Aktion Würde: „Wir hören Ihnen zu“

Foto: Annette Sewing
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Wie ein würdevoller Umgang aussehen könnte

Würde ist ein großes Wort. Die Hamburger Gruppe „Würdekompass“ hat dazu im September eine Aktion mitten in der City gestartet: Street Listening, also Menschen zuhören, die etwas über sich erzählen wollen. Ein Gespräch auf Augenhöhe führen – das ist ein würdevoller Umgang, finden die Initiatoren.

Wer hätte es nicht gern, dass ihm ein Mensch wirklich zuhört – ohne Eigeninteresse, einfach so. Eine Hamburg Gruppe des von Gerald Hüther ins Leben gerufenen „Würdekompasses“ hat Mitte September eine Aktion gestartet, die auch als Street Listening bekannt ist:

Sechs Gruppenmitglieder, erkennbar in blauen Pullovern mit der Aufschrift „Wir hören Ihnen zu“, laden vor dem Rathausmarkt zu Gesprächen ein. Sie nehmen Platz auf Klappstühlen und warten, dass der gegenüber liegende Stuhl von einer Passantin, einem Passanten eingenommen wird.

„Würde hat für mich zu tun mit Begegnung und Verbindung“ bringt eine der Initiatorinnen Kirsten Gerelt ihr Anliegen auf den Punkt. „Den Menschen so wahrzunehmen, wie er ist, ohne ihn zu bewerten, verändern zu wollen – das ist für mich ein würdevoller Umgang. Und ich wünsche mir, dass dies in unserer Gesellschaft, die so auf das Funktionieren ausgerichtet ist, wieder ins Bewusstsein rückt.“

Für den Begründer der Würde-Bewegung, den Neurowissenschaftler Gerald Hüther, ist Würde eine Art innerer Kompass, mit Hilfe dessen wir unser Zusammenleben so gestalten, dass wir selbst und andere würdevoll und in gegenseitigem Respekt leben können. Er hat dazu 2018 auch ein Buch veröffentlicht „Würde – Was uns stark macht als Einzelne und als Gesellschaft“ (Albrecht Knaus Verlag 2018).

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Was aber bedeutet das große Wort konkret im Alltag? Genau darauf zielt die Aktion ab: Menschen würdevoll zu begegnen und als Menschen miteinander im Kontakt zu sein, unabhängig von Nationalität, Geschlecht, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit.

Die meisten hetzen durch die Stadt

Wie zu erwarten, sind die Hamburger nicht so leicht aus der Reserve zu locken. Es war ein strahlender Spätsommertag mitten in der City – eigentlich die idealen Bedingungen, um draußen zu sein und miteinander ins Gespräch zu kommen. Doch die meisten Menschen hetzen durch die Stadt – sie scheinen weder sich selbst wahrzunehmen, noch andere, noch den herrlichen Sonnenschein.

„Wenn die Menschen an mir vorbeirennen, frage ich mich: „Wo wollen sie nur alle so eilig hin? Sind sie zufrieden mit ihrem Leben?“, berichtet Kirsten Gerelt von ihren Eindrücken. In der Hetze des Alltags bleibt für solche Fragen fast kein Raum.

Einige Passanten haben die Möglichkeit genutzt, Platz zu nehmen und von sich zu erzählen: ein paar Neugierige sind dabei, eine Frau, die vielleicht in der Würde-Gruppe mitmachen möchte, aber auch Menschen mit großen Sorgen, etwa eine Frau mit einer Krebserkrankung.

„Entscheidend ist für mich die innere Haltung, mit der ich den Menschen begegne“, sagt Kirsten Gerelt. „Manchmal, wenn Menschen anfangen, ihre Geschichte zu erzählen, merke ich, wie ich urteile oder am liebsten Ratschläge erteilen würde. Aber dann atme ich tief durch und öffnen mich für das, was der andere mitteilt und von sich preisgibt. Das stärkt die Verbindung.“

Unsere Würde zurückgewinnen

Für die Mitglieder der „Würdekompass-Gruppe“ Hamburg-Alster ist ein Anfang gemacht. Kaum war die Aktion vorbei, haben sie die Köpfe zusammengesteckt, um zu beraten, wann sie das nächste Street Listening machen und wie sie es gestalten.

Annette Sewing

Vielleicht hat die Würde-Aktion das Potenzial, zu einer ständigen Einrichtung zu werden. So könnten die Menschen immer wieder an ihre Würde erinnert werden. Denn im Alltag fühlen wir uns oft gar nicht als Menschen gesehen: In Beruf und Familie sollen wir funktionieren, Industrie und Werbung drängen uns zu kaufen und zu konsumieren, im Internet wird Jagd auf unsere Daten gemacht. Auch der erstarkte Rechtsradikalismus verführt Menschen zu würdelosem Verhalten, insbesondere gegenüber Fremden und Andersdenkenden.

Gerald Hüther beklagt in einem Interview mit Stern online, dass es in unserer Welt oft um Macht gehe. Wir lebten in einer Gesellschaft, in der sich Menschen gegenseitig zu Objekten ihrer eigenen Interessen und Absichten machten.

„Nur dann, wenn ich als Subjekt Gestalter meines Lebens sein kann, erlebe ich mich in meiner Würde. Wenn ich dagegen andere Menschen oder mich selbst wie ein Objekt behandle und benutze, ist das würdelos,“ so Hüther auf Stern online.

Wenn Menschen einander zuhören, noch dazu Menschen, die sich nicht kennen, ist das eine Möglichkeit, sich der Würde von sich selbst und anderen bewusst zu werden. Diese Einsicht ins Handeln umzusetzen, darum geht es beim „Würdekompass“.

Birgit Stratmann

Mehr Infos

Infos zu den nächsten Terminen Street Listening in Hamburg auf Facebook „Würdekompass“

 

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