Weisheitstraining online – Neuer Durchgang startet im September

Hans-Peter Dürr ist tot

Christof Spitz
Hans-Peter Dürr Ende 2008 |
Christof Spitz

Die Erde verliert einen ihren glühendsten Verehrer

Der Atomphysiker und Friedensaktivist starb am 18. Mai 2014 in München. Birgit Stratmann erinnert sich an einige Begegnungen mit ihm.

Als ich vom Tode Hans-Peter Dürrs hörte, überkam mich ein Gefühl von Trauer und Entmutigung. Ich hatte immer gedacht, solange es Menschen wie ihn gibt, haben wir, hat die Erde noch eine Chance. Denn wie kaum ein anderer Zeitgenosse war der Physiker und Friedensaktivist ein Hoffnungsträger und eine moralische Instanz – jenseits von Dogmen und Ideologien.

Anfang der 90er Jahre begegnete ich ihm zum ersten Mal. Damals arbeitete ich als Texterin bei Greenpeace. Dürr war Vorstandsmitglied von Greenpeace e.V. und eingeladen, vor der Belegschaft einen Vortrag zu halten.

Er sprühte nur so vor Energie und Engagement, war mitreißend und motivierend. Noch heute erinnere ich mich lebhaft daran. Und er war radikal ökologisch: gegen Atomkraft, gegen die Energieverschwendung der Industrienationen, gegen die Ausbeutung der Erde.

Sein Kampf gegen die zivile und militärische Nutzung der Atomkraft war leidenschaftlich und bedeutete zum Teil auch, dass er zu seiner eigenen wissenschaftlichen Zunft auf Distanz ging. Lange Zeit gehörte Dürr zur Crême de la Crême der Atomphysiker. Er war Mitarbeiter von Werner Heisenberg und folgte ihm als Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München. Sein Doktorvater war Edward Teller, der an der Entwicklung der Wasserstoffbombe mitgearbeitet hatte.

Schon früh wurde Dürr bewusst, dass Wissenschaft nicht im Ethik-freien Raum stattfindet. Das, was Wissenschaftler im Experiment erforschen und entdecken, wird fast immer genutzt. Sie haben also eine Mit-Verantwortung für das, was aus ihren Forschungsergebnissen gemacht wird.

Die Erde verkraftet unseren Überkonsum nicht

Ende 2008 hatte ich das große Glück, ein Interview mit dem Atomphysiker zu führen, das dann, zusammen mit anderen Texten von ihm, als Buch veröffentlicht wurde (Geist, Kosmos und Physik, Crotona Verlag, Amerang 2010). Es war eine der bewegendsten Begegnungen in meiner journalistischen Arbeit.

Schon als mein Kollege und ich ihn aus seinem Hotel abholten, wetterte er gegen die Atomkraft, diese gefährlichste aller Technologien. Wir in Europa müssten zurück zu einem Lebensstandard der 70er Jahre, sagte er mahnend. Unseren Energieverbrauch könne die Erde auf Dauer nicht verkraften.

Ich hatte mein Aufnahmegerät noch gar nicht eingeschaltet, und wir waren schon mitten im Thema. Mich faszinierte sein klarer wissenschaftlicher Geist, seine tiefe Menschlichkeit und sein starkes Engagement für das Leben.

Viele seiner Sätze sind mir heute noch im Gedächtnis. „Wer nicht kooperiert, fliegt raus aus der Evolution“, ist so ein Schlüsselsatz. Er war überzeugt, dass nur diejenigen Arten überleben würden, die nicht auf Kosten anderer lebten, wie der Mensch es heute tut.

„Es gibt keine Materie“

Dürr bezeichnete sich selbst oft als „Grenzgänger“. Mit den Jahren hatte er sich mehr und mehr zum Philosophen entwickelt und war ein scharfer Kritiker des westlichen Materialismus geworden. Erkenntnistheoretische Fragen beschäftigten ihn – die Folge seiner tiefen Kenntnis der Quantenphysik.

Ein Satz von ihm, der mir sofort einfällt, wenn ich an ihn denke: „Es gibt keine Materie, wie wir sie uns vorstellen.“ Das Dumme sei, dass wir mit unserem Denken noch im 19. Jahrhundert verhaftet seien. Die revolutionären Einsichten der Quantenphysik hätten das Alltagsbewusstein noch gar nicht erreicht.

Bei der Suche nach dem, was Materie ausmacht, komme eine Welt zum Vorschein, die vom Geist miterschaffen sei. Als das Mikro ausgeschaltet war, meinte er dazu lachend: „Meine Frau sagt immer: Hans-Peter, du erzählst mir dauernd, dass Materie nicht existiert. Ich rackere mich im Haushalt ab und habe von morgens früh bis abends spät mit Materie zu tun. Wie passt das zusammen?“

Dem Leben auf der Erde verpflichtet

Was ihn auszeichnete, waren sein großer Mut, bekanntes Terrain zu verlassen und sich für neue Einsichten zu öffnen, und seine Menschlichkeit. Obwohl er sicher zu den klügsten Köpfe unserer Zeit gehörte, war er bescheiden und voller Wärme und Güte. Was man nicht verstand, erklärte er bereitwillig auch ein zweites Mal. Er konnte und mochte gern mit Menschen sprechen, die nicht zu seinem Kreis gehörten – auch das ist bezeichnend.

