Gedanken zu Weihnachten 2020

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und wir brauchen Liebe und Verbundenheit mehr denn je – eine Liebe, die Grenzen sprengt und persönliche Interessen überschreitet. Mike Kauschke über eine menschliche Urerfahrung, die uns stärken, verbinden, trösten und Hoffnung geben kann.

Es klang damals wohl so radikal wie heute: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Mit diesem Ausspruch und einem Leben, das ihn verwirklichen wollte, prägte sich der Mann namens Jesus für immer in die Geschichte der Menschheit ein. Jedes Jahr feiern wir „seine“ Geburt. Die Geburt des Lichtes der Liebe in der Dunkelheit.

Im dunkelsten Punkt des Jahres wird zur Wintersonnenwende das Licht geboren. Ein Geheimnis, das den Menschen, seit er sich dem Kosmos staunend ausgesetzt sah, faszinierte. Und Hoffnung gab. Was kann die Hoffnung sein in der heutigen Zeit? Die Corona-Pandemie hat uns den Wert der Solidarität und des Zusammenhalts gezeigt – und dessen Grenzen aufgezeigt.

Eine Gesellschaft von Konsumenten, abgekoppelt vom Gemeinwohl

Vor Monaten nahm ein Virus seinen Weg in den Menschheitskörper und vermehrt sich darin. Wir spürten, dass wir als Menschen verbunden, ein Körper sind. Dass wir auch Teil eines größeren Lebendigen sind, aus dem der Virus zu uns „übersprang“. Diese Erfahrung, dass wir alle verletzlich sind und den Virus einander übertragen können, ließ uns zunächst zusammenhalten. Liebe wurde zu einer Notwendigkeit.

Doch je länger diese Krise dauert, desto mehr scheint dieser Zusammenhalt, diese Solidarität – und damit die Liebe – auseinanderzufallen. Wie so oft in unserer Geschichte zeigte sich, dass wir den ewigen Satz des Jesus so umformuliert haben: “Liebe dich selbst und deine Nächsten.“ Mehr und mehr hat uns diese Zeit bloßgestellt und gezeigt, wie sehr der Individualismus unserer Kultur uns geschadet hat, vor allem dann, wenn er sich von Gemeinwohl und Fürsorge für andere abkoppelt.

Natürlich ist diese Individualisierung mit Freiheit und Selbstbestimmung eine riesige menschliche Errungenschaft. Darauf beruhen unsere Demokratie, unsere aufgeklärte Gesellschaft, die Menschenrechte. Aber auch unsere Wirtschaft. Eine Wirtschaft, die uns allerdings, unterstützt durch eine neoliberale Politik, zu Konsumentinnen degradiert hat.

Ein guter Konsument denkt zunächst an sich selbst: „Me first“ – „Ich zuerst“ – ist denn auch das Motto unserer Zivilisation geworden. Auch Weihnachten wurde im Bann des Konsumismus verstellt und entstellt.

Diese Haltung des „Ich zuerst“ verfolgen wir häufig auch als Gesellschaft, wenn wir uns daran gewöhnen, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken oder in Lagern menschenunwürdig leben oder wenn unsere profitabel exportierten Waffen Menschen töten. Oder wenn wir nicht wirksam auf den Klimawandel reagieren wollen, weil es unsere Wirtschaftskraft und Bequemlichkeit gefährdet.

Nachdem Wirtschaft und Politik jahrzehntelang eine Agenda des ich-fokussierten Konsumenten unterstützt hat, wundern wir uns nun, dass in dieser Krisensituation manche auf ihre Freiheit pochen und nicht bereit sind, sich selbst für das Gemeinwohl etwas zurückzunehmen.

„Lieblosigkeit ist das!“

In einer „Zeit“-Kolumne rief Mely Kiyak verzweifelt:

„Wir sind mitten in einer Pandemie. Der Tod hat unter uns Platz genommen. Menschen sterben einsam und isoliert, aber jeder stiefelt mit seinen privaten Scheißangelegenheiten durch die Öffentlichkeit. Einer will unbedingt tanzen. Einer will unbedingt unmaskiert einkaufen. Und wieder ein anderer trägt ein Hakenkreuz durch die Innenstadt.

Man kann sich keinen anderen Reim mehr auf die Sache machen als diesen. Lieblosigkeit ist das. Das sind wir. Eine lieblose Gesellschaft von Wichtigtuern und Schwätzern. … Kann es sein, dass wir uns alle nicht mehr mögen? Und dass wir eine der ältesten Menschheitsweisheiten vergessen haben? Der Hass braucht nur eine Sekunde, um den Weg ins Herz zu finden, aber er braucht Generationen, um diesen Ort wieder zu verlassen.“

Ja, mögen wir uns alle nicht mehr? Auf Anti-Corona-Demos werden Herzluftballons herumgetragen, Lieder über die Kraft der Liebe gesungen und eine vorgeblich liebevolle Haltung praktiziert, die alle umarmen will, egal ob Neo-Nazi oder medialer Fake-News-Generator.

Auf der anderen Seite haben wir oft für die Menschen, die aus Sorgen, Verunsicherung und unbeantworteten Fragen auf die Straße gehen, oder die aus vielerlei Bedenken die Corona-Maßnahmen kritisieren, oft auch nur Verachtung und Häme übrig.

