Interview mit dem Künstler Alfred Bast

Wenn der Künstler seinen Wunsch zur Selbstverwirklichung überschreitet, kann er sich in den Dienst des Ganzen stellen, ist der Künstler Alfred Bast überzeugt. Er spricht im Interview mit Ethik heute über das kreative Potenzial im Menschen, schöpferische Arbeit als Mittel gegen Polarisierung und die Bedeutung der Kunst für gesellschaftliche Veränderungen.

 

 

Mit Bildern von Alfred Bast.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Wo liegt für Sie die Relevanz der Kunst für gesellschaftliche Veränderung?

Alfred Bast: In meiner langjährigen Arbeit bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass Kunst ihre verwandelnde Kraft in der Subjektivität hat. Da liegt ihr Schwerpunkt. Die besondere Qualität dieser Sichtweise besteht darin, dass sie das rein Persönliche für die kollektive Zusammenhänge transparent zu machen lernt, sodass in einem gelungenen künstlerischen Werk größere Gruppen von Menschen sich wiederfinden können, oder sich gar die ganze Menschheit spiegelt.

Kunst nenne ich deshalb „die Wissenschaft des Subjektiven“. Der Künstler, die Künstlerin, arbeitet mit sich selbst als gestaltbarem Stoff. Wenn es dem Künstler gelingt, die eigene Subjektivität transparent zu machen für den großen, kollektiven Zusammenhang in den wir eingebettet sind und woraus wir wirken, werden Kunstwerke geschaffen, die zum Betreten und Bewohnen einladen.

Künstlerinnen und Künstler wirken im gesellschaftlichen Kontext, indem sie, wie Ursachenforscher, mit sich selber arbeiten, als nächstes Exemplar der Gattung, denen sie zugehören. Die Ursache aller gesellschaftlichen Themen liegt letztendlich in den individuellen, subjektiven Entscheidungen und Handlungen. Deren Summe ergeben die gesellschaftlichen Dynamiken, die wieder prägend auf die Einzelnen zurückwirken.

Wenn die Ursachen in uns liegen, dann auch die Gestaltungsmöglichkeiten und Lösungen. In der individuellen, schöpferischen Persönlichkeit (und das sind wir alle) befindet sich der Arbeitsplatz des Künstlers. Das Subjektive ist ein subtil wirksamer, eigenständiger Teil des ganzen Gewebes, in dem wir verbunden sind.

Wenn der Künstler seinen Narzissmus überwinden lernt, den Wunsch nach Selbstverwirklichung überschreitet und ausgerichtet auf das Ganze arbeitet, speisen sich seine Ergebnisse unmittelbar in das Gewebe ein, auch wenn das zunächst keine äußere Wirkung zeigt.

Kunst als Modell für die Gesellschaft

Gibt es für Sie eine Möglichkeit zu unterscheiden, wie stark es Kunst gelungen ist, diese größere Transparenz für das Ganze der gesellschaftlichen Prozesse zu erreichen? Gibt es Qualitäten für dieses Gelingen, die darüber hinausgehen, wie viele Menschen sich mit einem Werk identifizieren können?

Alfred Bast: Eine gute Frage. Natürlich kann der Maßstab nicht darin liegen, wie viele Likes oder Beifall ein Werk bekommt. Die Kunst in diesem Sinne ist nicht beifalls-, sondern seinsorientiert. Das heißt, sie arbeitet nicht im Hinblick auf eine möglichst große quantitative Wirkung, auch wenn diese wünschenswert ist, sondern an einem möglichst reinen Wahrheitselexier, das der Künstler in seinem inneren Labor im Werkprozess destilliert. Das verlangt die permanente Überprüfung. Auch wenn das niemand sieht, das ist absolut entscheidend für die Qualität und die psychische Energie des Werkes.

Die Wahrheit ist, wie das Licht, formfrei und einheitlich, doch in ihrer Auswirkung vielfältig, farbig und schön. Wahrheit, als künstlerische Äußerung, erfordert die Fähigkeit, sie in einer farbigen Gestalt zu fassen, deren Kern offen bleibt. Dann kann die Inspiration durch das Betrachten und Erleben als eine nährende, bestärkende Energie frei werden. Wenn das geschieht, entsteht eine dynamische Harmonie von Form und Energie, die zugleich freigibt und zusammenhält.