Als aus unserem Gespräch ein Buch entstehen sollte, rief Dürr mich einige Male an, um Verschiedenes zu besprechen. Das erste Mal stockte mir der Atem, als ich seine Stimme am Telefon hörte. Doch ehe ich noch Worte finden konnte, sprudelte es aus ihm heraus, und er erzählte mir von seinen neuen Ideen und Plänen. Dass er häufiger nach China reise, zum Beispiel. Und dafür von einigen kritisiert werde wegen der Menschenrechtsverletzungen der chinesischen Regierung.

Aber Dürr verband mit China eine Vision: die Vision einer neuen Supermacht, die nicht im westlichen, sondern im asiatischen Denken beheimatet ist. Und in dieser Kultur sah er das Potenzial, die Zerstörung der Erde aufzuhalten. An diesem Punkt klang es fast so, als ob er nur noch diesen einen Ausweg sähe.

Bis zu seinem letzten Tag ging sein ganzes Streben dahin, dem Leben zu dienen, das sich auf unserer Erde in solch faszinierender Vielfalt entwickelt hat. Mit Hans-Peter Dürr ist ein großer Mensch gegangen. Mögen sein kreatives Denken und seine bedingungslose Liebe zum Leben in uns weiterleben.

Birgit Stratmann

duerr-IMG_2474-cs-web

Lesen Sie den ausführlichen Nachruf seines Global Challenges Network – auf der Seite gibt es weitere Informationen über ihn:

http://www.gcn.de/hpd_nachruf.html

 

 

 

Auswahl seiner Bücher:

Hans-Peter Dürr. Geist, Kosmos und Physik. Crotona Verlag 2010

Hans-Peter Dürr. Warum es ums Ganze geht. Neues Denken für eine Welt im Umbruch. oekom Verlag 2010

Hans-Peter Dürr (Hrsg.). Physik und Transzendenz: Die großen Physiker unserer Zeit über ihre Begegnung mit dem Wunderbaren. Driediger Verlag 2010

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
5 Kommentare
Inline Feedbacks
Alle Kommentare

Habe sei ca. Jahren die Video-Beiträge im Internet von Zeit zu Zeit mit großer Aufmerksam gesehen. Heute sah ich ein Video von 2011, da war er wohl 82. Da wollte ich wissen was H.-P. Dürr wohl heute macht und stieß auf die Todesmeldung in 2014. Betroffen und traurig mußte ich lesen, was für mich unerwartet war.
Ein faszinierender Denker kehrt zurück in den Ozean des Geistes!

einfach DANKE und ALLES GUTE…

Seine Ideen, die Wirklichkeit durch modellhafte Beispiele aus unseren praktischen Erfahrungen nahezubringen, haben mich überzeugt. Aber was würde den kommenden Generationen und uns diese Faszination, diese geniale Philosophie, nützen, wenn sie nur in Büchern stehen würde. Seine leidenschaftliche Präsenz für unseren Planeten macht ihn unantastbar, auch für diejenigen, die ihn noch nicht verstanden haben. Er ist nicht tot. Ich hoffe, seine Videoaufzeichnungen im Internet werden ihn immer lebendiger werden lassen.

Ein fantastischer Mann, unsere Welt braucht solche Denker wie Hans Peter Dürr.
Gott segne seine Seele

