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Heilige Augenblicke

Johannes Plenio/ Shutterstock
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Still werden in Krisenzeiten

Krisen und Übergänge wie Geburt und Tod sind oft schwere Zeiten. Was können wir für unser Leben aus der Begegnung mit Sterbenden lernen? Steve Heitzer sieht Krisenzeiten auch als Chance, still zu werden, innezuhalten und zu schauen, was wirklich wichtig ist.

Meine Frau saß viele Stunden am Bett ihres sterbenden Vaters. Keiner mochte ihn mehr allein lassen, auch wenn niemand wusste, ob sein Übergang noch Stunden, Tage oder Wochen dauern sollte.

Die Stimmung in diesen Tagen erinnert mich an die Geburten unserer Kinder, wenn auch natürlich unter anderen Vorzeichen. Ein Warten, ein Hoffen und Bangen. Eine Ausnahmesituation: Alle sind auf eine Weise betroffen, alarmiert, aufgewühlt.

Zugleich lässt sich kaum etwas planen und noch weniger tun. Das übliche Programm, Erledigungen und Termine sind nicht mehr dringlich. Es wird stiller. Und wie in dieser geheimnisvollen Transformation, die wir Geburt nennen, geht es auch hier viel mehr um ein Lassen als um ein Tun.

Auch die persönlichen Krisen sehen viele als Übergang und mögliche Transformation. Vielleicht können wir etwas lernen aus der Begleitung eines Sterbenden?

Was tun, wenn man nichts mehr tun kann?

Wenn Menschen sterben, tun sich viele schwer, noch einen Besuch zu machen. Sie wissen nicht damit umzugehen. Sie wissen nicht, was sie tun, was sie sagen sollen. Neben der Ohnmacht und Hilflosigkeit ist es auch die Konfrontation mit der (eigenen) Sterblichkeit, die verunsichert.

Ganz ähnlich verhalten sich Menschen in Krisen. Wir verdrängen, wir schauen lieber nicht zu genau hin, wir wissen nicht mehr, was tun. Und so laufen wir Gefahr, einfach weiter zu machen wie bisher, auch wenn es eine radikale Kehrtwende bräuchte. Vielleicht gilt das sogar auf einer größeren Ebene.

In der schweren Zeit des Abschiednehmens am Sterbebett zeigt sich, was wesentlich ist, nicht nur für diese letzten Stunden und Tage, sondern für das Leben überhaupt. Natürlich kann noch vieles getan werden, solange der sterbende Mensch noch Nahrung aufnimmt und körperliche Pflege braucht.

Und wir können etwas für sein Herz und seine Seele tun und die Beziehung pflegen: Meine Frau sang ihrem Vater einfache Melodien, langsam. Lieder, die er selbst noch bis vor Kurzem gern mitsang, als er kaum noch sprechen konnte. Und Lieder aus seinen über 80 Jahren Leben.

Franz von Assisi und der Bruder Tod

Als ich ein paar Tage vor seinem Tod dabei sein durfte, stimmte ich leise mit ein. „Schon ein kleines Lied kann viel Dunkelheit erhellen“, steht auf einer Postkarte auf seinem Tischlein. Das Bild eines Rotkehlchen mit diesem Satz von Franz von Assisi, der den berühmten Sonnengesang hinterlassen hat, in dem er neben den Geschöpfen auch den Tod als Bruder ansprach.

Wie sollte es hier, beim Sterben anders sein als beim Geborenwerden? Wie sollten wir, die wir aus einem Geheimnis kommen, nicht dorthin zurückkehren? Vielleicht ist unser brüchiges zartes Lied wie ein Bote zwischen hier und dort.

Was können wir noch tun? An dieser Nahtstelle des Sterbens ist es vielleicht nicht mehr entscheidend, was wir tun können, sondern wie wir da sein können. Wenn wir zu einem Menschen sprechen, der nicht mehr sprechen kann, können wir langsam werden, dem Menschen die Möglichkeit geben zu reagieren – wie unscheinbar auch immer.

Als meine Frau ihrem Vater erzählte, wer gerade in seiner Nähe ist, und wer aus der Ferne an ihn denken würde und ihm versichert, dass sie ihn alle liebhaben würden, kehrt plötzlich Leben in sein Gesicht. Dann wird er plötzlich unruhig und macht den Eindruck, als wollte er auch etwas sagen.

