Ein Essay von Ina Schmidt

In Zeiten der Unsicherheit erfahren wir uns anders als sonst. Die Philosophin Ina Schmidt regt zum Nachdenken darüber an, wer das Ich eigentlich ist, das all das hier erlebt. Nur in Interaktion mit dem anderen entsteht die eigene Identität immer wieder neu. Ein solches „Selbstbewusstsein“ schließt andere mit ein.

Krise, Erschütterung, Verunsicherung – diese Begriffe sind mittlerweile zu unseren Begleitern geworden. Und so langsam beginnen wir, über neue Normalitäten nachzudenken, in denen wir genau damit zu leben versuchen: Unbeständigkeit und Verunsicherung, Leben inmitten von Ungewissheit als das „neue Normal“?

Dieser Frage liegt weit mehr als die Binsenweisheit zugrunde, dass das Leben sich schließlich immer irgendwie ändert. Denn dieser nur scheinbar einfache Gedanke ist genau das, worum es derzeit geht – weniger als Erkenntnis oder interessantes Konzept, sondern als Erfahrung am eigenen Leib.

Denn auch vor der globalen Corona-Krise haben wir uns mit agilen, diversen und disruptiven Entwicklungen unserer Lebenswirklichkeit beschäftigt, aber doch von einem scheinbar sicher entfernten Standpunkt aus, der oftmals die Option offen ließ, doch zumindest einiges beim Alten zu lassen.

Durch die Erfahrungen der letzten Wochen und Monate hat sich ein neues Verständnis einer Wirklichkeit eingestellt, die sich wirklich und wahrhaftig so viel schneller ändern kann, als wir es für möglich gehalten haben. Und nicht nur die Welt hat sich geändert, sondern wir mit ihr, als Teil einer Wirklichkeit, die nicht nur mit sich wandelnden Prozessen umzugehen hat, sondern selbst einer ist. Was also ist es, was noch trägt, was uns Halt und Struktur geben kann, und welches Selbstverständnis brauchen wir, um in all dem handlungsfähig zu bleiben?

Staunen und Stolpern über die Wirklichkeit

Diese Frage ist hochaktuell und gleichzeitig alles andere als neu. Sie hat weder mit globalen digitalen Welten der komplexen Moderne noch mit Pandemien oder existenziellen Krisen zu tun, sondern stellt sich uns Menschen, seitdem wir denken können. Bereits in der Antike war es das Staunen und Stolpern über eine Wirklichkeit, die nicht so selbstverständlich ist, wie sie scheinen mag.

Dies veranlasste Aristoteles dazu, eben dieses „Staunen“ zum Ausgangspunkt des philosophischen Denkens und einer ethischen Lebenspraxis zu erklären. Eines Denkens, das zunächst erstmal nicht mehr im Sinn hat, als die Welt und sich selbst darin ein wenig besser zu verstehen, indem es sie hinterfragt: „Ti estin?“, übersetzt die schlichte Frage: „Ist das wirklich so?“.Und einer Praxis, die das eigene Tun am Guten auszurichten versucht und damit ohne ethische Maßstäbe nicht denkbar sein kann.

Viele Jahrhunderte später stellte der Philosoph René Descartes diese Frage noch deutlich konkreter. In seinen „Meditationen“ war er auf der Suche nach dem, was bleibt, wenn wir unsere Gedanken und Erkenntnisse von dem loszulösen versuchen, was sie bedingt – ihren Kontext, die Zeit, in der wir auf die eine oder andere Weise denken, die Erkenntnisse oder moralischen Setzungen, unter denen sie zustande kommen.

Offenbar ist so gut wie alles, was wir denken und für eine echte Erkenntnis halten, an bestimmte Bedingungen gebunden – mit einer Ausnahme, so Descartes. Das, was uns niemand unter keinen Umständen nehmen könne, sei die Gewissheit, dass wir es sind, die da staunen, stolpern oder eben zweifeln, wie er es in seinem berühmt gewordenen Satz geschrieben hat: „Cogito, ergo sum“ (Ich denke – bzw. zweifle – also bin ich). Als „denkendes Ich“ versuchten wir, ein Verhältnis zur Welt da draußen zu finden.

Damit aber ist neben dieser Gewissheit auch eine neue Sicht auf das Verhältnis von denkendem Ich und einer Außenwelt entstanden, auf die sich dieses Denken richtet. Ein Dualismus, der bedeutet, dass wir als einzelnes denkendes Wesen der Welt gegenüberstehen und offenbar in der Lage sind, das, was wir da sehen und erfahren, auch zu erklären.

