Foto: Stephanie Bothor/paradis sauvage
Foto: Stephanie Bothor/paradis sauvage

„Vertrauen ist das Wichtigste“

Portait von Le-Mentzel, dem Erfinder der „Hartz-IV-Möbel“

Van Bo Le-Mentzel hat die Hartz-IV-Designermöbel zum Selbstbau entwickelt und keinen Cent damit verdient. Die Baupläne sind kostenlos im Internet verfügbar. Im Portrait des Unternehmers und Künstlers, zeigt sich, wieso für ihn Vertrauen der wichtigste Wert in einem vernetzten Leben ist.

Van Bo Le-Mentzel ist gebürtiger Laote, Architekt, Ideengeber, „Karma-Ökonom“, Dozent, Utopist und vor allem eins: das wandelnde Vertrauen. „Nicht Geld, nicht Druck, sondern Vertrauen holt aus dem Menschen das Beste heraus,“ ist die Überzeugung des 38-Jährigen. Darüber sprach er auch im Rahmen eines Vortrags auf dem Hamburger Kongress „Work in Progress“ im März 2015.

Ein Leben ohne Vertrauen kennt Le-Mentzel aus eigener bitterer Erfahrung. 1996 starb seine Mutter – ganz unerwartet an einem Schlaganfall. Zwei Jahre vorher hatte sie die Familie verlassen und sich für das Leben in einem buddhistisches Kloster entschieden. Der 13-jährige Van Le hat von Anfang an ihre radikale Entscheidung mutig mitgetragen.

Der Verlust der Mutter reißt Van Bo Le-Mentzel aus seinem Leben und raubt ihm einen lebensnotwendigen Wert: Vertrauen. Und das hat weitreichende Folgen für die nächsten Jahre seines Lebens.

Auch wenn er in kreativen Bereichen wie Architektur, Rap-Musik und Graffiti-Kunst tätig war, so nicht aus einer Leidenschaft heraus. „Alle beruflichen Entscheidungen, die ich nach dem Tod meiner Mutter unternommen habe, hatten ein einziges Ziel: Geld verdienen.“ Trotzdem mangelte es immer genau daran.

„Ich habe dem Leben nicht vertraut, ich habe in dieser schweren Zeit mein Schicksal nicht angenommen“, erklärt Le-Mentzel. „Mein Geld habe ich meist mit Blutspenden verdient. Keines meiner Projekte, die zum Erfolg führen und sich rentieren sollten, hat jemals Profit gebracht.“

Ein Schlüsselerlebnis kam im Jahr 2010. Er lernte eine Frau kennen und verliebte sich in sie. Als er für sie ein Küchenregal aufhängen wollte, gelang dem studierten Architekten nicht einmal das. „In diesem Moment stellte sich mir die Sinnfrage: Wozu bin ich eigentlich auf dieser Welt?“

Neue Kraft durch schöpferische Arbeit

Aus Frust belegt Van Bo Le-Mentzel einen Tischlerkurs an der Volkshochschule, lässt sich von Mies Van de Rohe, Erich Dieckmann sowie Marcel Breuer inspirieren und baut an einem Wochenende einen Sessel. 24 Stunden und 24 Euro Kursgebühr verändern sein Leben. Aus der schöpferischen Arbeit tankt er neue Kraft – es entsteht das Bedürfnis, diese Kraft zu teilen. Er entscheidet sich, den Bauplan kostenfrei online zu stellen. Doch wie findet er seine Zielgruppe – depressive, in eine Sackgasse geratene Menschen wie er es war und denen er Mut machen will?

Val Bo Le findet heraus: Menschen, denen es schlecht geht, googlen nicht „Bauplan Sessel“ und auch nicht „Volkshochschule Tischlerkurs“, sondern suchen nach „Hartz IV“. Wer Hartz IV googelt, steckt in der Sackgasse oder hat Angst hineinzurutschen. Das gelte nicht nur für Deutsche, sondern mittlerweile auch für Österreicher und Schweizer – obwohl dort gar kein Hartz IV, sondern eine Invalidenrente gezahlt wird.

