Marianne Sébastien (Mitte) engagiert sich für die Armen in Bolivien

Eine Stimme für die Entrechteten

Eine Sängerin und ihre humanitäre Arbeit

Die Sängerin Marianne Sébastien engagiert sich an einem der dunkelsten Orte der Welt: den Minen Potosis in der bolivianischen Hochebene. Um Minen- und Straßenkindern zu helfen gründete sie die humanitäre Organisation Voix Libres. Zu viele Menschen heute nährten das Leiden, sagt sie, und will Freude in die Welt bringen.

 

 

25 Jahre ist es her, als die Schweizer Sängerin Marianne Sébastien auf einer Reise zum ersten Mal in das Hochland Boliviens kam und Bekanntschaft mit den Silberminen Potosis machte. Wenn es eine Hölle gibt, dann muss sie so aussehen: 1000 Meter unter der Erde arbeiten Menschen, vor allem Kinder und Frauen, um Silber abzubauen, ohne Tageslicht, in eisiger Kälte.

Immer wieder Explosionen, alles kann jederzeit einstürzen. Der Tod ist immer präsent. Dazu das ununterbrochene Hämmern, Schaben, Kratzen rudimentärer Werkzeuge, die dem Berg seinen Schatz abzugewinnen suchen. Diejenigen, die das Silber zu Tage fördern, profitieren nicht von seinem Glanz.

Für Marianne Sébastien ist es einer der schlimmsten Orte auf der Welt. Viele derjenigen, die hier leben und arbeiten müssen, sind Kinder. In Bolivien ist Kinderarbeit ab zehn Jahren erlaubt. Ihr Leben ist von Hunger, Gewalt, Krankheit und Armut gezeichnet. Es endet früh. 33 Jahre alt werden die Menschen im Schnitt.

Auf ihrer ersten Reise zum Cerro Rico, dem „reichen Berg“, der seit seiner Kolonialisierung im 16. Jahrhundert acht Millionen Menschenleben gefordert haben soll, trifft Marianne Sébastien den belgischen Pater San Tiago, der sich vor allem um die Kinder in den Minen kümmert. Ein paar Wochen lang unterstützt sie ihn bei seiner Arbeit. Zurück in Genf, schickt sie ihm ihre gesamten Ersparnisse: 30.000 Franken. Wenige Zeit später, kurz vor seinem Tod, vermacht er ihr sein Lebenswerk und all seine Projekte. Sie zögert keine Sekunde und macht sich auf den Weg.

1993 gründet sie die Organisation Voix libres, übersetzt mit „freie Stimmen“, aus denen gleichfalls das Homonym „freie Wege“ klingt. Der Gesang spielt eine besondere Rolle in ihrer Arbeit. Nicht die klassische Stimme, für die sie ausgebildet wurde, sondern ein ursprünglicher Gesang, der aus den Tiefen des Inneren kommt.

Hilfe zur Selbsthilfe

Als sie bei einem ihrer ersten Besuche in Bolivien nachts vor Kälte nicht schlafen kann und durch die Stadt läuft, stößt sie auf einen Tunnel in der Stadt. Ein paar hundert Kinder leben hier. Eines kommt auf sie zu: Sing uns etwas in deiner Sprache. Die Kinder hören zu. Schließlich singt einer der Jungen. Ein kleiner Körper, von offenen Wunden übersät und von Hunger und Kälte gezeichnet. Gracias a la vida: Danke an das Leben.

Seitdem singt Marianne Sébastien mit den Ärmsten Boliviens. Viele leiden unter Hunger und Krankheit; Gewalt und Drogensucht sind verbreitet. In Potosi macht die Armut Kinder und Frauen zu Opfern der Gewalt und Männer zu Verbrechern. Acht von zehn Frauen werden von ihren Männern vergewaltigt. Die meisten kehren zu ihren Peinigern zurück.

Die große, kräftige Frau mit der tragenden Stimme handelt schnell, um Menschen eine Zuflucht zu geben. Ein Kind, das von seinen Eltern geschlagen wird und nicht wieder zurück will, eine Frau, der von ihrem Mann Gewalt angetan wurde, sie bekommen sofort einen Platz in einem der Häuser, die Marianne Sébastien gegründet hat. Hier erhalten sie Schutz, Nahrung und die Möglichkeit, sich durch Schule oder Arbeit aus ihrer Misere zu befreien.

