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Die Epidemie der Einsamkeit

Caleb George/ Unsplash
Caleb George/ Unsplash

Und was man dagegen tun kann

Einsamkeit ist ein weit verbreitetes Leiden, 25 Prozent der Deutschen sind betroffen, auch Menschen, die in Beziehungen leben. Es bedeutet, niemanden zu haben, mit dem man über wichtige Dinge sprechen kann. Ines Eckermann hat recherchiert und berichtet, warum Einsamkeit die Lebensqualität mindert. Doch man kann etwas dagegen tun. Sie zeigt Wege hin zu mehr Verbundenheit.

Wir leben immer vernetzter, wohnen mit immer mehr Menschen in stetig wachsenden Städten. Und doch fühlen sich viele Menschen einsam. Kaum ein Gefühl zerrt so an unserer Seele wie die Einsamkeit. Im November 2023 erschiene Studie zeigt, dass sich die Einsamkeit still und heimlich ausbreitet. Sie ergab, dass sich ein Viertel der Deutschen sehr einsam fühlt – Tendenz steigend.

Zeit nur für sich, mit einem guten Buch in der Wanne liegen, einfach mal nur für sich sein. Allein zu sein, kann ein Genuss, manchmal sogar echter Luxus sein. Einsamkeit hat damit nichts gemein, im Gegenteil: Einsamkeit ist kein Luxus, sondern ein Mangel. Deshalb ist es wichtig, den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu verstehen.

Allein ist, wer physisch von anderen Menschen getrennt ist. Emotionale Verbindungen können unterdessen durch Wände gehen, Ländergrenzen überbrücken, manchmal sogar Ozeane. Solche Verbindungen zu halten und sich zugleich selbst eine gute Gesellschaft zu sein, darin liegt die Kunst des Alleinseins. Wer dagegen einsam ist, kann in einem Raum voller Menschen stehen und sich von der gesamten Menschheit verlassen fühlen.

Ein Viertel der Deutschen beklagt Einsamkeit

Genau dieses Gefühl scheint langsam, aber sicher seine Wurzeln in unserer Gesellschaft zu schlagen. Für das „Deutschland-Barometer Depression 2023“, eine Untersuchung im Auftrag der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention, wurden knapp 5200 Erwachsene unter 70 Jahren online befragt, darunter Menschen mit und ohne Depression.

Demnach fühlen sich 25 Prozent der Deutschen über 18 Jahren sehr einsam, weitere 47 Prozent fühlten sich moderat einsam. Gerade einmal 28 Prozent der Befragten gaben an, sich nicht einsam zu fühlen. Die empfundene Einsamkeit maßen die Forschenden mit Fragen wie: Haben Sie jemanden, mit dem sie über Ihre alltäglichen Probleme sprechen können? Oder: Haben Sie richtig gute Freundschaften? Viele der Befragten antworteten auf diese Fragen mit „nein“ – und sagten damit, dass sie einsam, aber nicht zwingend allein sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht seit längerem von einer „Epidemie“ der Einsamkeit und sozialen Isolation. Als Reaktion darauf richtete das Vereinigten Königreich 2018 ein Ministerium für Einsamkeit ein.

Wir sind soziale Wesen

Einsamkeit war nicht immer nicht negativ konnotiert. Berufspessimist Arthur Schopenhauer beispielsweise schrieb: „Der wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkommene Gemütsruhe, dieses, nächst der Gesundheit, höchste irdische Gut [ist] allein in der Einsamkeit zu finden.“

Er glaubte, dass die Einsamkeit eine Gelegenheit zur Selbstbeobachtung, zur Fantasie und zur Kontemplation mit sich selbst ist. Dabei meinte er wohl eher das, was wir heute als Alleinsein bezeichnen würden. Denn die Forschung zeigt tatsächlich, dass Alleinsein und ein gewisses Maß an sozialer Langeweile die Kreativität steigern können.