Diese Vorstellung prägt unser Denken bis heute und gerade in erschütternden Zeiten wie den gegenwärtigen zeigt sich aufs Neue: Wir versuchen mit aller Kraft, all den sich ändernden Bedingungen und Gegebenheiten irgendwie auf den Grund zu kommen – ein denkendes Ich, das sich an dieser Stelle ziemlich viel vorgenommen hat.

Wen meinen wir eigentlich, wenn wir „Ich“ sagen?

Auch wenn wir dem Gedanken folgen wollen, dass Descartes uns mit der Gewissheit über unser eigenes Denkvermögen ein Geschenk gemacht hat, so stellen wir doch fest, dass wir oftmals in dem, was wir sind, vielmehr ein Teil der Welt zu sein scheinen, als das wir ihr „getrennt“ gegenüberstehen.

Mit anderen Worten, es kann durchaus auch so sein, dass etwas in uns denkt, wir uns als denkend erleben, damit aber noch lange nicht wissen, wer wir sind und ob wir der Welt da draußen wirklich eine Erkenntnis abringen können, die nichts mit uns zu tun hat.

Denn es ist doch so: Wir treffen eine Entscheidung und ändern damit den Lauf der Dinge. Wir schätzen eine Situation so ein, hätten aber auch ganz anders urteilen können. Wir deuten das Verhalten unserer Mitmenschen und ziehen daraus einen Schluss, den jemand anders in Frage stellen könnte. Das, was wir tun und denken, wenn wir uns als ein Ich erleben, ist also alles andere als eindeutig.

Und letztlich wissen wir eigentlich nicht einmal so ganz genau, wen wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen. Ist dieses Ich so etwas wie ein innerer Kern, der sich im Laufe unseres Lebens dann aber doch immer wieder ändert? Sind wir die, die wir sind oder werden wir immer wieder aufs Neue zu denen, die wir vielleicht noch nie gewesen sind?

Also: Was genau sollte dieses „Ich“, das da denkt eigentlich sein? Ein kleines Wesen, das in uns schaltet und waltet und bei genauem Zuhören können wir verstehen, was uns dieses „Ich“ in diesem oder jenem Moment zuflüstert? Ist es das, was gemeint ist, wenn wir einfach mal „wir selbst“ sein sollen? Und ist dieses Selbst dann auch dasselbe wie das Ich, dem wir das Denken zutrauen? Je weiter wir fragen, desto komplizierter scheint es zu werden, wenn wir auf der Suche nach uns selbst sind.

Vielleicht aber halten wir diese Gedanken auch für banal. Jeder weiß doch, wer gemeint ist, wenn er „ich“ sagt, oder auf sich „selbst“ deutet – da gibt es nur selten Verständnisschwierigkeiten. Wenn wir uns aber dann gleichzeitig klar machen, wie viel wir darüber nachdenken, wer wir sind, wie wir uns finden oder wie wir uns auf die Suche nach uns selbst machen, dann wird es schon etwas komplexer.

Das menschliche Selbst als Konzept

Den Begriff des Selbst kennen wir aus verschiedensten Zusammensetzungen: Selbstbild, Selbstentfremdung, Selbstbestimmung. Selbstreflexion, Selbstbesinnung, Selbstlosigkeit und fast immer scheint er etwas anderes zu meinen. Im Alltagsgebrauch haben wir mit der Zuschreibung eines „Selbst“ kaum Schwierigkeiten, es scheint irgendwie „selbst- verständlich“, dass wir ein solches „Selbst“ haben (oder sind?), aber wie wir gesehen haben, ist es alles andere als das.

Hilfreich ist an dieser Stelle der psychologisch geprägte Begriff des „Selbstkonzepts“, das jedes Kind etwa im Alter von zwei Jahren zu entwickeln beginnt, wie es der englische Philosoph William James in seinem Werk „Principles of psychology“ von 1890 bereit ausführlich beschreibt. Auf der Basis gemachter Erfahrungen und der damit verbundenen Erinnerungen entwirft jeder Mensch ein „Selbstbild“, das er wiederzuerkennen imstande ist – angefangen beim eigenen Spiegelbild.