Die Initiative stellt Schulausrüstungen für die Kinder ebenso zur Verfügung wie solidarische Mikrokredite. Jeder kann diesen zinslosen Kredit bekommen, vorausgesetzt, er besitzt nichts, hat ein Projekt und findet innerhalb eines Jahres mindestens drei Personen, denen ein solcher Kredit noch mehr helfen könnte, als ihm selbst. 80 Prozent derer, die davon profitieren, sind Frauen.

Mit der Unterstützung bauen die Frauen Quinoa und Gemüse an und fertigen Kleidungsstücke aus Alpaka – zuerst für den eigenen Bedarf, dann für den Export. Diese Art von Hilfe ist kein Almosen, das den Nehmenden Abhängigkeit und den Gebenden ein gutes Gewissen bringt. Durch die Hilfe zur Selbsthilfe bekommen die Menschen ihre Würde zurück und lernen, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Das Konzept funktioniert. Zwei Millionen Menschen haben bisher von den Mikrokrediten profitiert. Finanziert werden sie aus Spenden und aus dem Verkauf der hergestellten Produkte. Aus unterdrückten Frauen sind kleine Unternehmerinnen geworden, aus hungernden und drogensüchtigen Kindern Angestellte und Botschafter der Organisation.

Kampagne für ein gutes Leben

Marianne Sébastian hat bewusst keine Bewegung gegen Hunger und Ausbeutung gegründet, sondern eine Bewegung für Solidarität, Respekt und Verantwortung. Sie will den Menschen Sicherheit und Bildung geben und die Möglichkeit, sich frei auszudrücken. „Wenn du gegen etwas kämpfst, hast du zwei Mal verloren,“ sagt sie. Einmal im Kampf und einmal, indem du dich gegen etwas stellst. In diesem Sinne ist Voix libres kein Kampf gegen Gewalt, sondern eine Kampagne für ein gutes Leben.

Marianne Sébastien, Voix libresKlagen und Jammern ist nicht ihre Sache. „Für mich ist die einzige real existierende Zeit das Jetzt. Jeder Augenblick ist der Beste meines Lebens“, sagt sie. Die wirkliche Krise, unter der wir heute leiden, sei weder wirtschaftlich noch sozial: „Es ist eine Krise der Liebe. Zu viele Menschen nähren das Leid und nicht die Freude.“ Um das zu ändern, setzt Marianne Sébastien auf Gesang. Singen ist Verbindung: mit der inneren Freude, mit anderen, mit dem Augenblick. Wer singt, ist voll und ganz da.

Wo auch immer sie auftaucht, singt sie mit den Menschen: auf Konferenzen, in den Firmencoachings, die sie anbietet, und selbst in Gefängnissen. Mit ihrer großherzigen und direkten Art, der sich kaum jemand entziehen kann, bringt sie alle zusammen – für ein Leben ohne Gewalt und mit mehr Solidarität.

Voix libres ist auch ein Beispiel dafür, welche anderen Wege es aus der Krise geben kann, in der sich heute unsere Welt befindet. Marianne Sébastien hat kein lokales, sondern ein globales Projekt ins Leben gerufen. Sie sensibilisiert für eine Entwicklung, die von innen heraus die Welt verändert, aus der Kraft der eigenen Stimme.

Wenn an so hoffnungslosen Orten wie in den Minen Potosis, in denen alles Menschliche verloren scheint, Lichtblicke wie diese möglich sind, wenn sich hier die Menschen aufrichten und Verantwortung für ihr Leben übernehmen, dann ist das überall möglich.

Für ihre Arbeit hat Marianne Sébastien viele Auszeichnungen bekommen. Die höchste war 2017 der Prix National des Droits Humains, der internationale Preis für Menschenrechte. Wie ihr Gesang erreicht die von ihr initiierte Bewegung immer mehr Länder und immer mehr Herzen. Bolivien, Afrika, Frankreich, Belgien, die Schweiz und Deutschland.

Marc de la Ménardière, Regisseur des Films En quête de Sens (Auf der Suche nach Sinn) sagt über Marianne Sébastien: „Sie ist die Verkörperung einer neuen Menschheit, die sich in Bewegung gesetzt hat. Die gute Nachricht kommt nicht von oben, sondern von jenen, die die ganz unten in der Gesellschaft leben: Was für eine Lektion erteilen uns diese geschlagenen Kinder, die man ohne Würde und ohne Bildung gelassen hat, und die heute richtungweisend sind für ein neues Zusammenleben, für eine ökologische Landwirtschaft und soziale Gerechtigkeit. Diese Kinder sind zu Alchimisten geworden, die Leid und Armut in Freude und Reichtum verwandeln.“

Kerstin Chavent

Mehr Informationen über Voix libres


 

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