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„Chillen kann politisch sein“

Foto: Makbule Keles
Foto: Makbule Keles

Interview mit der Soziologin Nadia Shehadeh

Den Kapitalismus vom Sofa aus bekämpfen, das will die Soziologin und Autorin Nadia Shehadeh. Denn ein System, das Frauen benachteiligt, wird nicht dadurch besser, dass diese mehr arbeiten und leisten. Ein Interview wider die Selbstoptimierung und die suvbersive Kraft des Nichtstuns.

Das Gespräch führte Michaela Doepke

Frage: Was genau kritisieren Sie am Mindset und Internetphänomen #Girlboss?

Shehadeh: Die Idee hinter dem Girlboss-Modus ist die neoliberale Botschaft, du musst es nur wollen und dich richtig anstrengen und fleißig sein, dann kannst du alles schaffen und bist nicht mehr benachteiligt, selbst in einem ungerechten System. Die Anregung ist, als Frau Karriere zu machen, um für sich selbst die Lebenssituation zu verbessern und vielleicht auch noch für andere Frauen. Ich glaube nicht an diesen Mythos.

Ich glaube, dass dieses Appellieren an die individuelle Schaffenskraft und Selbstwirksamkeit immer dazu führt, dass gesellschaftliche Ungleichheiten verschleiert werden. Denn am Ende sind dann die Menschen selbst schuld, wenn sie es nicht geschafft haben oder Dinge wie Ressourcen, Privilegien, Ungerechtigkeiten nicht mitgedacht werden.

Was war für Sie die Motivation, ein Buch zum Thema „Anti-Girlboss“ zu schreiben?

Shehadeh: Ich glaube, dass ich damit nichts Neues erzähle, weil diese Thesen gerade überall diskutiert werden. Es gibt Bücher zu diesem Thema, die diese neoliberalen Mythen kritisieren und darauf hinweisen, dass es auch systemische Ungerechtigkeiten gibt, die wir nicht individuell oder über Leistung überwinden können.

So ist das Buch ein Resultat des Zeitgeists. Natürlich spielt auch mein soziologischer Background eine Rolle, weil ich die Zahlen zu Gender-Pay-Gap und die Prognosen zur Altersarmut bei Frauen kenne. Aber natürlich spiegelt es auch meine eigene Biografie, die nicht geprägt ist von Karriere-Ambitionen; ich hatte einen ganz normalen Werdegang.

Mit mir heute nicht!

Wie kommen Sie darauf, den Kapitalismus vom Sofa aus zu bekämpfen?

Shehadeh: Wenn ich mich ausruhe und mal nichts mache, stelle ich mich dem Kapitalismus und dem Schaffensdruck nicht zur Verfügung. Das Gute ist auch, dass ich eben nicht mehr mit diesem schlechten Gewissen lebe, das man hat, wenn man mal nicht produktiv ist, oder nicht genug die Batterien auflädt, um produktiv zu sein.

Denn das ist auch das Geheimnis des Kapitalismus, dass man scheinbar nichts richtig machen kann und sich permanent schlecht fühlt. Und ich plädiere dafür, dass man die eigenen Bedürfnisse ernst nimmt und sich nicht immer nur ausbluten lässt von diesem System.

Warum soll es feministisch sein, sich möglichst wenig im Job zu engagieren und in der Freizeit auf dem Sofa abzuhängen?

Shehadeh: Das Schreiben des Buches war ambivalent, weil ich natürlich selbst einen Hass auf die Faulheit internalisiert habe und ein Leben lang mit denselben Botschaften gefüttert wurde. Gerade Frauen erleben in allen Bereichen so viel Druck, funktionieren zu müssen, zu glänzen und zu multi-tasken.

Ich habe überlegt, kenne ich eigentlich faule Frauen? Und ich bin tatsächlich auf keine einzige gekommen. Und ich habe gedacht, das wirklich Widerständige oder Revolutionäre wäre doch zu sagen: So, wir nehmen uns jetzt das Recht, auf dem Sofa zu chillen und zu sagen, mit mir heute nicht. Und ich habe einfach keinen Bock.