Das ganze Weltall pulsiert in solch rhythmischer Balance. Ohne diese Harmonie kippen wir aus der schöpferischen Mitte in Extreme, die sich dann feindlich gegenüberstehen und wie Flügel ohne Vogel sind. Gesellschaftlich gibt es beispielsweise die Extreme von Tradition und Avantgarde. Die einen beharren auf etwas Bewährtem, die anderen wollen Aufbruch und Erneuerung. Beide haben ihre Berechtigung.

Alfred Bast

Wie kann die Kunst in der Gesellschaft einen anderen Umgang mit gegenläufigen Polen anregen?

Alfred Bast: In der Kunst geht es darum, die Gegensätze aus dem Ganzen heraus zu verstehen und gestaltend neu zu ordnen. Etwa in einem Bild die Dynamik der unterschiedlichen Farben zu einer neuen Komposition zu verbinden. Damit ist die Kunst durchaus ein Modell für die Gesellschaft, in der häufig verschiedene Meinungen konfliktreich aufeinanderprallen.
Das eigene Licht entzünden

Ich möchte noch einmal auf die Kunst als Wissenschaft des Subjektiven eingehen. Sehen Sie auch die Möglichkeit, mit Kunst nicht nur die subjektive Matrix zu verändern, sondern direkt auf die soziale Matrix oder Struktur einzuwirken?

Alfred Bast: Das ist sicher eine Möglichkeit, in der Kunst direkt wirken kann, wie es sich auch im erweiterten Kunstbegriff und der sozialen Plastik von Joseph Beuys zeigt. Ich arbeite auch mit Menschen und Gruppen, dabei liegt der Schwerpunkt vor allem darauf, an das eigene kreative Potenzial zu erinnern. Viele glauben, nicht kreativ sein zu können, oder meinen, dass dieser Zugang verschüttet sei. Doch „Jeder Mensch ist ein Künstler“ sagt Beuys zurecht.

Das kreative Potenzial ist das eigene Vermögen, das in uns schlummert und darauf wartet, geweckt zu werden. Doch du musst selber das eigene Licht entzünden. Brennen und leuchten kann es dann von selbst, jedoch hüten solltest du es weiterhin. Dann erlebt sich der Mensch nicht mehr nur als Mangelwesen, der im außen Dinge sucht, die ihn glücklich machen, sondern er entdeckt und erzeugt diese in sich selbst.

Damit verbindet sich die Arbeit an der subjektiven Matrix mit der Arbeit am Miteinander. Deshalb braucht es die Arbeit am inneren, unkündbaren, lebenslangen Arbeitsplatz und die Einsicht, dass dort der Reichtum liegt. Wenn wir diesen Reichtum freilegen, ist das mit der Freude verbunden, ihn teilen zu wollen. So entstehen Gemeinschaften auf der Basis eigenständiger Mitglieder. Deshalb sehe ich die beiden Qualitäten des Sozialen und Subjektiven in polarer Wechselwirkung. Das eine bedingt das andere.

In der Polarisierung schöpferische Freiheit einzubringen ist schwierig

Gesellschaft wird auch durch bestimmte Strukturen wie einer Wirtschaftsform oder dem Umgang mit Gerechtigkeit bestimmt. Wie sehen Sie die Rolle der Kunst bei der Veränderung dieser Strukturen?

Alfred Bast: Ja, wir sind natürlich alle in bestimmte Normen und Konditionen eingebunden. Und es gibt diktatorische Systeme, die dem individuellen Ausdruck Ketten anlegen. Davon sind wir in unserer demokratischen Gesellschaft weitgehend frei. Aber ich beobachte auch hier, dass bestimmte Bedingungen die Regierung unbeweglich werden lassen. Die getroffenen Entscheidungen müssen dann durchgeführt und legitimiert werden, auch wenn sie möglicherweise fehlerhaft sind.

Dabei kann es zur Verhärtung kommen, die kritische Stimmen nicht mehr berücksichtigt. Es entstehen Lagerbildungen und Konflikte, die sich auch radikalisieren können. Damit wird das Gespräch fast unmöglich. Dann werden in dem schöpferischen Feld zwischen den Polen, Mauern und Zäune errichtet.