Meine Frau meint zu verstehen, was er sagen will: „Und du hast sie auch alle lieb, stimmt‘s Papa?“ Sein Gesicht leuchtet auf, es ist wie ein Lachen, und er haucht sein Ja aus diesem großen Mund mit den letzten schiefen Zähnen, ein dringliches „Ja“, und zugleich ein Ja der Erleichterung: Das musste noch gesagt werden.

Den Menschen und dem Leben die Möglichkeit geben, etwas zu sagen – auch das braucht es in der Krise. Aktionismus verstrickt uns womöglich noch mehr: Wir ziehen an einem Knäuel und zurren die Knoten noch fester, anstatt behutsam welche zu lösen.

Sanftheit und Loslassen, Schauen, Hören, Empfangen – sind das nicht die Kräfte, die wir jetzt in unserem Leben brauchen? Und Zwischenräume, in denen wir unsere Liebe zum Ausdruck bringen können: Zwischenräume der Zuneigung, heilige Augenblicke.

Weisheit und Stille

In Krisenzeiten können wir fragen: Was ist wesentlich, was brauchen wir wirklich? Eckhart Tolle schrieb in seinem Buch „Stille spricht“ : „Werden mehr Informationen, schnellere Computer oder weitere wissenschaftliche und intellektuelle Analysen die Welt retten? Ist es nicht Weisheit, was die Menschheit in dieser Zeit am dringendsten braucht? Aber was ist Weisheit, und wo ist sie zu finden?“ Und seine Antwort: „Weisheit stellt sich mit der Fähigkeit ein, still zu sein.“

Ja, wir brauchen Wissen und Wissenschaft, Denken und Analyse, um uns zu orientieren. Aber Wissenschaft ohne Verantwortung hat die ganze Welt in Sackgassen geführt. Wissen ohne Bewusstheit und Weisheit hat nicht die Kraft, die notwendigen Veränderungen unserer Lebensweise einzuleiten.

Weisheit bedeutet hier die Fähigkeit, innezuhalten, still zu sein. Sie lässt sich kultivieren. Mit ihr wächst der innere Schutz-Raum, um uns von den Krisen nicht psychisch überwältigen zu lassen. Sie lässt auch Gelassenheit wachsen, Abstand gewinnen von den eigenen Gedanken und Ängsten sowie von zerstörerischen äußeren Einflüssen, von Agitation, Hetze und Manipulation.

Weisheit hilft, die Welt nicht nur mit dem Kopf wahrzunehmen, sondern mit unserem ganzen Sein und in einer Verbindung mit dem großen Ganzen, das uns weit übersteigt. Das ist die Fähigkeit zur Stille.

„Schaue und höre einfach. Mehr ist nicht nötig. Still zu sein, zu schauen und zu hören aktiviert die intuitive Intelligenz in dir. Lass dich in Wort und Tat von Stille leiten.“

So nähern wir uns der Weisheit. Und der Stille? Es sind die Wege von Achtsamkeit, Meditation und kontemplativem Gebet, mit denen wir Stille einüben können. Diese Weisheit ist vielleicht so etwas wie die Tiefenströmung der spirituellen Traditionen, und sie verbindet die Religionen und Kulturen.

Auf welche Weise auch immer Menschen in die Tiefe gehen und die Stille aufspüren – ob in Meditation, Yoga, Achtsamkeitspraxis, kontemplativen Gebet oder auf viele andere Weisen – diese Weisheit, still zu werden und uns „in Wort und Tat von dieser Stille leiten zu lassen“, dürfte das sein, was wir derzeit vielleicht am dringendsten brauchen, um in dem krisenhaften Übergang nicht unterzugehen.

Eine Geschichte zum Schluss:

Ein alter Mann konnte stundenlang still in der Kirche sitzen. Nachdem er ihn immer wieder dort sitzen saß, sprach ihn der Priester an: „Was hast du denn dem Herrgott alles zu sagen, Väterchen?“

„Ich spreche nicht, ich höre nur zu“, sagte der alte Mann.

Nach einer kleinen Weile der überraschte Priester: „Und was hat dir der Herrgott alles zu sagen?“

„Er spricht auch nicht, er hört nur zu.“

Alle Zitate aus: Eckhart Tolle, Stille spricht. Wahres Sein berühren. Arkana 2003

 

Foto: privat

Steve Heitzer ist Achtsamkeitslehrer, Seminar- und Retreatleiter und lebt in Österreich. Neben Achtsamkeit und Pädagogik ist einer seiner Schwerpunkte die interspirituelle Begegnung von moderner Achtsamkeitspraxis, zeitgenössischer Weisheitslehre und der Botschaft Jesu. Zu seiner Website

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