Unser jährlicher Almauftrieb

Es gibt viele Motive, um zu reisen: Wir wollen dem Unverhofften begegnen, dem Alltag entfliehen, mit unseren Lieben sein. Der Philosoph Peter Vollbrecht denkt zum Start der Ferien darüber nach, was Menschen antreibt, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen.

 

 

 

3000 Staus mit einer Gesamtlänge von 7000 Kilometern Länge waren es zu Ferienbeginn im Sommer 2017. Würde man das gestaute Verkehrsaufkommen dieses Jahres um die Erde kreisen lassen, dann müsste man sie 35 Mal umwickeln, mindestens zweispurig – und das allein in Deutschland. Gäbe es eine Autobahn zum Mond, dann wäre sie vierstöckig. Alles voller Autos, und würden wir sie bis zur Sonne hin verlängern, dann könnten wir darauf alle gestauten Karossen eines Weltjahres parken. Mehrspurig mit Platz für die Rettungsgasse. Für ihn, den fiebrigen kleinen Planeten, der mit Husten und Erstickungsanfällen um sein verunglücktes Leben ringt.

Lassen wir jetzt eine außerirdische Intelligenz einfliegen, die über die Fähigkeit verfügt, einen Zeitraum von einem Jahr in ein einziges Bild zu verdichten. „Ja, geht’s noch?“ würde sie uns fassungslos zurufen. Ja sie kennt uns schlecht und staunt über unseren jährlichen Almauftrieb. Denn für viele von uns geht es bald wieder in die Ferien.

Das Statistikportal statista.com zählt für das Jahr über 1,3 Milliarden jährliche Reiseankünfte weltweit, die Touristikbranche erbringt 10 Prozent des globalen BIP, Reiseweltmeister in den Ausgaben sind die Chinesen. Tendenz: steigend in allen Sparten. Soweit die spröden Zahlen.

Nüchtern buchstabieren sie das Unfassbare: ein Fünftel der Weltbevölkerung ist auf den Rädern. Sitzt auf Reisetaschen und wartet im fahlen Neonlicht auf den Nachtbus irgendwo auf Java oder in Mexiko. Reist zu einer Hochzeit, zu einer wissenschaftlichen Konferenz, einem Festival, einer Sonnenfinsternis. Könnte man die Zahlen in ein Bild rücken, dann wären es Ströme von Glühwürmchen, die überall tanzend auf dem Globus oszillierten.

Oder auch ein Ozean randvoll mit Erwartungen und Sehnsüchten. »Wenn das Streben nach Glück unser Leben beherrscht, erschließen uns vielleicht nur wenige unserer Handlungen soviel über die Dynamik dieser Suche – mit all ihrer Inbrunst und ihren Paradoxien – wie die Reisen, die wir unternehmen«, schreibt der Philosoph Alain de Botton in seinem Buch Kunst des Reisens.

Die Kunst des Reisens: sich dem Leben öffnen

Kaum eine Reise verläuft so wie erwartet. Und wenn doch, dann wäre es keine Reise. Die Abweichungen, das Unverhoffte, die Pannen, und ja, sogar die Enttäuschungen machen eine Reise erst zur Reise. Ähnlich liegen die Dinge wohl auch beim Glück. Man strebt danach, malt sich Bilder aus, doch dann kommt es auf einem Seitenpfad und sieht ganz anders aus. Aber sie fühlt sich echt an, diese Welle Wonne, Evidenzen bedürfen keiner Prüfung und schon gar nicht eines Vergleichs mit den Versprechungen aus dem Reiseprospekt.

Auch auf Reisen ist jeder noch seines eigenen Glückes Schmied. Ein Patentrezept dafür gibt es nicht, vielleicht aber doch einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Bereitschaft, sich von seinen Erwartungen zu lösen und sich dem Dort-Sein zu öffnen, gehört dazu wie auch das Vermögen, nicht gleich den nächsten Schritt zu bedenken.

Sich im Urteilen zurückzuhalten, Welt einzuatmen, Blicke einzufangen, fremdes Leben zu erkunden, dem Regen zu lauschen und andere Möglichkeiten zu erwägen. Oder einfach nur wie auf ruhiger Erholungsreise mit den Seinen sein, Zeit für die Kinder zu haben, für Partner und Freunde, die eigene Mitte finden. Wie auch immer, es gibt viele Finger, die man ins Dasein stecken kann.

