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Feuerwehrseelsorge

Reinhard Thrainer/ Pixabay
Reinhard Thrainer/ Pixabay

Tag und Nacht ehrenamtlich im Einsatz

Feuerwehrleute, die Tag und Nacht in Notfällen ausrücken, erleben oft psychisch belastende Einsätze. Feuerwehrseelsorger Michael Radigk hat sich 30 Jahre ehrenamtlich als Feuerwehrseelsorger engagiert. Wir stellen ihn und seine wichtige Arbeit vor, die sonst kaum wahrgenommen wird.

“Zu einem Einsatz bin ich immer schweigend hingefahren, habe kein Radio angemacht. Ich habe mir meine Gedanken gemacht, was mich erwarten könnte, habe versucht, mich geistig auf die Situation einzustellen“, sagt Feuerwehrseelsorger Michael Radigk aus Pfaffenweiler im Schwarzwald.

Fast 30 Jahre engagierte er sich in seinem Ehrenamt, der Piepser ging zu jeder Tages- und Nachtzeit, insgesamt rund 1500 Mal, schätzt Radigk. Sein Ehrenamt übte er so engagiert und zuverlässig aus, dass sein Kreisfeuerwehrverband den 72-Jährigen bei seiner Verabschiedung als Feuerwehrseelsorger Ende 2023 zum Ehrenmitglied ernannte.

Als Feuerwehrseelsorger und später auch als Notfallseelsorger hat Michael Radigk fast die ganze Bandbreite menschlichen Leids erfahren und miterlebt. Er betreute Menschen nach verschiedensten Schicksalen und Einsätzen.

Dazu gehörten schwere Verkehrsunfälle, Suizide, häusliche Unfälle, Arbeitsunfälle, Mord, erfolglose Reanimation sowie das Überbringen von Todesnachrichten zusammen mit der Polizei. Und Einsätze, bei denen Feuerwehrleute verletzt wurden oder zu Tode kamen.

Dazu kamen zwei Flugzeugabstürze: Im Jahr 2000 in Blumberg. Im dichten Nebel war am 24. Oktober nach 17 Uhr ein Kleinflugzeug gegen den dicht bewaldeten Eichberghang am Stadtrand geprallt, alle vier Insassen waren sofort tot.

Hilfe bei der Verarbeitung schrecklicher Ereignisse

Für Michael Radigk war dies ein Schlüsselereignis, “weil dies eine größere Lage war”, wie er selbst schildert. Noch am gleichen Abend kam er vor Ort und begleitete und betreute die Feuerwehrleute.

Notfallseelsorger Michael Radigk. Bild: Bernhard Lutz

Ebenso am folgenden Tag, als die Mitglieder der Feuerwehr und der Bergwacht im Steilhang Leichenteile und Wracktrümmer bergen mussten, und als es darum ging, zusammen mit den Angehörigen die vier toten Insassen zu identifizieren.

Sein zweiter Einsatz nach einem Flugzeugabsturz war 2002 bei Überlingen, dem bislang folgenschwersten Absturz in Deutschland mit 71 Toten, darunter 49 Kinder. Hier betreute Radigk mehrere Tage lang Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerkes (THW).

Friedrich Walz von der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk dankte dem Seelsorger anschließend in einem Schreiben für seine “unkomplizierte und offene Hilfe bei der Verarbeitung der schrecklichen Ereignisse”.

Rettungskräfte nicht allein lassen

Zu seinem kräftezehrenden Ehrenamt kam Michael Radigk nach einem schweren Busunfall 1992 bei Donaueschingen mit 20 Toten und mehr als 30 Verletzten. Ein Einsatz, nach dem die Rettungskräfte selbst dringend Seelsorge benötigt hätten, die es aber damals vor Ort noch nicht gab.

Den Verantwortlichen war dabei klar geworden, dass sie die Rettungskräfte nach psychisch derart belastenden Einsätzen nicht alleine lassen konnten. Es kam zur Gründung des Einsatznachsorgedienstes, dem ersten derartigen Nachsorgedienst in ganz Baden-Württemberg, der 1994 seinen Dienst aufnahm.

Michael Radigk befand sich gerade in einer Umorientierungsphase. Der studierte Verwaltungsbeamte, der damals an der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen für den Bereich Küche und Verpflegung zuständig war, kümmerte sich während eines dreijährigen Erziehungsurlaubs zuhause um seine beiden Kinder.

Seine Ehefrau Hannelore Radigk unterrichtete an einer Schule in Schwenningen. In dieser Zeit begann Radigk mit einer Ausbildung zum Diakon. Er suchte eine neue Herausforderung, „weil das Beamtendasein mich nicht mehr erfüllt hat.“

Er wollte mehr den Kontakt zu den Menschen. Als ihn der Polizeipsychologe Knud Eike Buchmann von der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen fragte, ob er sich vorstellen könne, sich als Notfallseelsorger zu engagieren, sagte er zu.

Sein Glaube hat ihm geholfen

Um versichert zu sein, musste er sich einer Rettungsorganisation anschließen. Er entschied sich für die Feuerwehr und begann 1994 die Ausbildung zum Truppmann. Für ihn hatte dies einen weiteren Vorteil: „Als ich die Uniform getragen habe, war ich einer von ihnen und von den Kameraden als Kollege akzeptiert.“

Zugute kam ihm auch seine neue Tätigkeit als Diakon in der Erzdiözese Freiburg, wo er im Dekanat Villingen in verschiedenen Pfarreien eingesetzt war. „Als Diakon habe ich schwerpunktmäßig alte Menschen, Kranke und Sterbende begleitet und war von daher auch beruflich mit dem Tod befasst.“ Deshalb, so sinniert er, sei ihm die Tätigkeit als Feuerwehrseelsorger vielleicht leichter gefallen.

Gewalt hat Radigk an sich oder bei den Kameraden kaum erlebt, wie er sagt. Beim Überbringen einer Todesnachricht musste er sich aber öfters Sätze wie „Sie lügen“ oder „Sie machen Witze“ anhören. Fragten die Angehörigen dann, ob sie den Toten noch einmal sehen könnten, ging er mit ihnen in die Leichenhalle. Das Berühren des Toten, ihn noch einmal zu streicheln, habe den Angehörigen geholfen, das schreckliche Ereignis zu begreifen.

Geholfen hat dem Katholiken sein Glaube. Religion hatte im Elternhaus und im Umfeld einen hohen Stellenwert. Bei seinen Einsätzen als Seelsorger habe er immer gedacht, Gott habe ihn dahin geschickt. Er ist überzeugt, dass sein Glaube ihm auch geholfen habe, das bei den Einsätze Erlebte zu verkraften und erklärt: “Ich habe nie von diesen Dingen und Einsätzen geträumt, sie haben mich nie im Traum verfolgt.”

Sein Verständnis des Nachsorgedienstes beschreibt Michael Radigk so: “Mein Ansinnen als Feuerwehrseelsorger oder als Notfall-Seelsorger war immer, die Leute wieder ins Leben zurückzuführen.” Am meisten berührt hat ihn, wenn Angehörige nach einem Einsatz als Seelsorger gesagt haben, “Danke, dass Sie da waren.”

Reinhold Engesser, ein Kollege bei der Feuerwehr sagt über seinen Kollegen: “Er hat keine Mühen gescheut, er hat sich nicht nur um die Angehörigen gekümmert, sondern auch um die Feuerwehr-Kameraden. Er war immer da, zu jeder Tages- und Nachtzeit.” Leider hätten sie noch keinen Nachfolger.

Bernhard Lutz

Warchi | iStock

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