Liebe diejenigen, die dir fern sind

Wir alle wissen, was Liebe ist. Wir haben Liebe alle erfahren, mit einem geliebten Menschen, mit Kindern, mit unserer Familie, mit Freunden, mit Tieren, mit Orten dieser Welt, mit Ideen sogar, vielleicht mit unserem Land oder einem Gott. Im Innern dieses Gefühls, das mehr ist als ein Gefühl, wollen wir die Welt umarmen, spüren eine allem zugrundeliegende Verbundenheit, ein Wohlwollen, Freude und Dankbarkeit.

Und es ist die Tragik unseres Menschseins, dass wir dieses grenzensprengende Gefühl einengen. Dann lieben wir nur noch uns selbst und was wir dazuzählen: unsere Familie, unser Land oder die Angehörigen unserer Filterblase, die mit der gleichen Meinung.

Dabei war das radikalste in Jesus‘ Beispiel wohl die allumfassende Liebe, auch die Feindesliebe. Liebe im Menschlichen wird erst dann ihrer Natur gerecht, wenn ich auch die lieben kann, die anderer Meinung sind, die vielleicht sogar gegen mich sind, eben „die anderen“. Liebe deinen Fernsten wie dich selbst, könnte man heute sagen.

Liebe ist aber nicht blind: Sie kann verstehen und Verständnis zeigen, ohne in Beliebigkeit zu verflachen. Sie findet die Kraft zu Milde, Nachsicht und Vergebung. Liebe hat eine tiefe Weisheit in sich, einen ethischen Kompass, der in jeder Situation fragt und spürt: Wie viel des Menschseins kann die Situation, dieser Mensch, dieses Gespräch, diese politische oder ideologische Überzeugung in sich tragen? Wie viel des Menschseins und des Kosmos hat darin Raum?

Liebe weitet sich: von der Liebe zu mir und den meinen bis hin zur universellen Liebe, die alle Menschen in sich aufnehmen kann und auch die Erde, zu der wir gehören. Damit diese Liebe in die Welt kommt, braucht es Menschen, die sie leben.

Den liebenden Blick einüben

Vielleicht können wir damit beginnen, einen liebenden Blick einzuüben, der aus Verständnis und Verbundenheit schöpft. Dazu gehört für mich, die menschlichen Schicksale zu sehen und nicht nur die Meinungen, Kommentare und Zahlen.

Manchmal hilft es auch, den Blick global zu weiten. Einen lebendigen Eindruck von diesem weltumspannenden Blick hatte ich kürzlich bei dem 24-stündigen globalen Online-Ritual „One World Bearing Witness“.

Das Thema dieses Events war unsere Zugehörigkeit zur Erde. Aktivisten und Weisheitslehrerinnen aus Indien, den Philippinen, Guatemala und vielen anderen Orten machten in Vorträgen, Meditationen und Ritualen die Liebe zur Erde spürbar. Und damit auch die Liebe unter uns Menschen, egal, woher wir kommen.

Liebe ist politisch

Einander in Liebe zu begegnen, ist auch eine demokratische Aufgabe. Demokratie ist der Versuch, Liebe zu leben. Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit, diese Grundwerte der Aufklärung leben von der Liebe und dem Wunsch, mehr Menschen, ja, allen Menschen ein würdiges und würdevolles Leben zu ermöglichen.

Deshalb ist es auch eine Notwendigkeit dieser Zeit, dass wir die Liebe wieder in unsere Demokratie bringen. Eine Haltung, die uns Bürgerinnen und Bürger zu Konsumenten und Vier-Jahres-Wähler herabsetzte, hat auch zu der Zersplitterung und Spaltung geführt, die uns jetzt „um die Ohren fliegt“.

Wir brauchen mehr Partizipation, Mitbestimmung, Räume des Dialogs, Bürgerräte, Wirtschafts- und Geldkonvente, Gemeinwohl-Initiativen, Gemeinschaftsprojekte, globale Solidarität und vieles mehr, was zu Verstehen, Verständigung und Verbundenheit führt – wozu auch konstruktives Streiten und respektvolle Konfrontation gehören kann.

In diesem Sinne ist dieses Weihnachten vielleicht auch in neuer Weise eine Zeit der Hoffnung, dass in diesem Dunkel der Krise das Licht einer liebevolleren Gesellschaft geboren wird.

Bei unserem globalen Ritual berührten mich besonders die Worte von Grandmother Flordemayo, einer Weisheitshüterin der indigenen Traditionen Süd- und Nordamerikas. Sie berichtete über eine Vision, in der ihr die Geburt einer neuen Menschheit vor Augen trat.

Und sie hörte die Worte: „Du bist Liebe. Es gibt nichts als die Liebe. Liebe ist alles, was ist.“ Und sie fügte hinzu: „Wenn wir diese Worte in unseren Herzen halten, dann werden wir einen Weg durch diese schwierigen Zeiten finden. Und niemand wird zurückgelassen. Darin sind wir alle zusammen.“

Für mich eine Botschaft, der wir an Weihnachten etwas Raum geben können. Trotz allem.

 

Mike Kauschke ist Autor, Übersetzer, Dialogbegleiter und Redaktionsleiter des  Magazins evolve. www.mike-kauschke.de 

Lesen Sie auch einen längeren Beitrag zum Thema in seinem Blog: Jenseits der Spaltung