Boijens
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Tätern zuhören, Gewalt transformieren

Ein Essay von Antje Boijens

Die brutalen Anschläge von Brüssel kurz vor Ostern 2016 schockieren Europa. Was sollen wir der Gewalt entgegensetzen? Die Kommunikationstrainerin Antje Boijens über die Praxis des Deep Listening, tiefen Zuhörens, und Möglichkeiten der Transformation in aussichtslos erscheinenden Konflikten.

 

„Weg mit denen!“ – das ist wohl, noch freundlich ausgedrückt, ein Satz, der uns in den Sinn kommt, wenn wir an die Attentäter von Brüssel und anderswo denken. Und dabei bleibt es nicht. Schon wird in rechtsextremen Hassblogs gegen Flüchtlinge gehetzt.

Der vietnamesische Zenmeister Thich Nhat Hanh gehört zu denjenigen, die gegen Gewalt und Gegengewalt entschieden Position beziehen. Nach den Attentaten vom 11. September in New York empfahl er das tiefe Zuhören (Deep Listening) und Reden als Mittel der Konfliktbewältigung. Auf die Frage, was er Osama Bin Laden sagen würde, antwortete er: „…ich würde zu allerst zuhören.“ Dann fährt er fort: „Ich würde versuchen zu verstehen, warum er so grausam gehandelt hat. Ich würde versuchen das Leiden zu verstehen, das bei ihm zu diesem Gewaltausbruch geführt hat.“

Reden verlangt schon viel von uns, Zuhören kann noch anstrengender sein. Und doch heilsamer als das beste Argument. Der Israeli Dan Bar-On hat das Zuhören deshalb ins Zentrum seiner Friedensprojekte gestellt. Er hat die (erwachsenen) Nachkommen von Nazi-Opfern stundenlang aus ihrer Perspektive erzählen lassen, während die Nachkommen der Nazi-Täter zuhörten, und umgekehrt.

Dan Bar-On begründete damit eine Praxis in friedlichen Konfliktlösungsprozessen, die heute Deep Listening genannt wird, tiefes, empathisches Zuhören. Bis heute hat diese Praxis nichts an Wirksamkeit und Gültigkeit verloren. Sie ist die Voraussetzung, um Antworten zu finden. Die größte Herausforderung dabei ist nach Thich Nhat Hanh: „Es wird nicht leicht sein, in dieser Weise zuzuören, daher muss ich innerlich ruhig und klar sein.“ Das heißt, für tiefes Zuhören ist Achtsamkeit notwendig. Es ist die Achtsamkeit des Hörens, die uns dabei hilft, ruhig zu bleiben angesichts schärfster Widersprüche, Aggressionen und Konflikte.

Aus tiefem Zuhören entsteht Weisheit

Nur dann kann aus dem tiefen Zuhören Weisheit entstehen, der Gipfel menschlichen Denkens und Fühlens. Sie zu erreichen, darum geht es. Ruhig und weise zu sein schafft die Voraussetzung für das Sprechen. Tiefes Zuhören kultiviert unsere Fähigkeit, Aggressions- oder Vermeidungsstrategien hinter uns zu lassen, dabei zu bleiben und mit echtem Interesse zuzuhören, wenn Dinge ausgesprochen werden, die extrem unangenehm sind und von denen man lieber überhaupt nicht hören möchte.

Eine Antwort, die aus dem tiefen Zuhören erwächst, begleitet von langen Pausen und Nachdenken, hat eine andere Qualität als die Verlautbarungen, die nach Terroranschlägen verbreitet werden.

Heute gilt es, das menschliche Verhaltensrepertoire zu erweitern. Wir müssen nachhaltige Lösungen für die vielen globalen Probleme finden und gleichzeitig der Komplexität der politischen Herausforderungen begegnen, die sich mit den Terroranschlägen in unser Bewusstsein katapultieren.

Bungeesprung in menschliche Abgründe

Es gibt weitere Beispiele, die die erstaunliche Kraft des Zuhörens dokumentieren. Wir begegnen dieser Form der Achtsamkeit besonders beeindruckend in Joshua Oppenheimer’s letztem Film The Look of Silence. In diesem zweiten Dokumentarfilm über den Genozid in Indonesien sehen wir meist nur das Gesicht des Bruders von Ramli, einem der über eine Million Ermordeten. Ramli wurde bestialisch hingerichtet.

Ramli’s Bruder sucht in The Look of Silence die Täter auf. Es sind Verwandte und Nachbarn, die bis heute im gleichen Dorf mit Ramlis Familie wohnen. Er lässt sie die Geschichte der Ermordung seines Bruders genau erzählen, manchmal lebendig nachstellen, die groteske Realität menschlicher Grausamkeiten, Station für Station. Dabei hört er meist nur zu. Manchmal fragt er die Täter nach Details. Vor allem aber hört er zu.

Das, was man da zu hören bekommt, ist schmerzhaft und kaum erträglich. Schuldbewusst ist keiner der Menschenschlächter. Sie brüsten sich auch heute noch, 50 Jahre später, mit ihren Taten. Inzwischen sind sie uralte Männer, zahnlos und oft genug mit maskenhaften, unbeweglichen Gesichtern oder hyperaktiv verrückt. Angestiftet von Warlords, denen Krieg und Genozid Einfluss und Wohlstand gebracht haben. Und der Schlangenfluss fließt weiter, in den die abgehackten Körperteile von vielen hunderttausend Menschen geworfen wurden. Geisterstunde. It fries your mind. Ramlis Bruder auf seinem Weg zu begleiten, bei den brutalen Erzählungen einfach nur anwesend zu sein, ist ein emotionaler Kraftakt für jeden Kinogänger, eine Gratwanderung, ein Bungeesprung in menschliche Abgründe.

