Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zu Kunst und Moral auf: „Es gibt Künstler, die sich schwere Verfehlungen zuschulden kommen ließen. Dürfen wir ihre Werke genießen, oder sollten wir sie boykotttieren?“

Frage: Mich beschäftigt die Frage, ob man Kunst und die Persönlichkeit des Künstlers trennen kann. Es gibt einige Künstler, die sich schwere Verfehlungen zuschulden kommen ließen wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch. Dürfen wir noch Musik von Michael Jackson hören oder Filme von Harvey Weinstein schauen oder sollten wir sie boykottieren?

Das ist eine sehr schwierige Frage, und ich musste lange darüber nachdenken. Ich danke Ihnen dafür. Dieses Problem betrifft ja nicht nur die Popmusik, sondern auch die klassische Musik. Können wir Werke von Wagner genießen? Stücke, die Herbert von Karajan dirigierte? Oder den Gesang von Placido Domingo?

Gleiches gilt für philosophische Werke: Können wir Schopenhauer, Nietzsche oder Heidegger lesen, wenn wir ihre Ansichten über Frauen oder Politik kennen? Und auch in der Literatur besteht das Problem: Können Lyrikliebhaber Ezra Pound lesen? Sollen wir Rudyard Kipling lesen oder die Gemälde von Severini betrachten? Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Ich schreibe als jemand, der Wagner, von Karajan und Domingo gerne hört, der Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger liest und der Pound und Kipling mag. Aber ich bin mir der moralischen Schwächen jedes einzelnen dieser Künstler, Philosophen und Schriftsteller bewusst.

Wie kann ich die Freude an ihrer Kunst damit vereinbaren, dass ich ihr Fehlverhalten, ob im Privaten oder im Politischen, missbillige? Ich mache Folgendes: Ich trenne Kunst und Künstler. Das heißt, ich erlaube mir, die Kunst zu genießen und bin mir gleichzeitig der moralischen oder politischen Verfehlungen des Künstlers bewusst. Ich blende diese nicht aus. Aber wir können die Werke unabhängig von der Intention und dem Lebenswandel der Person betrachten. Wir alle haben die unterschiedlichsten Schwächen, aber keiner möchte, dass diese Fehler alles andere, was wir tun, zunichtemachen.

So bedeutet die Tatsache, dass Michael Jackson ein Pädophiler, Wagner ein Antisemit, Schopenhauer ein Misogynist, Heidegger ein Nazi, Kipling ein Rassist und Kolonialist und Severini ein Faschist gewesen sein mag, nicht, dass ihre Kunst nicht wertvoll ist. Es heißt nur, dass sie unmoralisch gehandelt, ja mit schwerwiegenden Makeln behaftete Menschen waren. Aber selbst wenn wir ihre Ansichten und Handlungen verurteilen, ist das noch kein Grund, ihre Kunst zu ignorieren oder schlecht zu machen.

Andererseits kann man sich fragen, ob es in Ordnung ist, ein Konzert zu besuchen oder ein Kunstwerk zu kaufen, von dem solche Menschen profitieren könnten. Das ist noch einmal etwas anderes. Möglicherweise finden wir jemanden in moralisch Hinsicht so problematisch, dass wir ihn persönlich nicht unterstützen wollen, so wie wir ein Unternehmen boykottieren würden, dessen Politik wir ablehnen.

Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Balbach. Wenn Sie eine Frage haben, eine ethische Zwickmühle, schreiben Sie uns: redaktion@ethik-heute.org

Jay Garfield ist Professor für Philosophie am Smith College, Northhampten, USA, und Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. Alle Beiträge von Jay Garfield in der Rubrik „Ethische Alltagsfragen“ im Überblick