Ich bin ein römisch katholischer Christ. Es hat mich sehr gefreut, als Hans Peter Dürr in Interviews immer wieder betont hat, dass es nichts unschöpferisches gibt. Für mich als ehemal. Maschinenzeicher der ein Leben lang die Konstruktionen der Maschineningenjeure gezeichnet hat, sofort klar, dass das stimmt! ALLES AUF DIESER WELT IST EINE BERECHNETE KONSTRUKTION! Nehmen sie eine Blume in die Hand. Haben sie die gemacht? NEIN! Wer hat sie denn gemacht? KEIN MENSCH HAT SIE GEMACHT! Diese Art der Konstruktion =Berechnung der Blume gegen Sturm und Wind hat KEIN MENSCH GEMACHT! Und so habe ich dies in jungen Jahren erkannt. (Ich bin jetzt 72!) Mein Chef fragte mich nämlich einmal, er als Maschinenjngenieur; “Was denkst du was die Welt ist? Ich sagte; Eine riesengrosse und bis ins kleinste Detail berechnete Konstruktion! Der Chef als Atheist sagte nicht nein, aber er sagte; Ich habe nur grosse Mühe zu begreifen, dass das ein einziges sehr weises Wesen sein soll! Bei uns Menschen konstruieren doch ganz komlizierte Konstruktionen MEHRERE MASCHINENJNGENIEURE daran! Ich sagte zu ihm; Ich kann Ihnen nur aus der Bibel von Christus die Antwort geben; GOTT IST EBEN GOTT UND DER MENSCH IST MENSCH UND KEIN GOTT! BEI MEINEM VATER IST ALLES MÖGLICH, WAS BEIM MENSCHEN NICHT MÖGLICH IST! Sagt Christus. (Zum Beispiel die Auferstehung! Unmöglich für uns Menschen!) Auf diese Antwort von Christus muss man jetzt die Frage stellen; Wer hat MICH DENN GEMACHT UND MIR LEBENDIGES LEBEN GEGEBEN? KEIN MENSCH HAT DIE MACHT LEBENDIGES LEBEN JEMANDEM ZU GEBEN! Dann müsste der Mensch MACHT darüber haben. Hat er aber nicht. Sonst könnte der Mensch wie Christus durch den heiligen Geist JEDE KRANKHEIT HEILEN! Und genau das kann KEIN ARZT, KEIN PROF Dr. Dr! Denken sie jetzt bitte selber weiter. Ich habe auch ein halbes Leben darüber nachdenken müssen. Schauen sie im Internet Interviews mit bekannten Wissenschaftlern, dann lernen sie was. Aber ECHTE, wie Karl F. von Weizsäcker, seinen Bruder Richard von Weizsäcker, Hans Peter Dürr, Physiker, bekannte Hirnforscher wie Dr. Ulrich Warnke ect. Klar ist das ein bisschen hoch gegriffen, da habe ich mir das dreimal angehört und am nächsten Tag wieder. Dann Pause ein Tag und wieder 3-mal, bis ichs langsam begriffen habe. Ende.

Aktuelle Termine

Online Abende

rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos

Auch interessant

Foto: Christof Spitz

Versöhnung mit der Endlichkeit

Wandel wirklich bewusst akzeptieren Wir sind gut darin, die Veränderlichkeit des Lebens zu übergehen. Doch das Offensichtliche zu leugnen kann Leiden nicht vermeiden. Der Philosoph Ludger Pfeil lädt dazu ein, sich der Endlichkeit mutig zu öffnen und sie umarmend ins Bewusstsein zu nehmen. So könne man flüchtige Momente des Lebens erkennen, schätzen und ergreifen.
Jeremy Bishop/ Unsplash

Was ist eigentlich Gelassenheit?

Der Weg der Antike zur seelischen Gesundheit Gelassenheit steht in diesen unruhigen Zeiten hoch im Kurs. Sie ist nach der antiken Philosophie die Voraussetzung für ein gutes Leben. Ines Eckermann erklärt, was Gelassenheit bedeutet und mit welchen Methoden man in unsicheren Zeiten gelassen und innerlich ruhig bleiben kann.

Newsletter abonnieren

Sie erhalten Anregungen für die innere Entwicklung und gesellschaftliches Engagement. Wir informieren Sie auch über Veranstaltungen des Netzwerkes Ethik heute. Ca. 1 bis 2 Mal pro Monat.

Neueste Artikel

Lia Bekyan/ Unsplash

Emanzipation: Männlichkeit anders gestalten

Interview über progessive Männerbilder Der Fall Jeffrey Epstein zeigt besonders drastisch, wie mächtig patriarchale Netzwerke sind und dass sexualisierte Gewalt und Ausbeutung Teil dieser Männerkultur sind. Der Psychologe Markus Theunert ist überzeugt: Mannsein kann und sollte anders gestaltet werden. Es sei ein Akt der Emanzipation, wenn Männer eigene Wege suchen, statt gesellschaftlichen Männlichkeitsidealen zu entsprechen.
Getty Images/ Unsplash

Der Körper als sicherer Ort

Achtsame Bewegung bei Ängsten und depressivem Erleben Achtsame Bewegung durchbricht Grübelspiralen, Ängste und Sorgen. Das zeigt die Embodiment-Forschung, die die Rolle des Körpers für den Geist betont. Ulrike Juchmann, erklärt, wie die Wahrnehmung des Körpers ins unmittelbare Erleben führt. Schon durch kleine Bewegungen können wir den Geist entlasten.
Cover Sind Flüsse Lebewesen

„Flüsse fließen durch mich hindurch“

Ein großartiges Leseerlebnis Robert Macfarlane ist einer der bekanntesten Naturschriftsteller. Auch sein neuestes Buch bringt uns mit anmutiger Prosa zum Staunen. Es berichtet von Reisen zu drei großen Flüssen zu Fuß und im Kanu – mit all den Abenteuern, der Faszination und Zerstörung. Und der Botschaft: Wir müssen das Lebendige schützen, von dem wir Menschen nur ein Teil sind.
Foto: privat

Mehr Gelassenheit – nach der Stoa

Vortrag von Cornelia Mooslechner-Brüll Wie können wir mehr Gelassenheit kultivieren? Die Philosophin Mooslechner-Brüll empfiehlt in Anlehnung an die Stoa, unsere Urteile über die Dinge zu ändern. Das schenkt mehr innere Freiheit.