Lemle Pictures

Filmportrait eines weisen Mannes

Neuer Film über den Dalai Lama

„Der letzte Dalai Lama?“ ist der Titel des Films, der seit Mai 2018 in deutschen Kinos läuft und das Wirken des Dalai Lama nachzeichnet: seine Jugend in Tibet, die Flucht ins Exil, seine Begegnung mit Wissenschaftlern und sein Engagement für inneren und äußeren Frieden. Eine empfehlenswerte Dokumentation, sagt Gerald Blomeyer.

 

Fünfundzwanzig Jahre nach seinem ersten Film über den Dalai Lama („Compassion in Exile“) besuchte der Regisseur Mickey Lemle den Friedensnobelpreisträger erneut anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahr 2015. Aus dieser Begegnung ist ein intimes Filmporträt dieses charismatischen und weisen Mannes entstanden. Besonders interessant sind die Interviews mit engen Wegbegleitern. Der neue Film verwendet ausgiebig Material des ersten Films.

Auch wenn der Dalai Lama heute ein alter Mann ist: das Funkeln in seinen Augen, der konzentrierte Blick und seine Wissbegier zeigen, dass er jung geblieben ist. Sein Alter wird vor allem sichtbar, wenn er geht – er leidet an Knieschmerzen. Lemle nähert sich dem Mann auf vielen Wegen, er schafft eine Nähe, die erlaubt, an den Einsichten, Werten und gelebten Idealen des Dalai Lama teilzuhaben.

Der Film zeigt auch Bilder und Filmaufnahmen aus den 1930er, 1940er und 1950er Jahren aus Tibet. Es ist ein Wunder, wie gut sie erhalten sind: Da ist der Bauernjunge zu sehen, der im Alter von zwei Jahren zur Reinkarnation des 13. Dalai Lama erklärt wird. Oder der magere Teenager, der mit einem hellen Lächeln in die Höhle des Löwen zu einem Gipfeltreffen mit dem Vorsitzenden Mao geht.

Auf einer persönlichen Ebene empfand er den Diktator als sanft und freundlich. Und glaubte zunächst sogar, dass Mao nach dem Gespräch Tibet als unabhängige Region belassen würde. Die Wucht der Gewalt muss ihn ins Mark getroffen haben: 1959 wurde die tibetische Regierung zerschlagen, Tibet besetzt und von Peking zum Teil der Volksrepublik China erklärt.

1959 flieht der Dalai Lama aus Tibet. Wir hören von verschiedenen Menschen aus dem näheren Umfeld Geschichten über die Flucht und darüber, was mit jenen Tibetern geschah, die von den Chinesen gefangen genommen und gefoltert wurden. Die Brutalität der chinesischen Unterdrücker hat tiefe Spuren in den Seelen der Geflohenen hinterlassen. Zwei von ihnen kommen zu Wort, ein erschütterndes Zeugnis der Zeitgeschichte.

Und die Unterdrückung geht weiter: Seit dem tibetischen Aufstand anlässlich der Olympiade 2008 in Peking haben sich 144 junge Mönche aus Protest gegen die Unterdrückung der Tibeter selbst verbrannt. Der Dalai Lama sagt mit ernster Miene, wie traurig es ihn mache, dass Menschen aus Verzweiflung zu solch einer Tat bereit sind.

Doch die Erfahrungen von Flucht und Exil haben den Friedensnobelpreisträger noch entschlossener an der Gewaltlosigkeit festhalten lassen. Unermüdlich tritt er für die Autonomie des tibetischen Volkes ein und hat die Forderung nach Unabhängigkeit aufgeben.

„In seiner Gegenwart erkennt man, was es heißt, ein Mensch zu sein.“

Sein Leben lang stand er in der Öffentlichkeit und ist sich dennoch selbst treu geblieben. Seine authentische Persönlichkeit wird auch von Prominenten, Politikern und Schauspielern bewundert, die im Film zu Wort kommen. Der Dekan der New Yorker Kathedrale St. John the Devine etwa ist überzeugt, dass es nur wenige Menschen gibt, die sich nicht von ihm berührt fühlten: „Dieser Mensch ist voll überfließendem Leben, so wie es bei allen sein sollte. In seiner Gegenwart erkennt man wieder, was es heißt, ein vollständiger Mensch zu sein.“

Erstaunlich sind auch die Interviews mit dem amerikanischen Ex-Präsident George W. Bush, der den Dalai Lama einige Male in Washington empfangen hat. Er sei einer der wenigen Menschen, die einen spirituellen Einfluss auf ihn hatten: „Er bewirkt etwas in den Menschen,“ so Bush.

Kaum ein religiöser Führer war in den letzten 50 Jahren weltweit so sichtbar wie der 14. Dalai Lama. Der Film dokumentiert sein vitales Engagement. Ein wesentliches Anliegen ist die interreligiöse Zusammenarbeit, und man sieht ihn mit anderen spirituellen Führern wie etwa Desmond Tutu.

Dalai Lama bei der Morgenmeditation

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Ein Teil des Films widmet sich einem der Herzensanliegen des Dalai Lama: die Verbindung von Wissenschaft und Buddhismus. Seit Jahrtzehnten pflegt er den Autausch mit Wissenschaftlern und gibt Impulse, etwa zur Erforschung von Emotionen und der Wirkung von Meditation auf das Gehirn.

Im Film beispielsweise sitzt Eve Ekman mit dem Dalai Lama zusammen, um ihm ihren “Atlas der Emotionen“ zu präsentieren, der Menschen helfen soll, ihr Innenleben besser zu verstehen. Beide sind sich einig: Der konstruktive Umgang mit Emotionen ist der Schlüssel zum Frieden – für den einzelnen Menschen und für die Welt. Was er über Liebe denkt, wird er gefragt? Spontan fiel ihm ein: „Menschen, Tiere und Insekten“.

Der Dalai Lama macht sich seit vielen Jahren auch für eine säkulare Ethik stark, wie er es nennt, also „eine Ethik unabhängig von Religion“. Empathie und Mitgefühl sollten am besten schon an Schulen gelehrt werden. Der Film begleitet den Friedensnobelpreisträger bei einer Begegnung mit Schülern und Lehrern in den USA.

Wird es einen 15. Dalai Lama geben? Die chinesische Regierung hat bereits verfügt, dass sie sich zur Bestimmung seines Nachfolgers berufen fühlt. Der Dalai Lama hingegen hat klar gemacht, dass es keinen Dalai Lama innerhalb des chinesischen Territoriums geben wird. Und was seine persönliche Wiedergeburt betrifft, so hat er auch hier eine klare Vorstellung: Er möchte an einem Ort wiedergeboren werden, wo es Schwierigkeiten und Probleme gibt. Offenbar sucht er die Herausforderungen.

Die ungewöhnliche Musik, die Philip Glass anlässlich eines Besuchs des Dalai Lama komponiert hat, rundet Lemles Dokumentarfilm ab. Sehr empfehlenswert!

Gerald Blomeyer

 

Der Dokumentarfilm „Der letzte Dalai Lama?“ läuft seit 24. Mai 2018 in deutschen Kinos. Deutscher Trailer

 

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