„Hartz IV ist so etwas wie eine Marke für Depression“, sagt Le-Mentzel. So kommt er zum Namen seiner Serie: Hartz IV-Möbel. Der 24-Euro-Sessel ist nur der Anfang, es folgen der „Berliner Hocker“, der „Kreuzberg 36 Chair“ und zahlreiche weitere Einrichtungsgegenstände. In München steht ein Prototyp des „Unreal Estate House“, ein Do-it-yourself Häuschen von 5 Quadratmetern.

Schnell verbreitet sich die Idee, und es bildet sich die Facebook-Gruppe „Konstruieren statt konsumieren“, in der über 21.000 Menschen seit 2010 neue Projekte entwickeln. Dann berichten auch die Medien: zuerst die taz, dann Der Spiegel, Die Zeit und das Fernsehen. „Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass die weder mich noch meine Möbel so toll fanden. Ich hatte mit den Hartz IV-Möbeln den Nerv der Zeit getroffen: Gemeinschaft, Open Source, Free Sharing – das neue Denken fing 2010 ja gerade an.“

Weitermachen ohne Profitstreben

Was immer noch fehlte, war das Geld. Le-Metzel war berühmt und gefragt, stellte in Museen aus, aber war trotzdem immer pleite; seine Baupläne, standen ja kostenfrei zum Download bereit. Viele Geschäftsvarianten hat er sich überlegt – dazu gehörte es auch, einen Obolus für die Pläne zu nehmen, wenigstens einen Cent.

Keine davon hat ihn wirklich überzeugt. Bis er sich entschieden hat, ganz loszulassen und einfach weiterzumachen – und zwar ohne durchstrukturiertes finanzielles Konzept und Profitstreben. „Ich habe mir das Vertrauen in das Leben wiedergeholt,“ erklärt Le-Mentzel und lässt los: von Plänen und Profitstreben, von „haben müssen“ und „haben wollen“. Und stellt fest: Nur wenn ich mir und anderen vertraue, kann ich ein gelingendes Leben führen.

Und die Lebensstrategie geht auf: Er beschäftigt sich mit der sogenannten Karma-Ökonomie – eine Wirtschaft, die nicht Absatz und Produktion in den Mittelpunkt stellt, sondern den Mehrwert für die Gesellschaft. Er setzt auf die Karma-Chacks, fair produzierte Turnschuhe nach dem Design der populären All Stars-Schuhe von Converse.

Er gibt das Buch heraus „Hartz IV Moebel.com. Build More Buy Less! Konstruieren statt konsumieren“. Er stellt seine Möbel aus, gibt Workshops und Vorträge und setzt sich für soziale Projekte und Initiativen ein. So kommt er in einen lebensfreudigen Flow.

Im Hintergrund steht die Crowd

Im Hintergrund steht immer seine Crowd – die Gemeinschaft, mit der er gemeinsam die Projekte entwickelt, finanziert und anschiebt. „Ich entwerfe etwas und gehe mit meiner Idee auf die Leute zu und frage: Wollt ihr das? Macht ihr mit? Wer macht mit? Das ist im Grunde die ehrlichste Art und Weise, Ökonomie zu betreiben.“ erklärt Le-Mentzel.

Mittlerweile lebt Van Bo von einem Grundeinkommen. Über 20.000 Euro hat er über eine Crowdfundig-Plattform für sich selbst generiert. Er nennt dieses Projekt „D-Scholarship“, demokratisches Stipendium. Es verhilft ihm dazu, ein Jahr lang bedingungslos zu arbeiten. Zum Beispiel als Dozent an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Allen seinen Studenten gibt er gleich zu Beginn der Vorlesung die beste Note – als Vertrauensvorschuss. „Freiheit macht Kreativ“, so lautet seine Botschaft.

Cristina Grovu

Weiterführende Links:

http://www.work-in-progress-hamburg.de/home

http://tedxtalks.ted.com/video/Wake-up-your-genius-Van-Bo-Le-Me

 

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