdige den historischen Kontext und die Verpflichtung Deutschlands für die Sicherheit von Juden. Doch Israel nutzt diese bedingungslose Verpflichtungserklärung aus. Die israelische Regierung wendet so viel Gewalt wie möglich an, um die Palästinenser zurückzudrängen.

Immer, wenn jemand Israels harte Politik im West-Jordanland oder im Gaza-Streifen kritisiert, wirft Israel demjenigen sofort Antisemitismus vor und sagt: Ihr Deutschen habt uns getötet und nun wollt ihr unseren jüdischen Staat eliminieren. Doch für mich ist diese Kritik an Israel moralisch richtig und kein Antisemitismus.

Was wollen Sie damit sagen?

Levin: Wenn du einen Freund hast und siehst, er tut etwas, was nicht hinnehmbar ist, dann näherst du dich ihm aus Sorge und Liebe und sagst: Lieber Freund, ich liebe dich, will, dass du in Sicherheit lebst. Ich bitte dich, internationalem Recht und Gesetz zu folgen und so wenig Gewalt wie nur möglich anzuwenden. Ich werde dich in deinem Kampf der Selbstverteidigung unterstützen. Du hast das Recht, in Frieden zu leben. Aber du stehst nicht über den Palästinensern. Dein Leben ist nicht wichtiger als ein palästinensisches.

Durch Kritik kann Deutschland uns Israelis helfen zu verstehen, wo wir Fehler machen. Denn das Vorgehen der Regierung erzeugt nur mehr Hass und mehr Feinde um uns herum. Und so dreht sichder Gewaltkreislauf weiter. Wir töten sie, sie haben Rachegelüste. Sie töten, wir wollen Rache.

Wir haben uns entschieden, Freunde zu sein.

Welche Botschaft richten Sie an Deutschland?

Levin: Ich erwarte von Deutschland ein klares Nein zu jeglicher Gewalt und zum Krieg. Für diesen Konflikt gibt es keine militärische Lösung. Die einzige Möglichkeit, diese furchtbare Lage zu stoppen, ist, den Gewaltkreislauf zu durchbrechen.

Iliwat: Viele in der Welt halten Deutschland für einen Teil des Problems, doch Ihr seid Teil der Lösung. Den Wandel kriegen wir alleine nicht hin. Wir brauchen euch, damit ihr an unserer Seite seid. Schickt bitte keine Waffen!

Levin: Traumatisierte Menschen brauchen keine Waffen!

Iliwat: Schickt uns eher Therapeuten, denn wir alle sind traumatisiert. Wir streiten darum, wer das größere Opfer ist. Seid nicht parteiisch! Seid für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Gleichberechtigung – und zwar für alle! Solange wir Palästinenser unfrei sind, werden die Israelis nicht sicher sein. Und wir Palästinenser werden nicht frei sein, solange die Israelis in Unsicherheit leben.

Massaker und Krieg haben auch Friedensaktivisten beider Seiten getötet. Woher nehmen Sie die Energie, sich weiterhin für Aussöhnung einzusetzen?

Iliwat: Das System will, dass Rotem und ich Feinde sind. Doch wir haben uns entschieden, Freunde zu sein. Das System will Trennung. Wir beschlossen, zusammen zu kämpfen, um die Besatzung zu beenden. Niemand ist frei, solange nicht jeder frei ist.

Levin: Wir verstehen uns als Graswurzelbewegung und erzählen, wie wir den Konflikt unter uns gelöst haben. Wir sprechen auch, genau wie jetzt, zu zweit vor israelischen Teenagern. Für sie ist das erste Mal, Palästinenser zu treffen und etwas über ihre Geschichte zu erfahren. Das wirkt!

Es ist wichtig, etwas über den Schmerz der anderen zu erfahren und ihn anzuerkennen. Denn es geht ja letztlich um Heilung. Zeigen wir der anderen Seite Schritt für Schritt, dass wir mit ihnen zusammenleben, statt sie zerstören zu wollen. Dann wird auch die Gewalt abnehmen.

Gibt man jemandem Hoffnung, entscheidet er sich gegen Gewalt. Daran glaube ich fest. Trennmauern erzeugen noch mehr Angst. Wir müssen es schaffen, dass Kinder beider Völker in dieselbe Schule gehen und zusammenkommen, um sich kennenzulernen. Gleichheit und Gerechtigkeit gehören dazu – vom Mittelmeer bis zum Jordan, für alle.

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Foto: CFP

Combatents for Peace ist eine Nicht-Regierungsorganisation von Palästinensern und Israelis, die sich auf der Grundlage der Gewaltlosigkeit für eine Aussöhnung beider Völker einsetzt. Gründer sind Menschen, die früher aktiv am Gewaltkreislauf mitgewirkt haben: israelische Soldaten und palästinensischer Kämpfer gegen die Besatzung. Die Organisation hat Regional-, Frauen- und Jugendgruppen und strebt eine Zwei-Staaten-Lösung oder eine andere Lösung an, die von beiden Seiten akzeptiert werden kann. Zur Website

Osama Iliwat (45) aus Jericho ist Vorstandsmitglied von CfP und Gründer von Visit Palestine. Er hat sein Leben dem Widerstand gegen die israelische Besatzung gewidmet und ist im Dokumentarfilm OBJECTOR zu sehen. Seit 2014 spricht er regelmäßig mit Organisationen auf der ganzen Welt über die Schaffung von Frieden.

Rotem Levin (33) aus Tel Aviv ist Aktivist und Arzt. Während seines Medizinstudiums an der Ben-Gurion-Universität lernte er Arabisch und knüpfte Beziehungen zu Palästinensern. Er hat nach seinem dreijährigen Pflichtwehrdienst 2017 nachträglich den Wehrdienst verweigert und engagiert sich für gewaltlose Lösungen.

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Mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen.

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[…] Nähere Informationen über die „Friedenskämpfer“ gibt´s im Web unter  https://cfpeace.org oder auch in einem Interview mit den Vortragenden unter https://ethik-heute.org/man-schuetzt-israel-indem-man-gaza-befriedet/. […]

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