Gelingendes Scheitern

Foto: Mariusz Potocki/ Shutterstock
Foto: Mariusz Potocki/ Shutterstock

„Erst tun, dann wissen“

Armin Wirth versuchte zwei Mal, den Südpol zu erreichen – und scheiterte. Im Interview spricht der ungewöhnliche Unternehmer darüber, wie wichtig die Erfahrung des Scheiterns war und wie er auf den Expeditionen zu sich selbst fand.

Von Kirsten Baumbusch

Armin Wirth ist eine harte Nuss. Der Reutlinger fordert sich und sein Gegenüber. Er vereinigt vieles in sich, was bei anderen widersprüchlich wirken würde. Er ist Unternehmer und Abenteurer, plant Expeditionen akribisch und betont doch, dass seine besten Entscheidungen gefällt wurden, ohne dass er das Konzept dahinter verstanden hatte. Von den Buschmännern in der Kalahari-Wüste hat er den Leitspruch „First do – then know“ übernommen.

Armin Wirth ist Jahrgang 1972, studierte nach einer Ausbildung zum „Industriekaufmann mit Internationalem Marketing“ Betriebswirtschaft an der ESB Business School in Reutlingen und London. Reisen war schon früh seine Leidenschaft, führte ihn in viele Länder, nach Grönland (dort überquerte er das grönländische Inlandeis) und zum Nordpol. Zwei Mal scheiterte er beim Versuch, den Südpol auf einer neuen Route zu erreichen. Machte diese Erfahrung jedoch fruchtbar für die Entwicklung seiner Persönlichkeit.

Nach einer Phase der Selbstständigkeit mit einer Public Relations- und Marketing-Agentur, führt er heute ein mittelständisches Familienunternehmen mit 35 Mitarbeitern in der Metallbranche und gibt seine Expeditions-Erfahrung in Seminaren und Workshops weiter.

All seinen Aktivitäten ist das gleiche Ziel gemeinsam: Grenzen aufzulösen und hinter das Sichtbare und Offensichtliche zu schauen, um mit dem Formlosen in Kontakt zu treten, das alles bewegt.

Vertrauen in die innere Führung

Kirsten Baumbusch: Gibt es etwas, was schon im kleinen Armin angelegt war, was heute noch den Abenteurer und Unternehmer prägt?

Armin Wirth: Wenn es irgendetwas gibt, dann ist es eine Art innerer Führung, der ich vertraue, aber von der ich nicht genau weiß, wohin sie mich führt. Ein Impuls, aus dem etwas entsteht. Aber oft weiß ich erst hinterher, was daraus entsteht und warum.

Muss man das lernen, dem zu vertrauen?

Durchaus. So ganz tue ich das immer noch nicht. Aber, wenn ich dem nicht folge, führt das zu extremen Schmerzen, weil das Leben in eine falsche Richtung geht. Allerdings war es im Rückblick bei wirklich wichtigen Entscheidungen nie die Frage, ob ich es mache oder nicht. Das passierte einfach, da war kein Widerstand möglich.

Deshalb hat mich das auch bei den Buschmännern in der Kalahari so beeindruckt, die nach dem Motto handeln „First do, then know“. Es gilt einfach anzufangen und wenn ich dann in Schwung komme, dann kommt vielleicht etwas ganz anderes heraus, aber es bringt mich weiter.

Das ist für westliches Denken eher ungewöhnlich, oder?

Auf jeden Fall. Wir wollen immer zuerst wissen, aber daraus entsteht nichts Neues. Fast alle großen Erfindungen und Innovationen sind genau andersherum entstanden. Das klappt nicht, indem man eine Task Force bildet und dann mit dem Wissen aus der Vergangenheit versucht, die Zukunft in den Griff zu bekommen.

Unser ganzes Wirtschaftssystem tickt so. Wir merken nicht, dass alle Zahlen ja per se auf die Vergangenheit bezogen sind. Es gibt kein Steuerungssystem in der Wirtschaft, das auf die Zukunft ausgerichtet ist. So funktioniert auch unser Ego. Das, was ich kenne, projiziere ich auf die Zukunft und bemühe mich darum, dass in dieses Schema alles möglichst passgenau hineingedrückt wird. Aber genau so geht es eben nicht auf Dauer, das ist tot.

In einer Zeit rasanter Veränderungen wie der Gegenwart macht das vermutlich auch ziemlich statisch, oder?

Mit diesen starren Systemen können wir Transformationsprozesse nicht fassen. Und wir sehen nicht, dass es viel leichter wäre, im sich Entwickelnden zu arbeiten als zu versuchen, krampfhaft den Kurs zu halten. Von dem man nicht einmal weiß, wohin er führt.

Bei allen Wendungen meines Lebens habe ich verstanden, dass es völlig unmöglich ist zu wissen, wo es am Ende hingeht. Aber im Rückblick betrachtet, erscheint es geradlinig und sinnvoll. Mein Job ist es, keinen Widerstand zu leisten. Die scheinbar größten Misserfolge werden so oft zum größten Fortschritt.

Unternehmer und Abenteurer Armin Wirth.

Unternehmer und Abenteurer Armin Wirth.

„Kein Entkommen vom inneren Dämon“

Wie kam es zur Faszination Eis?

Im Zuge meines Studiums habe ich ein Praktikum bei Nordwind-Reisen gemacht und war mit Arved Fuchs ein paar Monate auf Expedition unterwegs in Ostgrönland. Wir sind zwei Monate lang auf Skiern die Ostküste hochgelaufen. Gefehlt hat mir dabei eine gewisse Tiefe und innere Begeisterung.