Weil man sonst immer leisten, vielleicht auch Verantwortung übernehmen muss für Kinder oder bei der Pflegearbeit. Ich glaube, dass es für Männer viel einfacher ist, bei diversen Care-Arbeiten, etwa im Haushalt, sich herauszuziehen.

Es gibt eine Tendenz zur Entsolidarisierung.

Sie selbst haben sich früher als Studentin in sehr vielen Nebenjobs oder im Callcenter abgerackert. Ihr Image der Faulenzerin stimmt also nicht. Ist ihr Ideal des Ausruhens und Chillens nicht eher eine Trotzreaktion?

Shehadeh: Ich arbeite tatsächlich seit 25 Jahren, aktuell unter anderem seit langem in der Jugendberufshilfe, und habe einiges an Erwerbsbiografie in sehr verschiedenen Feldern hinter mir. Auch während meiner Tätigkeit als Soziologin in Vollzeit habe ich mich nebenbei ehrenamtlich engagiert. Gleichzeitig war ich sehr zufrieden mit dem Arbeitsleben und meiner ganz normalen Laufbahn.

Und ich dachte, Mensch, ich mache einen richtig guten Job, der auch noch sinnvoll ist, und trotzdem muss ich mich ständig dafür rechtfertigen, dass ich nichts Interessanteres mache. Ich habe mich oft gefragt, warum man in diesem Rechtfertigungszwang steckt,  obwohl die allermeisten von uns ganz normale Jobs machen.

Wieso ist jede Art des Ausruhens für Sie politisch?

Shehadeh: Es gibt Personen, denen das Ausruhen nicht zugestanden wird: nicht nur Frauen, sondern auch anderen Gruppen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Behinderung. Hier werden oft Faulheitsmythen projiziert.

Das hängt mit den Denkmustern in der Gesellschaft zusammen. Konkurrenz wird gefördert, und es gibt eine Tendenz zur Entsolidarisierung, weil es vermeintlich jeder schaffen kann, wenn er nur will. Armut ist kein Thema, Missstände werden oft ethnisiert, indem erklärt wird, Benachteiligung  hänge mit der Herkunft zusammen.

Ich erlaube mir einfach mal zu sein.

Wir haben in Deutschland keine besonders große soziale Mobilität. Es gibt geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten und die höchste Schicht-Vererbungsquote in Europa. Und wenn man dann all diese Zahlen kennt, und gleichzeitig immer noch diese Mythen verbreitet, finde ich das problematisch.

Ich sage ja nicht, dass man nicht erfolgreich sein oder viel arbeiten darf. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass das noch keine systemischen Ungleichheiten abschafft. Daher plädiere ich dafür zu sagen, ich entziehe mich diesem Leistungs- oder Schaffensdruck und diesem ständigen Optimieren meiner selbst, sei es beruflich oder privat. Ich erlaube mir einfach mal zu sein, vielleicht auch Langeweile oder einen Tagtraum zu haben – das sind Dinge, die wir uns ständig versagen.

Einen Moment auszusteigen kann den Schalter umlegen. Denn dahinter liegt die Erkenntnis, dass unser System nicht naturgegeben und nicht gerecht ist. Wir können dann fragen: Was macht es eigentlich mit mir, trotzdem in diesem System zu sein? Das ist für mich der erste Schritt, dass man erkennt, hier passiert etwas Subversives.

Nadia Shehadeh, geboren 1980, ist Soziologin und Autorin. Sie betreibt ihren eigenen Blog shehadistan.com und ist Mitbetreiberin des feministischen Blogprojekts maedchenmannschaft.net. Sie schreibt für das Missy Magazine und engagiert sich gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten.

2023 erschien bei Ullstein ihr Buch “Anti-Girlboss”

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