Dieses Selbstbild unterliegt erheblichen Veränderungen, die den immer komplexer und vielfältiger werdenden Erfahrungen geschuldet sind, die jeder von uns im Laufe seines Lebens macht. Anfangs besteht es aus konkreten, beobachtbaren Eigenschaften wie Alter, Geschlecht, Haarfarbe usw. Im Laufe des Lebens kommen immer mehr Gedanken, Gefühle und abstrakte Konstrukte (Temperament, Nationalität, Religion usw.) dazu.

Und so wird im Laufe der Zeit das Erleben des eigenen Selbst immer stärker zu etwas, das uns die Grenzen zum anderen, zu dem, was nicht zu diesem Selbst zu gehören scheint, deutlich macht. Wenn wir uns also um dieses Selbst kümmern wollen, es suchen oder zu finden versuchen, dann gilt es, immer auch die Frage danach, wovon es sich abgrenzt, wo es aufhört und warum es das tut, mitzudenken. Und ebendiese Aufgabe kommt dem zu, was wir als unser „Ich“ erleben, einen Gedanken, den später auch die Gestalttherapie übernimmt.

Sich für diese Überlegungen zu öffnen, ist der wichtigste Schritt, um einer philosophischen Sicht auf das eigene Selbst auf die Spur zu kommen. Denn nur so entsteht die Einsicht, dass es eben nicht darum gehen kann, nach dem „perfekten“ Zustand, den idealen Bedingungen zu suchen, unter denen ich mein „Selbst“ verwirklichen kann. Vielmehr geht es darum, eine Haltung zu sich selbst zu entwickeln, um verstehen zu lernen, was in einem und um einen herum vor sich geht: ein „Selbstverhältnis“ und darin ein Verhältnis zur Welt entstehen zu lassen.

Das Selbst erfährt sich in der Interaktion

Auch der Philosoph Martin Buber hat in seiner Dialogphilosophie immer wieder den Bezug eines jeden „Selbst“ zu einem Gegenüber deutlich gemacht. Er zeigt, dass es notwendig ist, in den Dialog mit einem Du einzutreten, um sich als „Ich“ zu erleben, ein Ich zu werden, das in der Begegnung mit dem anderen die Grenzen des Eigenen erfahren lernt. Wir wissen solange nicht, wer wir sind, solange wir nicht an etwas stoßen, dass sich als das „Andere“ von uns unterscheidet und uns im besten Fall aber dennoch wohlgesonnen und neugierig gegenübertritt.

Nur durch dieses Wechselspiel, die Interaktion mit dem „anderen“ (was oder wer das auch immer sein mag) entsteht eine eigene Identität. Diese Form von „Selbstbewusstsein“ hat gerade nichts damit zu tun, dass wir irgendwo in uns selbst graben und mit etwas Geduld und Anstrengung auf die glänzendste Version unserer Selbst stoßen. In Beziehung zum anderen werden wir immer wieder aufs Neue zu denen, die wir dann sind.

Das gelingt nur, indem wir uns als soziale Wesen in Beziehung zu einer Welt verstehen lernen, die immer im Wandel ist, immer Veränderung unterworfen, immer lebendig. Wir sind diejenigen, die diese Umstände deuten, als Krise oder Chance erleben und darin die notwendigen „Grenzen“ zum anderen erkennen lernen, um den nächsten Schritt zu gehen.

Dass eine solche Zeit der Veränderung, der krisenhaften Erschütterung, wie wir sie derzeit erleben, diese Schritte erschwert, steht außer Frage. Dennoch ist das, was wir in dieser Situation erleben, ist nichts grundsätzlich Neues, sondern etwas, das uns als das Selbst, das wir sind, auf besondere Weise herausfordert.

Als ein Selbst, das in der Lage ist, die Welt eben nicht nur als denkendes Ich erklärbar zu machen, sondern als ein Selbst, das Teil dieser Welt ist. Und als dieser Teil kann das Selbst darin wirksam werden, um „selbstverständlich“ mit zu gestalten, von einem Schritt zum nächsten.

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Dr. Ina Schmidt studierte Kulturwissenschaften und Philosophie. 2005 gründete sie die denkraeume, eine Initiative für philosophische Praxis. Buchautorin, Referentin der Modern Life School und des Netzwerks Ethik heute. Ina Schmidt lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen drei Kindern in Reinbek bei Hamburg. Jüngste Buchveröffentlichung: Über die Vergänglichkeit. Eine Philosophie des Abschieds, Edition Körber 2019.