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Im Schreiben sich selbst begegnen

Greycoast/ Photocase
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Interview mit der Schriftstellerin Liane Dirks

In der Biografiearbeit erzählen Menschen Geschichten über sich selbst. Die Schriftstellerin Liane Dirks hat einen neuen Ansatz entwickelt. Dabei steht beim Schreiben und Erzählen das Wir im Mittelpunkt. Ein Gespräch über verschüttete Erfahrungen und verwobenes Leben.

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Woher kam für Sie der Impuls, sich intensiver mit der Biografie des Menschen zu beschäftigen?

Dirks: Ich habe schon in meinen Romanen autobiografisch und biografisch gearbeitet, zum Beispiel in dem Roman „Krystyna“ über meine mütterliche Freundin, die eine Auschwitzüberlebende war. Dabei erfuhr ich, wie kostbar es ist, solche Leben erzählend zu bewahren und weiterzugeben.

Biografien enthalten den Erfahrungsschatz der Menschheit, unsere Erkenntnisse, unsere Irrtümer. Erzählend wurden wir zu Menschen, für mich ist das der heilige Kreis: Wir sitzen am Feuer und tauschen aus was wir erlebt haben, suchen Sprache und Ausdruck dafür.

Beim literarischen Schreiben habe ich immer wieder Folgendes erfahren: Sobald ich mit einer Haltung der Offenheit herangehe, kommt etwas Drittes hinzu, das klüger ist als ich. Schreiben ist ein Akt der Begegnung, es kommt etwas auf dich zu und du gehst in eine Korrespondenz.

Mein erster Roman war „Die liebe Angst“, das erste literarische Buch über sexuellen Missbrauch in Deutschland. Der Roman hat die Menschen angerührt, auch wenn sie dieses Thema zum Glück nicht erlebt hatten. Sie konnten mit dem Kind in Kontakt gehen, weil keinerlei Wertung darin war und auch keine Erklärungen. Der Vater wurde nicht verurteilt, es wurde vielmehr nur erzählt. Das eröffnet einen Resonanzraum.

Wie arbeiten Sie mit dem biografischen Schreiben in Ihren Seminaren?

Dirks: Der Leitsatz bei meinen Schreibimpulsen lautet: „Erster Gedanke, bester Gedanke“. Ich sage den Teilnehmenden: „Nimm den ersten Impuls, auch wenn dein erster Gedanke ist, ‚Was will sie jetzt von mir?‘.“ Das kann man hinschreiben und sich führen lassen. Wenn ein Text so beginnt, wird er garantiert interessant.

Mein Ansatz ist also nicht, einfach die Geschichte von der Geburt bis jetzt aufzuschreiben. Mir geht es um die tieferen Ströme in der Biografie, um Fragen wie: „Wovon hast du geträumt? Wer hat dich gefördert? Was hat dich gehindert? Wo hast du geirrt? Wo hast du gelernt? Stell dir vor, da sitzt ein junger Mensch vor dir, welche Kostbarkeiten willst du ihm mitgeben?“

Wichtig ist mir, wie sich diese persönliche Geschichte in die Entfaltung der Menschheitsgeschichte einbettet. Biografiearbeit ist für mich eine Bewusstseinsreise.

“Mit unseren Geschichten arbeiten wir am kollektiven Bewusstseinsfeld der Menschheit.”

Ihnen ist also wichtig, die eigene Biografie am größeren Menschheitskontext auszurichten. Warum?

Dirks: Ich kann meine Biografie eingebettet in der sich fortsetzenden Menschwerdung sehen. Dann erlebe ich mich darin geborgen und aufgehoben. So kann ich auch erkennen, dass ich eine Art Stellvertreterfunktion habe. Schaue ich mir als Deutsche die intergenerationalen Folgen des Krieges an, führt das, was ich dabei ins Bewusstsein hebe, nicht nur bei mir zu einer Veränderung. Es befreit Felder. Alles, was man ins Bewusstsein hebt, verändert das Bewusstsein der Welt.

