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„Blickt nach oben zu den Sternen“

Zum Tod von Stephen Hawking

„Wie schwierig das Leben auch scheinen mag, es gibt immer etwas, das ihr tun könnt“ ist eine der ermutigenden Botschaften, die Stephen Hawking (1942-2018) hinterlassen hat. Der Philosoph Peter Vollbrecht würdigt ihn nicht nur als genialen Physiker, sondern auch als einen Menschen, dem die Erde am Herzen lag.

 

Er spricht mit einer Stimme flirrenden Metalls. Sein Kopf ist zur Seite gesunken, der Unterkiefer hängt, als sei er aus dem Mund gefallen, keinen Muskel kann er mehr bewegen. Als er, schon längst an den Rollstuhl gefesselt, durch einen Luftröhrenschnitt seine Stimme verlor, kommunizierte er mit der Wissenschaftsgemeinschaft über seinen Sprachcomputer, zunächst kommandierte er ihn mit seiner schwachen Hand, und als die ihren Dienst versagte, mit seinem Augenspiel.

Er ließ sich einfach nicht unterkriegen, seine Krankheit habe ihm die Augen dafür geöffnet, was er mit seinem Leben noch alles anfangen wolle, schrieb er einmal über sich.  Mit seiner mentalen Stärke war er der lebende Beweis dafür, dass der Geist das letzte Wort haben kann über Körper und Verfall. Am 14. März 2018 starb der Physiker Stephen Hawking. Er hinterlässt in seinen letzten Interviews bewegende Botschaften an die Menschheit.

„Die Tatsache, dass wir Menschen als Ansammlung von Partikeln der Natur in der Lage waren, so nah an ein Verständnis der Gesetze zu kommen, die uns beherrschen, ist ein großer Triumph. Also erinnert euch daran, nach oben zu den Sternen zu blicken und nicht auf eure Füße. Versucht, einen Sinn zu erkennen in dem, was ihr seht, und fragt euch, was das Universum existieren lässt. Seid neugierig. Und wie schwierig das Leben auch scheinen mag, es gibt immer etwas, das ihr tun könnt. Es ist wichtig, dass ihr nicht einfach aufgebt.“

„Ich habe meine Leben verbracht, durch mein eigenes Universum zu reisen“

Er selbst hatte nicht aufgegeben hat, als er mit 21 Jahren an Amyotropher Lateralsklerose, einer fortschreitende Lähmung des Nervensystems erkrankte. Damals gaben ihm die Ärzte zwei Jahre. Es wurden fünfundfünfzig. Zwei Jahre nach Ausbruch der Krankheit promovierte er über expandiere Universen und ging anschließend nach Cambridge, wo er 1978 auf den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik berufen wurde.

Dreihundert Jahre zuvor hatte dort schon Isaac Newton gelehrt, Hawking selbst sah sich als Nachfolger dieses größten Naturforschers aller Zeiten, an Selbstbewusstsein hat es ihm nicht gefehlt. Sogar ein Gott, erklärte er mit breiter wie stolzer Wissenschaftsbrust, hätte bei der Schöpfung nur die Wahl zu diesem Universum gehabt, denn selbst ein Gott wäre dabei an die Naturgesetze gebunden gewesen. Und folglich kommen wir ohne ihn aus.

Hawking leuchtete das Universum aus, währenddessen seine Krankheit ihn zu körperlichem Abstieg zwang, seine motorische Energie verschwand in einem Schwarzen Loch. Und kosmologischen Schwarzen Löchern galt seine wissenschaftliche Leidenschaft. „Ich habe mein Leben damit verbracht, durch mein inneres Universum zu reisen.“

Erschütterung des Determinismus

Schon die antiken Denker Griechenlands hielten das mathematische Talent der menschlichen Intelligenz für das innere Universum, das den Strukturbau für das äußere Universum beschreiben kann. Seit Galilei und Newton hat die Mathematik ihr Erkenntnisprivileg immer offensiver gegenüber dem Experiment ausgespielt.

In der theoretischen Physik des 20. Jahrhunderts wurden viele Entdeckungen zunächst auf rein mathematischem Weg gefunden, bevor sie experimentell nachgewiesen wurden: Einsteins Relativitätstheorien, das Higgs-Teilchen, die Gravitationswellen und eben auch die Hawking-Strahlung Schwarzer Löcher.

Aber gerade Hawkings Theorie, Schwarze Löcher seien nicht vollständig schwarz, sondern sie strahlten Energie ab, erschüttert ein physikalisches Mantra: den Determinismus. Zwar hatte schon die Quantenmechanik den kausalen Determinismus zu blanker Wahrscheinlichkeit zurückgestutzt, aber für eine Determinierung des Weltgeschehens reichen Wahrscheinlichkeitswellen noch hin.

