Ein Interview mit Andreas de Bruin

„Meditation and Art“ ist ein Projekt von Prof. Andreas de Bruin. Er geht mit Studierenden ins Museum, um über Achtsamkeit einen tieferen Zugang zu den Werken und den Künstlern zu ermöglichen. De Bruin erklärt im Interview die vier Schritte seiner Methode und wie über Kunst und Meditation eine tiefere Wahrnehmung entstehen kann.

 

 

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Was hat Sie dazu veranlasst, „Meditation and Art“ ins Leben zu rufen?

de Bruin: Die großen Meister der Malerei, diese großen Persönlichkeiten, haben ein enorm weites und tiefes Bewusstsein in ihre Bilder gebracht. Aber wenn wir in ein Museum gehen, nehmen wir uns meist nicht die Zeit, diese Gemälde wirklich auf uns wirken zu lassen.

Museumsführungen sind sehr wertvoll, aber die Vermittlung zu vieler Informationen über die jeweiligen Kunstwerke kann dem eigenen, persönlichen Zugang im Wege stehen, da es den Wahrnehmungsprozess zu sehr lenkt.

Auch ist die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Menschen schneller zu Ende und sie hören dann vielleicht noch zu, können das Gesagte aber nicht mehr aufnehmen und sich nicht mit den Bildern verbinden.

Deshalb dachte ich mir, es wäre wichtig, mehr Zeit vor den einzelnen Gemälden zu verbringen und sich nicht von all den anderen Bildern und den anderen Besuchern ablenken zu lassen. Und auch nicht von den eigenen alltäglichen Gedanken: was ich noch einkaufen muss, kochen möchte oder dass ich noch jemanden treffe usw.

Ich wollte einen Weg finden, wie man wirklich eine Verbindung zum Bild aufbauen kann und damit auch zum jeweiligen Künstler. Das ist auch eine Frage der Konzentration und der Fokussierung, und damit sind wir schon bei Achtsamkeit und Meditation.

Das Wichtigste bei „Meditation and Art“ ist die Tiefe der Betrachtung. Sie entsteht durch die Meditation als tiefe Form der inneren Versenkung. Die Meditation baut die Brücke nach innen, wo unsere tiefste Inspirationsquelle liegt. Und genau dort liegt auch der Ursprung des Bildes eines großen Meisters.

Durch die ruhige und tiefgehende Betrachtung des Gemäldes kann man sich auch mit seiner eigenen Inspiration verbinden. Man erreicht aller Voraussicht nach nicht die Inspirationstiefe von Raffael oder Rembrandt, aber wird in diese Richtung gezogen. Um diese Verbindung von Meditation und Inspiration tiefer zu erforschen und mit anderen zu teilen, habe ich „Meditation and Art“ begonnen.

„Die Kunstwerke hängen nicht nur im Museum, wir spüren sie auch in uns.“

Können Sie etwas zur Methode sagen, mit der Sie den Menschen die Bilder nahebringen?

de Bruin: Im Schwarzwald habe ich in 1998 „Musicosophia“ kennengelernt, eine internationale Musikschule für das bewusste Hören der klassischen Musik. Hauptanliegen der Schule ist es, auf die Essenz hinzuweisen, die in der klassischen Musik verborgen liegt. Mit der Methode des bewussten Hörens wollte man ein Instrumentarium an die Hand geben, sich eben dieser Essenz anzunähern.

Um einen tieferen Zugang zu den Meisterwerken der Musik zu erhalten, ist es Musicosophia zufolge nicht erforderlich, gut musizieren zu können. Auch als Laie kann man lernen, die Musik in ihrer ganzen Tiefe zu hören, zu verstehen und zu erschließen.

Schon damals wurde mir klar, dass ich diesen Ansatz auf die Bildbetrachtung übertragen und durch Achtsamkeit und Meditation erweitern kann. Und auch hier gilt, dass man sich nicht unbedingt mit Kunsttheorien auskennen oder malen können muss, um die Malerei in ihre Tiefe zu erschließen. 2017 habe ich diese Methode, die aus vier Schritten besteht, im Rijksmuseum in Amsterdam auf einem Symposium zum ersten Mal vorgestellt.

Beschreiben Sie bitte, wie wir uns einem Kunstwerk meditativ annähern können.

de Bruin: Im ersten Schritt im Eingangsbereich des Museums erkläre ich, dass wir uns tiefer mit einigen Gemälden beschäftigen werden, aber sage nicht, welche es sind.

 

Alte Pinakothek: Gehmeditation im Museum hilft, den Geist zuerst nach innen zu lenken, Foto: Sandra Sommerkamp, 2018

 

Dann machen wir weiter mit einer Einführung in die Gehmeditation, damit wir uns so von Bild zu Bild bewegen können. Für manche ist das schon ein Highlight, so bewusst und mit dem Gewahrsein bei den Füßen und jedem Schritt durch das Museum zu schreiten.

Wir kommen dann zum ausgewählten Bild und stehen davor. Wir schauen es kurz an, schließen dann die Augen und gehen in eine kurze Fokussierungsübung, bei der wir auf den eigenen Atem achten.

Im zweiten Schritt schauen wir uns das Bild an und gehen dabei objektive Aspekte durch wie Komposition, Farbe, Licht und Schatten, Ausdruck, Technik und Malweise sowie Gegenstände und Symbole. Dann bilden wir Kleingruppen, die sich mit einem Aspekt auseinandersetzen. Die Teilnehmenden entscheiden selbst, in welcher Gruppe sie gerne arbeiten möchten.

Die Gruppen präsentieren anschließend den anderen, was sie herausgefunden haben. Dabei ist es mir wichtig, dass nicht zu viele subjektive Eindrücke zum Kunstwerk hineinkommen.

