Fels: Den Alpen nah, mitten in Wien

Felina Beckenbauer: Fels
Felina Beckenbauer: Fels

Wie ein Kunstwerk entstand 

Die Kunststudentin Felina Beckerbauer ist ein Kind der Berge und lebt derzeit in Wien. In ihrem Text schildert sie, wie ihre Bilderreihe „Fels“ in Wien entstand und aus welcher inneren Kraft sie sich die Alpenwelt in die Stadt holte.

Felina Beckenbauer, die am Ammersee aufgewachsen ist und an der Kunstakademie in Wien studiert, ist eine Künstlerin mit europäischer Identität und modernem Naturverständnis. 

Das Klettern in der freien Natur und die Berge sind ihre Leidenschaft. In Wien – zwischen all dem Beton – fehlt ihr die weite Sicht und die frische Luft extrem. Während sie die Bilderreihe „Fels“ in Wien malte, fühlte sie sich der Alpenwelt ein wenig näher. Diese Erfahrung versuchte sie mit dem Text „Gestein“ zu vermitteln.

Gestein.

Ich bin zurück in der Stadt. Auf dem Weg durch die Straßen begegne ich so vielen Gesichtern, dass ich gar nicht weiß, wohin ich schauen soll.
Mein Wunsch ist zu lächeln, „Hallo” zu sagen, doch ich fürchte, das funktioniert hier nicht.

Ganz verstanden habe ich nicht, warum ich nun wieder hier bin. Tatsächlich habe ich noch nicht einmal verstanden, dass ich hier bin.

Ich sehe die Brücken, Häuser, Autos, die Fassaden Wiens, doch mein Blick sucht dahinter noch immer den Fels und den blauen Himmel. Ein Volvo dreht auf und rast an mir vorbei.

Beim tiefen Atemzug wundere ich mich über das Ausbleiben von Weidengeruch und frischem Wind. Ich bin zurück in der Stadt.

Vor mir die Leinwand.

Mein Blick muss nicht mehr suchen, er darf sehen.

Felina Beckenbauer, Fels

Felina Beckenbauer, Fels

Glatter Fels tut sich vor mir auf. Durchzogen von feinen Rissen. Sie laden meine Hände ein, mit ihnen zu spielen. Der Pinsel liegt in meiner Hand. Meine Hand liegt im Fels. Die raue Oberfläche des Steins streift meine Handflächen.

Meine Fingerspitzen finden einen Griff. Ich ziehe mich hinauf. Nun ist mein Gesicht ganz nahe am Fels und ich kann die moosigen Flechten riechen. Ihr schwaches Braun fügt sich sanft in das helle Grau des Steins ein. Ein Hauch von Terpentin liegt in der Luft.

Ich sehe nach oben. Genau so glatt wie der Fels ist auch der Himmel. Ungetrübtes Blau löst den Eindruck der Ferne auf. Mein Fuß findet einen Vorsprung im Fels, ich klettere ein Stück höher. Ein tiefer Atemzug. Ich bin zurück.

Dann lege ich den Pinsel aus der Hand, gehe ein paar Schritte rückwärts und erkenne die Leinwand in ihrem Umfeld. Inmitten allerlei Krimskrams und der Gemälde meiner Studiokollegen liegt ein weiß umrahmtes Fenster zu einer Welt, in der mein Körper war und meine Gedanken noch sind.

Mir wird bewusst, wie viel Beton mich umgibt. Meine Haut wird enger und mein Blick sucht. Ein Fluchtinstinkt ergreift mich, ich gehe auf die Leinwand zu.

Der Ausschnitt zeigt nur Fels und Himmel. Keine Wiese, kein Tal, keine Anzeichen auf einen Pfad, den ich ging, um dort zu sein. Ich will klettern, riechen, lachen, die Sonne genießen. Meine Muskeln kitzeln, sie wollen die Kraft spüren, die der Fels ihnen abverlangt.

Ich greife zum Pinsel.

Fünf weitere Gemälde folgen auf dieses, fünf Hommagen an den Fels.

Mit jedem gemalten Bild finden meine Gedanken ein Stück näher von den Alpen nach Wien. Es ist, als würden sie von dem unmittelbaren Anblick der Felsen angezogen. Sie bringen sonnige Erinnerungen mit, erdige Gerüche und ein Gefühl Zuhause zu sein.

Gedanke für Gedanke findet seinen Weg.

Ich bin zurück in der Stadt.

Auf dem Rückweg umspielt ein Lächeln meine Lippen. Die Menschen lächeln zurück.

Felina Beckenbauer:  Ihre Ausstellung „Gestein.“ fand in Dießen am Ammersee statt. Nach zwei Jahren an der Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam studiert sie derzeit Malerei und Animationsfilm bei Judith Eisler an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Durch Malerei und Keramik setzt sie sich mit Themen rund um Authentizität im Mensch-Sein, Gesundheit und Gemeinschaft auseinander.

 

 

Warchi | iStock

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