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„Dein neues Leben wird dich dein altes kosten“

Foto: Julia Santoso
Foto: Julia Santoso

Interview mit Anastasia Umrik

„Der Mensch ist nicht dafür gemacht, dass alles nach Takt läuft“, sagt Anastasia Umrik. Sie kennt sich aus mit Krisen und Veränderung. Im Interview spricht sie über die Abscheu vor einem „lauwarmen Leben“, Lebendigkeit und den Mut, das Leben immer wieder neu einzurichten. „Dann geht es von innen nach außen“ und wir können auch große gesellschaftliche Herausforderungen anpacken.

 Anastasia Umrik, Jahrgang 1987, kam mit sieben Jahren aus Kasachstan nach Deutschland. Heute ist sie Coach, Autorin und Rednerin. Ferner hat sie Projekte und Organisationen initiiert wie „anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“ und „inkluWAS – design“. Aufgrund einer Muskelerkrankung ist sie mit einem elektrischen Rollstuhl unterwegs und gestaltet ihren Alltag mithilfe der persönlichen Assistenz.

Das Gespräch führte Sabine Breit

Frage: Mit sieben Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen, ohne ein Wort Deutsch. Mit 21 in die Selbständigkeit, weg von den Eltern, was für jeden von uns eine Herausforderung ist, für Sie aber noch in ganz anderer Weise. Serien-Unternehmerin, Buchautorin, Freigeist und Freischnauze, Nahtoderfahrung, Frau. Es scheint, als hätten Sie in Ihrem Leben schon ziemlich oft mutig sein müssen. Was hat bisher am meisten Mut erfordert, und warum?

Umrik: Also diese Mut-Sache. Ich denke darüber oft nach. Und ich komme immer wieder zu dem Ergebnis: Ich war nicht mutig, weil ich mutig war, sondern ich hatte keine andere Wahl. Ich hatte immer wieder so eine Art Weggabelung. Gehe ich jetzt nach links oder nach rechts?

Links ist sozusagen das „klein bleiben“ oder traurig sein, oder das, was die Gesellschaft wählt. Oder gehe ich meinem Seelenweg nach. Ich glaube, wenn man so eine erfahrene Seele hat oder ist, dann hat man ab irgendeinem Moment keine Wahl, denn die hat sich was überlegt.

Manchmal denke ich schon: „Mein Gott, kannste nicht einfach mal normal sein. Ein normales Leben führen – einfach nur Netflix schauen, die Beine hoch. Donnerstagabend After Work-Cocktail trinken, zu David Guetta tanzen. Fertig.“ Warum muss ich mir das selber so schwer machen?

Aber der Punkt ist, ich habe keine Wahl. Wenn ich etwas mache, was gegen meinen Weg ist, werde ich krank. Das hat was mit Selbstverrat zu tun. Ich war nicht mutig, ich habe mich nur selbst nicht mehr verraten.

Wenn man diesem Weg nicht nachgeht, erfordert es dann irgendwann Mut, aus dieser Sackgasse, in die man gerät, wieder rauszukommen?

Umrik: Ja, es braucht Mut, sich selbst „umzutrainieren“, und das ist Übungssache. Dieses Neue ist etwas Körperliches. Natürlich fängt es mit Mindset – d. h. mit der Einstellung, dem Bewusstsein – an, aber am Ende führt es der Körper aus. Und wir müssen den Körper auf das Neue trainieren. Die meisten Menschen denken, ich muss nur viel Mindset-Arbeit machen, Therapie und Pipapo und dann bin ich glücklich. Dann bin ich morgens motiviert usw. Das wird nicht passieren.

Was brauche ich in meinem Leben, um mich auf das Glück einzustellen?

Man muss ins Tun kommen?

Umrik: Genau. Man muss ins Tun kommen. Man muss die Entscheidung treffen: Jetzt bereite ich meinen Körper, mein Sein auf das Glück vor. Was bedeutet das konkret? Zum Beispiel: In meiner großen Krise habe ich alle Möbel verkauft. Ich bin ja schon ein bisschen bekloppt. Ich habe alles verkauft, weil ich das alles nicht mehr sehen konnte. Es diente mir nicht mehr.

