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Leuchtender Alltag

Foto: MASTER_MIND
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Über den Film „Perfect Days“ von Wim Wenders“

Hirayama, ein Toilettenreiniger in Tokio, führt sein Leben in Einfachheit, Gleichförmigkeit und tiefer Zufriedenheit. Der Film begleitet ihn in seinem unspektakulären Alltag. Der Zauber der Achtsamkeit überträgt sich auf den Zuschauer, sagt Mike Kauschke, der über den Film berichtet. Kinostart: 21. Dezember 2023

Das Sonnenlicht fällt durch die Blätter eines Baumes, die sich sanft im Wind bewegen, ein leuchtender Tanz, der auf einer Häuserwand, auf dem Boden flirrende Schattenspiel wirft. Für diesen zeitlosen Moment aufschimmernder Schönheit und das achtsame Gewahrsein, das ihn bemerkt, gibt es im Japanischen ein Wort: Komorebi – Licht, das durch Blätter fällt.

Der Regisseur Wim Wenders versucht in seinem neuen Spielfilm „Perfect Days“ diese Empfindung der leuchtenden Schönheit im ganz Alltäglichen spürbar werden zu lassen.

Im Zentrum steht dabei einer der banalsten Orte, die man sich vorstellen kann: Öffentliche Toiletten. Aus denen hat man in Tokio ganz besondere Gebäude gemacht, indem man an verschiedenen Plätzen der Stadt von Stardesignern entworfene WCs erbaut hat: filigran geschwungen in japanischen Tempel-Stil, mit Holzbau, der Natürlichkeit vermittelt, farbigen Glaswänden, in denen sich ein umgebender Park spiegelt.

Mit diesen Toiletten fing das Filmprojekt an, als man Wenders fragte, ob er dokumentarische Kurzfilme über diese besonderen stillen Örtchen drehen wolle. Ihn reizte die Idee und er fuhr nach Tokio, um sich die Toiletten anzuschauen.

Dabei bemerkte er einen anderen Umgang mit gesellschaftlichem Allgemeinbesitz als in seinem Wohnort Berlin. Die Menschen sorgten für die Sauberkeit öffentlicher Plätze und Parks. Er erfuhr von Führungskräften großer Unternehmen, die vor allen anderen zur Arbeit kamen, um die Toiletten zu putzen, und so den Respekt ihrer Mitarbeitenden erhielten.

„Das ist keine ‚minderwertige‘ Arbeit, sondern vielmehr eine spirituelle Haltung, eine Geste der Gleichheit und Bescheidenheit“, reflektiert Wenders. Diese Erfahrungen beeinflussten seine Filmidee.

Mit einem Lächeln den Tag begrüßen

Bei vielen Filmen von Wim Wenders entstehen aus bestimmten Orten die Geschichten – und so war es auch hier. Er fand, dass eine filmisch erzählte Handlung die Designer-Toiletten besser in Szene setzen würde. Darin wollte er zudem den Sinn für Gemeinwohl vermitteln, den er in Japan und speziell beim Reinigungspersonal der WCs erlebt hatte.

Im Mittelpunkt seines Filmes steht die Reinigungskraft Hirayama, ein Mann Ende 50, beeindruckend gespielt von Koji Yakusho, der in Japan ein Star ist. Jeden Morgen wird er vom Geräusch des Besens geweckt, mit dem eine alte Frau die Straße fegt.

Er steht dann auf, wirft noch einen Blick in das Buch, in dem er am Abend gelesen hatte, wässert seine Pflänzchen. Er zieht seine Arbeitskleidung an, nimmt seine Utensilien, geht aus der Tür seines kleinen Apartments auf einem Hinterhof und blickt hinauf in den Himmel. Oft mit einem Lächeln begrüßt er den Tag. In diesem Blick liegt ein Leuchten.

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Mit Sorgfalt und Hingabe

Wir begleiten Hirayama in seinem Alltag, in dem er immer wieder diese achtsamen Momente findet. Wenn er beim Toilettenputzen pausieren muss, weil jemand den stillen Ort benutzt, lehnt er an der Wand und schaut in die leuchtenden Blätter eines Baumes.

Oder in seiner Mittagspause, wenn er mit einer kleinen Kamera das Blätterleuchten fotografiert, einer jungen Frau zunickt, die auf der Nebenbank sitzt, einen Obdachlosen grüßt, der im Park gedankenverloren tanzt. Wenn er mit jemand Unbekanntem über einen Zettel kommuniziert, der in einer Toilettennische steckt.

Aber auch wenn Hirayama die Toiletten putzt, spürt man seine Sorgfalt und Hingabe. Es ist schon merkwürdig, dass einem diese längeren Passagen des Putzens, in denen wir einige der architektonisch ausgefeilten Toiletten kennenlernen, beim Anschauen nicht langweilig werden. Der Film stellt damit eine Tätigkeit in den Mittelpunkt, die sonst im Verborgenen abläuft und die wir für selbstverständlich halten und gleichzeitig geringschätzen.

In gewissem Sinn geschieht nicht viel in diesem Film. Wir begleiten Hirayama über mehrere Tage, wenn er in seinem Auto Musikkassetten aus den 1980ern hört, Bücher liest, kleine Pflanzenzöglinge umsorgt, nach der Arbeit ins Badehaus und dann Essen geht, von seinem jungen Mitarbeiter Takashi um einen Gefallen gebeten wird und dessen Freundin Aya in die Musik der 80er einführt. Das größte Ereignis ist das plötzliche Auftauchen der jungen Nichte Niko und einige Tage ihrer empfindsamen Begegnung.

Der Zauber überträgt sich auf den Zuschauer

Die Wiederkehr gewohnter Abläufe, die diesen Film ausmachen, öffnet den Blick für die kleinen leuchtenden Momente, in denen Hirayama eine tiefe Zufriedenheit findet. Es wird spürbar, dass Gewohnheiten einem Leben auch Verankerung im jeweiligen Hier und Jetzt geben können.

Hirayamas Leben hat fast etwas Mönchisches, mit den sich täglich wiederholenden Abläufen, aber dadurch auch eine Konzentration der Aufmerksamkeit, die im Gewöhnlichen einen poetischen Zauber aufspürt. Dieser Zauber überträgt sich beim Zuschauen und erzeugt einen besonderen Sog.

Zu Hirayamas Vergangenheit bekommen wir nur kleine Hinweise. Überhaupt werden die Beziehungen, in denen er lebt, lediglich angedeutet. Es gibt keine wirkliche Erzählung und vom stillen Hirayama erfahren wir auch wenig.

Aber diese Andeutungen selbst sind wie kleine leuchtende Öffnungen und entfalten eine besondere Kraft, weil sie nicht auserzählt werden. Es ist wie ein Respekt vor seiner Privatsphäre, die aber durch die Nähe, in der wir sein Leben begleiten, eine eigentümliche Intimität erzeugt.

Seine Innerlichkeit erschließt sich uns nicht durch Informationen, sondern durch Beobachtung, durch Miterleben seines Lebens. Wobei Koji Yakusho durch sensible Mimik und Gestik das Innenleben des Mannes immer wieder transparent werden lässt.

Damit schult der Film die Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge und Begegnungen des Alltags und deren Leuchten. Wenn unvermittelt das Sonnenlicht durch die Blätter eines Baumes fällt und wir bewusst anwesend sind, um es zu sehen.

Mike Kauschke

„Perfect Days“ kommt am 21. Dezember 2023 in die Kinos.

Warchi | iStock

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