Wenn die Extreme ihre Orientierung auf das Gemeinsame verlieren, bricht das Ganze auseinander. In eine solche Situation die schöpferische Freiheit einzubringen, wird immer schwieriger, weil es nur noch das Entweder-Oder gibt.

Schon der Versuch, die andere Seite zu bedenken und sich einzufühlen, wird als Bedrohung abgelehnt, wird als Leck in der Schutz-Mauer empfunden und mit Schlagworten niedergeknüppelt, während die Kreativität von intelligentem Zynismus und Ignoranz an kurzer Leine Gassi geführt wird. Leider ein nur zu bekanntes Bild. Das ist ein Verlust der künstlerischen Möglichkeiten, das Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren, doch auch eine Herausforderung neue Wege zu finden.

Alfred Bast

„Liebe Deine Feinde, also auch dich selbst.“

Wie könnte die Kunst ihre gesellschaftliche Aufgabe vielleicht noch wirksamer erfüllen?

Alfred Bast: Die Kunst ist ein Gesellschaftsseismograph. Wenn die Kunst rückläufig ist, nehmen die unversöhnlichen Konflikte zu und umgekehrt. Auch wird dann versucht, die Kunst für die jeweiligen Positionen zu instrumentalisieren.
Wenn die Kunst, die dem Ganzen verpflichtet ist, nun Feindbilder bedient, und diese nicht in einem größeren Kontext oder durch Humor aufzuheben weiß, wird sie zur Propaganda.

Natürlich beziehen Künstler auch eindeutig Stellung. Wie etwa Käthe Kolwitz gegen den Krieg und Armut oder aktuell Banksy mit seinen intelligenten Aktionen und Graffitis. Es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, die heute etwas Konstruktives realisieren. Ich denke dabei auch an Daniel Barenboim und das West-Eastern-Orchestra mit palästinensischen und israelischen Musikern.

Ich weiß, dass viele Künstler und Künstlerinnen in ihrem Umfeld wirksam sind und zugleich an sich selber arbeiten. Dabei ist die Arbeit an der eigenen Matrix alles andere als schmeichelhaft. Limits und Grenzen sind schmerzlich erfahrbar und hier gilt: „Liebe Deine Feinde, also auch dich selbst.“

Jeder und jede ist dazu eingeladen, durch das Entdecken und Einbringen der eigenen kreativen Kräfte zum Ganzen beizutragen und es von innen her mitzugestalten, ohne gleich wissen zu wollen, ob sich das irgendwann auch lohnt. Wer ernsthaft damit beginnt, erfährt: es lohnt sich sofort.

Ja, und wir brauchen neue, zeitlos gültige Selbst- und Weltbilder. Die Natur zeigt sie uns. Zum Beispiel das Urzeichen Y – die Astgabel. Aus EINEM Stamm kommen ZWEI Äste, die in gegensätzliche Richtungen wachsen, wachsen müssen, damit es einen Baum gibt. Doch in gesellschaftlichen Konflikten gibt es zu wenig Besinnung und Wahrnehmung auf den ganzen Baum.

Das ist als würde ein Ast mit dem andern streiten und behaupten er sei der wahre Nachfolger des Stammes. Und jeder hat recht, doch keiner nur für sich. Die Kunst kann den Blick erweitern, sie ist „spezialisiert auf das Ganze“, auf den ganzen Lebensbaum.

Foto: privat

Alfred Bast, geb.1948 in Schwäbisch Gmünd, studierte an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart. Mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes widmete er sich 1974 dem bildnerischen Forschungsprojekt »Dualität und Polarität« in Pondicherry/Auroville (Indien). 1995 gründete er das KUNSTKLOSTER art research, dessen Ziel es ist, durch Kunst, Bewusstsein und Wahrnehmung die schöpferischen Vermögen zu fördern. Seit 1975 sind Ausstellungsprojekte, Performances, Seminare, Vorträge und Veröffentlichungen, auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene, Bestandteile seiner bildnerischen Arbeit. www.alfred-bast.de

 

 

Mike Kauschke ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des Magazins evolveZu seiner Website