Eines Ihrer Anliegen ist es, das einzigartige Potenzial oder die Gabe des Menschen freizulegen. Wie gestaltet sich dieser Aspekt Ihrer Arbeit?

Dirks: Es ist mir sehr wichtig, diesen Begriff, die „einzigartige Gabe“, viel breiter zu sehen. Die pure Existenz ist schon die Gabe. Es kann einen unter hohen Druck setzen, wenn man nicht weiß, was die eigene Gabe ist. „Ich geh ins Büro, habe zwei Kinder. Was ist meine Gabe? Ich kann Rasenmähen und gut kochen. …“

Wir müssen uns nicht so unter Druck setzen, sondern können würdigen, dass das bewusste Leben die Gabe ist. Und wir können unser Leben zunehmend mit Bewusstheit durchdringen. Es kann durchaus sein, dass wir dann dieses Eine finden, was wir vielleicht etwas stärker verkörpern.

Das Schöne an der Biografie ist ja, dass jeder eine hat. Jede Biografie ist ein innerer Bedeutungsprozess, ein sinnhafter Kontext, der jedem mitgegeben ist. Dann ist natürlich die Frage, wie bewusst ich mir dessen bin.

Dirks: In der Bewusstwerdung weitet sich der Raum, in dem ich meine Biografie sehe. Denn ich bin nicht meine Geschichte, ich habe eine Geschichte. So entsteht Weite und zugleich ein Gefühl für die Essenz. Auf diese Weise kann man gleichzeitig die Leere und die Fülle, das Sein und das Nichtsein in der eigenen Geschichte sehen: Ich habe eine Geschichte und ich bin viel mehr als meine Geschichte.

“Wir können Abgründe und Schönheiten in der eigenen Biografie entdecken”

Der Umgang mit der Biografie kann also ein transformatorischer oder spiritueller Prozess sein, der einen so weitet, dass man über das Biografische hinausgeht.

Dirks: Sehe ich meinen eigenen Lebensprozess als Teil eines größeren menschlichen Schöpfungsprozesses, wird klar, dass wirklich nichts getrennt zu verstehen ist. So lässt sich leichter Mitgefühl entwickeln, wie ich es zum Beispiel meinem Vater gegenüber erlebt habe.

Die Schriftstellerin Liane Dirks, Foto: Bettina Fürst-Fastré

Er hat mir und anderen Kindern viel Leid angetan. Er kam dafür ins Gefängnis. In meinem Buch „Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“ wollte ich seine Geschichte tiefer verstehen. Mir war klar, auch er kam als ein Kind auf die Welt, das weiter nichts wollte als glücklich werden.

Was ist geschehen? Wenn ich mir diese Figur biografisch anschaue, dann entsteht kein Mitleid, sondern dieses haarscharfe Mitgefühl, das klar Nein sagt zu den Schandtaten, die er begangen hat. Aber gleichzeitig kannst du auch in solch einem Leben bis zu einem ursprünglichen Leuchten durchdringen. Das tut ein bisschen weh, weil du diesen Menschen dann nicht mehr komplett ablehnen kannst. Jedoch genauso legst du die Opferrolle ab.

Das Leben zu lieben, bedeutet, die Welt halten zu können. Diesen unglaublichen Wahnsinn aushalten zu können, zu dem Menschen in jeder Hinsicht fähig sind. Diese Fähigkeit wächst, wenn du dir in deiner Biografie erlaubst, in dir und in denen, die um dich sind, die Abgründe ebenso wie die Schönheiten zu entdecken.

Sich auf diese Weise mit der eigenen Biografie zu beschäftigen, ist also auch eine Heilungsarbeit.

Dirks: Absolut. Es ist eine Heilungsarbeit, in der es auch um Versöhnung und Vergeben geht. Es gibt diese Geschichte von Krystyna, die mich sehr berührt hat. Lange nach dem Krieg kam ein ehemaliger SS-Mann auf sie zu, der sich bei ihr entschuldigen wollte. Sie sagte: „Nein. Das geht nicht. Aber was geht: Ich erzähle meine Geschichte und Sie erzählen ihre. Das verändert die Welt.“

Bei mir in der Ausbildung sind einige Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Ihnen habe ich geraten, bei Gesprächen mit den Geflüchteten zunächst nach dem Schönen zu fragen: „Was hat dir Kraft gegeben zuhause?“ Dann erzählen sie vom Granatapfelbaum der Oma in Syrien. So wird ihr Atem befreit und sie können auch vom Schweren berichten.