Ramlis Bruder zeigt uns, wie man dabei bleiben kann. Mit seinem ruhigen, stillen Gesicht sitzt er da und hört hin. Mit nichts als offenem Interesse für den Onkel, der das Dorfgefängnis geführt hat, für die Nachbarn, die den Mord ausgeführt haben, und für die Kommandeure des Höllenkommandos, die ihre persönliche Verantwortung allesamt ablehnen. Er bleibt beim „Verstehen-wollen“, bleibt Zeuge, ohne zu urteilen. Er nimmt wahr und beobachtet.

Mit seiner ruhigen Hingabe an das Zuhören bindet er uns alle in die Zeugenschaft ein. Kurzfristig ist sie kein Garant, dass sich der Genozid nicht wiederholen wird. Aber wenn man diesen Film auf sich wirken lässt, weiß man, dass hier ein wirksamer Weg eingeschlagen wird, um Täter in die Verantwortung zu nehmen, ohne Gewalt. Man muss sich nur vorstellen, wie schwer es für auch die Täter ist, das auszuhalten. Selbst wenn man das nicht sofort unmittelbar sieht.

Hören, was Terroristen zu sagen haben?

Was wäre, wenn mehr Menschen den Mut und auch die Fähigkeit hätten, auf diese Art in den Dialog, der seinen Namen dann auch verdient hätte, zu kommen? Wenn wir in der Lage wären, Prozesse zu organisieren, in denen es statt um Rechthaben, Macht, Kräftemessen, Gewinn und Verlust viel mehr darum ginge, wirklich und endlich allen Beteiligten eine Stimme zu geben und denen zuzuhören, die zu uns gehören, zu unserer Art, das Leben im 21. Jahrhundert zu organisieren?

Was passiert, wenn wir Terroristen, Isis und Taliban als Menschen ansehen, die uns etwas zu sagen haben? Vielleicht schreiten bei diesem Gedanken sofort die innere Zensur und der Verfassungsschutz ein. Darf man das überhaupt denken, geschweige denn aussprechen und schreiben? Was passiert, wenn wir im Gespräch die gemeinsam Wahrheit des Konflikts erkennen? Wenn wir Taliban und „Andere“ nicht mehr mores lehren wollten.

Hoffnung entsteht nur im Gespräch. Wo das Gespräch endet, endet jegliche Hoffnung. Deswegen ist es unsere Herausforderung heute zu lernen, was man tun kann, um dranzubleiben. Wir sollten unsere persönlichen Prozessfertigkeiten entwickeln, wie Gerard Fairtlough (Three ways of getting things done) sie nennt. Auch er zählt er an vorderster Stelle den Dialog dazu. Vielleicht geht es heute viel mehr um die Frage, ob man Gespräche mit Tod und Teufel gut führen kann, als darum ob man sie überhaupt führen sollte.

Auch dafür gibt es beste Beispiele. Was hat Le Duc Tho in den Geheimverhandlungen mit Kissinger am Ende des Vietnamkriegs gesagt, als er trotz des Bombenhagels über Weihnachten mit Kissinger weiter verhandelte? Wie hat er das Ende des Krieges erreicht? Auch Tunesien und die Aktivitäten des Nobelpreis gekrönten Dialogquartetts zeigen, dass das menschliche Verhaltensrepertoire mehr umfasst als den gewaltsamen Gegenschlag.

Wir können die alten kulturellen Fixierungen auf Krieg und Gewalt sehr wohl aufheben, außer Kraft setzen. Gerade deswegen müssen wir es auch wollen. Greifen Sie zum Äußersten, reden Sie miteinander! lautet der Lieblingssatz eines Kollegen. Denn wenn man will, kann man über alles reden und dabei etwas lernen. Es ist ein Weg, auf dem das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit aufhört.

Viele sind ihn vor uns gegangen. Gandhi in Indien, Bischof Desmond Tutu in Südafrika, der Dalai Lama in Tibet und Thich Nhat Hanh in Vietnam. Beispiele gibt es genug. Die Verantwortung, das zu tun, bleibt bei uns, bei jedem und jeder von uns. Ich denke auch an Isabelle d’ Este, die nach dem Tod ihres Mannes als Fürstin in einer mittelalterlichen Männerwelt weiter regierte. Ihr Wahlspruch „Nec spe nec metu“ wäre vielleicht eine gute Haltung, um das weise Gespräch zu beginnen: weder mit Furcht noch mit übertriebener Hoffnung. Und dann mit echtem Interesse und Aufgeschlossenheit: erst mal zuhören.

Antje Boijens

Antje Boijens seit 1996 selbständig tätig als Leadership-Trainerin, Coach und Moderatorin national und international; Weiterbildung in den Bereichen Coaching, Dialogbegleitung, Teamentwicklung, interkulturelle Kompetenz und Konfliktmanagement. Meditationspraxis seit 1989, Ausbildung zur MBSR-Lehrerin 2013/14.

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