Wir versuchen zunächst das Bild weitmöglichst objektiv zu beschreiben. Dabei baue ich dann manchmal schon etwas kunsthistorisches Wissen mit ein: Warum malte Dürer sein Selbstbildnis auf dieser Weise? In welcher Lebensphase malte Rembrandt das jeweilige Bild? Wie erkennt man ein Gemälde von Raffael? Inzwischen stehen wir schon 30 Minuten vor dem Bild.

Beim dritten Schritt schauen wir dann, was das eigentlich für ein Bild ist und wer es geschaffen hat. Ich knüpfe dann mit einigen kunsthistorischen Informationen an das an, was die Teilnehmenden selbst entdeckt haben und wir besprechen es gemeinsam. Und wir betrachten das Bild noch einmal als Ganzes.

Am Ende, der vierte und letzter Schritt, schließen wir unsere Betrachtung mit einer kurzen Stille-Meditation, in der wir uns das Bild nochmals innerlich vor Augen führen. Mit der Gehmeditation gehen wir dann zum nächsten Gemälde.

„In den tiefsten Momenten ist das Bild kein Objekt mehr, es ist im Inneren.”

Kann durch diese gemeinsame Kunstbetrachtung die Inspiration in den Menschen gestärkt werden?

de Bruin: Bei diesen Gemälden stehen wir immer vor den Originalen. Das ist unfassbar! Nehmen wir z. B. ein Bild von Leonardo da Vinci, wie es in München hängt. Das ist genauso, als würde man ein Stück von Beethoven hören, als es zum ersten Mal aufgeführt wurde und Beethoven sitzt auch noch im Raum. Das ist den meisten Museumbesuchern gar nicht bewusst.

Diese Gemälde sind verdichtete Energie. Die Inspiration des Meisters zeigt sich im Bild in Form, Farbe und auch in einer Schwingung, in deren Frequenz wir dann einige Zeit verbringen. Und das verändert uns.

Rodin hat einmal sinngemäß gesagt, ein gutes Kunstwerk bringt Betrachter mit der eigenen Seele in Berührung. Das passiert wirklich, diese Gemälde können uns mit unserem Inneren verbinden. In den tiefsten Momenten ist das Bild kein Objekt mehr, es ist im Inneren.

Wenn wir uns so intensiv mit den Meisterwerken beschäftigten, dann hängen sie nicht nur im Museum, sondern wir spüren sie auch in uns. Die großen Gemälde zeigen uns, dass es etwas Höheres, etwas Größeres gibt, eine Seele, ein höheres Selbst in uns, aber auch etwas über uns Hinausgehendes, das man vielleicht das Göttliche nennen kann.

Was nehmen die Studierenden aus dieser Erfahrung mit?

de Bruin: Bei den Studierenden habe ich bemerkt, dass sie sich durch die lange Zeit, die wir bei diesem Kurs im Museum verbringen, verändern. Sie beschäftigen sich intensiv mit einem Bild ihrer Wahl, um dann die Gesamtgruppe anhand des Meditation and Art-Ansatzes selbstständig durch dieses Bild zu führen.

Andreas de Bruin bringt den Studierenden ein anderes Kunstverständnis nahe, Foto: Sandra Sommerkamp, 2018

Neben den unterschiedlichen Bedeutungsebenen eines Gemäldes, der Ikonografie, lernen sie dabei auch etwas über den Bildinhalt zur damaligen Zeit und das menschliche Denken und Handeln in den jeweiligen Epochen, die Ikonologie.

„Junge Menschen eignen sich durch „Meditation and Art“ eine tiefere Achtsamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit an.“

Durch die Meditation und Kunstbetrachtung lernen die Studierenden auch, Raum zu schaffen in sich. Die großen Werke der Malerei ermöglichen einen Resonanzraum, in dem wir tiefer zu uns selbst kommen können.

Viele junge Menschen eignen sich dabei eine tiefere Achtsamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit an. Und sie lernen sich selbst mehr kennen. Denn auch die Themen, die wir im Zusammenhang mit der Malerei besprechen, haben mit ihnen zu tun. Sie erleben die Kraft der Stille und der Achtsamkeit, die sie auch auf andere alltägliche Bereiche wie etwa Kommunikation oder Kochen und Essen übertragen können.

Die Studierenden fühlen sich mehr Zuhause im Museum und lernen, wie man der Malerei anders begegnen kann. Das stärkt ihr Selbstvertrauen; Interesse, Begeisterung und Neugier werden geweckt. Zudem erlernen sie einen Ansatz, der mit verschiedenen Zielgruppen durchführbar ist, mit Kindern, Jugendlichen, Senioren etc. Das machen meine Studierenden dann auch. Es ist eine sehr offene Methode, an der sich jeder beteiligen kann.

Für mich ist das Feedback der Studierenden immer wieder beeindruckend. „Ich habe eine Gänsehaut!“, sagte eine Studentin nach dem Betrachten von Dürers „Selbstporträt im Pelzrock“. „Er schaut mich mit so viel Ruhe und Kraft an und irgendwie durch mich hindurch!“

Andere meinten: „Für mich schaut er seitlich vorbei!“ „Nein, ich finde, er betrachtet mich!“ Und eine andere Studentin fügte hinzu: „Für mich ist es Gelassenheit und Ewigkeit!“

Weitere Infos zum Ansatz unter Meditation and Art

Der Ethnologe Andreas de Bruin lehrt an der Münchner Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Mit dem „Münchner Modell“ hat er ein Programm entwickelt, das Studierenden, Lehrenden und Angehörigen des Hochschulapparates Achtsamkeit und Meditation nahebringt. Er meditiert selbst seit 1991.