Gedankenreise durch die Geschichte und Kulturen

Gelassen sein – das wünschten sich die Menschen schon immer. Was aber ist das Geheimnis der Mystiker und Philosophen, die das Loslassen des Ego als Königsweg zu einem erfüllten und harmonischen Leben beschrieben? Der Philosoph Christoph Quarch erzählt, wie Meister Eckhart, Buddha, Sokrates und die Sufis Gelassenheit übten.

„Vor allem eines: Lass dich!“ Meister Eckhart, der große Mystiker des Mittelalters, hatte eine klare Botschaft: Loslassen – das ist der Weg zu Gott und damit auch der Weg zur Wahrheit, zum Glück, zu einem gelungenen Menschenleben.

Aber nicht irgendetwas gelte es loszulassen, sondern vor allem sich selbst: „Führwahr, ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen“, predigte er. Und berief sich dabei auf Jesus selbst. Hatte der doch einen, der zögerte ihm nachzufolgen, wissen lassen: „Wer seine Hand an den Pflug legt und dann zurückblickt, taugt nicht für das Gottesreich.“ Das war radikal gesprochen. Und ebenso radikal war Meister Eckhart, wenn er seinen Novizen wieder und wieder eintrichterte: „Lass ab von dir; das ist das Allerbeste.“

Wie übt man Loslassen in Asien?

Das Motiv des Loslassens findet man auch in den Weisheitsschulen Asiens, bei den muslimischen Sufis oder in schamanischen Kulturen. Der Buddhismus hat eine große Sache daraus gemacht, hatte doch schon Gautama Buddha selbst den Seinen empfohlen, sie mögen sich in den Tiefen der Meditation von allen Anhaftungen lösen; um befreit von allen Lasten und Hindernissen das Glück der befreienden Meditation zu erleben.

Heute drückt der us-amerikanische Zen-Meister Jack Kornfield es so aus: „Erst wenn man seine Lebensgeschichte mit allen daran geknüpften Hoffnungen und Ängsten loslässt, kann der Geist zur Ruhe kommen und das Herz sich öffnen.“ Aber wie geht das? Und überhaupt: Was heißt Loslassen eigentlich – vor allem sich selbst loslassen? Was bleibt noch übrig, wenn jemand „seiner selbst ledig“ wird?

Eine eindrucksvolle Antwort darauf gibt die buddhistische Lehrerin Sylvia Wetzel: „Nehmen Sie einen Kugelschreiber in die Hand und halten Sie ihn fest. Jetzt öffnen Sie die Hand und lassen ihn los. Fällt er auf den Boden, verwechseln Sie Loslassen mit Verlieren. Bleibt er in Ihrer nach oben geöffneten Hand liegen, halten Sie nicht fest, können den Stift aber weiter verwenden.“

Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn wer loslässt, gibt dabei immer auch ein Stück Vertrautheit und Sicherheit auf. Liebgewonnene Gewohnheiten werden dabei ebenso zur Disposition gestellt wie alle Selbstbilder und Ideale, nach denen wir unser Leben ausrichten. Das macht Angst, und eben diese Angst ist es, die viele Menschen umso verzweifelter an dem Bewährten und Bekannten festhalten lässt. Was tun?

Auch hier weiß Sylvia Wetzel Rat: „Loslassen“, sagt sie, „wird leichter, wenn wir bemerken, wie sehr wir an Meinungen und Ansichten, Erwartungen und Befürchtungen hängen. Wir brauchen uns nicht den Kopf zu zerbrechen, wie ‚die Dinge wirklich sind‘“. Vielmehr genüge es, unsere Erwartungen und Ansichten als „Gedankenkonstrukte“ zu durchschauen.

Und genau das wird uns wohl tun. Weil es der Wahrheit entspricht. Weil es bei Lichte besehen ja tatsächlich nichts gibt, was wir halten könnten. Weil es am Ende tatsächlich darauf ankommen wird, uns selbst loszulassen, um den Schritt über die Schwelle vom Leben zum Tod friedlich gehen zu können.