Dann saß ich hier in einer leeren Wohnung und meine Eltern und Freunde dachten: „Was macht sie jetzt?“. Aber genau darum geht es: Was brauche ich in meinem Leben, um mich auf das Glück einzustellen?

Sie begleiten auch Menschen in der Krise und haben ein Buch dazu geschrieben. Welche Ängste zeigen sich bei Menschen, die sie daran hindern, ihren Weg zu gehen? Was sehen Sie am häufigsten?

Umrik: Ganz oft höre ich: „Wenn ich meinen Weg gehe, dann bin ich so alleine.“ Das Gefühl von Einsamkeit, z. B. von der Familie abgelehnt zu werden, ist eigentlich das Allergrößte. Und auch die Angst vor den Konsequenzen der eigenen Entscheidung.

Die Leute wissen zumeist, was Sache ist. Aber eine Entscheidung hat Konsequenzen. Das wissen auch viele Menschen. Das will nur keiner hören. Beziehungen, Freundschaften würden auseinander gehen. Man würde in der alten Wohnung nicht mehr sein können. Bestimmte Klamotten würden nicht mehr passen. Also alles. Dein neues Leben wird dich dein altes kosten. Menschen sind ja aber auch faul in dieser Hinsicht.

Ist deshalb auch alles, was Bequemlichkeit verspricht, so erfolgreich in dieser Welt?

Umrik: Ja, es hält uns gefangen und macht uns stumpf. Es fordert mich nicht heraus. Stellt mich nicht in Frage. Konfrontiert mich nicht mit meiner Dunkelheit.

Das ist das Lebensgefühl vieler Menschen, alles nur über die Bühne zu bekommen.

Dunkelheit ist ein gutes Stichwort. Wahrscheinlich gibt es im Leben jedes Kindes eine Phase, in der es Angst vor der Dunkelheit hat. Irgendwie scheint uns Dunkelheit Angst zu machen. Und trotzdem bewegt man sich dort. Sie haben in einem anderen Interview gesagt, Krise ist häufig nicht die große Katastrophe, sondern das tägliche „Vor-sich-Hindämmern“. Häufig wird das ja gar nicht als Krise beschrieben.

Umrik: Das ist ja das Problem. Ich glaube, wir sitzen nicht in der Dunkelheit. Wir verharren eher in einer Art Zwischenzone, in einem Dämmerlicht, und gehen weder in die Dunkelheit noch zum Licht. Das ist nämlich auch das Problem.

Anastasia Umrik, Foto: Julia Santoso

Du weißt nur, was Licht ist, wenn Du das wirklich Dunkle kennst. Das wissen die meisten intuitiv, und da will keiner hin. Deswegen dämmern sie im „nichts fühlen“ oder in einem Gefühl der Traurigkeit. Oder in diesem „positiven Denken“. Das ist auch ein Art Dahindämmern. Irgendwie ein lauwarmes Leben. Man zieht den Alltag so durch und denkt: „Ja, ich müsste mal“. Die Masse möchte in Ruhe gelassen werden.

Wenn man so zugeballert wird mit Zucker, verarbeiteten Lebensmitteln, Netflix, Radio und, und, und…, dann hat man auch teilweise gar keine Kapazität mehr, das zu fühlen, was ist.

Dann hat man auch keine Verwendung mehr für Mut?

Umrik: Genau. Du willst nur noch irgendwie alles über die Bühne bekommen. Und das ist das Lebensgefühl vieler Menschen – es irgendwie über die Bühne zu bekommen. Das ist unfassbar traurig. mich berührt das wirklich ernsthaft. Es macht mich fertig, dass die Leute das über die Bühne bekommen wollen. Lebendigkeit ist anders.

Neubeginn ist erst der Anfang.

Macht es Sie in der Beobachtung und im Mitfühlen fertig oder auch, weil diese Wolkigkeit auf Sie negativ wirkt?

Umrik: Beides. Zum einen würde ich es jedem gönnen, zu fühlen, wie es ist, lebendig zu sein. Ich gönne es allen und würde es mir wünschen, dass es jeder mal zumindest für fünf Minuten erlebt. Denn dann kann man nicht mehr anders. Einmal diese Farbpalette an Gefühlen.

