Gedanken zum Jahresende

Wir müssen nicht nur Abschied nehmen, wir können es auch, schreibt die Philosophin Ina Schmidt in ihrem Beitrag zum Jahresende. Gerade mit der Vergänglichkeit im Bewusstsein können wir sogar den Entschluss fassen, einen Anfang selbst auf den Weg zu bringen.

 

“Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein initium, ein Anfang, ein Neuankömmling ist, können Menschen Initiative ergreifen.” Hannah Arendt (Vita activa)

Die Geschenke sind ausgepackt, das große Festmahl liegt hinter uns und der Trubel klingt ein wenig ab. Es ist Zeit für einen langen Spaziergang oder einen Nachmittag vor dem Kamin, ein bisschen Innehalten mit dicken Socken und ein paar guten Gedanken. Ein Jahr geht zu Ende, wieder einmal – und diese Zeit gibt auf besondere Weise Anlass, über das nachzudenken, was war, ist und vielleicht sein soll.

Diese eigenwilligen Tage „zwischen den Jahren“, die tatsächlich ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, werden schon in alten Mythen und Legenden der „Rauhnächte“ als eine durchlässige Zeit des Wandels und der ganz besonderen Möglichkeiten beschrieben. Wir halten Rückschau, lassen das Alte Revue passieren und wünschen uns vielleicht Veränderung und Neuanfang. Wir blicken also gleichzeitig auch auf das, was kommen soll oder könnte, denken über gute Vorsätze nach und hoffen, dass es diesmal wirklich gelingen möge, mehr Sport zu treiben, endlich mit dem Rauchen aufzuhören oder sich jetzt wirklich mehr um die wichtigen Dinge im Leben zu kümmern.

Ein Jahreswechsel macht uns auf ganz eigene Weise bewusst, dass es so etwas gibt, wie einen Lauf der Dinge, einen Wandel nicht nur der Jahreszeiten, sondern all dessen, was uns umgibt. Manches davon lässt sich beeinflussen, erreichen oder als Ziel anstreben. Manches ist außerhalb unserer Reichweite und verändert oft genug trotzdem alles.

Und – bei aller Sehnsucht nach Planbarkeit und Zielstrebigkeit: Das, was kommt, ist ungewiss, manches ist wahrscheinlicher als anderes, einiges geht zu Ende und wird auch nicht wiederkommen; aber so manche Begegnung werden wir machen, von der wir noch nichts ahnen können. Wie aber gehen wir eigentlich mit diesem „Lauf“ der Dinge um, diesem Wissen um Endlichkeit und Aufbruch und der Vergänglichkeit, die all dem innewohnt, was uns umgibt – uns selbst eingeschlossen?

Mit Vergänglichkeit leben lernen

Die Frage, wie wir mit Vergänglichkeit leben können, und ob uns das tatsächlich auch im Angesicht der eigenen Sterblichkeit eine Hilfe sein kann, ist eine sehr alte philosophische Frage. Es gibt sehr unterschiedliche Möglichkeiten, darauf zu antworten. Aber meist stellt sich ein eher unbequemes Gefühl ein, Verunsicherung und Sorge, Angst vielleicht vor all dem, was nicht nur eine Veränderung, sondern auch Bedrohung und Verlust bedeutet. Dies gilt gerade auch in Zeiten von Klimawandel, politischen Verschiebungen, betrifft uns aber auch auf persönlicher Ebene. Viele spüren Angst um die eigene Zukunft, die Sorge um Gesundheit und Wohlstand, oder einfach die Unsicherheit, die darin liegt, dass wir alle wissen, dass unsere Zeit in diesem Leben begrenzt ist.

Mit Vergänglichkeit leben zu lernen, ist eine Aufgabe, die nicht weniger von uns fordert als das Wissen um das eigene Sterben, den Tod als beständigen Begleiter mitten ins Leben zu holen. Wir sind Wesen, denen bewusst ist, dass sie jederzeit und plötzlich verletzbar sind und keine Garantie für ein langes und gesundes Leben einfordern können. Wir sind Wesen, die als unvollkommene Mängelwesen, wie es der Anthropologe Arnold Gehlen beschrieb, auf diese Welt kommen und die nicht leichte Aufgabe haben, sich selbst und die eigenen Bedeutsamkeiten erst zu erschaffen.