Sufis: „Stirb, bevor du stirbst!“

Vor allem die muslimischen Mystiker des Sufismus haben diesen Gedanken stark gemacht. Ausgehend von dem oft zitierten Koran-Vers „Stirb, bevor du stirbst!“ üben sie eine Spiritualität der totalen und bedingungslosen Hingabe an Gott. So ist es für einen Sufi von großer Wichtigkeit, alles loszulassen, was ihn von Allah trennt – alle menschlichen Eigenschaften wie Kleider vom Leib zu streifen, um endlich nackt und bloß in Gott aufzugehen, in seiner grenzenlosen Liebe zu verglühen und zu einem neuen, wahren Leben aufzuerstehen. Beinahe so, wie Goethe es in seinem West-Östlichen Divan beschrieben hat: „Und solang du das nicht hast, dieses ‚Stirb und Werde!‘, bist du nur ein trüber Gast auf der stillen Erde.“

„Das Sterben des Mystikers, das Loslassen des Ich, ist sehr viel schwerer als das physische Sterben“, lehrt etwa Willigis Jäger, seines Zeichens Zen-Meister und Benediktinerpater. Und er erläutert, dieses mystische Sterben sei „ein Sterben in ein viel Größeres hinein, bei dem die Frage nach dem Fortbestand der Personalität zurückgetreten ist“.

Es sei das Sterben, das Jesus vorgelebt habe, als er betete: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“. Da sei nicht mehr „der Wunsch nach einem Himmel, nicht die Hoffnung auf ein Geborgensein bei Gott“, sondern nur noch das radikale „Loslassen des Unwesentlichen“.

Sokrates: Es geht um Freiheit

Auch die Philosophen des alten Griechenland haben im Loslassen des Ichs der Weisheit letzten Schluss gewähnt. Sokrates erschreckte einst seine Freunde mit der These, wer sich zu Lebzeiten ums rechte Philosophieren bemühe und ein wahrhaft gutes und schönes Leben führen wolle, dürfe nach nichts anderem trachten als zu sterben und tot zu sein.

Er wollte dies nicht als Appell zum Suizid verstanden wissen, sondern als Aufforderung dazu, sich immer wieder in Frage zu stellen: die liebgewonnenen Meinungen zu überprüfen und vor allem das Ich-Bild, mit dem wir uns zu identifizieren pflegen. Denn nur so könnten wir so etwas wie Freiheit erlangen.

Und also verstand er seine philosophischen Aktivitäten als unermüdliches Fragen-Stellen. Sich selbst sah er dabei als eine „geistige Hebamme“, die ihren Gesprächspartnern beim Prozess des Abnabelns zur Hand gehen wollte. Was ihm bekanntlich nicht gut bekommen ist: Von seinen hartnäckigen Gefrage genervt, beschloss die Athener Volksversammlung, den lästigen Philosophen loszuwerden und verurteilte ihn kurzerhand wegen „Verderbnis der Jugend“ zum Tode.

Doch seine Weisheit lebte fort, zum Beispiel in seinen geistigen Erben: den Schulen der Stoiker und Epikureer. Wer die Welt nach seinem eigenen Bilde schaffen und deuten möchte, so ihre Überzeugung, legt sich damit selbst in Ketten.

Die Lehre von der heilsamen Kraft des Loslassens war damals bis zu den Mächtigen vorgedrungen. Der römische Kaiser Marc Aurel notierte in seinen „Maximen und Reflektionen“, das Glück seines Lebens hänge allein von der Beschaffenheit seiner Gedanken ab. So dass er sich selbst dazu anhalten konnte: „Mache dich von deinen Vorurteilen los, so bist du gerettet!“ Hier gerät Loslassen zu einer staatsmännischen Tugend; einer Tugend, die der Philosoph auf Roms Thron offenbar selbst beherrschte, war er sich doch nicht zu schade, seine Weisheit von einem Sklaven zu erlernen.

Sich auf das Leben einlassen

Epiktet hieß jener in der Spätantike höchst einflussreiche Lehrer, von dem die schönen Worte überliefert sind: „Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen über die Dinge.“ Weshalb man sie am besten loslasse, um auf diesem Wege einen Zustand des inneren Friedens zu erlangen: die ataraxía, Unerschüttlerlichkeit, und die ápathia, Gemütsruhe, wie die alten Denker das Ziel ihrer Weisheitswege nannten.

Die Ähnlichkeit dieser antiken Traditionen zu den mystischen Schulen sticht ins Auge. Aber die Unterschiede sollten nicht verschwiegen werden. Denn am Ende ist das Ziel der Philosophen doch ein anderes als das der Mystiker: Lehren die spirituellen Schulen eher ein Sich-Loslassen in Gott oder das All-Eine, so geht es den philosophischen Traditionen des Westens eher um ein Sich-Einlassen auf das eigentliche, authentische Leben hier und jetzt. Und damit um mehr Lebendigkeit und Lebensfreude. Der Rückzug in die stille Abgeschiedenheit des Klosters war den Philosophen keine Option. Ihr Loslassen sollte sich mitten im Leben bewähren.