Stephen Hawkings Theorie über die Schwarzen Löcher hebelt aber den verbleibenden Rest an Determinierung aus, denn Hawking meinte, die Strahlung Schwarzer Löcher enthalte keinerlei Informationen mehr über den ihnen vorangegangenen Weltzustand.

Darauf ging er eine spektakuläre Wette mit seinen Kollegen John Preskill und Kip Thorne ein – und revidierte 2004 anlässlich einer Konferenz seine Position erneut mit einem theoretischen Ausweg aus dem Dilemma. Physikalisch ein ungeklärtes Problem bis heute: Ist die physikalische Welt zuverlässig und vorhersagbar, oder gibt es das völlig Unerwartete, das physikalische Wunder, das Hawking in der Serie Star Trek beim Pokern mit Newton und Einstein zeigt, als das Raumschiff Enterprise in ein Wurmloch stürzte?

Nicht weniger phantastisch ist Hawkings Kosmologie, die ein Universum zeichnet, das ganz in sich geschlossen und dabei randlos, ohne Grenzen ist, das einem möglichen Schöpfergott keine Position mehr lässt.

Hawking spielte für Monty Phyton einen Song ein

Die Physik ist die phantastische Widerlegung menschlicher Vorurteile auf rationalem Weg. Spielerisch geht sie dabei nicht nur mit experimentellen Fakten um und entwirft neue Geometrien, neue Modelle, neue Blickrichtungen des Geistes. Das physikalisch Phantastische beflügelt anscheinend auch den Humor. Um länger zu leben, setze man sich in ein Flugzeug und reise um die Erde – bei vierhundert Millionen Umrundungen gewönne man immerhin eine Sekunde, die allerdings durch die ungesunden Flugzeugmahlzeiten wieder aufgefressen werde.

Für die Komiker von Monty Python spielte er einen Song ein, und als er in der US-Zeichentrick-Serie The Simpsons auftrat, gewann er Kultstatus. Stephen Hawking hatte trockenen britischen Humor, der manchmal zum Sarkasmus neigte, als er der Menschheit noch tausend, dann sechshundert und schließlich nur noch einhundert Jahre Überlebenszeit gab und die Besiedelung von Exoplaneten empfahl.

Mit seinem Humor mischte er auch die schwierige Materie seiner populärwissenschaftlichen Besteller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ und „Das Universum in der Nußschale“ auf. Er liebte Science Fiction und Comics. Er war der Auffassung, der wissenschaftliche Geist könne mit seiner quecksilbrigen Kreativität ein Vorbild sein auch für die drängend anstehenden gesellschaftlichen Problemlösungen.

Globale Bürger werden

„Durch theoretische Physik habe ich versucht, einige der großen Fragen zu klären. Aber es gibt noch andere Herausforderungen, und eine neue Generation wird sie annehmen. Wie werden wir eine stets wachsende Weltbevölkerung ernähren? Wie für sauberes Trinkwasser sorgen, neue regenerative Energien entwickeln, Krankheiten vorsorgen und globale Umweltveränderungen verlangsamen?“

Die Physik habe das Weltraumzeitalter ermöglicht, und wir werfen einen Blick auf unseren Planeten aus dem Bullauge eines Raumschiffs. „Eines der großen Enthüllungen der Raumfahrt ist die Perspektive, die wir dabei auf unsere Humanität gewinnen. Wenn wir die Erde aus dem Weltraum betrachten, dann sehen wir die Menschheit als ein Ganzes. Wir sehen die Einheit und nicht die Trennungen.

Es ist so ein simples Bild mit einer herausfordernden Botschaft: ein Planet, eine menschliche Spezies. Wir müssen mit Toleranz und Respekt miteinander leben. Wir müssen ‚Globale Bürger‘ werden. Seid mutig, entschlossen, überwindet den Streit, es kann gelingen.“

Peter Vollbrecht

 

Peter Vollbrecht, PhilosophPeter Vollbrecht, nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft DAAD-Lektor an der University of Delhi. 1997 Gründung des ‚Philosophischen Forums Esslingen‘, seitdem philosophische Reisen in Europa und Südasien, Kooperation mit „Die Zeit“ seit 2006. 2017 erschien sein philosophischer Roman „Ich allein bin wirklich. Die Philosophie und das launige Leben“ bei Klöpfer&Meyer. Das philosophische Programm auf www.philosophisches-forum.de, philosophische Kolumnen auf www.philosophiekolumne.com

 

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