Doch mentaler Leerlauf für neue Ideen ist etwas anderes als das emotionale Implodieren. Denn Einsamkeit ist nicht einfach nur mentaler Freiraum, weil wir gerade nicht mit einer anderen Person reden. Einsamkeit ist das erdrückende Gefühl, die Last der Welt und des eigenen Lebens völlig allein tragen zu müssen.

Und das geht durchaus auch in der physischen Nähe anderer Menschen. 2022 erschien eine Studie im International Journal of Environmental Research and Public Health, die zeigte, dass es sogar in festen Beziehungen und Ehen Einsamkeit entstehen kann.

Wir können mit dem Gatten auf der Couch sitzen oder auf einer Cocktailparty mit einer Traube von Menschen plaudern, während in unserem Inneren alles danach schreit, gehört zu werden. 60 Prozent der Menschen, die sich als einsam bezeichnen, haben einen anderen Menschen, mit dem sie theoretisch über ihre alltäglichen Sorgen und Gedanken sprechen könnten – tun es aber nicht.

Klar ist: Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen einander. Vielleicht nicht durchgehend, vielleicht nicht morgens um 7 Uhr in der überfüllten U-Bahn oder in Massen am Strand beim Sommerurlaub. Aber wir fürchten wenig so sehr, wie dass sich ausgerechnet die Einsamkeit abends zu uns aufs Sofa setzt.

Einsamkeit schwächt uns

Das zeigt auch eine der größten Studien unserer Zeit: Über viele Jahrzehnte hinweg befragten Wissenschaftler der Harvard Universität ihre Teilenehmer zu allen möglichen Bereichen ihres Lebens: Einkommen, Freunde und Gesundheit, Karriere, Familienstatus – und zu ihrem Glücksempfinden.1 Dabei kamen sie zu einer deutlichen Erkenntnis: „Einsamkeit ist tödlich“, erklärt Robert Waldinger, der an der Forschung beteiligt ist. „Sie ist so mächtig wie Alkohol und Rauchen.“2 Und genauso schädlich.

Andere Studien bringen Einsamkeit mit Depression, Angststörungen und Stress in Verbindung. Sie lässt uns schneller altern, schwächt die Abwehrkräfte und kann sogar das Herz schädigen. Menschen, die sich in ihr soziales Umfeld gut eingebunden fühlten, lebten länger – und waren glücklicher.

Wenn wir uns mal einsam fühlen, müssen wir dennoch nicht gleich in Panik geraten: Wir alle fühlen uns dann und wann mal einsam: Wenn wir allein zuhause sitzen, wenn wir unseren Partner verlieren oder in eine fremde Stadt ziehen.

Als die Einsamkeit entstand, war sie eine lebenswichtige Warnung: Denn die frühen Menschen beschützten sich gegenseitig vor Angreifern und wilden Tieren. Von der Gruppe abgelehnt zu werden, war viel riskanter, als einem Säbelzahntiger über den Weg zu laufen. Auch tausende Jahre nach den letzten Säbelzahntigern machen wir kaum ein Auge zu, wenn wir uns einsam fühlen.

Aktiv gegen Einsamkeit

Doch es hilft nicht, allein am Lagerfeuer zu sitzen und auf Gesellschaft zu hoffen. Wer seine Einsamkeit lindern will, sollte aktiv auf andere Menschen zugehen. Zunehmend ergreifen Vereine und NGOs die Initiative und wollen verstärkt Gemeinschaft erzeugen.

Auch eine Supermarktkette in den Niederlanden hat den Trend zur Einsamkeit entdeckt und kurzerhand sogenannte Plauderkassen eingerichtet. An diesen Kassen dürfen sich Einkaufende Zeit lassen und ein Pläuschchen mit der Kassiererin halten. Und wer noch mehr zu sagen hat, für den halten manche Filialen sogar eine Quasselecke bereit. Die Kunden nehmen das Konzept so gut an, dass es mittlerweile 40 Filialen umgesetzt haben.