Von der Erholung zum Massentourismus

Das Reisen als temporärer Ausbruch aus dem Alltag und als Streben nach dem Glück scheint mir ein touristisches Spätprodukt zu sein. Der Begriff Tourismus hat seinen Ursprung im Französischen und nahm seinen Ausgang in der ‚Grand Tour‘, eine Art Erziehungsreise für den jungen Adel. Sie sollten sich umsehen in der Welt, um zurückzukehren (frz. tourner) auf das eigene Landgut.

Die Bildungsreisen des Bürgertums im 18. und 19. Jahrhundert führten zu den kulturellen Reichtümern Europas, insbesondere erwartete man von der Begegnung mit der Kunst des Altertums die entscheidenden Impulse zur Vervollkommnung der eigenen Fähigkeiten.

Das Glücksstreben blieb damals noch der Persönlichkeitsentwicklung nachgeordnet, doch das änderte sich, als die Erholungsreise ihren langen Lauf antrat. Sie blieb zunächst ein Privileg des Bürgertums der Belle Époque, das in den mondänen Seebädern Südenglands und der Côte d‘ Azur kurte. Man war unter sich, knüpfte Bekanntschaften, lauschte den Erzählungen, die andere aus den Kolonien mitbrachten, man ließ dem Glück die Zeit, die es brauchte.

Doch das änderte sich mit dem Massentourismus, der Gast degenerierte zu einem durchlaufenden Posten für eine globale Ferienindustrie. Seine Glückserwartung hat er eingedampft auf Erlebnis und Unterhaltung, kaum erstreckt sie sich über die Ränder eines Augenblicks, der fotographische Schnappschuss mit der Handykamera ersetzt die sprachliche Verständigung mit der inneren Erlebniswelt.

Mit sich selbst ins Gespräch kommen

Dennoch gibt es sie auch heute noch, die Reisenden, die einer alten seelischen Sehnsucht folgen. Seit jeher zieht es Menschen in die fremde Ferne. Davon erzählt schon das älteste aller Epen, das Gilgamesch aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Doch erst seit den empfindsamen Tagen der Aufklärung artikuliert sich das Fernweh mit einer subjektiven Stimme.

Die Entdeckungsreisenden jener Zeit – James Cook, Georg Forster, Alexander von Humboldt, Antoine de Bougainville – lassen in ihren Tagebüchern immer wieder die Dialektik von Ferne und Nähe aufleben, von der Lust am Offenen und der Rückwendung zum Vertrauten. Daran hat sich nichts geändert bis auf den heutigen Tag, das ist der Atem des Lebens. Er gibt dem Reisen seine Tiefe.

Dass es immer wieder neu zu entdecken ist, für jeden, der unterwegs ist, davon handeln die Reisebücher der Schriftsteller unserer Gegenwart. Cees Noteboom, Christoph Ransmayr, Roger Willemsen, Ilija Trojanow oder Tiziano Terzani, sie alle öffnen uns die Augen für ein Reisen, das uns mit uns selbst ins Gespräch bringt.

Auf in die Ferien! Mit guter Lektüre im Gepäck.

 

Lesetipps zum Reisen

Cees Noteboom: Unterwegs nach Santiago. Frankfurt 1996

Christoph Ransmayr: Der Weg nach Surabaya. Frankfurt 1997

Ilija Trojanow: Die Versuchungen der Fremde. München 2011

Tiziano Terzani: Fliegen ohne Flügel. München 2000

Rainer Wieland: Das Buch des Reisens. Berlin 2016

Roger Willemsen: Die Enden der Welt. Frankfurt 2010

 

Peter Vollbrecht, nach dem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft DAAD-Lektor an der University of Delhi. 1997 Gründung des ‚Philosophischen Forums Esslingen‘, seitdem philosophische Reisen in Europa und Südasien, Kooperation mit „Die Zeit“ seit 2006. 2017 erschien sein philosophischer Roman „Ich allein bin wirklich. Die Philosophie und das launige Leben“ bei Klöpfer&Meyer. Das philosophische Programm auf www.philosophisches-forum.de, philosophische Kolumnen auf www.philosophiekolumne.com