ollirg/ shutterstock.com

Grundlos glücklich sein

Gastbeitrag eines tibetischen Meditationslehrers

„Irgendetwas fehlt“, denken wir manchmal, obwohl in unserem Leben alles rund läuft. Dann haben wir die Verbindung zu unserem natürlichen inneren Wohlbefinden verloren, sagt der tibetische Meditationslehrer Tsoknyi Rinpoche. Er fragt, wie es gelingen kann, wieder im inneren Zuhause anzukommen.

 

 

Unser persönliches Wohlbefinden steigt ab einem gewissen Lebensstandard nicht mit Geld und den Verheißungen der materiellen Welt, sondern mit guten zwischenmenschlichen Beziehungen und echten Freundschaften. Studien belegen diese Volksweisheit: Der Aufbau und die Pflege von zwischenmenschlichen Beziehungen ist eine der wirkungsvollsten Strategien für Glück. Sich anderen Menschen nahe zu fühlen, ist eine Voraussetzung, um mit sich selbst im Einklang zu sein.

Doch die Verbindung zum echten inneren Wohlbefinden hängt nicht allein von unserer Verbundenheit mit anderen ab, sondern auch von uns selbst, von unserer inneren Verfasstheit. Im Alltag mögen wir leichtfüßig und geschäftig unseren Interessen nachgehen, im Beruf und im Privaten alles im Lot halten, uns um das Wohl unserer Familie und die Zukunft des Planeten sorgen. Doch trotz unseres Eingebundenseins ins Leben können wir uns tief im Inneren nicht ganz vollständig fühlen.

Vielleicht bemerken wir eine Empfindung von ”Irgendetwas fehlt”. Haben wir mit der Zeit zu viel Aufmerksamkeit auf äußere Geschehnisse gelegt? Hat das Eingebundensein in äußere Dinge uns von unserem inneren Zuhause weggelockt? Es kann viele Gründe für eine innere Mangelempfindung geben.

Zweifellos müssen wir den Herausforderungen des Lebens mit Anteilnahme und einer gewissen Sorgfaltspflicht begegnen. Ganz ohne Sorge zu tragen kommen wir nicht durchs Leben, sonst könnten wir nicht überleben oder anderen beistehen. Aber das bedeutet nicht, dass wir, während wir uns Gedanken über unser alltägliches Leben machen und uns unseren Verantwortungen widmen, die Verbindung zum eigenen natürlichen Wohlgefühl vernachlässigen müssen.

Untersuchungen der Neurowissenschaften zeigen, dass folgende Komponenten das Wohlempfinden aktivieren: Widerstandskraft und Resilienz, die Fähigkeit, sich zu fokussieren sowie Großzügigkeit. Wichtige Charakterzüge, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen und gestärkt werden wollen. Wohlbefinden ist auch eine Kompetenz.

Unser Glück hat seinen Ursprung in Liebe

Eigentlich ist grundlegendes Wohlgefühl ein bereits vorhandener Faktor unseres Innenlebens. Es ist kein Befinden, das wir durch äußeres Bemühen oder positives Denken erst mühsam erschaffen müssten. Es ist uns ureigen. Die Verbindung dazu gibt uns die innere Stärke, die wir brauchen, um ein inspiriertes und inspirierendes Leben zu führen. Dieses grundlegende Wohlbefinden gilt es wiederzuentdecken.

Ohne Anbindung an das uns innewohnende Wohlgefühl empfinden wir ein inneres Vakuum, ein Unausgefülltsein, gepaart mit einem Gefühl des Getrenntseins. Wir fühlen uns abgekoppelt von der Essenz der Liebe. Diese Urempfindung, in der die liebevolle Grundhaltung keimt, wollen wir zurückgewinnen.

Allerdings neigen wir dazu, nicht die Schätze in uns zu entdecken, sondern unsere empfundene Sinnentleertheit mit Ablenkungen und dem Anschaffen von Dingen zu füllen. Die Damen gehen shoppen, die Herren holen sich das Neueste aus der High-Tech-Welt oder bestellen endlich das neue Auto. Doch das gefühlte innere Vakuum mit attraktiven Konsumgütern füllen zu wollen, ist eine Sackgasse mit nur kurzfristigem Erfolg. Es bleibt eine bloße Simulation von echter Erfüllung und das ist letztlich eine Täuschung.

Echtes Wohlgefühl lässt sich nur durch bewusste Verknüpfung mit dem uns eigenen Ursprung der Liebe erfahren. Wenn wir diese Liebe in uns entdecken, sind wir zuhause angekommen. Wir erkennen es daran, dass wir uns vom Innersten her stimmig und in Ordnung fühlen — so wie wir sind.

Zu Anfang unseres Lebens, als Kleinkinder, waren wir noch mit diesem natürlichen Grundgefühl verbunden. Doch mit der Zeit ist es uns irgendwie abhanden gekommen. Diese Verbindung sollten wir wieder aufleben lassen, denn das Herz muss von Zeit zu Zeit wieder Kind sein. Was nicht unbedingt für den Geist gilt. Wird der Geist kindisch, ist alles weniger erfreulich. Der Kopf sollte mit der Zeit erwachsen und idealerweise durch Erkenntnisse einen Grad der Reife und Lebensweisheit erreichen.

Das führt uns zu einem wunderbaren Gefühl, mit dem Leben einverstanden zu sein. Wir können dies ”grundlos glücklich” nennen. Ohne nennenswerte Gründe einfach nur glücklich sein, bedeutet nicht, dass wir arglos und selbstvergessen durchs Leben schweben und vor den Problemen der Welt die Augen verschließen. Wir müssen beunruhigt und besorgt über echte Herausforderungen sein. Das Leben bringt manchmal schwierige Situationen mit sich. Das liegt in seiner Natur.

Gleichzeitig liegt es aber auch in unserer Hand, jederzeit den ungehinderten Zugang zu unserem bestehenden Grundwohlbefinden zu pflegen. Das ist zweifellos die sinnvolle Alternative zu einer obsessiven Neigung zu ängstlicher Besorgtheit.

Tsoknyi Rinpoche

Foto: Hans-Georg Meschede

Foto: Hans-Georg Meschede

Auszug aus dem noch nicht veröffentlichten Buchmanuskript „Heiter und gelassen – in einer ruhelosen Welt?“ von Tsoknyi Rinpoche und Ayshen Delemen.

Tsoknyi Rinpoche ist ein Meditationsmeister des tibetischen Buddhismus und Autor mehrerer Bücher wie „Öffne dein Herz und lausche“, Arkana Verlag 2012.

 

 

 

Beitrag teilen:Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.