Tipps für mehr Verbundenheit

Offen sein: Es gibt einen einfachen Weg, Einsamkeit etwas verschwinden zu lassen: Wenn wir uns anderen gegenüber langsam ein bisschen mehr öffnen, dann tut unser Gegenüber das vielleicht auch irgendwann. Denn echte Verbindung entsteht, wenn wir uns selbst verwundbar machen, unsere Emotionen zeigen und auch mal über das sprechen, was uns wirklich bewegt. Wer mit gutem Beispiel vorangeht, hilft mit, die Einsamkeitsepidemie zu bekämpfen.

Kontakt halten: Mit der passenden App und einer Webcam kann die regelmäßige Partie Skat mit den Kumpels digital realisiert werden. Und wenn das Internet schwächelt: Telefonieren geht immer. Während der Pandemie haben wir verstärkt digitale Medien für den Zusammenhalt genutzt. Auch jetzt können wir so mit Freunden und Familie in Kontakt bleiben, wenn der Weg zu einem physischen Treffen zu weit ist.

Freundschaften pflegen: In den 1980er Jahren hatten Menschen im Westen um Durchschnitt drei wirklich gute Freunde. Heute ist es oft nur noch ein einziger enger Freund. Denn wenn wir im stressigen Alltag Zeit sparen wollen, dann tuen wir das bei denen, die es uns nicht übelnehmen. Enge Freundschaften zu pflegen, erfordert Aufwand – aber kaum etwas ist so bereichernd und so wichtig für unsere Lebenszufriedenheit.

Geduld mit anderen haben: Wer lange einsam ist, nimmt das Verhalten anderer deutlicher wahr – interpretiert es aber fälschlicherweise oft als Angriff. Deshalb ziehen sich einsame Menschen eher zurück. Betrachten Sie heikle Situation mit etwas Abstand und holen Sie sich, wenn möglich, eine zweite Meinung ein.

Die eigenen Gefühle akzeptieren: Es ist okay, wenn Sie sich einsam fühlen. Das ist nicht schön, aber völlig normal – schließlich fühlen sich alle Menschen dann und wann einsam. Sobald Sie die Umstände und Ihre Reaktion darauf akzeptieren, nehmen Sie sich selbst einen Teil der Last von den Schultern. Und wenn die Einsamkeit zu groß wird? Dann dürfen Sie Hilfe annehmen. Wenden Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge oder an eine therapeutische Einrichtung.

Gleichgesinnte suchen: Sie spielen gerne Pen-and-Paper-Rollenspiele oder Häkeln gerne verrückt gemusterte Pullis? Im Internet finden Sie schnell andere Menschen, die Ihre Begeisterung teilen. Egal, ob Sie sich digital oder offline trefft: Eine Gruppe Gleichgesinnter lässt die Einsamkeit schnell verschwinden.

Anderen helfen, die einsam sind: Melden Sie sich vor allem bei den Menschen, von denen Sie länger nichts gehört haben. Fragen Sie nach, ob es ihnen gut geht und ob sie etwas brauchen. Meist reicht ein bisschen Aufmerksamkeit aus, um aus einem vormals tristen Tag ein kleines Highlight zu machen. Denn anderen zu helfen und Freundlichkeit zu praktizieren, reduziert nicht nur die Einsamkeit der anderen, sondern vor allem auch die eigene.

Ines Maria Eckermann machte einen Doktor in Philosophie. Nebenbei heuerte sie als freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Medien an und engagiert sich im Umweltschutz.

Lesen Sie einen weiteren Beitrag der Autorin

Quellenhinweise

1 Vaillant, George/ Mukamal, Kenneth: Successful Aging. In: American Journal of Psychiatry 158, 2001, S. 839-847, S. 839.

2 https://news.harvard.edu/gazette/story/2017/04/over-nearly-80-years-harvard-study-has-been-showing-how-to-live-a-healthy-and-happy-life/

 

Warchi | iStock

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