Es geht ja auch darum, sich selbst ernst zu nehmen. Ich nehme mein Dasein ernst genug, um mir zu erlauben, glücklich zu sein. Das ist das eine. Und das andere, natürlich, aus egoistischen Gründen, mir ist langweilig. Ich hab keine Lust auf eine Gesellschaft, die so stumpf ist. Ich möchte Verbindung. Ich möchte Menschen fühlen.

Wir leben gerade in einer Zeit der großen Veränderung. Kann es sein, dass deshalb so viel Angst in der Welt ist, weil die Menschen wissen, dass „das neue Leben sie ihr altes kostet“, wie sie sagten? Kommen zu Ihnen auch viele Leute mit Ängsten?

Umrik: Jein. Zu mir kommen eher Menschen, die quasi schon über der Schwelle sind, wenn alles wackelt und neu ist. Mein Slogan ist ja: Neubeginn ist erst der Anfang.

Sie haben an anderer Stelle mal gesagt, für Mut braucht es auch andere Menschen, die bei uns, neben uns, mit uns sind, die uns auch mal an die Hand nehmen. Sind Sie auch so jemand für diese Menschen, die schon auf dem aufsteigenden Ast sind? So etwas wie ein Lotse?

Umrik: Ich bin eher jemand, der den Menschen wirklich spiegelt: „Du bist nicht bekloppt. Es ist wahr, was Du wahrnimmst“. Ich bin aber auch jemand, der ein bisschen Turbo gibt. Ich hab´ halt Energie, ich hab’ Power, weil ich Dinge ausspreche und nicht rumlaviere. Wir brauchen Menschen, die Dinge aussprechen. Die Wahrheit. Auch wenn’s wehtut. Ich glaube, wenn jeder am eigenen Bewusstsein arbeiten würde, dann hätten wir eine super Gesellschaft.

Du musst in die Dunkelheit, in diesen Schmerz, in die Geburt gehen.

Das heißt, wenn schon mehr Menschen auf einer anderen Bewusstseinsebene wären, dann bräuchte es für die anderen gar nicht so viel Courage? Weil gar nicht so viel Angst in der Luft wäre, die man überwinden muss?

Umrik: Das alles gäbe es gar nicht mehr. Ich stelle mir das eher so vor, dass ein Bewusstsein verschiedene Scheiben hat. Wenn wir höher gehen und uns erlauben würden, auf einer anderen Ebene zu denken und zu fühlen, dann können wir weder die Natur beschädigen noch uns gegenseitig. Das wird gar nicht gehen. Deswegen mein Appell: Jeder arbeitet für sich und zwar ernsthaft. Und dann geht es von innen nach außen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten gesellschaftlichen Hemmnisse auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der man nicht mehr so viel Mut braucht, um den eigenen Weg zu gehen? Was braucht es?

Umrik: Na ja, eine Öffnung. Irgendwie ist alles gerade so eng, eng geschnürt. Die Essenz des Menschen ist nicht dafür gemacht, dass alles nach Takt läuft. Wenn ich gefragt werde, was es braucht, um weiter zu werden und weiter zu kommen, um als Gesellschaft zu wachsen, sehe ich immer wieder so ein Bild von Aufatmen und Weite.

Sie wissen ja, wie ein Geburtsprozess läuft. Eine Geburt ist immer auch ein kleiner Tod. Ein Moment, wo der Schmerz kommt und du loslassen musst, weil sonst die Geburt nicht klappt. Das ist der Wandel. Du musst in die Dunkelheit, in diesen Schmerz, in die Geburt gehen. Du musst so richtig demütig werden. Das ist die Geburt.

Heißt das, wir brauchen Geburtshelfer? Wir brauchen Hebammen des Wandels?

Umrik: Genau das. Wir brauchen Hebammen. Menschen die dir Wasser holen, einen Lappen auf die Stirn legen, die mit Dir atmen. Ja, das ist die Geburt. Begleiten, begleiten, dabei sein. Präsent sein. Ich bin da. Ich bin wach, und ich sehe Deinen Schmerz. Und ich sehe schon den Kopf. Und jetzt ist das Kind da und puff.

Das ist genau das Bild, das ich immer wieder sehe. Wir liegen gerade im Geburtsprozess. Und vor allem die Frauen spielen hier eine große Rolle. Die sind eh schon so stark, aber sie müssten sich jetzt wirklich mehr solidarisieren, sanft und stark miteinander sein.

Warchi | iStock

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