Aber ob nun spirituell-mystisch oder philosophisch: Die Kunst des Loslassen ist immer zugleich eine Kunst des Sich-Einlassen auf oder in eine andere, tiefere Dimension des Lebens, gleichviel ob diese nun „Gott“, „Satori“ oder „wahres Leben“ genannt wird.

Wie geht loslassen?

Wie nun übt man die Kunst des Loslasens? Die Antworten der philosophischen und spirituellen Schulen der Welt lassen sich in drei Leitsätze aufteilen: : „Mach‘ dich leer!“, „Schau‘ genau hin!“ und „Stell dich in Frage!“.

„Mach‘ dich leer“ ist der klassische Weg der Stille und des Schweigens, wie er in der christlichen Kontemplation oder in Zen geübt wird. Ziel des Ganzen: Das Alltagsbewusstsein mit seinem rastlosen Sprudeln der Gedanken erst zu beruhigen und schließlich ganz zum Erliegen zu bringen. Denn nur wenn wir innerlich ganz leer werden, so die Überzeugung, können wir vom Göttlichen, Einen und Wahren erfüllt oder durchdrungen werden.

Eine hübsche Zen-Geschichte illustriert dies: Ein Schüler kam einst zu einem Meister, weil er von ihm Unterweisung erbitten wollte. Der Meister lud ihn zum Tee, setzte dem Schüler eine Tasse vor und schenkte ihm ein – und ein und ein. Der Tee lief erst über den Rand, dann über die Untertasse, dann über den Tisch – bis der Schüler den Meister bat innezuhalten.

Was dieser auch tat und ihm erklärte: „Du bist wie diese Tasse. Voll. Solange du voll bist, wirst du nichts verstehen.“ Da begriff der Schüler, weshalb er die nächsten Jahre in meditativer Übung zubringen werde.

„Schau‘ genau hin!“ oder „Hör‘ genau hin!“ sind Leitsätze einer Spiritualität, die das Loslassen von etwas über das Einlassen auf etwas einübt. Es ist ein Weg der Achtsamkeit, aber auch der liebenden Hingabe an die Welt und ihre Erscheinungen. Hier geht es darum, einmal nicht über die Dinge nachzudenken, sondern sie auf sich wirken zu lassen, sich von ihnen ansprechen zu lassen und sich ihrem Zauber zu überlassen.

Es ist ein Herzensweg, ein Weg der Liebe und des Sich-Verbindens, wie er zu allen Zeiten von den Dichtern und Künstlern beschritten und beschrieben wurde. Etwa von Friedrich Hölderlin: „Ich verstand das Rauschen des Hains und die Stille des Äthers; der Menschenworte verstand ich nie.“ Wer sich wirklich dem Leben und der Welt hinzugeben weiß, lässt sich dabei unweigerlich selbst los – die Gedanken und Meinungen in ihm kommen zur Ruhe, bis er das Lied zu hören lernt, das in allen Dingen wohnt.

„Stell‘ dich in Frage!“ Das ist – wie das Beispiel des Sokrates lehrt – das schwierigste und gefährlichste. Nichts lassen wir so ungerne los, wie die Meinungen und Bilder, die wir von uns haben. Und nichts bringt uns mehr in Rage, als unser Ego von anderen in Frage gestellt zu sehen. Dabei wissen diese anderen oft viel besser als wir, wer sich da hinter all unseren Inszenierungen und Fassaden verbirgt.

Deshalb: Immer wieder das Gespräch mit anderen Menschen suchen und sich fragen, ob sie nicht rechthaben könnten mit dem, was sie sagen und sehen; und unser Ego-Bild loslassen, um sich einzulassen auf das, was wir in der Tiefe unserer Seele sind.

„Wer etwas loslassen kann, wird dafür mehr gewinnen“, betont der alte Mystiker und ergänzt: „Loslassen ist der Preis für Reife und Weisheit“. Denn je weiter man sich in der Kunst des Loslassens übt, desto mehr wird man bei sich selbst ankommen – und damit am Ende wahrscheinlich auch bei dem, was die Religionen „Gott“ nennen.

Christoph Quarch

 

Foto: Ulrich Mayer

Dr. phil. Christoph Quarch ist freischaffender Philosoph und Autor. Er lehrt an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen, u.a. mit ZEIT-Reisen. www.christophquarch.de