Dazu kam, dass ich mit einem inneren Teil in Berührung gekommen bin, der sehr unangenehm ist – ein Gefühl gejagt zu werden, dem ich unmöglich ausweichen konnte. Es gab keinen Rückzugsraum und keine Ablenkungsmöglichkeit, um von sich wegzukommen.

Heute weiß ich, dass ich da mit der Urtriebfeder in Berührung gekommen bin, die die ganze Welt hier antreibt. Es handelt sich um eine Art Stimme, die einen mit Selbsthass und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, erfüllt. Die Antriebskraft der meisten Menschen, die dynamisch wirken, ist genau so.

Sie treibt nicht etwa eine positive Dynamik, sondern eine sie jagende. Genau diese Kraft hat mich immer wieder auf diese Expeditionen gepeitscht. Sie ist der Grund, warum Leute Unfälle bauen, Kriege anzetteln, Beziehungen beenden, ihren Job hassen, um sich schlagen. All das, um von diesem unerträglichen Selbsthass wegzukommen: Sex, Drogen, viel Arbeit, Expeditionen, Beziehungen oder Trennung. All das sind Wege, um davon wegzukommen. Aber als Ersatzhandlung haben sie keine Zukunft.

Was für eine Erkenntnis!

Das kann man wohl sagen. Bei der ersten Aloha-Antarktika-Expedition war mir das gar nicht bewusst. Da wurde dieser innere Dämon nahezu unerträglich und es gab fast kein Entkommen. In der hiesigen Welt lenkt man sich in dieser Lage automatisch ab. Dort in der Eiswüste ist man völlig auf sich zurückgeworfen und diese unglaubliche Stille lässt alles nach oben kommen, was nicht Stille ist. Diese Unruhe ist wie in einer Uhr, das tickt die ganze Zeit.

„Das Gefühl des Versagens war hart“

Wann war diese Expedition?

Das war 2008. Wir waren vier Wochen unterwegs bis auf das Plateau. Dort sahen wir uns dann mit völliger Windstille konfrontiert und hatten keine Chance, es noch bis zum Depot zu schaffen. Das übte natürlich einen zusätzlichen Druck aus. Wir mussten aufgeben.

Wie lebt man weiter, wenn man mit einer solchen Erfahrung in diese Welt zurückkommt?

Nach der ersten Aloha-Antarktika-Expedition war das ungeheuer hart. Das Gefühl des Versagens war ungemein stark und es hat lange gedauert, bis ich mit mir wieder zurechtgekommen bin. Wir haben uns als völlig gescheitert empfunden – auf allen Eben: teuer, lange vorbereitet, viel Hoffnung und nach vier Wochen aufgeben, weil es keine Chance gibt, das zu erreichen, was man sich vorgenommen hat. Keinen Wind zu haben, das ist ein Faktor, den man nicht kontrollieren kann. Alle Vorhersagemodelle waren falsch.

Ein Kernbohrung in sich selbst vornehmen

Und dann, nach der Rückkehr?

Nie wieder Expedition, habe ich lange gedacht. Doch dann kam doch wieder der Impuls aufzubrechen und die zweite Aloha-Antarktika-Tour zu versuchen. Klar war uns allerdings, wir brauchen eine Unterstützung, um dem ins Auge zu blicken, was hochgewühlt wird. So entstand die Zusammenarbeit mit Christoph Röckelein (Coach, der Menschen in einer Auszeit unterstützt). Ohne die wäre ich nicht noch einmal aufgebrochen. Hatte ich doch erkannt, dass diese Krise nichts mit der Expedition zu tun hat, sondern mit mir selbst.

Und dass dieses Gefühl deswegen während der Expeditionen so hoch schießt, weil dort all die Entschuldigungs-Modelle wie schwere Kindheit, mangelnde Liebe, schlechte Bildung, nicht passende Partner, blöde Arbeit, schwierige Eltern nicht greifen. Wenn man verstanden hat, dass dieses Gefühl das eigentliche Problem ist, dann beginnt sich etwas zu verändern. Das ist allerdings kein Hurra-Prozess, sondern ein bitteres Einsehen, dass ich niemanden verantwortlich machen kann für meine Situation, sondern eine Kernbohrung vornehmen muss in mich selbst.

Dann hat sich also dieser innere Druck aufgebaut und es war klar, ohne jemanden an der Seite geht eine zweite Aloha-Antarktika-Expedition nicht?

Ja, das wussten wir. Wir wünschten uns jemanden, um zu reflektieren. Der Südpol war zwar das äußere Ziel, aber die innere Intention war immer, eine persönliche Entwicklung zu machen und diesen inneren schwarzen Punkt in uns zu finden und aufzulösen.

Was für eine Rolle hatte der Coach?

Er war derjenige, der geholfen hat, Dinge herauszuarbeiten, zu verstehen oder stehen zu lassen. Der Trick beim Coaching ist ja, dass wenn jemand da ist, der diesen Raum mit einem hält, man länger und intensiver dahin schauen kann, wo es wehtut. Dadurch findet eine Beschleunigung im Prozess statt und das ist sehr willkommen, wenn etwas sehr schmerzhaft ist.

Nach einem Jahr Vorbereitungszeit startete Armin Wirth seine 2. Expedition zum Südpol, dieses Mal über eine 2000 Kilometer lange Transversale. Hier geht es zum ausführlichen Interview

Wir danken Kirsten Baumbusch und Dr. Christoph Röckelein, dass wir eine Kurzfassung des Interviews veröffentlichen durften.

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