Darin liegt eine der größten „Kränkungen“, die uns als Menschen ereilen: Wie kann ein Leben sinnvoll und lebenswert sein, wenn doch alles irgendwann einmal zu Ende geht, ohne dass wir wissen, ob und wie es vielleicht in ein Danach übergehen könnte? Seit jeher sind wir mit diesen Gedanken beschäftigt, in der Philosophie, wie in der Religion, aber auch in Literatur, Musik und Poesie – Menschen sind sterbliche Wesen, die mit ihrer eigenen Endlichkeit leben lernen.

Sie müssen lernen, Abschied zu nehmen, aber – und hier liegt die einzige mögliche Wechsel der Perspektive, den wir nehmen können: Wir müssen nicht nur Abschied nehmen, sondern wir können es auch, manchmal auch, um etwas Neues beginnen zu lassen. Denn wir sind nicht nur sterbliche Wesen, sondern auch solche, die „geboren“ werden, die immer wieder aufs Neue einen Anfang machen und sogar den Entschluss für einen Neuanfang fassen können.

Jeder Mensch ist sich selbst ein Anfang

Wie aber lassen sich darin der Abschied und der Anfang zusammendenken? „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde“, diese Zeile aus dem Gedicht von Hermann Hesse kennen die meisten von uns. Aber ist es wirklich so, dass wir unser Herz gesunden lassen können, indem wir Abschied nehmen? Und was bedeutet es eigentlich, einen Abschied zu „nehmen“, nehmen wir dort etwas an oder hin? Nehmen wir jemandem etwas ab oder nehmen wir uns etwas, das durch den Abschied über das Ende hinaus wirksam bleiben kann?

Die Tätigkeit wie der Begriff des Abschieds bleibt seltsam unscharf und doch liegt darin ein so wichtiger Punkt. Denn hier kann es uns gelingen, in die Endlichkeit einzuwilligen und vielleicht dadurch eine andere Zukunft möglich zu machen. Vielleicht braucht jeder Anfang einen Abschied, der ihm vorausgegangen ist, vielleicht reihen sich aber auch einfach Phasen des Abschieds und Anfangens aneinander und wir sind aufgerufen, uns darin einzurichten – zwischen Aufbruch und Abschied, immer und immer wieder aufs Neue.

Das heißt nicht, dass wir ständig umziehen, die Partner oder den Job wechseln müssen. Es bedeutet jedoch, sich in der eigenen Beziehung zu einer sich beständig wandelnden Welt immer wieder aufs Neue zu überprüfen, zu hinterfragen und darin möglicherweise auf Einsichten zu stoßen, die das Ende von etwas bedeuten, nahelegen oder auch sichtbar machen.

So werden Anfänge im Gewohnten möglich und Enden denkbar, die unmöglich schienen. Wichtig ist zunächst die Bereitschaft, genau hinzusehen und sich in der Befristung der eigenen zeitlichen wie räumlichen Bedingtheiten, die uns das Leben auch als Geländer zur Verfügung stellt, immer wieder aufs Neue auf den Weg zu machen. So kommen wir vielleicht genau dort wieder an, wo wir schon einmal waren.

Mit neuen Einsichten sind aber neue Perspektiven hinzugekommen, die unser Herz tatsächlich ein wenig gesunden lassen können. Der englische Dichter T.S. Eliot schrieb in seinem Gedichtzyklus „Vier Quartette“: „Und das Ende allen Erkundens wird sein, dass wir ankommen, wo wir aufbrachen. Und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.“

Um etwas erkennen zu können, müssen wir sehen, hinsehen lernen. Vielleicht ist das Ende eines Jahres, wenn viele kleine und große Dinge ausklingen, eine schöne Zeit, um sich genau darin zu üben – mit allen Sinnen hinsehen oder zuhören. Wenn etwas ausklingt, dann hören wir es nur noch ganz leise, bis der Ton schließlich ganz verschwindet oder in etwas Neuem aufgehen kann. So wie die Tage zwischen den Jahren ihren ganz eigenen Ton und Rhythmus zu haben scheinen, bevor sie sich mit feierlichem Lärm in einen Neuanfang auflösen, der den Beginn von etwas beschreibt, das wir noch nicht kennen können.

Ina Schmidt

 

Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und des Netzwerks Ethik heute. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg. Jüngste Buchveröffentlichung: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds, Edition Körber 2019.