“Wir können unser Leben mit Bewusstheit durchdringen”

In verschiedenen Zusammenhängen wie dem Unverständnis gegenüber den Menschen im Osten Deutschlands oder bei den Corona-Debatten dachte ich mir, wir müssen uns eigentlich viel mehr unsere Geschichten erzählen, und nicht nur über Argumente und Meinungen sprechen.

Dirks: Ich hatte in der letzten Ausbildungsgruppe eine Frau, die in der DDR groß geworden ist. Sie ist zu den Menschen gefahren und hat ihnen einfache Fragen gestellt: Was hat dich gefördert in der DDR? Was war schwierig? Was möchtest du bewahren? Was möchtest du nie erlebt haben?

Sie sagte, die Menschen waren so berührt, dass jemand sie fragt und auch die kleinen Geschichten hören will. Menschen wollen gesehen werden. Wenn dies nicht geschieht, so können wir es in der Biografiearbeit nachholen. Das einfache Anhören und Zuhören kann so viel bewirken.

Wenn Menschen in den Seminaren solche Geschichten miteinander teilen, was entsteht dann in der Gruppe?

Dirks: Zunächst einmal Trost und das Gefühl: Ich bin nicht allein. Im Seminar erfahren die Menschen: Da sitzt noch jemand, der es auch schwer hatte, der irrte oder eine, die gerade nicht weiterweiß. Dadurch wird das Gefühl von Verbindung wach.

Erzählt jemand seine Geschichte, so spricht er oder sie auch für mich. Das kommt einer Befreiung gleich und nicht selten einem Aufbruch ins Neue. In den Gruppen kommt eine Freude untereinander auf, Leichtigkeit stellt sich wieder ein, oft sogar Glück. Wenn man die Menschen fragt, wann sie wirklich glücklich waren und sie es dann aufschreiben und vorlesen, weinen sie oft. Das sind wunderbare Momente. Das uns widerfahrene Leid ziehen wir oft wie ein Kleid an, halten es für unsere Identität. Glück aber sprengt selbige.

Vor kurzem war in einem meiner Seminare ein alter Herr. Die Schreibaufgabe lautete „Der Duft der Kindheit“. Der alte Herr erinnerte sich an keinen Geruch, er habe nur Leid erlebt in seiner Kindheit, es sei schließlich Krieg gewesen.

Plötzlich aber kam ihm eine Wiese in den Sinn und dass er barfuß gelaufen war. Und dann fiel ihm ein, wie es gerochen hat, er schrieb es auf, und während er vorlas, begann er zu weinen, so heftig, dass er beim Lesen vom Stuhl rutschte.

Er war erschüttert, weil er wieder Zugang zu etwas hatte, was er verloren glaubte. Es war genau das, was ihn die Schrecken der Kindheit überleben ließ. Wenn wir uns auf eine solche Weise unsere Geschichte vergegenwärtigen, kommen wir der Essenz unseres Lebens näher. Und das ist ein großes Glück, auch wenn vieles im Leben schwer war. Ein Glück, das zu teilen sich lohnt, immer.

Liane Dirks ist Autorin, Dozentin, sie prägte mit ihren Romanen Debatten zum Thema Klimawandel, Missbrauch, Aufarbeitung des Holocaust. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Sie ist Gründerin der Life-Script®-Methode und der Weiterbildung „Sein und Werden“. Ihr Herzensanliegen: Am neuen Narrativ des Menschseins zu arbeiten und dabei Spiritualität und Kreativität zu verbinden. Zuletzt erschien von ihr „SEIN & WERDEN, Schätze und Chancen unserer Biografie neu erkennen“, Kösel Verlag 2022. www. liane-dirks.de

Warchi | iStock

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